Reif für die Insel

Ein Ausflug nach Helgoland, kurz mal raus, das soll ja gut tun. Theoretisch. Praktisch haben wir zwei Kinder und kein Auto dabei, auf Helgoland gibt es nämlich gar keine Autos. Das Gepäck für alle vier Buddenbohms muss also in zwei Rucksäcke passen, was in etwa so einfach ist, wie zehn Kästen Bier in eine Hotelminibar zu stapeln, um es einmal besonders nachvollziehbar auszudrücken. Die Herzdame türmt Berge von Kleidung vor sich aufs Bett, für alle Eventualitäten. Ich sage ihr, dass es nur um zwei Nächte geht, nicht um sieben Wochen, sie murmelt, was da alles passieren kann. Regen! Sturm! Frost! Sonnenbrand!  Monsterwellen! Verschüttetes Sonstwas! Kinder brauchen immer alles für alle Fälle. Ich stapel die Kleiderberge in einen Rucksack, drücke mit aller Kraft darauf herum und sage okay, aber wir, wir können dann ja umso weniger mit nehmen. Eine Jeans, ein dicker Pullover, Unterwäsche, Zahnbürste, fertig. Zack, ganz einfach. Sie sagt ja, aber wenn! Dann hebt sie eine Hand, wahrscheinlich möchte sie an den Fingern Unwägbarkeiten aufzählen. Ich hasse es, wenn Menschen mir an den Fingern etwas vorzählen wollen. Ich sage Schluss, in meinem Alter gibt es kein wenn mehr, ich springe nicht in Pfützen oder beklecker mich mit irgendwas. Ich reiße mir keine Hosen an Dornen kaputt, ich lasse keine Schokolade auf meinen Hemden schmelzen und ich reibe auch keine Bonbons in meine Jacken oder meine Haare. Und bei Regen stelle ich mich unter. Die Herzdame sieht mich skeptisch an. Gut, sagt sie dann, machen wir es also minimalistisch. Sie geht an ihren Schrank und holt für sich nur drei Hosen heraus, nur fünf Pullover, nur drei Paar Schuhe, dazu nur ein Paar Gummistiefel und nur ein paar ganz wenige Jacken, nur gerade so für alle denkbaren Temperaturszenarien auf der nördlichen Halbkugel. Zwischendurch fragt sie, ob ich denn eigentlich unterwegs immer den schwereren Rucksack tragen würde, so als Mann. Ich sage selbstverständlich, aber bei Überlastung müsse ich dann leider unterwegs gelegentlich Ballast abwerfen, wie ein Heißluftballon, ich käme ja sonst nicht vorwärts. Sie sagt, ich sei ein erlesen garstiger Mensch und andere Männer, richtige Männer  würden ihre Frau auf Händen durchs Leben  tragen. Ich frage sie, was ich denn noch alles tragen soll. Sie guckt pikiert.

Ich weiß nicht, wieso man sagt, Reisen seien Fluchten aus dem Alltag. Mich befördern sie nur immer tiefer hinein.

 

4 comments

  1. walküre

    Bei den Alltagsfluchten waren sicher nicht Familienausflüge gemeint. Eingedenk des Aufwandes, den schon ein Tagesausflug mit einem kleineren Kind erfordert, habe ich damals immer vom „Auszug aus Ägypten“ gesprochen.

  2. Ping: Robbengucken auf Helgoland oder Ein lustiger Saufbericht | Littlejamie 2.0

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