Ich hole die Söhne vom Kindergarten ab und bin etwas zu früh, die Kinder essen noch. Ich setze mich auf die Treppe vor dem Haus und sehe den Passanten zu, die zwischen Mittagstisch und Büro hin und hereilen. Ein kleiner Junge setzt sich zu  mir, wahrscheinlich aus dem Vorschulbereich. Er sitzt zwei Stufen über mir, er ist noch klein, aber er versucht dennoch sehr bemüht, auf mich herabzusehen. Er wirft mir einen langen prüfenden Blick zu und sagt dann betont und langsam: „Mein Papa ist Zahnarzt.“ Er sagt es in selbstbewusstem Tonfall, er weiß natürlich, dass die Ansage kaum zu schlagen ist. Ich überlege kurz, welche zwei, drei Berufsbezeichnungen auf mich gerade zutreffen, dann verwerfe ich den Gedanken, auf gleicher Ebene zu antworten aber doch lieber wieder. Ich habe beruflich einfach nichts parat, was einen etwa Fünfjährigen beeindrucken würde. Ich reite keine Drachen zu und regiere keine Fürstentümer, ich bin nicht einmal Feuerwehrmann. Ich bleibe dennoch gelassen. Ruhig gönne ich ihm ein paar Sekunden das herablassende Grinsen, dann erst folgt das schwerste Geschütz aus meinem Repertoire der Supermannutensilien. Es ist ein wenig gemein, aber das Kind hat es nicht anders verdient. Schon dieser Blick! „Und ich“, sage ich und hebe meine Augenbrauen dezent an, „ich bin selber Papa.“ Der Junge guckt verblüfft. Dann denkt er nach. Er sieht auf seine Schuhspitzen, er sortiert emsig Steinchen. Dann gibt er endlich auf, zuckt mit den Schultern, wirft mit einen ganz kurzen, fast schon freundlichen Blick zu und sagt anerkennend: „Okay. Das ist auch sehr gut.“

Ich habe lange genug auf der Treppe gesessen, ich kann jetzt endlich reingehen und die Söhne holen. Ich gehe gerade und mit federndem Schritt, jeder Zentimeter ein Siegertyp.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.


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