Januar, 2011 Archives

6
Jan

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Von einem Simenon wird man nicht satt, gleich den nächsten hinterher und dieser sogar noch gehaltvoller. Der Mann hat erfreulicherweise Tagebuch geschrieben, zumindest eine Weile lang. Georges Simenon: Als ich alt war. Deutsch von Linde Birk.

Wenn man selbst schreibt, ist der Anfang ein klein wenig frustrierend, wie man gleich merken wird, davon abgesehen ist es aber ein sehr erhellendes Buch, auch über das Schreiben.  Es erschien zuerst 1963 und beginnt so:

„Vor vier Tagen – am 21. – beendete ich einen Roman. Es sind nun über einhundertachtzig, und diesen wollte ich besonders einfach halten. Als ich am ersten tag anfing zu schreiben, hatte ich etwa bei der neunten oder zehnten Seite das Gefühl, dass es sinnlos sei, weiterzuschreiben, dass ich nichts Lebendiges zustande bringen könne.

Ich war, wie immer, wenn ich schreibe, allein hinter geschlossenen Vorhängen in meinem Arbeitszimmer, fünf-, sechsmal ging ich im Kreis herum, nur eine Art menschlicher Achtung hielt mich davon ab, diese paar Seiten zu zerreißen und einige Tage abzuwarten, um dann mit einem anderen Roman zu beginnen. Das ist mir schon zwei- dreimal in einem einzigen Jahr passiert. Diesmal brach ich in Weinen aus. Dann setzte ich mich, ohne allzuviel Hoffnung, wieder an die Maschine. Ich glaube, dass es mein bester Maigret geworden ist.“

5
Jan

Schlafmangelminiaturen

by Maximilian Buddenbohm in

Der Versuch, entgangenen Nachtschlaf am Tag nachzuholen, scheitert gnadenlos am Presslufthammer im Nebenhaus, wie hier bereits einmal beschrieben. Ich war gestern beim Zahnarzt, die Erinnerung an das Geräusch des Bohrers vermischt sich, kaum dass ich auf dem Bett liege, mit dem durch die Wand drängenden Lärm des Abrisses in gruseligster Weise, das assoziiert sich so zusammen, dass sich die Kiefer verkrampfen und die Hände zittern, so kann man unmöglich einschlafen. Wach bleiben, weitermachen. Sachen erledigen, ist ja auch egal, wenn man schon wach ist, kann man auch etwas machen, Hauptsache, man muss nicht denken dabei. Zu müde für alles.

Ich gehe die Straße entlang, in der Hand ein defektes Buggyboard, das ich aus Gründen von a nach b trage. Ich denke, dass es vor gar nicht so langer Zeit, kaum 150 Jahre zurück, noch ein Kindersattel gewesen wäre, den ich da getragen hätte und dann denke ich plötzlich toll, es geht ja doch vorwärts mit der Menschheit, ein Buggyboard wiegt immerhin viel weniger als ein Sattel. Alles wird leichter! Erstaunlich, zu welch tiefschürfenden Erkenntnissen man auch in sehr müdem Zustand noch fähig ist. Ich pfeife dazu vergnügt „My rifle, my pony and me“ und gehe weiter, dem Sonnenuntergang entgegen. Mein Leben als Mann.

4
Jan

Alles ganz anders

by Maximilian Buddenbohm in

Man muss das auch einfach einmal ehrlich bekennen können, damit die Leser nicht von mittlerweile vollkommen überholten Vorstellungen ausgehen: Die Herzdame und ich haben uns auseinandergelebt.

Zumindest zeitlich. Während ich nämlich in dem dauernden Bestreben, Ruhe und Zeit für die Schreibarbeit zu haben, früher und früher aufstehe, geht die Herzdame, in dem dauernden Bestreben, mehr Zeit für das Erstellen von Webseiten zu haben, später und später ins Bett. Das hat sich schon eine ganze Weile lang so angedeutet, in den letzten Wochen hat sich der Prozess aber stark beschleunigt, da wir sehr viel zu tun hatten und jeder dringend auf ein paar Stunden scharf war, in denen der Rest der Familie nicht störte. Es ist natürlich Geschmacksache, ob man dabei lieber die Zeit nutzt, während die Familie schon schläft, oder während der sie noch schläft, ganz zufällig haben die Herzdame und ich hierbei unterschiedliche Vorlieben. Mittlerweile stehe ich gegen 5 Uhr morgens auf, und sie kommt gegen 2 Uhr nachts ins Bett, das macht, wie ich gestern überrascht feststellte, eine gemeinsame Ruhezeit von nur noch drei Stunden. Das heißt, wenn man etwas weiter denkt, und warum sollte man das nicht tun, wenn ich also noch ein klein wenig früher aufstünde, was kein großes Problem sein sollte, und sie andererseits noch etwas später ins Bett ginge, was auch einfach zu erreichen wäre, dann könnten wir es tatsächlich schaffen, uns am Bettrand abzulösen. Quasi Schichtwechsel.

Das würde im Nebeneffekt auch die leidigen Debatten beenden, wer dem nächtlich brüllenden Sohn II ein Fläschchen zu bringen hat, denn das wäre dann natürlich immer der wache Part. Unsere bisherigen jeweiligen Totschlagargumente, die wir noch im Tiefschlaf murmeln können – „ich bin seit fünf auf“, bzw. „ich war bis zwei wach“ wären endlich verzichtbar, wir könnten zur Abwechslung wieder ganze Nächte ohne Streit verbringen, eine durchaus erbauliche Aussicht. Und weil man, wenn man alleine schläft, selbstverständlich kein riesiges Ehebett mehr braucht, sondern eine kleine Pritsche vollkommen reicht, könnten wir das eheliche Schlafzimmer auch gleich komplett in ein großzügiges Arbeitszimmer umbauen. Dort könnte dann der jeweils Wachhabende in Ruhe unter besten Bedingungen arbeiten, während der Schläfer irgendwo im Flur, im Bad, auf dem Balkon oder wo auch immer, schnell sein Feldbett aufschlagen könnte, um ein paar Stunden flachzuliegen. Die Wohnung hätte ein Zimmer mehr, das muss man sich einmal vorstellen! Wir würden in dauerndem Frieden leben! Wir würden irrsinnige Mengen an Arbeit schaffen! Alles ganz logisch. Die Aussichten sind begeisternd und es ist alles mit ganz einfachen Mitteln in Kürze erreichbar.

Vielleicht sollte ich aber auch einfach in Kürze ins Bett gehen und etwas Schlaf nachholen.

3
Jan

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Und zwischendurch immer wieder zurück zum Großmeister: Georges Simenon. „Die Fantome des Hutmachers“, erschienen zuerst 1947. Die Szenerie in La Rochelle mutet sehr historisch an, der Roman könnte auch in der Vorkriegszeit spielen und wie immer bei Simenon meint man schon nach zehn Seiten genau zu wissen, wie es sich angefühlt hätte, an einem Abend im Herbst der Hauptfigur durch die verregneten Straßen der Altstadt zu folgen, in der die Lichter früh verlöschen und die Stimmung unbestimmt bedrohlich wird. Und wäre man begabter Zeichner, man könnte das Ladengeschäft der Hauptfigur, seinen Lehrling, sein Hausmädchen, seinen Nachbarn umgehend aufs Papier werfen, so klar wird hier ein Bild erschaffen. Der Roman beginnt so:

„Man schrieb den 3. Dezember, und es regnete immer noch. Die Zahl 3 hob sich riesig, ganz schwarz, mit einer Art dickem Bauch von dem grellen Weiß des Kalenders ab, der rechts von der Kasse an der Zwischenwand aus dunklem Eichenholz hing, die den Laden vom Schaufenster trennte. Es waren genau zwanzig Tage her, die Geschichte war nämlich am 13. November passiert – wieder so eine dickbäuchige 3 auf dem Kalender -, seit die erste alte Frau in der Nähe der Saint-Sauveur-Kirche, einige Schritte vom Kanal entfernt, ermordet worden war. Und seit dem 13. November regnete es. Man konnte sagen, daß es seit zwanzig Tagen ohne Unterbrechung regnete.“

2
Jan

Rauhe Sitten

by Maximilian Buddenbohm in

Ich: „Nun leg dich mal hin, das Sandmännchen kommt auch gleich.”
Sohn I: „Soll er mal kommen, ich hab ein Messer.“

1
Jan

Vorwärts

by Maximilian Buddenbohm in

Ich wurde in einem Interview nach meinen guten Vorsätzen für das Neue Jahr gefragt. Ich habe geantwortet, dass ich aus dem Alter heraus sei, mich damit abzugeben und habe erst danach ein wenig darüber nachgedacht. Ich bin Mitte vierzig, in den besten Jahren, wie manche sagen. Eigentlich bin ich jetzt erst allmählich in der Lage, wirklich einschätzen zu können, was in einem Jahr machbar ist und was nicht. Ich kenne mich lange genug, ich kenne die Welt ein wenig, ich habe etliche Illusionen verloren – ich müßte viel besser als ein junger Mensch mit guten Vorsätzen umgehen können. Ich kenne meine Schwächen, ich kenne meine Ausflüchte, ich weiß um die Widrigkeiten des Alltags. Ich könnte mir gute Vorsätze überlegen, die beinhart monatelang Bestand hätten. Nicht so ein fluffiges Zuckerwattezeug, wie es ein Siebzehnjähriger am Silvesterabend produziert, kein rosa Gewölk. Eher so kleine, mittelgraue Gebrauchsvorsätze. Ein wenig freudlos vielleicht, aber machbar. Nicht gerade weise, aber doch etwas abgeklärt. Nicht euphorisch, eher einer statistisch legitimierten Hoffnung folgend. Auf die Mitte zielend. Ich könnte mich vor den Spiegel stellen, meine Vorsätze aufsagen und mich dann freundschaftlich selbst korrigieren: „Na, mein Lieber, die Hälfte davon reicht auch, was? Wir wollen nicht wieder übertreiben. Oder doch besser nur ein Viertel?“ Und von diesem verbleibenden Viertel der Vorsätze würde ich dann auch noch etwas abziehen, je nach Promillewert des Abends. In meinem Alter fällt man nicht mehr auf eine Partystimmung herein.

Und übrig bliebe dann nach all den Kürzungen und Korrekturen der feste Wille, am nächsten Morgen aufzustehen, und so weiterzumachen wie bisher. Ich glaube, ich bin wirklich aus dem Alter raus.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Neujahrsausgaben der Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.