Nun kenne ich also die Türkei. Das ist natürlich Unsinn, schließlich kenne ich nur ein paar Quadratkilometer, aber das sagt man ja so, im touristischen Sprachgebrauch. Berlin? Kenne ich, da war ich vor zehn Jahren einmal. Europa? Kenne ich, da war ich auch schon. Ich kann jetzt mitreden, denn das kann man bekanntlich, wenn man irgendwo Urlaub gemacht hat, ich kann jetzt Türkei. Die Türkei ist ein eher kühles, verregnetes Land, in dem die Häuser nicht beheizt werden. Wenn die Sonne einmal herauskommt, gibt es ein zischendes Geräusch, das Land ist in zehn Sekunden knochentrocken und unfassbar heiß. Alle Menschen ziehen sofort fast alles aus und gehen baden, Touristen und auch Türken. Überhaupt Türken: In der Türkei kann man die Türken Türken nennen und muss nicht türkische Mitbürger sagen, das ist ungewohnt. Die Menschen gehen bei Sonnenschein baden, auch wenn das Wasser so kalt ist, das man nicht überrascht wäre, wenn einem Eiswürfel entgegentreiben würden. Nach drei Stunden Sonnenschein ist dann aber auch das Wasser warm, nach drei Tagen Sonne kocht es vermutlich, aber das haben wir nicht erleben können, es hat einfach zu oft geregnet. In der Türkei gibt es eine Menge alter Ruinen aus der griechisch-römischen Zeit, und wo es die dummerweise nicht gibt, stellt man eben welche aus Plastik auf. Ich war in einem Ort, in dem alles Alte falsch war, Täuschung, Plastik, Attrappe. Die historische Stadtmauer hätte man abends einfach wegtragen können, reiner Kulissenzauber. Die Moschee hatte einen Turm mit aufgemalten Rissen im Kunststoffmauerwerk, am Rand des Brunnens im der Stadtmitte saßen Plastikschildkröten, die Touristen haben sie begeistert fotografiert und sie haben schön stillgehalten. Praktisch. Verkehrsregeln gelten in der Türkei eher nicht, das macht aber auch nichts, denn auf den Straßen fahren nur Reisebusse, die Fahrer kennen sich alle und tun sich daher nichts. Sie bremsen für Hunde und Katzen, denn sonst würde es bestimmt Ärger mit den Touristen geben. Türken sprechen deutsch, englisch, russisch, französisch und türkisch. Ein kleiner Junge fragt an der Theke nach Britzelwasser, da versagen die ansonsten wirklich phänomenalen Sprachkenntnisse des Personals, zufällig kann ich dolmetschen, Wasser mit Kohlensäure, das britzelt eben. Der nächste Gast nach mir bestellt Wasser, der Kellner fragt lächelnd: „Mit Britzel oder ohne?“

Türken beherrschen die seltene Kunst, sich von alten, dicken, sehr rotgesichtigen deutschen Touristen mit dialektlastiger Aussprache anbrüllen zu lassen, ohne dabei zu lachen, etwa wenn ein Ausflugsbus sträfliche zehn Minuten Verspätung hat, weil es vielleicht irgendwo einen kleinen Stau gab. Der deutsche All-inclusive-Tourist scheint überhaupt sehr gerne zu brüllen, wenn ihm irgendetwas nicht passt, daran ist man aber gewohnt und lächelt einfach weiter, wer mit deutschen Touristen arbeitet, der kann vermutlich seelisch etwas ab, vielleicht gibt es spezielle Lehrgänge dafür, in den Seminarzentren im Hinterland.

Türken können sehr gut kochen und bieten eine umwerfende Auswahl an Speisen an, was bei dem All-inclusive-Tourist zu einer spontanen und dramatischen Charakterverschlechterung führt. Völlerei, Habsucht, Neid, Gier – man muss am Büffet nur ein paar Minuten zusehen und verliert dann endgültig den Glauben an die Menschheit. Auf einem Tablett inmitten der schier grenzenlosen Auswahl liegen etwa hoch gestapelte Hühnerteile, Beine, Flügel, Brust, was der Vogel eben so hergibt. Der Tourist nimmt gleich drei Beine, die liegen gerade oben, an den Keulen ist schließlich am meisten dran und sie liegen doch genau vor ihm, kosten ja auch nichts extra, der Typ nach ihm kann die Flügelchen nehmen. Packt die Keulen auf seinen ohnehin gefährlich überladenen Teller, geht zu seinem Tisch zurück. Probiert einen Bissen Huhn, oh, falsch gewürzt, schmeckt zu türkisch – weg damit. Drei ungegessene Hühnerbeine für den Müll. Macht ja nichts, ist im Preis mit drin. Man sieht sich um, das Restaurant fasst 450 Menschen, alle schaufeln, kauen, raffen, mampfen, fressen. Alle nehmen erst Fleisch, alle rangeln um die besten Stücke. Dann anderes Eiweiß, dann Zucker, Gemüse und Salat nur unter ferner liefen. Man sieht die Resteteller an, die ganze Dörfer mühelos ernähren könnten. Berge von Lebensmitteln wandern in den Müll, man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ungetrunkener Wein, ungetrunkenes Bier, kipp weg, ist egal, in zehn Minuten holen wir einfach neu. Zuhause bei Lidl kaufen und fünf Cent sparen, hier bei jeder Mahlzeit für fünf Euro Müll produzieren. Oder zuhause im Bioladen jede Möhre liebevoll einzeln befühlen, hier das Turbokalbsfleisch pfundweise inhalieren. Nach dem Essen an die Bar, noch ein Bier oder auch fünf, und wo stehen eigentlich die Snacks, im Prospekt stand doch etwas von Snacks, und wenn man die nicht findet, kann man sich ja auch einfach einmal beschweren, beschweren ist immer gut, dass die bloß nicht glauben, sie könnten alles mit einem machen! Der türkische Barkeeper beugt sich vor und sagt plötzlich in gefährlichem Tonfall: „Ey, was guckstu!“ um sich gleich darauf vor Lachen gar nicht mehr einzukriegen, war nur Spaß, haha. Der Tourist steht vor ihm und grinst verbissen. Dann wiederholt er seine Frage nach den Snacks.

All-inclusive ist der Königsweg zu der Erkenntnis, dass der Mensch dumm ist, gefräßig, ignorant und arrogant. In den Büschen um das Restaurant herum eine Schneckenplage, Tausende von Schnecken mit kleinen unschönen Häuschen, die unentwegt das Laubwerk benagen, eine einzige Orgie, bis nichts mehr geht. Man geht mit sehr vollem Bauch vorbei, in beiden Händen ein Bier. Ab und zu knirscht es unter den Füßen.

%d Bloggern gefällt das: