November, 2010 Archives
Nov
Beim Kinderarzt
by Maximilian Buddenbohm in
An der Rezeption eine längere Schlange, ich stelle mich hinten an und warte, ich brauche einen neuen Termin. Ich bin der einzige Vater in der Reihe, vor mir nur Mütter. Mütter mit Kindern auf dem Arm, Mütter mit Kindern an der Hand. Mütter, die Rezepte einstecken, Krankmeldungen, Überweisungen. Viele vereinbaren ebenfalls einen Folgetermin, die Sprechstundenhilfe schlägt jeweils ein Datum vor, die Frauen nicken und gehen. Als ich dran bin und mir ein Termin genannt wird, höre ich die fürsorglich nachgeschobene Frage: „Soll ich es ihnen nicht besser aufschreiben?“
Als Vater halte ich mich oft in Kreisen auf, in denen sonst nur Mütter verkehren, solche Ungleichbehandlungen finde ich dabei immer interessant. Keiner der Frauen vor mir wurde ein Zettel angeboten, alle hatten ihren Termin einfach im Kopf gespeichert, das schien kein Problem zu sein – bis ich dran war. „Sie fragen mich das nur, weil ich ein Mann bin, oder?“ frage ich die Sprechstundenhilfe. Ich finde, man muß solche Vorkommnisse auch benennen. Diskriminierung einfach hinzunehmen, das kann niemals die Lösung sein. „Nein“, sagt die Sprechstundenhilfe, schüttelt den Kopf und sieht mich sehr freundlich an, „wenn eine Frau einen sehr verwirrten Eindruck macht, dann biete ich der auch einen Zettel an.“
Nov
1. Advent
by Maximilian Buddenbohm in
Wir haben eine Krippe gekauft, die Söhne müssen schließlich mit gewissen Traditionen vertraut gemacht werden. Robustes Holzspielzeug, da kann man auch bei Kleinkindern nicht viel falsch machen. Das Jesuskind in der Krippe ist immerhin so groß, daß es nicht von Sohn II verschluckt werden kann, wir haben an alles gedacht. Bunt purzeln die Teile aus der Schachtel, Sohn I fixiert den Haufen eine Sekunde lang und stellt umgehend mißbilligend fest: „Ochs fehlt.“ Während alles, was Hörner hat und halbwegs nach Milchvieh aussieht normalerweise bei ihm unter Kuh läuft, wird im Weihnachtskontext plötzlich alles zu Ochs, denn im Stall standen nun einmal Ochs und Esel, es soll keiner sagen, alte Texte hätten keine Macht mehr. „Ochs fehlt“, sagt Sohn I noch einmal und die Herzdame sagt lachend, der wird sich schon anfinden. Stimmt aber nicht, der Ochs ist in dieser Krippenspielversion tatsächlich getauscht worden. Gegen ein Kamel. Das ist der Weltgegend, in der die Geschichte spielte, wahrscheinlich angemessen, für Sohn I ist die Sache aber damit schon gelaufen. Er schnippt einen der Hirten lustlos durch das Wohnzimmer und murmelt unentwegt vom fehlenden Ochsen, den er aus bisher ungeklärten Gründen für die wichtigste Figur an der Weihnachtserzählung hält. Sohn II kaut währenddessen auf Maria herum, die sich von Josef seltsamerweise nur durch eine angemalte Schürze unterscheidet. Die Herzdame setzt den geschweiften Stern von Betlehem auf das Dach des Stalls, Sohn I sieht zu und sagt immerhin anerkennend: „Cool, mit Raketenstern“.
Wir balancieren das Ensemble auf das Sofa, damit die Kinder sich alles genau ansehen können, ich hebe an zur genauen Erklärung der einzelnen Figuren, da kommt Sohn II über die Heilige Familie wie Godzilla über Tokio. „Nur Jussuf steht noch“, sagt Sohn I und zeigt auf das Jesuskind, dessen richtigen Namen er wie auch schon im letzten Jahr konsequent verweigert. Das Jesuskind steht in den Trümmern und lacht über beide roten Bäckchen. „Ja“, sage ich, „das nennt man dann das Weihnachtswunder.“ „OK“, sagt Sohn I und nickt. Im Grunde ist es ganz einfach, etwas Tradition zu vermitteln.
Nov
Nov
Nachtrag zur Tristesse-Lesung
by Maximilian Buddenbohm in
Hier die Fotos von Klaus Friese, der auch unser Moderator war, hier der Audiomitschnitt von la23ng, unserem Mann am Ton. Danke an die beiden und an alle die da waren, Dank auch an Axel für die technische Ausrüstung(Manuskripthalter! Hey!) und das Kassieren mit der geradezu hochprofessionell wirkenden Geldschatulle.
Nov
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.
Nov
Ratatazong
by Maximilian Buddenbohm in
Da der November noch nicht unterhaltsam genug ist (wie hier bereits kurz angerissen), wird nun noch das Haus nebenan abgerissen. Das Haus nebenan ist nun nicht irgendein Häuschen, sondern ein ziemlich üppiger Bürokomplex, der, damit es auch richtig Spaß macht, auf unserem Badezimmer aufliegt. Wie das genau gehen soll, das Ding wegzuhauen, ohne unsere Wohnung zu demolieren, das können wir uns noch nicht recht vorstellen, aber, wie zu befürchten steht, wir werden es merken. Immerhin müssen wir nicht sehr lange mit Belästigungen rechnen, die folgende Bauzeit wird nur auf zwei bis drei Jahre veranschlagt. Im Moment sind die Arbeiter anscheinend dabei, das Haus nebenan von innen zu perforieren, jedenfalls kann man es sich fast nicht anders vorstellen. Sie beginnen um 7 Uhr 30, mit dem Preßlufthammer zu arbeiten – und sie hören um cirka 17 Uhr 30 damit auf. Mit etwas Glück machen sie eine kleine Mittagspause. Um 7 Uhr 30 morgens gehe ich aus dem Haus, ich öffne die Tür und der Lärm fängt an. „Bauarbeiter“, sagt Sohn I anerkennend und setzt sich solidarisch einen Helm auf, er findet das Geräusch ganz ansprechend. Seit ein paar Tagen trägt er fast immer Helm.
„JA“, sagt die Herzdame, „SUPER BAUARBEITER“. Die Herzdame arbeitet zu Hause, sie hört den Lärm den ganzen Tag, während die Söhne und ich zumindest ein paar Stunden außer Haus sind. Seit ein paar Tagen spricht sie nur noch in Großbuchstaben mit uns. „Noch ein Kuß, Mama“, sagt Sohn I zu ihr und sie küßt ihn in Großbuchstaben. Ja, das geht. „Schönen Tatatatatatatag“, sage ich. Ich rede im Gegensatz zur Herzdame noch ganz normal, ich passe mich nur allmählich dem dauerhaft vibrierenden Gebäude an. „DANKE“, sagt die Herzdame. Sie gibt mir einen SCHMATZ, ich gebe ihr einen Kukukukukukukuß, wir entdecken ganz neue Formen der Zärtlichkeit, es ist eine Zeit der Freude.
So demoliert der Abriß allmählich unsere Gehirne, einzig Sohn II wirkte bis gestern vergleichsweise unbeeindruckt. Er schläft bei dem Krach seelenruhig ein, er spricht weiter ganz normal, was aber auch kein Kunststück ist, wenn der Sprachschatz gerade mal drei Wörter umfaßt. Ich dachte schon, der Abriß würde ihm nichts ausmachen. Bis er gestern abend mit erstaunlichem Kraftaufwand, dem man einem Einjährigen gar nicht zutrauen würde, eine Fußleiste aus dem Laminat riß und eine Weile über der Schulter durch die Wohnung trug, wobei er noch breitbeiniger ging als ohnehin schon. Kurz darauf warf er im Kinderzimmer den Kaufmannsladen von Sohn I um, bevor er brummelnd ins Bad ging und mit einem Ruck den Duschvorhang abriß. Wir überlegen momentan, ihn morgens nicht mehr in der Kita, sondern einfach auf der Baustelle abzugeben, wo sich auch sein großer Bruder mit dem Helm ganz gut machen würde.
Die Herzdame sagt: „FAST ALLE MEINE VORFAHREN WAREN IM BAUGEWERBE“. „Ja“, sage ich „ das papapapapapaßt schon.“
Werden wir den Abriß mental überleben? Werde ich trotz allem noch weiter Texte produzieren können? Die Spannung steigt. Warten Sie es ababababababab.
Nov
Nov
Weihnachten und so
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn schon alle gerade von Weihnachtsmärkten reden – danach kommt ja unweigerlich Silvester und danach ein komplett neues Jahr, immer wieder faszinierend. Der eine oder andere liest vielleicht aus nun schon guter Tradition – oder auch aus besonderer Leidensfähigkeit heraus – zu dieser Jahreszeit gerne mein Jahreshoroskop. Das erscheint dieses Jahr allerdings nicht an der gewohnten Stelle, sondern in Kürze im Rahmen der Werbekampagne für den neuen Woody-Allen-Fim „Ich sehe den Mann deiner Träume“ auf Facebook. Es gibt da auch ein Gewinnspiel (bis 05.12.), bei dem man Konzertkarten für Woody Allen und Kinokarten gewinnen kann. Wenn Sie schon einmal gucken möchten – hier entlang bitte.
Nov
Nov
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Mit herzlichem Dank an meine Lektorin bei Rowohlt, die mir nach diesem Blogeintrag ein Buchpaket zur Beruhigung schickte. Daraus frisch aufgeschlagen: John Updike: „Fällige Betrachtungen – Essays“. Deutsch von Susanne Höbel.
Essays zu einer erstaunlichen Vielzahl von Themen, über Allgemeines, Reisen, Bücher, Autoren, Kunst, Musik… Und wenn man da so quer liest, kommt man schnell zu dem Schluß, daß man eine so umfassende Allgemeinbildung in diesem Leben wohl nicht mehr erreichen wird. Aber wenn man das Buch durch hat, ist man doch wieder ein klein wenig näher dran, immerhin. Das Buch ist dick und die Themen sind wirklich enorm breit gefächert, ich las zuerst einmal, was mir bekannt vorkam, eine Rezension zu „Im Krebsgang“ von Günter Grass. Sehr fein formuliert, was Updike da über das Buch schreibt, voller Hintergrundwissen und angenehm vorsichtig im Urteil. Wohlwollend, ohne das Buch wirklich zu mögen und dabei wiederum ganz ohne herablassend zu sein, eine sympathische Art, über Literatur zu schreiben. Anders als deutsche Rezensenten, die immer gerne scharf urteilen, sei es positiv oder negativ.
Das Buch erschien zuerst 2007. Ich zitiere einen Absatz aus dem Essay „Büchern den Rücken gestärkt“, in dem es um E-Books geht.
„Wie Umzugsleute und alle, die einmal umgezogen sind, wissen: Bücher sind eine schwere Fracht, das Gewicht von Kühlschränken und Sofas, auf mehrere Kartons verteilt. Ihretwegen zögern wir, bevor wir unsere Adresse ändern. Wer weiß, wie viele ältere Paare beschlossen haben, an Ort und Stelle zu bleiben, weil sie nicht wissen, wohin mit den Büchern. Wie viele Scheidungen abgewendet wurden, wegen der Liebe zur gemeinsamen Bibliothek. Bücher geben uns Bodenhaftung, sie wirken als Gegengewicht zu unserem unbeständigen und flatterhaften Wesen. Im Vergleich dazu mangelt es jedem elektronischen Lesegerät an Substanz. […] Ohne Bücher könnten wir geradewegs in die Luftwellen aufsteigen und wären nichts weiter als ein paar Piepse im All.“
Nov
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
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Woanders
by Maximilian Buddenbohm in
Nov
Gemüsekiste
by Maximilian Buddenbohm in
Viele Menschen haben Gemüsekisten im Abonnement, gar nicht wenige auch in meinem Bekanntenkreis. Einige bestellen so etwas, weil sie Biolebensmittel essen möchten, einige, weil sie regionale Lebensmittel haben möchten. Einige wegen der Gesundheit der Kleinkinder, einige wegen diverser Allergien gegen Zusatzstoffe. Ich habe jetzt nach langer Überlegung auch eine Gemüsekiste bestellt (siehe hierzu auch bei Isa), habe aber eine ganz andere Motivation. Eine Motivation, die ich so von meinen Freunden noch nicht gehört habe, obwohl es doch der einzig vernünftige Grund ist, Gemüsekisten mit ökologischen Hurra-Aufdrucken im Abonnement zu bestellen: Ich muß nie wieder einen Bioladen betreten. Halleluja!
Nov
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und einer von Sven Regener fehlte natürlich noch, man kann so eine Reihe ja schlecht unvollendet im Regal stehen lassen. Also könnte ich eigentlich schon, da meine Regale jeglicher Ordnung entbehren, das würde eh keiner merken, was da fehlt, aber der Gedanke zählt. Nun also „Der kleine Bruder“. Der Roman erschein zuerst 2007, also quasi gestern, und beginnt so:
„Irgendwann war es so dunkel, daß Wolli schwieg. Frank Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange nicht mehr hinhörte, schon kurz hinter der Grenze bei Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und sich aufs Fahren konzentriert, vor allem darauf, die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 100km/h nicht zu überschreiten, denn das war ja schon Wollis Hauptthema zwischen Bremen und Hannover gewesen, daß die einen fertigmachen würden, wenn sie einen dabei erwischten, wie man ihre Geschwindigkeitbegrenzung von 100 km/h ignorierte, [...]“
Nov
Kollege kommt gleich
by Maximilian Buddenbohm in
Nach einer Studie von Accenture waren die Deutschen noch nie so unzufrieden mit der Servicequalität von Dienstleistern wie im letzten Jahr. Man könnte daraus schließen, daß alles immer schlechter wird, es geht sozial bergab mit diesem Land, obwohl es wirtschaftlich doch gerade bergauf geht. Wir behandeln uns gegenseitig immer ungnädiger und zickiger und am Ende essen wir nur noch in Automatenrestaurants, um bloß mit keinem blöden Kellner mehr reden zu müssen. Könnte man denken. Das ist aber falsch, wie ich aus erster Hand weiß. Die Zukunft, sie wird rosig. Menschen in Läden und Restaurants werden sich überschlagen, um uns bedienen zu dürfen. Ich kann das mit Fug und Recht behaupten, ich leite das einfach aus der Haltung der Kinder ab. Da habe ich Beispiele zur Hand, da kann ich beurteilen, wie die Lage ist. Die Kinder von heute werden bekanntlich die Kassierer von morgen, und wenn ich da Sohn I als Muster betrachte, kann ich mich beruhigt entspannen.
Sohn I, der seinen Kaufmannsladen (Spezialität Erbsen in Flaschen) mit einer gewissen Leidenschaft betreibt, spielt in nicht endender Ausdauer mit uns Einkaufen. Verhandelt mit der Herzdame oder mir Preise, jubelt uns die seltsamsten Angebote unter und verschenkt freigiebig Proben aus dem reichhaltigen Sortiment. Normalerweise spielen entweder die Herzdame oder ich mit ihm, da einer von uns beiden immer am Schreibtisch sitzt. Heute waren wir aber zufällig zu zweit in seinem Laden, ein Zustand, der ihn sichtlich merkwürdig beunruhigte. Er brachte das Kassieren erstaunlich hektisch hinter sich und zog mich dann schnell beiseite, um mit mir ein ernstes Wort zu reden. Nämlich über den Weihnachtsmann. Dem es etwas auszurichten galt: „Papa, sag ihm, ich brauche ganz schnell eine zweite Kasse für meinen Laden, weil wenn es wieder einmal so voll wird, dann muß ich doch einen Kollegen rufen können!“
Es geht bergauf mit der Servicequalität, es kann sich nur noch um ein paar Jahre handeln.







