Der größere Sohn ist dreieinhalb Jahre alt und interessiert sich neuerdings für Verkehrsschilder. Das ist gut und wichtig, da spielt man als Vater natürlich gerne mit und erklärt und erklärt. Vorfahrt gewähren, Stop, Sackgasse, Einbahnstraße, nur links abbiegen, alles gar nicht so einfach. Ein Halteverbot, an das sich aber hier keiner hält, es ist wirklich sehr kompliziert. Dann noch ein neues Schild, auf dem eine Frau und ein kleines Kind abgebildet sind, daneben ein Pfeil nach links. „Was soll das denn?“ Ich erkläre ihm, dass Fußgänger die Straßenseite wechseln sollen, wenn so ein Schild da steht. „Warum denn?“ Ich zeige ihm, dass hinter dem Schild gerade ein Haus abgerissen wird, wenn man da nicht die Straßenseite wechselt, dann kann man Steine und Betontrümmer auf den Kopf bekommen, das könnte ungesund sein: „Ach so.“ Das Kind steht immer noch vor dem Schild und denkt nach, es arbeitet sichtlich in ihm.

„Auf dem Schild ist eine Mama mit einem Kind“, sagt er. „Ja“, sage ich, „völlig richtig.“ „Auf dem Schild ist aber kein Papa“ stellt der Sohn fest. „Nein“, sage ich, „da hast du allerdings Recht“. Und ich hoffe im Stillen, dass er mich nicht fragt, warum denn da kein Mann drauf ist, denn dann wird es wahrscheinlich wieder schwierig. Aber der Sohn denkt gar nicht daran, mich etwas zu fragen, der Sohn ist jetzt alt genug, um selbst zu denken. „Da ist bestimmt kein Mann drauf“, verkündet er nach einer angemessenen Bedenkzeit, „weil die Frau ihm dann sowieso schon sagt, was er tun muss, wenn so ein Schild kommt. Oder? “ Er sieht mich fragend an. Ich hocke mich neben das Kind und tätschele erfreut  seinen Kopf. „Mein Sohn“, sage ich, „du hast es verstanden. Du ahnst gar nicht, was du alles verstanden hast.“

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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