Februar, 2011 Archives
Feb
Die Früchte der Erinnerung – nennen wir sie Birnen
by Maximilian Buddenbohm in
Ich sah neulich in einem Buchladen ein Werk von Lars Gustaffson, es trug den schönen Titel „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme.“ Ich erinnerte mich, Lars Gustaffson vor sehr langer Zeit einmal gelesen zu haben, als ich nach dem Abitur gerade nach Hamburg gezogen war und in einem Antiquariat arbeitete. Ich erinnerte mich zwar nicht mehr an den Titel des Buches, und auch nicht einmal ansatzweise daran, worum es ging, aber ich hatte so eine Ahnung, dass es interessant war und mir fiel ein, wie ich damals in dem leeren Laden auf einem Korbstuhl mit kaputtem Geflecht saß, rauchte, Kaffee trank und auf Kunden wartete, die eher selten kamen. Auf dem Tisch vor mir ein historischer Bleistiftanspitzer aus Bakelit mit metallener Kurbel, die ich nebenbei achtlos drehte, während ich las. Auf der Tischplatte grüner Filz, durchgerieben, speckig und staubig. Das Buch war blau und dünn und gut und plötzlich wusste ich wieder ganz genau, wie der Laden damals roch. Abgestandener Rauch, altes Papier, Souterrainmuff. Ich kaufte „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme“ ohne erst hineinzusehen, sozusagen im Dienste meiner Erinnerung. Ich blätterte erst zuhause über die ersten Seiten und stellte fest, dass es ein Buch über die Erinnerung ist.
Gerade vor ein paar Tagen erst kamen hier Birnen in einem Buch vor, bei Grazia Deledda habe ich die Szene zitiert, in der sich der junge Held bei der Birnenernte in seine Herrin verliebt und ich erwähnte nebenbei meine Lust auf Birnen – und den Gustaffson schlage ich an einer beliebigen Seite auf und lese:
„Doch alles, was ich bis jetzt erzählt habe, ist im Grunde unwesentlich. Umso wichtiger ist der Zimtbirnenbaum. Wie wunderbar er im Frühling duftete. Und mit seinen schweren Ästen, voll kleiner, bräunlicher Birnen. Die – sorgfältig geschält, gekocht, mit Zimt in ihrem eigenen Saft in Einmachgläsern konserviert – tatsächlich eine Ahnung vom Paradies vermitteln konnten.“
Ich glaube, ich such mir mal ein Rezept. Zimtbirnen – allein das Wort schon.
Feb
Verkehrserziehung
by Maximilian Buddenbohm in
Der größere Sohn ist dreieinhalb Jahre alt und interessiert sich neuerdings für Verkehrsschilder. Das ist gut und wichtig, da spielt man als Vater natürlich gerne mit und erklärt und erklärt. Vorfahrt gewähren, Stop, Sackgasse, Einbahnstraße, nur links abbiegen, alles gar nicht so einfach. Ein Halteverbot, an das sich aber hier keiner hält, es ist wirklich sehr kompliziert. Dann noch ein neues Schild, auf dem eine Frau und ein kleines Kind abgebildet sind, daneben ein Pfeil nach links. „Was soll das denn?“ Ich erkläre ihm, dass Fußgänger die Straßenseite wechseln sollen, wenn so ein Schild da steht. „Warum denn?“ Ich zeige ihm, dass hinter dem Schild gerade ein Haus abgerissen wird, wenn man da nicht die Straßenseite wechselt, dann kann man Steine und Betontrümmer auf den Kopf bekommen, das könnte ungesund sein: „Ach so.“ Das Kind steht immer noch vor dem Schild und denkt nach, es arbeitet sichtlich in ihm.
„Auf dem Schild ist eine Mama mit einem Kind“, sagt er. „Ja“, sage ich, „völlig richtig.“ „Auf dem Schild ist aber kein Papa“ stellt der Sohn fest. „Nein“, sage ich, „da hast du allerdings Recht“. Und ich hoffe im Stillen, dass er mich nicht fragt, warum denn da kein Mann drauf ist, denn dann wird es wahrscheinlich wieder schwierig. Aber der Sohn denkt gar nicht daran, mich etwas zu fragen, der Sohn ist jetzt alt genug, um selbst zu denken. „Da ist bestimmt kein Mann drauf“, verkündet er nach einer angemessenen Bedenkzeit, „weil die Frau ihm dann sowieso schon sagt, was er tun muss, wenn so ein Schild kommt. Oder? “ Er sieht mich fragend an. Ich hocke mich neben das Kind und tätschele erfreut seinen Kopf. „Mein Sohn“, sage ich, „du hast es verstanden. Du ahnst gar nicht, was du alles verstanden hast.“
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Feb
Annäherung an die Erwachsenenliteratur
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I: „Papa, was liest du da?“
Ich: „Grunewaldsee, ein neues Buch von Hans-Ulrich Treichel. Den mag ich.“
Sohn I: „Warum heißt das Grunewaldsee?“
Ich: „Weil es da spielt. An dem See.“
Sohn I: „Mit Piraten?“
Ich: „Nein, ohne.“
Sohn I: „Ach.“
Ich: „Ja.“
Sohn I: „Was ist denn das für eine Geschichte?“
Ich: „Ein Mann liebt eine Frau, aber sie leben in verschiedenen Städten.“
Sohn I: „Und am Ende heiraten sie?“
Ich: „Das weiß ich noch nicht. Aber ich glaube nicht. Wie gesagt, es ist alles eher schwierig.“
Sohn I: „Warum schwierig?“
Ich: „Weil sie sich lieben, aber nicht zusammen sein können.“
Sohn I: „Ja und?“
Ich: „Na, das ist doch schwierig, wenn der, den man ganz doll lieb hat, nicht da ist.“
Sohn I: „Dann kann man sich doch selber lieb haben. Auch ganz doll. Und das Heiraten kann man spielen. Mit Verkleiden.“
Ich: „Äh…“
Sohn I: „Lies mal was vor, bitte.“
Ich: „Den ersten Tag im Haus verbrachte er mit dem Einräumen des Zimmers. Er stellte fest, daß ein Kleiderschrank fehlte. In seinem Schlafraum gab es nur ein Holzregal mit einem Vorhang davor, in das er Hemden und Wäsche legte. Alles andere…“
Sohn I: „Ich glaube, ich möchte jetzt doch lieber noch einen Film sehen. Mit Piraten.“
Feb
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit. Besonders den Schützen.
Feb
Warme Gedanken
by Maximilian Buddenbohm in
Minus acht Grad am frühen Morgen, mit Frühling ist mitten im Februar nicht unbedingt zu rechnen. Ich sehe angewidert auf das Thermometer, dem Thermometer ist das egal. Ich sage der Herzdame, dass es draußen verdammt kalt sei, die Herzdame weist jede Zuständigkeit von sich und sagt, sie müsse ja nicht raus. Ich stopfe die Kinder in Schneeanzüge, bringe sie zur Kita und gehe dann zu Fuß zur Arbeit, der Mensch braucht Bewegung, sagt man, gerade bei diesem Wetter. Wer viel draußen ist, wird weniger krank, wer bei jedem Wetter viel draußen ist, der friert weniger und ist fitter. Sagt man. Ich stehe im Nordwind an der Ampel einer Riesenkreuzung, ein Thermometer in einem Apothekenschaufenster sagt minus 10. Ich denke, dass man auch sagt, dass Scott die Kälte nicht überlebte und vergrabe mich tiefer in meiner Jacke. Ich zittere mich durch den Tag, ich werde handgreiflich, als Kollegen versuchen zu lüften, ich krieche am Abend unter drei Decken und starte einen literarischen Rettungsversuch. Einfach ein Buch aus einer möglichst heißen Gegend lesen, gute Sommerbeschreibungen, glühender Süden, das macht dann schon warm von innen. Grazia Deledda, einer der eher vergessenen Nobelpreisträgerinnen, eine Sardin. Zu Sardinien fällt mir nicht viel ein, Insel, Italien, da unten irgendwo, nette Landschaft vermutlich. Bestimmt brennt auf den ersten Seiten schon irgendwo die Sonne. „Zia Maria“, erschien zuerst 1896, wurde übersetzt von Hans-Norbert Hubrich und beginnt so:
„Pietro Benu blieb einen Augenblick lang vor der Kapelle des Rosario stehen. Erst ein Uhr, dachte er, vielleicht noch zu früh, um bei der Familie Noina vorzusprechen-. Sie werden womöglich schlafen. Reiche Leute können sich solche Annehmlichkeiten leisten. Er zögerte, setzte dann aber seinen Weg fort und wandte sich in Richtung Sant‘ Ussula, am äußersten Ende von Nuoro. Es war Anfang September. Die Sonne brannte noch immer erbarmungslos auf die menschenleere Straße.“
Immerhin, da brennt tatsächlich die Sonne. Überzeugend warm wird einem dennoch nicht, aber die Liebesgeschichte, die sich auf den folgenden Seiten zwischen Knecht und Herrin entwickelt, die ist dann doch eine schöne Ablenkung vom Hamburger Winterrest, keine Frage. Etwas irritierend vielleicht, dass ich bei einer Liebesszene, die während der Birnenernte spielt, plötzlich wahren Heißhunger auf Birnen bekomme, und nicht etwa auf die beschriebene sardische Schönheit, die die Früchte in der Schürze trägt, aber egal. Vermutlich ist es auch dafür zu kalt.
Feb
Feb
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online, das sogar den Fischen gefallen dürfte. Viel Spaß.
Feb
Sohn I am Abend
by Maximilian Buddenbohm in
Programm aufmachen, Ordner aufmachen, Datei aufmachen. Von Bild zu Bild klicken, bis Sohn I irgendwo drauf ist: Ich! Diashow anmachen, Diashow ausmachen. Das Bild drehen, da steht es auf der Seite, noch einmal, auf dem Kopf, noch einmal, wieder auf der Seite, noch einmal, wieder richtig. Noch einmal drehen, aber ganz schnell: Purzelbaum! Bild vergrößern, bis man das Loch im Turnschuh genau sieht, das sieht man sonst nämlich gar nicht, guck mal, guck doch mal. Mit der Maus ins Bild klicken, den Ausschnitt noch größer ziehen, nichts als Pixel, alles ganz komisch. Mit der Maus von Bild zu Bild klicken, mit den Pfeiltasten von Bild zu Bild klicken, das geht ja genau gleich! Guck! Mal! So oder so! Noch einmal alle Bilder durchklicken, den Finger auf den Pfeiltasten lassen, der Sohn starrt auf ein rasendes Daumenkino. Einen Bildtitel eingeben, mit viel B und E, die mag er am liebsten. Die Maus loslassen, das Bild zumachen, den Ordner zumachen, das Programm zumachen, den PC ausmachen, warten, bis der Bildschirm schwarz wird:
„OK, Papa, jetzt können wir ins Bett gehen. Ich habe genug gearbeitet.“
Feb
Februar
by Maximilian Buddenbohm in
Der Februar, ein vollkommen sinnloser Monat, eine Art Blinddarm des Kalenders. Er dient einer trüben Verlängerung des Winters, an der niemand interessiert ist. Die Jahreszeit macht einen gebrauchten, unsauberen Eindruck, so etwas will eigentlich keiner mehr um sich haben. Das Beste, was man im Februar machen kann, ist daher, sich einem grippalen Infekt hinzugeben, das ist bei dem Wetter auch nach aller Erfahrung recht einfach. Dann kann man irgendwo sinnlos herumliegen und leidend gucken, genau wie die Kalenderwochen 5 bis 8 es auch die ganze Zeit tun.
Nach zwei Tagen mit Schüttelfrost gebe ich den Kampf gegen die Erkältung auf und gehe zum Arzt. Was soll’s, wenn man krank ist, dann ist man krank, man muss den Tatsachen ins Gesicht sehen, selbst dann, wenn es sich um Viren handelt. Der Arzt sagt, ich solle zuhause bleiben und mich hinlegen, was soll er auch sonst sagen. Ich wanke aus seiner Praxis. Ich habe 39 Fieber, ich finde Hinlegen ist eine Spitzenidee. Die Herzdame fragt, was los sei. Ich sage Grippe, ich murmele mit klappernden Zähnen von hohem Fieber. Ich sage, ich bleibe den Rest der Woche besser einmal zuhause. Die Herzdame sagt, oh toll, das ist ja super, noch drei Tage, da kannst du einmal in aller Ruhe den Keller richtig gründlich aufräumen. Ich sage, mir sei nicht gut. Die Herzdame sagt, ich solle mich vielleicht tatsächlich lieber eine halbe Stunde hinlegen und danach erst dann den Keller aufräumen. Sie bietet an, mich rechtzeitig zu wecken, sie steht zwischen mir und dem Bett. Ich wühle in meiner Hosentasche nach dem gelben Zettel vom Arzt. Auf dem einen Teil steht „Zur Vorlage beim Arbeitgeber“, auf dem anderen „Zur Vorlage bei der Krankenkasse“. Nirgendwo steht etwas von „Zur Vorlage bei der Herzdame“. Ich hatte es befürchtet.
Typisch Februar, taugt alles nichts.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.
Feb
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Feb
Literaturwissenschaft für Anfänger
by Maximilian Buddenbohm in
Ich liege mit Sohn I im Bett, die abendliche Vorlesezeit ist schon vorbei, nun liest jeder für sich selbst. Er braucht oft noch ein paar Bücher, bis er abends müde genug ist. Ab und zu steht er auf und holt sich neuen Stoff aus dem Regal, tapst wieder zurück zu mir und liest konzentriert weiter. Ich lese einen Roman, er liest Bilderbücher. Aus dem Kinderbettchen neben uns schnarcht Sohn II, der hat mit der Abendlektüre noch nichts im Sinn, der schläft, sobald er sein Kissen berührt. Sohn I blättert hin und her, murmelt bei vielen Büchern den Text über weite Strecken auswendig mit, zeigt hier und da auf ein Bild und sucht nach bisher übersehenen Details, einen Vogel am Himmel, eine Maus am Waldboden. Sohn I und die Bücher, das ist eine große Liebe.
Dann kommt ihm ein Buch in die Finger, das noch nicht lange im Haushalt ist, kurze Geschichten über den Mut, dargestellt an typischen Kinderproblemen. Man weiß nie, wann man so etwas einmal braucht, haben die Herzdame und ich neulich im Buchladen gedacht. Er schlägt es auf und sieht sich das erste Bild an, da hockt ein gezeichneter Junge in fortgeschrittener Panik auf einem Bett, umklammert seinen Teddy und guckt ängstlich nach unten. Unter dem Bett, aus dem Schwarz des schaurigen Schattens heraus, zwei große, böse Augen. Der Klassiker eben, ein Monster unter dem Bett. Sohn I sieht sich das Bild an. Dann fragt er mich irritiert: „Unter meinem Bett ist aber nichts, oder?“ „Nein“, sage ich, „das hat der Junge da bestimmt auch nur geträumt.“ Sohn I beugt sich über den Bettrand und sieht lieber ganz genau nach. Nichts. Dann guckt er sich das Bild im Buch noch einmal an und denkt lange nach. „Ohne das Buch hätte ich doch gar nicht an ein Monster unter dem Bett gedacht“ sagt er dann sichtlich verärgert, „da war ja noch nie eins.“ Er schiebt das Buch energisch aus dem Bett, als würde er mit der gleichen Bewegung auch das Bild aus seinem Kopf schieben können. Aus Sicherheitsgründen steht er jetzt aber doch noch einmal auf, kniet sich neben das Bett und inspiziert den Raum darunter. Dann krabbelt er schnell wieder hoch zu mir, legt sich in meinen Arm, zieht die Decke hoch und teilt mir mit, was ihm gerade zum ersten Mal im Leben auffällt: „Bücher können ja super blöd sein.“
„Ja“, sage ich und mache das Licht aus, „das ist leider vollkommen richtig.“
Feb
Wie es so ist
by Maximilian Buddenbohm in
Über uns der Presslufthammer, neben uns der Abrissbagger. Es dauert natürlich eine Weile, bis so ein Büroklotz abgerissen ist, da hat man etwas davon, wenn man genau daneben wohnt. Der Büroklotz neben unserem Haus, der seit Wochen platt gemacht wird, war nicht gerade klein, auf das Gelände passen hinterher gleich ein paar große Neubauten, nicht nur einer. Unser Haus wackelt und schaukelt, man fühlt sich manchmal wie auf einem Schiff. Ein Nachbar sagt, das große Erdbeben in Guatemala, bei dem er damals dabei war, das habe auch so angefangen. „Und das sollen die Wände abkönnen?“ fragt die Herzdame skeptisch. Ich sage, dass ich keine Ahnung habe und sehe aus dem zitternden Fenster. Unten laufen emsige Männer in Schutzanzügen herum und sammeln gelben Dichtungsschaum in Säcke. Sie haben einen Firmenaufdruck auf den Overalls, ich schlage die Firma im Internet nach: Asbestbeseitigung. Die Männer laufen ohne Helm herum, während der Abrissbagger schon neuen Schutt aus den oberen Etagen herunterholt, überhaupt ist so ein Helm ein eher uncooles Accessoire in der Branche, wie es scheint. Vor ein paar Tagen haben sie einen Arbeiter mit dem Krankenwagen von der Baustelle geholt, ein Bein seltsam verdreht. Danach war ein paar Stunden Ruhe. Letzte Woche ist ihnen eine ganze Betonwand auf die Straße gefallen, hat ein wenig die Richtung verfehlt und glatt die etwas improvisiert wirkende Absperrung ignoriert. Es kam aber gerade kein Auto und die sonst eher gemächlichen Bauarbeiter wurden dann plötzlich sehr schnell, um die Trümmer von der Fahrbahn zu beseitigen.
Am Freitag hat der Presslufthammer ein wenig über die Stränge geschlagen, seitdem haben wir kein Licht mehr im Treppenhaus, dafür aber einen Wasserfall aus der Stromleitung der Deckenlampe neben dem Fahrstuhl. Es fühlt sich ein wenig an, als würde man durch eine Tropfsteinhöhle gehen, da merkt man wieder, dass eine Taschenlampe doch ein nützlicher Besitz ist. Die Söhne sind begeistert, wir eher weniger. „Trocknet ja wieder“, sagt die Hausverwaltung.
Nachts spielt der Wind mit dem halb abgerissen Haus neben uns und wirbelt die aus den Betondecken ragenden Metallteile herum, dass sie scheppernd an die Wände schlagen. Er heult in den offenen Etagen, er zerrt an Abdeckplanen und schiebt sich den Schutt zu kleinen Häufchen zurecht, die er dann wieder verteilt. Wir liegen im Bett und lauschen in die Dunkelheit, der Soundtrack eines Horrorfilms ist nichts dagegen. Irgendetwas stößt gegen unser Dach und rutscht darüber hinweg, eines der zerborstenen Fenster in den Trümmern drüben schlägt in den Angeln hin und her, immer wieder. Es stürmt da draußen, Orkanwarnung für Norddeutschland. Der Wind grollt heiser an der Baustelle vorbei, er schlägt hier zu, als wäre so ein halber Abriss ein Ärgernis, das es aus dem Weg zu räumen gilt – und er gibt sich wirklich Mühe. Zwischendurch langgezogene Klagetöne, wenn der Wind in den Trümmern ein paar offene Röhren findet. „Hier spricht Edgar Wallace“, sage ich zur Herzdame, aber die sagt nichts, weil sie gerade ein paar Minuten schläft, trotz des unglaublichen Krachs. Sie hätte es wahrscheinlich eh nicht verstanden, falscher Jahrgang.
Zum Karneval in der Kita demnächst möchte Sohn I gerne als Bauarbeiter gehen, die Umwelt prägt das Bewusstsein. Wir haben eine entsprechende Latzhose bestellt, die gestern ankam. Er hat sie anprobiert, uns glücklich angestrahlt und dann sofort versucht, die Wohnzimmerwand mit seinem Spielzeugwerkzeug einzureißen. Kindheit muss Spaß machen.
Feb
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Sachbücher kommen mir ja eher selten unter die Finger, aber manchmal ist es ja ganz nett, etwas dazuzulernen. James Hamilton-Paterson: Vom Meer – Über die Romantik von Sonnenuntergängen, die Mystik des grünen Blitzes und die dunkle Seite von Delfinen (man mag sich gar nicht vorstellen, wie lange das Marketing im Mare-Verlag für den Titel gebraucht hat – ich höre förmlich jemanden rufen „Der Delfin muss rein, Delfin läuft immer!“ Und alle so: yeah.). Das Buch wurde übersetzt von Thomas Bodmer und ist in diversen Feuilletons geradezu hymnisch besprochen worden. Es enthält Reportagen über Inseln, Fischerei, Meeresbewohner und ähnliche Themen, durchweg sehr unterhaltsam und dümmer wird man auch nicht. Die hymnische Besprechungen kann ich nicht nachvollziehen, ich würde es einfach für ein gutes Buch halten, nicht für eine Offenbarung. Aber als gutes Buch kann man es allemal empfehlen, besonders die Beiträge über Fischerei haben es in sich, bergen aber auch das Risiko, dass man seine Fischmahlzeit hinterher mit etwas anderen Augen betrachtet – oder gleich ganz ausfallen lässt.
Eine der geradezu bezaubernden Erkenntnisse aus dem Buch: Zu den erfolgreichsten Lebewesen auf diesem Planeten gehören die Quallen, die seit 500 Millionen Jahren ohne großen Änderungsbedarf an Gestalt und Bauweise durch die Weltmeere dümpeln und es, so vermutet der Autor, auch noch dann tun werden, wenn wir Menschen uns längst aus der Geschichte verabschiedet haben. Quallen können eine beträchtliche Größe erreichen, haben einen interessanten Aufbau, raffinierte Jagdmethoden und eine seltsame Art der Fortpflanzung. Was sie aber zu dem Riesenerfolg ihrer endlosen Laufbahn nicht gebraucht und daher bis heute nicht entwickelt haben: ein Gehirn. Oder auch nur ein zentrales Nervensystem. Denken Sie mal drüber nach.
Feb
Fachkundiges Publikum
by Maximilian Buddenbohm in
Eigentlich müsste ich jetzt eine Weihnachtsgeschichte schreiben, was allerdings im Februar nicht ganz so einfach ist – und während man sich mit der Grippe amüsiert erst recht nicht. Missmutig hustend starre ich meinen Text an, der Text starrt vollkommen unbeeindruckt zurück, in jedem o ein leerer Blick. Meine Finger liegen auf den Tasten, da liegen sie anscheinend gut, sie ruhen sich ausgiebig aus. Die Dioden am Notebook leuchten vor sich hin, das sind aber auch die einzigen Leuchten im Raum, denke ich. Da taucht am oberen Bildschirmrand plötzlich eine schwarze Plüschkatze auf, beugt sich vor und guckt auf meinen Text. Liest anscheinend ein paar Zeilen, schüttelt den Kopf. Guckt mich ernst an. „Ja nun“, sage ich, „das ist ja auch nur der Entwurf.“ Die Plüschkatze nickt und macht es sich hinter dem Notebook bequem. Ich tippe entschlossen einen Satz, wer wird sich denn schon von einer Plüschkatze beeindrucken lassen. Die Katze macht einen langen Hals und liest mit. Dann seufzt sie und schüttelt wieder den Kopf. Ich lösche einen Teil des Satzes und schreibe ihn neu, die Katze liest wieder und vergräbt dann entsetzt den Kopf in den Pfoten. Ich überlege und starre den Bildschirm an. Die Katze sagt: „Du solltest mit Lego spielen. Mit Kindern.“
Das Schreiben ist nicht unbedingt einfacher geworden, seit Sohn I seine Vorliebe für Handpuppen entdeckt hat.
Feb
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.








