Unter uns Höhlenmenschen

Vermutlich aufgrund der steinzeitlichen Vergangenheit als umherstreifender Jäger ist es stets der Mann, der am Sonntagmorgen Brötchen holen geht. Weder meine noch irgendeine Frau käme auf den Gedanken, die Wohnung zu verlassen, während der Rest der Sippe noch im Bett herumlungert, für mich und für alle anderen Väter scheint es aber ganz normal zu sein. Eine Art Urtrieb, wir stehen auf und wissen, wir müssen los. Es ist ein seltsamer innerer Drang, ein atavistisches Erbe, eine urmännliche Angelegenheit. Am letzten Sonntag standen immerhin neun Männer vor mir in der Schlange beim Bäcker, das einzige Weibchen, wollte sagen die einzige Frau im Laden verkaufte die Brötchen. Neun müde Männer, im seltsam lässigen Dress des Sonntagmorgens. Neun müde, aber wild entschlossene Männer, die „einer muss ja“ und „Frühschicht“ und „erstmal Beute machen“ knurrten. Zuhause deckten die Frauen den Frühstückstisch, machten die Betten und scheuchten die Kinder ins Bad, die Männer aber stapften durch den kalten Nebelmorgen und sorgten für Nahrung. Hätte ich ein Fell statt meiner Outdoorjacke getragen und wäre ich in eine Höhle statt zu meiner Wohnung zurück gegangen, ein blutiges Stück Mammut in der Hand statt ein paar ofenwarmer Mehrkornbrötchen – wäre die Situation wesentlich anders gewesen? Hat sich in zehntausend Jahren gar nichts geändert, hat das Rollenverhalten von Mann und Frau wirklich ein paar artgerechte Konstanten durch alle Zeiten? Mag sein. Vielleicht war auch schon der Steinzeitmann froh, an die frische Luft zu kommen und um diese Tageszeit bloß nicht reden zu müssen – und vielleicht hat sich auch schon die Steinzeitfrau ebenso wie die Herzdame erfolgreich eingeredet, den Mann geschickt zu haben. Eine evolutionär vollkommen sinnvolle Aufteilung.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

11 comments

  1. frauziefle

    Einspruch.
    Sie bringen die Evolution ins Spiel, aus der Sicht eines Großstadtbewohners. Gehen wir davon aus, dass es in Städten schneller geht – wie erklären sie sich dann das von mir beobachtete Phänomen aus meiner langjährigen Dorferfahrung? Niemals nicht würde ein Mann sich so tief nach unten begeben, um sich Samstagfrüh (!) in eine Bäckereifiliale zu stellen. Macht er sonst auch nicht. Geht ja nicht mal einkaufen (Weiberkram).
    Allenfalls, aber nur allenfalls hält er mit dem SUV an der Bordsteinkante und schickt das von Muttern angezogene Kind mit dem von Muttern geschriebenen Zettel und dem von Muttern abgezählten Geld. Und lässt solange den Motor laufen.

  2. giardino

    @frauziefle: Samstag nicht gleich Sonntag! Der Samstagmorgen beim kleinen Bäcker oder Metzger im Viertel (oder Dorf) ist in der Tat den Frauen vorbehalten und dient in erster Linie der Kommunikation über das Geschehen in der Nachbarschaft der letzten Tage.

  3. Elí's Mami

    Na ja, meiner kam immer mit Brötchen Heim, als wir noch kein Auto hatten. So kam er nach der Frühschicht am Bäcker vorbei und brachte die Leckereien Heim. Aber Dank dem Fortschritt, ist das nicht mehr. Bäcker sind zu und Auto ist schneller als Bus hahaha

    @ giardino: bezwckst du Geschlechterkampf Sonntagsvormittags? Aber Hallo uns zu unterstellen, wir seine Traschttanten … also wirklich. Ich kenne da so einige männliche Exemplare, die sind schlimmer als wir Frauen!

  4. EngelchenFiona

    Auch ich erhebe Einspruch
    Ich stehe früh auf und besorge Brot und Brötchen, wenn Brötchen gewünscht sind, ich decke den Tisch, bereite den Kaffee zu und das mache ich von Montag bis Sonntag
    danach wecke ich liebevoll die verschlafene Bande
    Ich weiß das ich da nicht allein bin, also passt ihre Evolutionstheorie nicht 😉
    Aber vielleicht verrät mir ja mal die Herzdame, wie sie sie so schön erzogen bekommen hat, weil manchmal, aber nur manchmal, würde ich auch gern von frischem Kaffeeduft und Brötchen geweckt werden
    Nur um das klar zu stellen, ich beschwer mich nicht, ich mach das wirklich gern, weil ich es liebe mit meinen Lieben gemeinsam am Tisch zu sitzen, das würde so nicht klappen, wenn ich das Frühstück nicht entsprechend vorbereite
    Ich finde nämlich gemeinsam verbrachte Mahlzeiten sehr wichtig, da redet man viel unbeschwerter und so erfahre ich wenigstens, was meinen Kindern am Tag so passiert ist, was sie bewegt, gerade in der Pubertät ist das ja eher so ne Sache, das man meist nicht weiß was in dem Kind vorgeht

    lg
    Fio

  5. podruga

    oh, sie armer mann…

    jedes mal, wenn ich den spieß umdrehe, freue ich mich, wie entspannt am wochenendmorgen ein gang zum bäcker ist(im vergleich zum kinder-aus-den-betten-holen, frühstückstisch decken, kaffee kochen u.s.w.)

  6. frauziefle

    @giardino
    Sonntag? Sonntag früh? An frische Brötchen gelangen? Nicht, solange der Pfarrer nicht sein Abendmahlsangebot überdenkt.

  7. mkh

    Meines Wissens nimmt man für Jäger- und Sammler-Kulturen eher eine geschlechterspezifische Rollenverteilung an: Männer waren mehr die Jäger, Frauen mehr die Sammlerinnen. Die von Ihnen geschilderte evolutionstheoretische Problematik wirft also ein Definitionsdefizit des Bäckertums auf. Werden ofenfrische Brötchen gesammelt oder erjagt?

  8. Papi

    Nun, wenn es nicht nur um die frische Luft oder nur um das nicht-Kinder-Anziehen-wollen-weil-die-das-gar-nicht-mögen geht, hätte ich einen Tipp. Aufbackbrötchen aus der Tiefkühltruhe. Da gibt es eine Marke, bei der sind diese Brötchen auf alle Fälle besser, als das was uns unser Bäcker zum Sonntag anbietet.

  9. adrian

    die perfekte heile welt, ist klasse,dass es sie noch gibt,herr buddenbohm. beim brötchenholen über evolution
    philosophieren. das liest sich gut.

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