Oktober, 2010 Archives
Okt
Ein Notfall
by Maximilian Buddenbohm in
Vor dem Hamburger Hauptbahnhof steht ein Mann mittleren Alters, dessen flackernde Augen und schaukelnde Haltung auf einen etwas unangemessen üppigen Alkoholkonsum für den frühen Morgen hinweisen. Gepflegte Freizeitkleidung mit sportlicher Note, er sieht aus wie einer jener typischen Hamburgtouristen, die nach einer Nacht auf der Reeperbahn mit einem eklatanten Mangel an Schlaf, Geld, Contenance und Körperbeherrschung aus dem Hotel im Bahnhofsviertel zum morgendlichen Zug zurück in die Heimat in der Provinz schwanken. Der Aufzug leicht derangiert, die Stimmung angeschlagen, aber doch noch in etwa gesellschaftsfähig. Nur daß dieser Mann hier nicht mehr recht vorwärts kommt, sondern mit dem Rücken an der Außenwand des Bahnhofs lehnt und mit sich selbst spricht, wobei er wild gestikuliert und offensichtlich schwierige Fragen abwägt. Zwischendurch ruft er, wenn seine Argumentation in einer Sackgasse endet und er eine Weile mit offenem Mund und stierem Blick in den Himmel schweigend dagestanden hat, wiederholt laut um Hilfe. Und es wird sicher nur an der etwas speziellen Formulierung seines Hilferufs liegen, daß ihn all diese Menschen ignorieren, die um ihn herumgehen, sogar die von der Polizei oder vom privaten Sicherheitsdienst des Bahnhofs, sogar die freundlichen Damen von der Bahnhofsmission, die sonst auch einmal solche Hilferufe wahrnehmen, die nur leise gedacht werden.. Aber dieser Mann hier ruft nicht nach der Polizei, nach einem Arzt oder nach anderem notfalltypischen Beistand. Er ruft in der Stimmlage höchster Verzweiflung nach einem Scheidungsanwalt.
Okt
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Okt
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Ebenso beeindruckend wie tröstlich, daß Simenons Gesamtwerk ein paar Lesejahre reicht. Immer wieder und wieder kann man auf diesen Großmeister zurückgreifen, wenn man gerade nicht recht weiß, auf welcher Fährte man weiterlesen soll. Simenon geht immer. „Die Flucht des Monsieur Monde“, übersetzt von Barbara Heller. Der Roman erschien zuerst 1945 und handelt von einem Mann, der eines Morgens beschließt, seine Frau, seine Kinder und sein Leben zu verlassen und der im Laufe seiner Flucht und seines seltsam trostlosen Neuanfangs zu niederschmetternden Erkenntnissen über die Seele des Menschen und das Zusammenleben kommt. Wolf Haas würde sagen: Schopenhauer nix dagegen. Der Roman beginnt so:
„Es war fünf Uhr nachmittags, vielleicht ein wenig später – der große Zeiger neigte sich leicht nach rechts -, als Madame Monde, begleitet von einem eisigen Luftzug, in den Gemeinschaftsraum des Polizeireviers gestürzt kam. Sie war ohne Zweifel aus einem Taxi gesprungen, vielleicht auch aus einer Luxuslimousine, wie ein Schatten über den Bürgersteig der Rue La-Rochefoucauld geeilt und auf der spärlich erleuchteten Treppe gestolpert. Sie rauschte mit einer solchen Autorität herein, daß sich die anderen Wartenden danach wunderten, wie langsam sich die schmutziggraue, mit einer Selbstschlußvorrichtung versehene Tür wieder hinter ihr schloß, so langsam, daß es durch den Kontrast geradezu lächerlich wirkte.“
Okt
Kleine Hochrechnung nach drei Jahren Erfahrung
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man mit einem Kinderwagen, zwei Kindern und den üblichen Gepäckmengen von typischen Eltern an einer jener für Hamburg leider sehr typischen Treppenfallen hängenbleibt – funktionierende Rolltreppen oder gar Fahrstühle sind hier an S-Bahnhöfen eher eine Kuriosität als eine Regel – dann liegt die Wahrscheinlichkeit, daß der freundliche Mitbürger, der sich nach einer kleinen Ewigkeit und gefühlten tausend vorbeihastenden Menschen endlich erbarmt, und einem dabei behilflich ist, mit Wagen, Kindern und Gepäck die Treppe zu überwinden, ein Mensch mit Migrationshintergund ist, grob geschätzt und eher niedrig angesetzt etwa bei neunzig Prozent.
Wenn man an der Treppe beim Warten auf Hilfe aber angepöbelt wird, weil man gerade im Weg steht und so die termingeplagte Meute mit dem Kinderwagen, dem Nachwuchs und dem Gepäck ein klein wenig am reibungslosen Herumrennen hindert, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Pöbelnde ein Deutscher ist, in etwa hundert Prozent.
Okt
Terminhinweis
by Maximilian Buddenbohm in
Ich lese am 29.Oktober um 19:30 im Lesecafé der Stadtbücherei Heiligenhaus (NRW) aus Buch I, Buch II und dem Blog. Wenn Sie in der Nähe wohnen, freue ich mich, Sie dort zu sehen.
Okt
Besuch
by Maximilian Buddenbohm in
Ein Wochenende im nordostwestfälischen Heimatdorf. Die Herzdame fährt mit den Söhnen und den Großeltern am Nachmittag ins Schwimmbad in der kleinen Stadt in der Nähe, ich bleibe zuhause und stelle ein Projekt fertig. Eine Arbeitsteilung, mit der ich leben kann, schließlich werde ich nicht gerne naß. Die Internetverbindung lahmt und bockt allerdings, Dateien wollen nicht aufgehen, das Notebook und die Maus mögen sich auch nicht mehr, es scheint kein idealer Tag zum Arbeiten zu sein. Ich wandere etwas im Haus umher und sehe mir den regendurchweichten und frühherbstlichen Garten vor den Fenstern an. Zertretene Pflaumen im Gras, windzerfetzte Sonnenschirme.
Da kommt ein Mann den Feldweg entlang auf den Hof zu. Ein alter Mann, er geht an einem Stock. Alt und gewichtig, er trägt einen bedeutenden Bauch vor sich her. Kantige Figur, kräftige Schultern, gerade Haltung. Er setzt die Schritte mit Mühe und Bedacht, er macht alle paar Schritte eine kleine Pause. Schlägt ab und zu kleine Steinchen mit seinem Stock vom Weg in den Graben. Er hat seine Prinz-Heinrich-Mütze tief in die Stirn gezogen, sonst trägt er nur Hose, Hemd und Sandalen, keine Regenjacke, keinen Schirm, keine Stiefel, man ist hier wetterfest, in dieser Gegend. Ich kenne den Mann nicht, aber es wird einer von den alten Bauern aus dem Dorf sein. Er sieht sich den Acker neben dem Weg ganz genau an, stochert auch hier und da einmal etwas mit dem Stock in der braunen, klumpigen Erde, in der überall die welken Halme des längst abgeernteten Weizens stecken. Schließlich kommt er langsam auf den Hof und steuert auf den alten Gartenstuhl bei der Garage zu, der dort steht, weil man von da aus so gut über die Felder sehen kann. Läßt sich ächzend hineinsinken und starrt den Horizont an, hinten, bei dem kleinen Wäldchen. Sonst passiert nichts. Ich sehe mir den Mann an, ich koche mir einen Kaffee, ich hole mir Kekse, der alte Mann sitzt und guckt. Ich trinke meinen Kaffee. Schließlich kommt Uropa aus dem Haus und geht schlurfend zu dem Mann hin, er hat gerade Mittagsschlaf gemacht und ist noch etwas steifbeinig. Er stellt sich neben den Mann, der nicht einmal hochsieht. Uropa sagt „Moin“ und der alte Mann sagt „Jo“, das ist so etwas wie die Essenz des nordostwestfälischen Smalltalks. Sie sehen beide über die Äcker, lange. Dann schütteln sie gleichzeitig den Kopf. Wären sie Briten, sie würden jetzt lange über das Wetter reden. Hier reicht es, gemeinsam den Kopf zu schütteln. Sie sehen noch eine Weile über die Felder, dann wuchtet sich der schwere, alte Mann wieder aus dem Stuhl hoch und lehnt sich auf seinen Stock. Uropa dreht sich um und geht wieder ins Haus, der andere geht langsam, mit bedächtigen Schritten über den Hof zurück zu dem Feldweg, dahin, wo er hergekommen ist. Noch eine halbe Stunde lang kann ich ihn sehen, wie er langsam nach Hause wandert. Ein Regenschauer jagt über ihn weg, nichts an seiner Haltung ändert sich.
Alte Freunde muß man hin und wieder besuchen.
Okt
Okt
Der Feind
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I ist im schönsten Rollenspielalter angekommen. Seine Welt besteht aus Piraten und Rittern, Burgen und Schiffen, Urwäldern voller monströser Tiere, Steinzeitlandschaften mit Dinosauriern und Bärenhöhlen, in die man sich zurückziehen kann, wenn einen die Abenteuer einmal überfordern. Wenn er unter einer Decke sitzt und brummt, dann ist er gerade in einer dieser erholsamen Bärenphasen. Wenn er einen Stock schwingt, ist er wahrscheinlich gerade ein Pirat klar zum Entern, und wenn er eine Schüssel auf dem Kopf hat, spricht man ihn am besten als den Blauen Ritter an, auf etwas anderes hört er dann sowieso nicht mehr.
Aber es gibt natürlich auch Szenarien, die sich Erwachsenen zunächst nicht erschließen, zumal er oft die Rollen und Kulissen mit höchst ungenauen Begriffen und zertrümmerten Sätzen bezeichnet. Man geht als Erwachsener arglos durch die Wohnung und schiebt etwas herumliegendes Spielzeug beiseite, nur um vom hyperventilierenden Sohn I in höchst alarmierter Stimmlage darauf hingewiesen zu werden, daß der dicke Kater, der wo der grüne Mann und im Haus mit den Räubern – Fahrrad! – mit im Kindergarten und dann so BUMM! Woraufhin er einen sehr vorwurfsvoll ansieht, wenn man nicht augenblicklich richtig reagiert. Phasenweise eine durchaus anstrengende Zeit.
Er holt sich die meisten Anregungen aus dem Kindergarten, so daß wir oft eine Weile herumrätseln müssen, worum es aktuell in seinen Gedanken geht. Das ist ganz naheliegend, schließlich tobt er da mit mindestens 12 Kindern herum, die alle seine Ideen mehr oder weniger spielerisch teilen, das befeuert die Phantasie natürlich mehr als die vorlesenden Eltern. Er ist dort mit portugiesischen Kindern zusammen, mit rumänischen, spanischen, türkischen und Gott weiß woher noch, er hat unter anderem auch polnische Erzieherinnen, da kommt natürlich einiges an Geschichten und Mythenvorrat zusammen. Und selbst wenn wir es nicht raten können, was ihn umtreibt, können wir das sicherlich auf sich beruhen lassen, vermutlich gehört es einfach dazu, daß man sein Kind in diesem Alter nur noch begrenzt versteht. Ich werde aber doch einmal im Kindergarten nachfragen, warum das Böse in den Gedanken und Spielen des Sohnes, der Feind schlechthin, das Schwarze Ungeheuer, das namenlose Finstere, das Monster, vor dem wir alle einmal Angst hatten, nicht etwa ein Drache oder ein höllischer Geisterritter ist, ein Räuber oder ein Krokodil – sondern ein großes deutsches U-Boot. Und warum man, wenn das große deutsche U-Boot in Sichtweite kommt, im geflüstertem Verschwörerton fragen muß: „Seid ihr fertig, Männer?“
Okt
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.








