November, 2010 Archives

14
Nov

Musik zum Sonntag

by Maximilian Buddenbohm in

14
Nov

Pegelstand

by Maximilian Buddenbohm in

Was macht man, wenn man vor lauter Arbeit und Projekten schon nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht? Wenn die Söhne dazu gerade noch eine doppelt rebellische Phase haben und jedes Zimmer, das sie betreten, binnen zehn Sekunden komplett zerlegen, sich selbst eingeschlossen? Wenn noch die schöne herbstliche Tradition dazu kommt, daß an jedem Morgen einer aus der Familie krank aufwacht und man aus dem heiteren Symptomeraten gar nicht mehr herauskommt? Wenn die Kinder nachts partout nicht schlafen wollen und man sich nicht erinnern kann, je im Leben so durchgenudelt durch die Wochen gekommen zu sein? Wenn man also den ganzen Tag denkt, noch ein Projekt, noch eine Aufgabe, noch irgendeine winzige Zumutung und ich werde auf der Stelle komplett wahnsinnig, binde mir Glöckchen an die Fußgelenke und tanze hysterisch singend über den Jungfernstieg? Genau, dann geht man eine Wohnung besichtigen, in die man – wenn man sie den kriegen würde – sofort einziehen könnte und eigentlich auch müßte. Weil, so einen Umzug, den macht man ja nebenbei. Weiß man ja. Paar Kartons packen eben, das ist ja einfach.

Aber sonst haben wir alles im Griff. Quasi.

12
Nov

Jetzt ans Schenken denken

by Maximilian Buddenbohm in

Kleiner Hinweis in eigener Sache: Dieses Buch wird übrigens ein paar Tage vor Weihnachten im Buchhandel sein. Die Travemündegeschichten im remix for print – neu abgemixt, neu arrangiert, mit Bonustracks und wunderschönem Cover. Finde ich.

12
Nov

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

9
Nov

ABC

by Maximilian Buddenbohm in

Meinen Platz am Notebook muß ich neuerdings gegen Sohn I verteidigen, der dort nicht mehr nur gelegentlich mal einen Zeichentrickflim auf Youtube sehen möchte, sondern sich jetzt mit geradezu verbissenem Interesse seriöseren Themen widmet. Er sitzt und tippt. Und guckt, was passiert. Sucht auf der Tastatur lange nach dem E, drückt darauf, guckt auf den Bildschirm und strahlt dann begeistert: „E wie Erdgeschoß!“ Auch Fahrstuhlfahren bildet, wie man daran merkt. Das ist ein schöner Erfolg, der sich allerdings bei dem U leider nicht wiederholt – „U wie Keller!“ – wir hätten wohl doch konsequenter Untergeschoß sagen müssen. Er erkennt auch ein S, weil es wie eine zischelnde Schlange aussieht, das konnte er sich gut merken. Ein J, weil sein Name damit anfängt. Ein A, weil seine Freundin mit A anfängt. Und ein B, das hat mich zunächst etwas gewundert. Bis er mir aufsagte, welchen Merkspruch zum B ihm die Herzdame erfolgreich vorgebetet hat: „Das ist ein B. Mit so dicken Bäuchen, wie die Buddenbohms.“

Er guckt mir lange zu, wenn ich etwas tippe, er fragt, was ich da geschrieben habe. Er versucht zu schätzen, ob die Menge an Text, die ich aus einem Bilderbuch vorlese, auch wirklich zu dem paßt, was da steht, ich könnte schließlich etwas unterschlagen. Er kriegt mit, wenn ich ganze Absätze auslasse. Er hat längst gemerkt, daß unten auf den Seiten auch Zahlen stehen, sogar in fast jedem Buch. Seitenzahlen. Zahlen findet er auch toll, vielleicht sogar toller als Buchstaben. Zumal es verwirrend viele Buchstaben gibt, aber nur eine überschaubare Anzahl von Zahlen. Warum da unten auf den Seiten immer Zahlen stehen, das ist ihm schleierhaft, aber es beschäftigt ihn sehr. Er sieht mir zu, wie ich lese, er guckt genau, wo ich hingucke, er sieht noch einmal prüfend in das Buch, wenn ich es weglege.

Dann fragt er: „Wenn du die Buchstaben fertig gelesen hast, liest du dann die ganzen Zahlen extra?“

8
Nov

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Nachdem der letzte Kempowski eher ein Reinfall war, nun wieder eine verläßliche Angelegenheit, nämlich die Fortsetzung von „Tadellöser & Wolff“:

„Uns geht’s ja noch gold“. Der zweite Weltkrieg ist vorbei, die Russen marschieren in Rostock ein und die Familie schlägt sich durch einen Alltag, in dem kaum noch Regeln gelten, abgesehen davon, daß jeden Tag Essen auf den Tisch kommen muß. Das Buch erschien zuerst 1972 und beginnt so:

„Wenn ich mich etwas vorbeugte, konnte ich vom Schlafzimmerfenster aus alles gut überblicken. Drogerie Kotelmann, Schlachter Timm. Seifenheimchen schloß das Fenster. Gegenüber die Paulstraße, die machte hinten einen Knick: bis dahin war das Feuer gedrungen, bei der „Katastrophe“, wie die Leute den Angriff von 1942 nannten. Vor der Katastrope und nach der Katastrophe. Jetzt würde es vor und nach dem Zusammenbruch heißen. Bis zu Bäcker Kofahl hatte es sich gefressen. „O watt Löckers“, hatte der alte Kofahl gesagt, in seiner kleinkarierten Bäckerbüx. „All dat Mähl…“

6
Nov

Musik zum Sonntag

by Maximilian Buddenbohm in

5
Nov

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

4
Nov

November

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist grau, es regnet. Es schmuddelt, wie der Hamburger sagt.  Die ganze Stadt ist schlecht gelaunt, in den S-Bahnen sehen sich die Menschen noch finsterer an als sonst. Verschränkte Arme, regennasse Schultern, böse Blicke unter Kapuzen. Verfrorene Raucher vor den Bürohäusern, unter Schirmen weggeduckt, ein Bild des Elends. Touristen, die die Kameras gar nicht erst auspacken. Es wird den ganzen Tag nicht recht hell, man  möchte am liebsten im Bett liegenbleiben und sich Spekulatius liefern lassen. Wenn man nur könnte. Niemand kann.

Der alte Mann in der Wohnung neben unserer ist vor drei Monaten gestorben, einen klassischen, einsamen Großstadttod. Er hatte schon seit Jahren kaum noch Kontakt zur Außenwelt und war kaum ansprechbar, nur ein Sozialarbeiter besuchte ihn gelegentlich. Als der auch nicht mehr hineingelassen wurde, kam die Polizei, brach die Tür auf und fand ihn. Seine Katze hatte knapp überlebt, drei, vier Tage neben der Leiche. Garfield. Der Tierfänger hatte es nicht einfach mit ihm. Der Bestattungsunternehmer freute sich, daß der Sarg in Fahrstuhl paßte. Nachbarn stellten eine Kerze ins Treppenhaus, so ein Grablicht. Wochenlang passierte dann nichts, die Wohnung war amtlich versiegelt, wahrscheinlich suchte man nach Erben, Verwandten, Freunden.

Vor ein paar Tagen fing die Hausverwaltung an, die Wohnung zu renovieren. Alles wird herausgerissen, die Küche, das Bad, der Boden, die Tapeten, alles. Der alte Mann hat lange dort gewohnt, die Wohnung war in keinem guten Zustand mehr. Verlebt nennt man das dann wohl. Vor dem Haus ein großer Container, in den die Arbeiter die Möbel und Habseligkeiten werfen. Korbstühle mit großen Löchern im Geflecht, speckige Matratzen. Alte Regale mit ausgebrochenen Schrauben, zerschlissene Teppiche. Ein mattblauer Katzentransportkorb, krümelige Reste vom Trockenfutter darin. Oben auf dem ganzen Krempel ein umgedrehter Rollator im Regen, den hatte er nie benutzt, er ging immer ohne, stocksteif, aber doch ganz flott. Kaputte Regenschirme, gleich mehrere. Ein Waschbecken, zersprungen und sehr dreckig. Ein uralter Computerbildschirm, heraushängende Kabel. Gebrochene Bretter von einem Schrank, herausgerissene Trümmer vom Parkett. Eine verblichene Regenbogenfahne. Der große Container ist offen, die Sachen liegen im Regen und weichen durch, Pappe schmiegt sich klebrig an Holz. Pfützen in Scherben von Blumentöpfen. Unter allem eine Schicht aus undefinierbarem Schutt. Graue Pampe. Mittendrin in dem Gerümpel ein bunt leuchtender Karton, rote Farbe auf strahlendem Weiß, schon dem flüchtigem Blick kommt das Design bekannt vor. Ich sehe im Vorbeigehen genauer hin: Monopoly. Das Spiel, original verpackt, noch eingeschweißt. Der einzige farbige Gegenstand in dem ganzen trüben Müll.

Ein alter Mann, der schon seit Jahren nicht mehr an der Welt teilnahm. Ein unausgepacktes Monopoly. Dahinter eine Geschichte, die keiner mehr erzählen wird. November eben. Es ist grau, es regnet.

3
Nov

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Aus gegebenem Anlaß, sozusagen. Loki Schmidt: Erzähl doch mal von früher. Das Buch ist ein Gespräch zwischen Loki Schmidt und Reinhold Beckmann, letzterer spielt textlich aber keine nennenswerte Rolle. Es erschien zuerst 2008 und beginnt so:

„Erzähl doch mal von früher“ – Das war früher für mich schon als Drei-, Vierjährige das Schönste. Darum lief ich hinter meinen Eltern oder meiner Großmutter her und zupfte am Schürzenzipfel, am Rocksaum oder am Hosenbein. Früher war mein Vater als Matrose auf einem Kriegsschiff nach Afrika gefahren, deshalb konnte er von Menschen und bunten Märkten erzählen. Früher stillte meine Großmutter bei Kerzenschein heimlich spätabends ihre Lesebegeisterung, deshalb konnte sie mir Teile von Goethes Faust aus dem Kopf vortragen. Früher hatte meine Mutter als Kind mit der zahmen weißen Ratte von Tante Mia gespielt. Früher waren aber auch das Flugzeug und der Zeppelin über Hamburg gewesen. Und früher gab es das Auto von Onkel Herbert.“

2
Nov

Erwartungshaltung

by Maximilian Buddenbohm in

Ich: „Wollen wir noch eine Runde spazierengehen?“

Sohn I: „Nein, ich kann jetzt nicht raus, ich fürchte mich im Dunkeln.“

Ich: „So, wovor denn?“

Sohn I: „Ich weiß nicht, das muß ich erst noch lernen.“