Januar, 2011 Archives
Jan
Unter uns Höhlenmenschen
by Maximilian Buddenbohm in
Vermutlich aufgrund der steinzeitlichen Vergangenheit als umherstreifender Jäger ist es stets der Mann, der am Sonntagmorgen Brötchen holen geht. Weder meine noch irgendeine Frau käme auf den Gedanken, die Wohnung zu verlassen, während der Rest der Sippe noch im Bett herumlungert, für mich und für alle anderen Väter scheint es aber ganz normal zu sein. Eine Art Urtrieb, wir stehen auf und wissen, wir müssen los. Es ist ein seltsamer innerer Drang, ein atavistisches Erbe, eine urmännliche Angelegenheit. Am letzten Sonntag standen immerhin neun Männer vor mir in der Schlange beim Bäcker, das einzige Weibchen, wollte sagen die einzige Frau im Laden verkaufte die Brötchen. Neun müde Männer, im seltsam lässigen Dress des Sonntagmorgens. Neun müde, aber wild entschlossene Männer, die „einer muss ja“ und „Frühschicht“ und „erstmal Beute machen“ knurrten. Zuhause deckten die Frauen den Frühstückstisch, machten die Betten und scheuchten die Kinder ins Bad, die Männer aber stapften durch den kalten Nebelmorgen und sorgten für Nahrung. Hätte ich ein Fell statt meiner Outdoorjacke getragen und wäre ich in eine Höhle statt zu meiner Wohnung zurück gegangen, ein blutiges Stück Mammut in der Hand statt ein paar ofenwarmer Mehrkornbrötchen – wäre die Situation wesentlich anders gewesen? Hat sich in zehntausend Jahren gar nichts geändert, hat das Rollenverhalten von Mann und Frau wirklich ein paar artgerechte Konstanten durch alle Zeiten? Mag sein. Vielleicht war auch schon der Steinzeitmann froh, an die frische Luft zu kommen und um diese Tageszeit bloß nicht reden zu müssen – und vielleicht hat sich auch schon die Steinzeitfrau ebenso wie die Herzdame erfolgreich eingeredet, den Mann geschickt zu haben. Eine evolutionär vollkommen sinnvolle Aufteilung.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Jan
Kleine Anmerkung zur Achtsamkeit
by Maximilian Buddenbohm in
Ich saß am Schreibtisch und arbeitete. Sohn II kam vorbei, legte seinen Kopf auf die Tischplatte und sah mir beim Tippen zu. Zwischen zwei Absätzen streichelte ich seinen nach wie vor haarlosen Kopf, er fühlte sich genauso an wie der von Sohn I, als er im gleichen Alter war. Das Kind hatte auch exakt die gleiche Haltung wie sein Bruder, und genau wie der damals zeigte es brabbelnd auf den Bildschirm und freute sich sehr, wenn da etwas passierte. Ich streichelte den Kopf und dachte seltsam, ich habe in den letzten Wochen, in denen wir so viel Stress hatten, ganz verpasst, dass der kleine Sohn auch schon bis zur Tischplatte reicht. Der Sohn legte seinen Kopf vor die Tastatur und linste grinsend zu mir nach oben. Das ist wirklich sehr, sehr seltsam, dachte ich. Kaum hat man einmal richtig viel Arbeit und passt ein paar Wochen lang nicht richtig auf, schon wächst so ein Kind einen ganzen Kopf in die Höhe. Ich meinte genau zu wissen, dass er neulich noch viel kleiner war, also nicht nur einen halben Zentimeter, sondern richtig viel. Ich versuchte, neulich genauer zu definieren, das war schwierig. Neulich ist zu dieser Jahreszeit irgendwie alles vor Weihnachten, dachte ich, das hilft nicht weiter. „Ist das Kind eigentlich gewachsen?“ fragte ich die Herzdame, sie sagte, das würde es routinemäßig tun. Der verblüffend groß gewordene Sohn II lachte mich an. Ich dachte beschämt, so etwas darf eigentlich gar nicht vorkommen. In dem Alter darf man nicht wochenlang nicht aufpassen und sich in Arbeit vergraben, man verpasst tatsächlich etwas. Man konzentriert sich auf irgendein Projekt und zack, ist aus dem Baby ein Kleinkind geworden, sogar ein recht hoch gewachsenes. Man darf in seinen genauen Beobachtungen einfach nicht nachlassen, niemals, man muss am Ball bleiben und immer genau hinsehen, wenn man Kinder hat. Man bekommt sonst einfach nichts mit. Ich nahm mir fest vor, als Vater wieder wesentlich aufmerksamer zu werden.
Ich knuffte Sohn II freundschaftlich in die Seite, da verschwand er unerwartet von der Bildfläche. Von unter dem Schreibtisch heulte es beleidigt. Und da habe ich erst verstanden, dass Sohn II gar nicht gewachsen war, sondern eine Kiste zu meinem Schreibtisch geschleppt und mühsam balancierend darauf gestanden hatte.
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online.
Jan
Programmhinweis
by Maximilian Buddenbohm in
Das Filmteam steht auf der Promenade von Travemünde und sieht sich um, irgendwo muss der Autor von „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ jetzt hin und malerisch etwas vorlesen. Mit Meer im Bild, versteht sich. Vor einem Café stehen halb verrottete Gartenstühle aus Holz, die vor langer Zeit einmal weiß waren. Ziemlich schwere, klobige Trümmer. „So einen“, sagt der Redakteur, „so einen leihen wir uns mal eben aus und schleppen ihn auf den Steg da.“ Er geht zum Café, er will um Erlaubnis bitten, ich sage ihm, dass er sich das sparen kann. Das hier ist Travemünde, das hier ist Winter, wir könnten den halben Ort auf einen Lastwagen verladen, ohne dass jemand protestieren würde. Alles egal. Der Redakteur klopft an die Caféscheiben, drinnen rührt sich natürlich nichts.
Wir schleppen den bröselnden Stuhl auf den Steg, ich setze mich rein, ich lese was vor, mir zittert das Kinn vor Kälte, es weht von Nord. „Nochmal“, sagt der Redakteur, das ist überhaupt die Lieblingsformulierung beim Fernsehen, das sagen sie gerne. Zwei Knirpse stehen neben dem Steg und sehen sich an, wie ich da albern herumsitze, friere und einen Absatz in die Kamera hineinlese. Der Kameramann steht mit einem Fuß in der Ostsee, es scheint ihn nicht zu stören, Kameramänner können was ab. „Nochmal“, sagt der Redakteur. Ich lese ein paar Zeilen, die Knirpse stoßen sich an und schmeißen Steine direkt neben mich ins Wasser, es macht PLATSCH, der Mann vom Ton guckt kritisch und schüttelt dann grinsend den Kopf. „Nochmal“, sagt der Redakteur. „Wir“, rufe ich den beiden Knirpsen aufmunternd zu, „wir hätten früher noch auf den Dichter geworfen, nicht einfach ins Wasser!“
Dann denke ich, ach was, man muss der Jugend ja auch nicht alles vermitteln und sage lieber nichts mehr.
Sollte jemand jedenfalls Interesse daran haben, wie ich vor laufender Kamera am Strand vor Travemünde erfriere und dabei wirres Zeug rede, welches die Fernsehleute nach dem Schnitt mit „Na, Hauptsache O-Ton“ kommentieren: Nächsten Montag im NDR-Kulturjournal um 22:30.
Jan
Kulturtourismus
by Maximilian Buddenbohm in
Sonntagmorgen um sieben, da sind noch nicht sehr viele Menschen wach, auch nicht im Zentrum der Millionenstadt. Der Hauptbahnhof fast menschenleer, ein paar Frühstarter mit Koffern, die zu ihrem Gleis hasten, ein paar müde Nachtschwärmer, die sich an einen Kaffee klammern. In den Geschäften und Imbissen werden Zeitungsstapel in Regale gewuchtet, Brötchen in Körbe geschüttet, Säfte gepresst, Sushi gerollt, alles ist in Vorbereitung. Ein junger Mann scheuert den Grill in einem Currywurststand, neben ihm kistenweise Würste, die er später verkaufen wird. Vor ihm stehen zehn Asiaten. Keine Kameras um den Hals, keine Japaner. Alle im fast gleichen Anzug, sagen wir es sind Chinesen. Sie reden auf einen ebenfalls chinesischen Mann mit Plastikschildchen um den Hals ein, das wird der Reiseleiter sein. Der Reiseleiter und der Dolmetscher, wie sich gleich herausstellt, denn der Mann geht nach eindringlichem Gespräch mit seiner Truppe zu dem Verkäufer am Grill und sagt „Zehn Currywürste bitte“, mit schwerem Akzent, aber in sehr korrektem Deutsch. Zehnfach erwartungsvolles Nicken hinter ihm. Der Verkäufer lacht und sagt, dass er noch nicht einmal eine einzige Wurst gebraten habe, er zeigt auf die rohen Würste, auf den zerlegten Grill. Der Dolmetscher nickt und übersetzt.
Zehn empörte Chinesen. Sie reden unwillig auf den Dolmetscher ein, sie wirken ganz so, als würde man ihnen eine fest zugesagte Attraktion in Deutschland, womöglich gleich eine der ersten, ohne zwingenden Grund vorenthalten, sie wirken aufgebracht. Einer zeigt mehrfach auf einen Zettel, vielleicht der gebuchte und festgelegte Speiseplan für den Tag in Hamburg. Sie scheinen zu wollen, dass der Dolmetscher noch etwas fragt, er schüttelt den Kopf, sie zeigen immer wieder auf den Currywurststand. Schließlich gibt er nach, geht noch einmal zu dem jungen Mann, der gerade den Rost wieder auf den Grill setzt: „Sie möchten wissen, ob man die Currywürste nicht auch roh essen kann.“
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Jan
Franz Latte
by Maximilian Buddenbohm in
Wann immer ich in meinen Texten, sei es im Blog, auf Facebook oder auf Twitter, erwähne, dass ich ein Franzbrötchen frühstücke, gibt es Menschen, die nachfragen. Menschen, die nicht wissen, was ein Franzbrötchen ist, Menschen, die das Wort nie gehört haben, Menschen die – man kann es sich als Hamburger schwer vorstellen – etwas anderes zum Frühstück essen. Ein Franzbrötchen ist einfach zu erklären, es ist in erster Linie ein Frühstück. Der hanseatische Körper braucht morgens ein Franzbrötchen und einen Kaffee und sonst nichts, das ist hier vergleichsweise einfach geregelt, der Hamburger hat schließlich seit Jahrhunderten einen Hang zur Effizienz und Vereinfachung. Wer braucht 20 Produkte auf dem Frühstückstisch, wenn eines reicht. Wer braucht überhaupt einen Frühstückstisch, wenn man das Franzbrötchen doch auch essen kann, während im Büro der Computer hochfährt.
Franzbrötchen kommen tatsächlich aus Hamburg und heißen eventuell so, weil sie dem französischen Croissant nachempfunden sind. Vielleicht aber auch nicht. Es gibt ein Buch darüber, da kann man das genau nachlesen, ein Buch über ein Brötchen. Kann auch nicht jedes Gebäckstück von sich behaupten. Franzbrötchen verbreiten sich aus unklaren Gründen nur sehr schleppend in das restliche Deutschland hinein oder gar ins Ausland. Es gibt eine Seite, auf der diese Ausbreitung, dieser Siegeszug im Schritttempo, akribisch festgehalten wird, da wurde zum Beispiel gerade ein Franzbrötchen aus Singapur gemeldet.
Das Franzbrötchen ist ein Plundergebäck, sagt Wikipedia, mit Zimt und Zucker.
Der Hamburger Angestellte kauft sich morgens auf dem Weg zur Arbeit ein Franzbrötchen, seit ein paar Jahren auch einen Kaffee zum Mitnehmen dazu. Wenn man hier morgens an einem beliebigen S-Bahnhofkiosk verschlafen und schlecht gelaunt „Franz Latte“ murmelt, dann hält das niemand für eine Vorstellung, dann bekommt man ganz selbstverständlich ein Brötchen und einen Latte Macchiato to go.
Touristen, die das Hamburger Frühstück probieren, verfallen dem Geschmack in aller Regel augenblicklich und vermissen in ihren Heimatstädten fortan diesen Genuss schwer. Hamburger, die aus Karrieregründen die Stadt wechseln und versehentlich in ein Gebiet ziehen, das franzbrötchenmäßig unerschlossen ist, kehren in aller Regel bald nach Hause zurück.
Allerdings stehen Touristen oft ratlos vor den Auslagen der Bäckereien oder Kioske und staunen über die zahlreichen Sonderformen der Franzbrötchen. Welches nimmt man wann? Was ist richtig? Ich liste hier als Serviceleistung die Sonderformen kurz auf und gebe die jeweilige Zielgruppe an. Wenn Sie Hamburg besuchen, und wer würde das nicht irgendwann tun, sortieren Sie sich einfach in die richtige Gruppe ein und alles wird gut. Wenn Sie sich für einen normalen Menschen in normaler Lebenssituation halten, dann kaufen Sie ein normales Franzbrötchen. Ansonsten:
1) Rosinenfranz: Ist partiell süßer als die ohnehin zuckrige Normalausgabe, nämlich immer dann, wenn man auf eine Rosine beißt. Es ist nicht dramatisch süßer, wie etwa ein Schokofranz (siehe dort), sondern nur ein wenig. Ein fein dosierter Extragenuss. Menschen, die Rosinenfranz kaufen, nehmen es gerne genau und achten auf Maßeinheiten. Sie haben sich im Griff und neigen zur Exaktheit. Menschen, die Rosinenfranz kaufen, sind im Zeichen der Jungfrau geboren und werden im Volksmund auch gerne Korinthenkacker genannt. Nun wissen Sie auch warum. Andererseits ist ein Rosinenfranz natürlich besser als gar kein Obst.
2) Streuselfranz: Der Kalorien-Gau, wie Butterkuchen mit Sahne oder Karamell in Honig. Menschen, die Streuselfranz kaufen, neigen zu Übertreibungen, nicht nur bei ihrem Körpergewicht. Eine falstaffmäßige Lebenslust kennzeichnet die Streuselfranzesser, man erkennt sie leicht am Gewicht. Wer Streuselfranz kauft, möchte eigentlich Sachertorte zum Frühstück. Nur die gesellschaftliche Konvention hält ihn davon ab.
3) Schokofranz: Das Brötchen für die Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Frisch verlassene Ehemänner oder –frauen, IT-Experten kurz vor dem Launch eines neuen Programms, Medienmenschen kurz vor dem finalen Abbau ihrer Redaktion, Studenten kurz vor dem Abschluss ihres hektischen Studiums. Schichtarbeiter im Morgengrauen, Eltern von zahnenden Babys, Autoren oder Übersetzer zwei Tage vor Manuskriptabgabe, freie Social-Media-Berater, die von einem Großkonzern angerufen wurden. Das Schokofranz ist ein Panikbrötchen, die Zielgruppe sind nervliche Wracks aller Art. In anderen Städten kaufen Eltern für ihre Kleinkinder in Apotheken sogenannte Notfallbonbons oder -tropfen, die sie in besonderen Krisensituationen beruhigen sollen, in Hamburg kauft man einfach Schokofranz.
4) Vollkornfranz: Der gesunde Snack für zwischendurch. Für Eltern mit hungrigen Kindern, die unterwegs abgefüttert werden müssen. Denn ein Franzbrötchen ist kein Kuchen, enthält daher auch per definitionem keinen Zucker und Vollkorn ist sowieso super. Viele Hamburger Babys dürfen bis zum vollendeten ersten Lebensjahr keinen Zucker essen, nur hin und wieder ein Franzbrötchen. Darüber lacht hier niemand, das ist Ernst. Über Franzbrötchen macht man keine Witze. Das Vollkornfranz schmeckt gleichzeitig süß und freudlos, das Hamburger Kleinkind wird damit bereits im Kinderwagen auf die Ambivalenz des Lebens vorbereitet. Erwachsene, die freiwillig Vollkornfranz essen, haben auch sonst an nichts Spaß und neigen zu Depressionen.
5) Franzbrötchen mit Kürbiskernen, genannt Kürbisfranz: Für den Mann ab Mitte 40. Wird gerne betont leise bestellt. Gibt es auch von Ratiopharm.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und noch ein Simenon: „Der Mann aus London“, übersetzt von Stefanie Weiss. Ein Roman, der vielleicht nicht so bemerkenswert wäre, wenn man nicht etwas länger über die Antwort auf ein paar Fragen nachdenken würde. Weiß man nach dem Roman, wie die Stadt, in der er spielt, Dieppe, aussieht? Ja, das bildet man sich tatsächlich ein. Hat Simenon sie beschrieben? Kaum. Weiß man, warum die Hauptfigur tut, was sie tut? Ja, das weiß man. Hat Simenon ihr Innenleben beschrieben? Kaum. Nun ja. Genie ist eben Genie.
Der Roman erschien zuerst 1933 und beginnt so:
„Im Augenblick denkt man, es seien Stunden wie andere auch, und merkt erst hinterher, daß etwas Außergewöhnliches daran war. Hinterher, da spürt man mühsam dem Faden nach, der sich durch das Geschehen hindurchzog, und man versucht die einzelnen Minuten sinnvoll wieder zusammenzufügen. Warum war Maloin an dem betreffenden Abend schllechtgelaunt von zu Hause weggegangen. Sie hatten wie gewöhnlich um sieben zu Abend gegessen. Es hatte gebratene Heringe gegeben, es war die Jahreszeit dafür.“
Jan
Junge Liebe
by Maximilian Buddenbohm in
Am Nachmittag Sohn I von der Kita abgeholt, wo er draußen im Garten mit seiner Freundin im Sandkasten spielte. Bei einem kleinen Gespräch festgestellt, wie weit die Beziehung zwischen den beiden schon gediehen ist.
Ich: „Na, was macht ihr beide, backt ihr Kuchen?“
Sohn I: „Äh, backen wir Kuchen? Oder was?“
Freundin von Sohn I: „Ja, wir backen Kuchen.“
Sohn I: „Sie sagt, wir backen Kuchen. Dann stimmt das.“
Wir nennen es heiratsfähig.
Jan
Der wettertaugliche Mann
by Maximilian Buddenbohm in
Es ist unvermutet warm und regnet. Sohn I hüpft und freut sich, er darf endlich wieder Gummistiefel tragen. Damit kann man in Pfützen springen, wie toll ist das denn. Ich ziehe ihn an und greife dann nach meinen Büroschuhen. „Hast du keine Gummistiefel?“ fragt er mich mitleidig. „Nein“, sage ich, „habe ich nicht.“ Der Sohn holt mir hilfsbereit die Gummistiefel der Herzdame, es sind lila Exemplare mit Blümchenmuster. „Leiht sie dir“, raunt er, „macht sie bestimmt.“ Ich sage, es ginge schon, mit meinen Büroschuhen, ich sei es ja gewohnt. Wir gehen raus, es regnet wirklich üppig. Der Sohn hat Spaß, ich habe nach zehn Metern nasse Füße. Super, denke ich, Gummistiefel sind vielleicht doch eine Option. Warum sollen nur Frauen nützliche Mode tragen? Warum müssen Männer im Anzug nasse Füße kriegen?
Im Fenster des Schuhgeschäftes etliche Damengummistiefel, mit bunten Mustern und Applikationen. Alle schick und geradezu kostümtauglich. Ich frage nach der Auswahl für Herren. Es gibt nur ein Paar. Es ist natogrün, seltsam klobig und das Profil erinnert an Treckerreifen. Ich sehe aus, als würde ich mich auf ein Outdoor-Abenteuer in einer abgelegenen Sumpflandschaft vorbereiten. So etwas morgens auf dem Weg ins Büro – undenkbar. Ich frage nach anderen Modellen, ratlose Gesichter. Man holt schließlich doch noch ein Paar, schlank, schwarz, einfach, aber der Absatz ist verdächtig hoch. Der Karton verrät: ein Damenmodell. Nein, sage ich, Damenmodelle nicht, da bin ich eigen. „Wir haben sonst nur diese traditionellen, knallgelben Stiefel“, sagt die Verkäuferin. „Im Kanalarbeiterlook?“ frage ich. Sie nickt. Ich lehne ab.
Der Mann soll bei Regen gar nicht vor die Tür. Die Herzame muss die Söhne bei Mistwetter in den Kindergarten bringen, die Schuhe geben die Rollenverteilung sehr klar vor. Man muss Mode nicht nur einfach hinnehmen – man muss sie auch deuten können.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jan
Die Logik des Echos
by Maximilian Buddenbohm in
Dreijährige Kinder neigen mit jedem Monat mehr zu Unfreundlichkeiten. Sie nehmen im Kindergarten ein Schimpfwort nach dem anderen auf und verwenden die Kollektion mit großer Freude in den unpassendsten Situationen, wobei ich zum Beispiel auch das abendliche Zubettbringen als unpassend empfinde, ich lasse mich dabei nur ungern beschimpfen. Dreijährige unter sich reden fast nur noch in dramatischen Vokabeln, und es kann etwa ein Jahr dauern, bis sie wieder zu einem halbwegs normalen Sprachgebrauch übergehen, zumindest meiner Erfahrung mit den älteren Kindern in der Nachbarschaft nach. Den Sprachgebrauch im Kindergarten kann man natürlich als Elternteil nicht beeinflussen, dass muss man so hinnehmen, dass diese Einrichtung eine gewisse Derbheit in den Alltag bringt und das Kind beim Abholen schon mal wütend wird, wenn es seine verdammten Kackstiefel nicht sofort findet, die sich irgendwo in der pissblöden Umkleide verstecken, die dämlichen Scheißteile. Das kann man sich nur anhören, direkte Korrekturen sind sinnlos, schon gar in einem Umfeld, in dem eine ganze Horde Kinder die Schimpfwörter begeistert aufnimmt, umformuliert, ausgestaltet und weiter im Chor herumbrüllt.
Nein, man muss warten, bis man zuhause ist. Erst dort kann man versuchen, durch dezidierte Höflichkeit eine andere verbale Richtung einzuschlagen und das Kind zurück auf den goldenen Weg der Freundlichkeit zu locken. Ein schweres Unterfangen, aber natürlich ein lohnendes – und eines, das immerhin Aussicht auf Erfolg hat. Kinder passen sich von Natur aus gerne an, wenn man also nur lange genug Freundlichkeiten vorlebt, werden sie irgendwann ebenso antworten. Sagt man.
Ich: „Na, mein Küken?“
Sohn I: „Na, du alter Hahn?“
Jan
Logisch
by Maximilian Buddenbohm in
Herzdame: „Wieso haben diese Kühlkompressen eigentlich neuerdings immer Pinguinform?“
Ich: „Weil Pinguine auf dem Eis leben, mein Schatz. Kälte, du verstehst? “
Herzdame: „Aber diese Kühlkompressen hier kann man doch auch erhitzen.“
Ich: „Na und? Pinguine auch.“
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
In diesem Jahr reicht es noch nicht ganz, daher hier eine kleine Erinnerung an das Alstereis vom letzten Jahr. Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jan
Arbeit 2.0
by Maximilian Buddenbohm in
Als ich Sohn I heute Morgen zum Kindergarten brachte, schloss ein Mann gerade eine Dönerbude an unserem Weg auf und ging hinein.
Sohn I: „Papa, warum geht der Mann da rein?“
Ich: „Na, wahrscheinlich arbeitet er da.“
Der Sohn blieb stehen, ging ein paar Meter zurück zum Imbiss, drückte seine Nase ans Fenster und sah hinein. Dann sagte er irritiert: „Nein, da kann man gar nicht arbeiten. Ist kein Computer drin.“








