Die Gemüsekiste heiligt den Sonntag

Wir lassen uns seit ein paar Wochen eine Gemüsekiste nach Hause liefern, nach dem Menschen unseres Vertrauens von diesem Anbieter so begeistert waren. Und nicht nur Gemüse, auch Obst, Käse, Bier – kommt alles am Montag ins Haus. Alles natürlich bio und  weitgehend regional, saisonal passend und in herzerfrischender Artenvielfalt. Gut für das Gewissen, gut für die Kinder, gut für uns.  Wir haben jetzt eine neue Struktur in der Woche, wir haben einen festen Rhythmus, die Woche ist durchritualisiert, im Familienleben ist so etwas bekanntlich wichtig.  Wir bestellen die Kiste schon am Freitag für die kommende Woche gemeinsam, wobei sich unsere Charaktere sehr schön ergänzen. Ich würde von allem jeweils die größte Menge nehmen und den Inhalt so kommen lassen, wie er im Kistensortiment vorgegebn ist, die Herzdame möchte von allem ganz wenig und nur das, was sie auch ganz sicher mag – also nur Sachen, die auch in Nordostwestfalen immer schon vorkamen. Sohn I guckt angewidert auf die Gemüseabbildungen am Bildschirm, Sohn II zeigt auf die Bildchen und freut sich vorfreudig sabbernd über alles. Wir diskutieren leidenschaftlich vor dem Computer, Ernährung ist eine ernste Angelegenheit, da kann man ruhig einmal etwas mehr Zeit mit der Entscheidung zubringen. Der Abend wird tendenziell unfriedlich, bis die Herzdame lange genug wegsieht und ich zwischen zwei Sätzen heimlich die Bestellung nach meinen Vorstellungen abschicken kann. „Was nützt das schlechte Leben“, wie Kempowski sagte, ich hab es nicht so mit kleinteiligen Bestellungen.

Am Montag kommt die Kiste. Da ich längst vergessen habe, was ich vor Tagen bestellt habe, ist sie für mich immer ein Überraschungspaket. Da ich mit Überraschungen in der Küche aber leider nicht umgehen kann, koche ich zuerst das simple Zeug weg. Karotten, Kohlrabi, was jeder kann. Dann lese ich nach, worum es sich bei dem interessant aussehenden Rest handelt und recherchiere Rezepte.  Die Herzdame sagt, daß ich verrückt sei und gegen den Rest der Kiste niemals ankochen könne. Sohn I sagt, daß er keine Karotten mag. Und keine Kohlrabi.  Sohn II sagt nichts und ißt.

Am Dienstag muß erst einmal der Salat weg, Salat hält sich nicht so gut. Salat ist einfach, alles reinwerfen, was nach Rohkost aussieht, fertig. Die Herzdame sagt, daß da wirklich noch sehr viel Gemüse sei. Und Obst. Sohn I sagt, daß er keinen Salat mag. Und kein Obst. Sohn II sagt nichts und ißt.

Mittwoch dann der Glanzauftritt mit recherchierten Rezepten. Topinamburssuppe, man lernt nicht aus. Die Herzdame fragt, was das für ein Zeug auf ihrem Teller sei. Sohn I sagt, daß er keinen Topidings mag. Sohn II sagt nichts und ißt.

Donnerstag eine weitere Chance, Neues zu probieren. Kartoffelstampf mit Herbstrübchen, man macht tatsächlich Entdeckungen, auf die man gerne auch schon vor Jahrzehnten gekommen wäre.  Die Herzdame nickt anerkennend, steht nach dem Essen vor dem Kühlschrank und sagt: „Das ist aber immer noch sehr viel drin.“ Sohn I sagt, daß er keine Rübchen mag. Sohn II sagt nichts und ißt.

Am Freitag muß notfallmäßig weg, das wie Woche nicht so gut überstanden hat. Ein Suppentopf löst kategorisch jedes Problem dieser Art, der Pürierstab hilft, die Diskussion über die Zutaten zu vermeiden.  Die Herzdame steht vor dem Kühlschrank und sagt mit einem unverkennbaren Triumph im Blick: „Ich habe gleich gesagt, die Rote Bete schaffst du nicht.“ Sohn I sagt, daß er keine Suppe mag.  Sohn II sagt nichts und ißt. Die Herzdame und ich setzen uns nach dem Essen vor den Computer und bestellen die nächste Kiste. Mehr oder weniger gemeinsam.

Am Sonnabend bekoche ich unschuldige Freunde mit seltsamen Rezepten,  ein Kilo Rote Bete muß eben irgendwie weg.  Zwischendurch Obst in großen Mengen schnippeln und in Sohn II schieben, die Vorräte neigen sich jetzt tatsächlich dem Ende zu.  Die Herzdame steht vor dem Kühlschrank und fragt, was ich alles heimlich weggeworfen habe.  Ich erkläre ihr, daß manche Beziehungen auch auf Vertrauen basieren. Sie sieht mich ungläubig an. Sohn I sagt, daß er keine Rote Bete mag. Sohn II kann das Essen nicht erwarten und nagt an der leeren Gemüsekiste.

Am Sonntag ist der Kühlschrank leer, eine verschrumpelte Pastinake entsorge ich dezent am frühen Morgen. Ein wenig Schwund ist eben immer.  Wir sind seit Tagen randvoll mit Biokost, wir haben wieder eine Woche gesund gelebt, Vitamine ohne Ende. Wovon Sohn I lebt, ist uns allerdings weiterhin unklar.  Sohn II gräbt im Mülleimer nach der lädierten Pastinake.  Die Herzdame und ich stehen vor dem leeren Kühlschrank, wir nehmen uns vor, in der nächsten Woche nicht mehr über Essen zu streiten.  Wir haben einen Tag ohne Streß vor uns. Es gibt keine seltsamen Gemüsesorten mehr, die man experimentell verkochen müßte. Es gibt keine Restkilos Möhren, die heute noch wegmüssen, auch wenn gar nichts anderes dazu paßt. Es gibt keine Äpfelchen mehr, an denen man dringend herumschnitzen müßte, es gibt keine Kresse mehr, die man bewässern müßte, es gibt keine Schwarzwurzeln mehr, deren Verwendung man erst wieder nachlesen müßte.  Wir schließen den leeren Kühlschrank und nehmen uns in den Arm. Es ist Sonntag,  es ist der Tag des Friedens und des Ausruhens, der Tag der Familienharmonie.

Dann essen wir eine Tiefkühlpizza.

 

26 comments

  1. isabo

    „… koche ich zuerst das simple Zeug weg. Karotten, Kohlrabi, was jeder kann.“
    Bitte, wie gehen Karotten? Diese Karotten jede Woche machen mich FERTIG, ich schmeiße immer die Hälfte weg oder esse sie roh, aus der anderen Hälfte backe ich einen Möhrenkuchen, man kann doch nicht jede Woche Möhrenkuchen essen, was um alles in der Welt machst Du immer mit den bescheuerten Karotten? Sagte ich schon, dass die mich FERTIG machen?

  2. YellowLed

    Jetzt muss ich hoffen, dass die bessere Hälfte das niemals liest. Sonst will die sowas auch, und ich für meinen Teil bin eher so Sohn II, dem ich übrigens geheime Keksdepots unterstellen würde. Aber wenigstens habe ich vorher herzlich gelacht. Danke! :-)

  3. isabo

    Ach, „dünsten“ ist doch auch nur son Schickimickiwort für „in wenig Wasser kochen“. Das macht doch keinen Unterschied, gekochte Möhren schmecken scheiße, da hilft es auch nicht, es „dünsten“ zu nennen. Ich setz die Dinger bald auf die schwarze Liste, dabei habe ich eigentlich gar nichts gegen Möhren. Sie machen mich nur fertig.

  4. YellowLed

    Zu einem ähnlich veranlagten Bekannten hat man mal gesagt: „Wenn wir Dich nicht hätten, müssten wir uns ein Hausschwein halten.“

  5. Anna

    Die Biokisten-Möhren machten mich ebenfalls fertig. So bekommen wir sie als Beilage mittlerweile ganz gut verbraucht:

    Schälen, in 2-3cm-Scheiben schneiden. Esslöffel Butter bei großer Hitze schmelzen lassen, Möhren und einen knappen Teelöffel Zucker hinein, Deckel rauf, Flamme runter und 20 Minuten nix tun. (Mit Dank an Lea Linster.)

  6. la23ng

    Möhren: im Zweifel als Rohkost. Die klassische französische Variante nimmt zur Sauce viel Zitronensaft, wenig Olivenöl, etwas Senf, einen Hauch Knoblauch und einen Esslöffel Zucker, Salz, Pfeffer (und wenn man hat Petersilie).

    Könnte ich mich ja reinlegen.

  7. acqua

    Möhren (ich nehme an, Sie meinen damit Karrotten, bzw. das, was wir Rüebli nennen würden) kann man auch dem Schneemann als Nase ins Gesicht stecken.

  8. queenofsoup

    karotten in stifte oder scheiberl oder irgendwas anderes kleines schnippeln, mit einer schalotte in ein bissl öl oder butter in einer pfanne anrösten, jawohl rösten, ablöschen mit mirin (süßer japanischer kochwein) oder weißwein oder meinetwegen, wenn kinder anwesend sind, suppe. ingwer in 1-mm-kantenlänge-würfeln dazu, mit sojasauce würzen, und mit ein wenig chilisauce. ok, kindertauglich ist das nicht mehr, aber es schmeckt wirklich gut und gar nicht gesund. versprochen!

  9. Schwedenhausfan

    Ich finde das mit der Gemüsekiste sehr vorbildlich. Ich sage immer zu meinem Mann, der den Kram dann übrigens kochen muss, dass, wenn wir Kinder haben, wir sowas auch bestellen. Ich fürchte jedoch, aus mir wird dann Sohn I…

    @YellowLed: Haha, zu dem Hausschwein fällt mir spontan mein Schwager ein: meine Schwiegermutter sagt immer über ihn: ein Schwein zu halten ist billiger. Und seit er ausgezogen ist sparen sie Unmengen an Geld 😀

  10. ubarto

    Tipp von meiner Seite, taugt für fast jedes Gemüse (besonders köstlich jedoch mit Brokkoli): kleinschnippeln, auf ein mit Alufolie belegtes Backblech geben (aber bitte so, dass sich nichts überlappt), ein paar Esslöffel Öl drüber, wer mag ein bischen Knoblauch dazwischen werfen, dann bei 200-220°C für ca. 20 Minuten in den Ofen. Soll richtig schön braun und knusprig werden, dann schmeckts am besten. Dann noch ein bischen Zitrone und viel Parmesan draufkippen und aufessen :-) (ganz Fortgeschrittene streuen noch geröstete Pinienkerne drauf)

  11. Stephan

    Zitat Isa: „Ach, ‚dünsten‘ ist doch auch nur son Schickimickiwort für ‚in wenig Wasser kochen‘.“

    Laß das bloß nicht die Rachs, Lafers, Lichters, Mälzers, usw. hören! Dünsten ist eine hochkomplexe Angelegenheit: http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCnsten

    Man beachte Punkt 3: „…geschmackliche Aufwertung…“!

  12. eva

    man kann die biokiste auch einfach in der küche auf dem boden zwischenparken und kurz darauf feststellen, daß der hund die zwei kilo möhren inhaliert hat (und sich bei der nächsten gassi-runde über die deutlich orange eingefärbten hinterlassenschaften freuen)

  13. kid37

    Pizza kann man sich übrigens auch in so einer praktischen Kiste an die Tür liefern lassen. Die ist dann sogar schon gekocht.

  14. skh

    Aber um noch mal auf die Rote Bete zurückzukommen:

    Rote-Bete-Apfel-Walnuss-Salat

    Zu gleichen Teilen Rote Bete (roh!) und Äpfel erst in Schnitze, dann in wirklich dünne Scheibchen schneiden (< 1mm). Die Rote Bete schälen, die Äpfel eher nicht.

    Walnüsse knacken und hacken (oder auch in Scheibchen schneiden wenn man zu viel Zeit hat). Auf eine große Bete sinds bei mir ca. 15 Nüsse.

    Vinaigrette rühren aus:

    1 TL Dijonsenf (jaja, normaler geht wahrscheinlich auch)
    4 EL Balsamico Bianco (kein anderer!)
    6 EL Erdnuss- oder Walnussöl
    3/4 TL Zucker
    Salz, Pfeffer

    Alles verrühren, ziehen lassen. Elende Schnippelei, aber ich könnt mich reinlegen.

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