Vermutlich aufgrund der steinzeitlichen Vergangenheit als umherstreifender Jäger ist es stets der Mann, der am Sonntagmorgen Brötchen holen geht. Weder meine noch irgendeine Frau käme auf den Gedanken, die Wohnung zu verlassen, während der Rest der Sippe noch im Bett herumlungert, für mich und für alle anderen Väter scheint es aber ganz normal zu sein. Eine Art Urtrieb, wir stehen auf und wissen, wir müssen los. Es ist ein seltsamer innerer Drang, ein atavistisches Erbe, eine urmännliche Angelegenheit. Am letzten Sonntag standen immerhin neun Männer vor mir in der Schlange beim Bäcker, das einzige Weibchen, wollte sagen die einzige Frau im Laden verkaufte die Brötchen. Neun müde Männer, im seltsam lässigen Dress des Sonntagmorgens. Neun müde, aber wild entschlossene Männer, die „einer muss ja“ und „Frühschicht“ und „erstmal Beute machen“ knurrten. Zuhause deckten die Frauen den Frühstückstisch, machten die Betten und scheuchten die Kinder ins Bad, die Männer aber stapften durch den kalten Nebelmorgen und sorgten für Nahrung. Hätte ich ein Fell statt meiner Outdoorjacke getragen und wäre ich in eine Höhle statt zu meiner Wohnung zurück gegangen, ein blutiges Stück Mammut in der Hand statt ein paar ofenwarmer Mehrkornbrötchen – wäre die Situation wesentlich anders gewesen? Hat sich in zehntausend Jahren gar nichts geändert, hat das Rollenverhalten von Mann und Frau wirklich ein paar artgerechte Konstanten durch alle Zeiten? Mag sein. Vielleicht war auch schon der Steinzeitmann froh, an die frische Luft zu kommen und um diese Tageszeit bloß nicht reden zu müssen – und vielleicht hat sich auch schon die Steinzeitfrau ebenso wie die Herzdame erfolgreich eingeredet, den Mann geschickt zu haben. Eine evolutionär vollkommen sinnvolle Aufteilung.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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