Es ist unvermutet warm und regnet. Sohn I hüpft und freut sich, er darf endlich wieder Gummistiefel tragen. Damit kann man in Pfützen springen, wie toll ist das denn. Ich ziehe ihn an und greife dann nach meinen Büroschuhen. „Hast du keine Gummistiefel?“ fragt er mich mitleidig. „Nein“, sage ich, „habe ich nicht.“ Der Sohn holt mir hilfsbereit die Gummistiefel der Herzdame, es sind lila Exemplare mit Blümchenmuster. „Leiht sie dir“, raunt er, „macht sie bestimmt.“ Ich sage, es ginge schon, mit meinen Büroschuhen, ich sei es ja gewohnt. Wir gehen raus, es regnet wirklich üppig. Der Sohn hat Spaß, ich habe nach zehn Metern nasse Füße. Super, denke ich, Gummistiefel sind vielleicht doch eine Option. Warum sollen nur Frauen nützliche Mode tragen? Warum müssen Männer im Anzug nasse Füße kriegen?

Im Fenster des Schuhgeschäftes etliche Damengummistiefel, mit bunten Mustern und Applikationen. Alle schick und geradezu kostümtauglich. Ich frage nach der Auswahl für Herren. Es gibt  nur ein Paar. Es ist natogrün, seltsam klobig und das Profil erinnert an Treckerreifen. Ich sehe aus, als würde ich mich auf ein Outdoor-Abenteuer in einer abgelegenen Sumpflandschaft vorbereiten. So etwas morgens auf dem Weg ins Büro – undenkbar. Ich frage nach anderen Modellen, ratlose Gesichter. Man holt schließlich doch noch ein Paar, schlank, schwarz, einfach, aber der Absatz ist verdächtig hoch. Der Karton verrät: ein Damenmodell. Nein, sage ich, Damenmodelle nicht, da bin ich eigen. „Wir haben sonst nur diese traditionellen, knallgelben Stiefel“, sagt die Verkäuferin. „Im Kanalarbeiterlook?“ frage ich. Sie nickt. Ich lehne ab.

Der Mann soll bei Regen gar nicht vor die Tür. Die Herzame muss die Söhne bei Mistwetter in den Kindergarten bringen, die Schuhe geben die Rollenverteilung sehr klar vor. Man muss Mode nicht nur einfach hinnehmen – man muss sie auch deuten können.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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