Mein Weg aus der Leistungsgesellschaft

Draußen lockt der lichte Frühling, ich aber sitze drinnen am Schreibtisch und hangele mich von Projekt zu Projekt. Hier ein Meeting, da eine Präsentation, dann eine Schulung, eine Abgabe, eine Deadline, ein Termin. Immer alles zu mir, passt schon. Von draußen höre ich Vogelsang und Kinderlachen, drinnen klingelt das Telefon, es könnte wichtig sein – es ist wichtig. Ich rede über Zahlen, über Geschäfte, über Konzepte. Ich renne gestikulierend um den Schreibtisch, ich sage ein Timing zu, von dem ich weiß, dass es mich in den Bereich des Unmöglichen bringen wird. Von nichts kommt nichts, höre ich meine Vorfahren murmeln, irgendeinen Sinn muss die hanseatische Abstammung ja haben. Ich setze mich wieder an den PC, ich starre auf den Kalender und die To-do-Liste und schüttele dann den Kopf. Nein, so geht es nicht weiter, denke ich dann, etwas muss anders werden. Und zwar sofort. Jetzt. Ich gehe runter auf den Spielplatz, ich brauche eine Pause. Ich muss raus aus dem Leistungswahn, aus dem irren Streben nach mehr von allem, mehr Ergebnis, mehr Geschwindigkeit, mehr Arbeit. Zwei Babys sitzen im Sandkasten und mümmeln gelassen sandige Apfelteile. Sie gucken in den Himmel und machen schmatzende Geräusche, sonst nichts. Ich sehe ihnen zu, ich versuche, mich an Freizeit zu erinnern, an Entspannung, an Nichtstun, an Nichtswollen. Ich setze mich auf eine Schaukel und pfeife mir ein Liedchen, ich winke den Babys zu und grinse mit ihnen um die Wette. Ist doch ganz einfach, dem Leistungswahn kurz mal zu entsagen, und einfach nur da zu sein. Ganz ohne Anstrengung.

Ein kleines Mädchen stellt sich neben mich und sieht mir eine Weile zu. Dann sagt sie: „Das kannst du aber nicht so gut, das mit dem Schaukeln. Soll ich dir mal zeigen, wie das richtig geht? Weil nämlich, das kann man viel besser machen.“

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

4 comments

  1. federfee

    Oh jaa… die heutige Leistungsgesellschaft hat wirklich extreme Ausmaße angenommen.
    Da fällt das Nichtstun und vorallem das Nichtswollen echt schwer (und dabei will ich das Nichtsmüssen lieber gar nicht erst erwähnen) und das färbt leider immer häufiger auf die Kinder ab…

  2. Lakritz und Schokolade

    Und vermutlich sollten Sie sich das mit dem korrekten Mümmeln von sandigen Apfelteilen auch noch mal ansehen.

    Ich habe letztens erschreckt festgestellt, dass ich auf der Rutschbahn sehr verloren habe.

  3. Kat

    Und bald gibt es auf den hiesigen Spielplätzen dann ein Schaukeldiplom zu erwerben….

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