Oktober, 2010 Archives
Okt
Okt
Mit dem Nußknacker nach Heiligenhaus
by Maximilian Buddenbohm in
Ich bin schon ziemlich lange nicht mehr mit dem Zug gefahren, obwohl das meist eine erheiternde Erfahrung ist, jedenfalls solange man es nicht täglich tun muß. Unvergeßlich die beiden alten Damen, die auf meiner letzten Bahnfahrt von Hamburg nach Husum neben mir saßen und über die alten Zeiten in ihrem Dorf auf der Halbinsel Eiderstedt sprachen. Der schöne Satz „Früher war mein Mann ja bei jeder Besamung dabei“ wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Ich lese in Blogs, auf Facebook, Twitter etc. viel von Menschen, die mit dem Zug fahren und dabei seltsame Erfahrungen machen. Das liest sich oft ziemlich absurd und abgründig, vieles klingt übertrieben und allzu abgedreht – würde man nicht hin und wieder selber Bahn fahren, man käme nie darauf, daß die Geschichten alle stimmen können.
Ich fahre quer durch Westfalen, auf der Reise zu meiner Lesung in Heiligenhaus. Ich steige am Bahnhof in der Nähe des Heimatdorfs in den Zug, um mich herum nur unverdächtige Menschen. Geschäftsreisende, Familien, ein paar Jugendliche mit Kopfhörern auf, die auf ihren Handys herumspielen. Geht doch, denke ich, man kann auch einmal ganz normal Bahn fahren, mit ganz gewöhnlichen Mitmenschen. Ich lehne mich zurück und klappe mein Buch auf. Da steigt noch jemand zu.
Ein Mann in mittelalterlicher Gewandung, mit einem folkloristisch üppig anmutenden Vollbart. Er trägt einen Sack über der Schulter. Und setzt sich, daran habe ich keine Sekunde gezweifelt, seit ich ihn in der Tür sah, neben mich. Ich habe Irre immer schon magisch angezogen. Der Sack ist groß und schwer, er stellt ihn neben sich ab. Er fummelt an dem roten Band herum, das den Sack verschließt, macht ihn auf und greift hinein. Holt eine Handvoll Nüsse heraus. Ich sehe aus dem Augenwinkel, daß der ganze Sack voller Nüsse ist, Haselnüsse en masse. Der Mann legt einen leeren Sack neben sich und einen weiteren leeren in seinen Schoß. Dann holt er einen Nußknacker aus seiner Tasche und fängt an, die Nüsse zu knacken. Er knackt eine Nuß, läßt den Kern in den einen Sack fallen und die Schalen in den anderen. Dann nimmt er die nächste Nuß. Nanu, denke ich, was ist das denn. Nüsseknacken als Heimarbeit? Zugarbeit? Verkauft der auf Mittelaltermärkten Nußkerne? Mit einem Schild, auf dem „handgeknackt“ steht? Der Mann arbeitet geradezu aufreizend langsam, wenn es sich hier um einen beruflichen Knacker handelt, dann taugt er jedenfalls nicht viel. Wenn man wollte, könnte man die drei- oder gar vierfache Menge Nüsse knacken, während er langsam eine einzelne Nuß aus dem Sack angelt, gemächlich den Knacker ansetzt, sich einen Augenblick besinnt und dann erst kräftig zudrückt. Vielleicht will er sie selber essen, denke ich, aber Nuß um Nuß wird geknackt, ohne daß auch nur eine in seinen Mund wandert.
Das Geräusch einer geknackten Nuß ist vielleicht ganz heimelig, wenn man vor einem Kamin sitzt und Großvater zwei, drei Nüsse für einen zerlegt – wenn man aber eigentlich lesen will, kann man sich bei diesem Geräusch nicht recht konzenKNACK. Genau genommen ist es ganz unmöglich, dabei zu lesen. Immer wenn man gerade in den Text eintaucht KNACK und man ist wieder draußen. Ich überlege. Man könnte sich beschweren, man könnte ihn ermahnen, man könnte ihn freundlich KNACK. Aber dann denke ich, Menschen, die in mittelalterlicher Gewandung herumlaufen, sind vom Leben schon gestraft genug, was soll ich da noch einschreiten, das Schicksal hat ja bereits auf ihn eingeprügelt. Ich starre in mein Buch und lese verbissen immer wieder den gleichen AbKNACK. Andere Passagiere drehen sich um, das Geräusch nervt hier jeden, der blecherne Musiksound auf fremden Kopfhörern ist wirklich nichts daKNACK. Wütende Blicke von allen Seiten. Der Mann knackt und lächelt, die Arbeit scheint ihn glücklich zu machen. Im Grunde ist es ein ganz normales Geräusch, denke ich, immer noch besser als Reisende, die auf ihrem Notebook seltsame Spiele laufen lassen und überhaupt KNACK. Eigentlich wird das Geräusch erst schlimm, weil er so lange für eine Nuß braucht, überlege ich. Ich bin nun einmal Hektiker, es macht mich wahnsinnig, wieviel Zeit der mit einer einzelnen Nuß zubringen kann, als wäre das KNACK eine seltsam weihevolle Handlung. Auf dem Schild neben seinem Marktstand steht nicht „handgeknackt“, da steht wahrscheinlich „kontemplativ geknackt“, male ich mir aus. Ich sehe aus dem Fenster. GüterslohKNACK.
Eine Frau tippt dem Nußknacker auf die Schulter. Ob er das nicht lassen könne, dieses Geräusch, das würde sie wahnsinnig machen, das wäre wirklich fürchterlich, da helfe nicht einmal Musik aus Kopfhörern, das käme wirklich überall KNACK. Der Mann knackt unbeeindruckt eine Nuß, dann lächelt er sehr freundlich und sagt „Na, wenn es sein muß“. Die Frau bedankt sich und geht wieder zu ihrem Sitz, der verblüffend weit entfernt ist, man muß das Knacken wirklich im ganzen Wagen hören. Ich ärgere mich ein wenig, daß ich nicht längst den Mann gebeten habe, mit dem Knacken aufzuhören, das war ja nun wirklich ganz einfach, kein Widerstand, keine Unfreundlichkeit, nichts. Eine einfache Bitte und fertig. Und ich sitze da und mache mir seltsame Gedanken, statt einfach zu handeln. Das soll mir doch wieder eine Lehre sein, beschließe ich. Ich klappe mein Buch wieder auf und lese den letzten Satz zum zehnten Mal. Der Nußknacker faltet die Hände vor dem Bauch, sein Kopf kippt nach hinten. Sein Mund öffnet sich, er schnarcht. Er schnarcht verblüffend laut. Passagiere aus weit entfernten Sitzreihen drehen sich nach ihm um und gucken wütend.
Ich stecke das Buch ein und wechsel das Abteil.
Okt
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Okt
Zahlen
by Maximilian Buddenbohm in
„Guck mal die beiden da vorne – die sind zu dritt ganz alleine!“
Sohn I ist in dem Alter, in dem Kinder bis Zehn zählen und halbwegs souverän mit Mengenangaben umgehen können. Sehr simple Rechenaufgaben gehen auch schon, besonders wenn sich die Fragen um Anzahlen von Gummibärchen drehen. Wenn nur zwei davon auf dem Tisch liegen, ist ziemlich klar, daß drei besser wären, und dazu fehlt eben noch eines, das ist soweit einleuchtend.
Und zwischendurch hört man dann aber überraschend Sätze wie denn oben zitierten, bei denen man denkt, ach nein, es geht doch alles noch sehr durcheinander in dem kleinen Kopf, bis zur mathematischen Erleuchtung dauert es wohl noch eine Weile. Bis man genau hinsieht, was das Kind da eigentlich meint. Und plötzlich versteht. Da standen nämlich zwei Dreijährige („die beiden“) vor der Kita, neben einem Kinderwagen, in dem ein Baby lag („zu dritt“) – aber die Mutter war gerade weit und breit nicht zu sehen („alleine“).
Alles ganz logisch.
Okt
Hejo
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I hat eine besondere Vorliebe für deutsches Liedgut. Er kann verblüffend viele Texte auswendig und er ist sehr daran interessiert, beständig noch weitere zu lernen. Wann immer die Herzdame oder ich etwas herumträllern, fragt er genau nach, welches Lied das gerade war, wie das hieß, warum er das noch nicht kannte und ob man es nicht bitte jetzt sofort zehnmal wiederholen könne. Englische Popsongs lehnt er bisher kategorisch ab, deutsche Schlager scheinen ihn ebenfalls eher nicht zu interessieren – aber Volks- und Kinderlieder nimmt er wahllos und gierig in sein Repertoire auf.
So lernt man als Erwachsener die ganzen Texte neu oder auch zum ersten Mal, staunt über die vielen zweiten und dritten Strophen, die man nie vorher wahrgenommen hat, aber jetzt endlich nachliest und wird dafür tagelang von den fürchterlichsten Ohrwürmern geplagt. Und hat zwischendurch ganz besondere nostalgische Momente, weil man natürlich zu all diesen Liedern auch Erinnerungen hat. Erinnerungen an den Kindergarten, an die Grundschule, an den Schulchor. An Klassenfahrten, an Omas Geburtstage, an die Kindermusikschule. Unvergeßlich, wie wir in der Grundschulde jeden verdammten Morgen „Im Frühtau zu Berge“ singen mußten, wozu wir, in gerader Linie ausgerichtet, die Arme vor dem offenen Fenster kreisend zu bewegen hatten, um uns so frische Luft in den Klassenraum hereinzukurbeln. Unvergeßlich auch die späteren wochenlangen Versuche eines Französischlehrers, aus einem verstockten Rudel pubertierender Ignoranten eine bühnenfähige Version von „Sur le pont d’Avignon“ für ein Schulfest herauszubekommen. Unvergeßlich, wie ich im Orgelunterricht an einem Monster von Heimorgel wieder und wieder Ännchen von Tharau spielen mußte und nie erfahren habe, wer das denn bloß war.
Und irgendwas war auch an „Hejo, spannt den Wagen an“ unvergeßlich, ich kam nur heute morgen zuerst nicht darauf, was es war. „Denn der Wind treibt Regen übers Land! Holt die goldnen Garben, holt die goldnen Garben“ sang die Herzdame beim Duschen. „Was sind Garben“, fragte Sohn I. „So ging der Text?“ fragte ich und hatte ein seltsames Gefühl dabei. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich pfiff ein paarmal die Melodie nach, ich sang den alten Text, und dann fiel es mir erst wieder ein. Als ich etwa 12 Jahre alt war, da haben wir dieses Lied anders gesungen. Mit anderem Text, mit sehr viel anderen Leuten zusammen und auf der Straße. Damals hieß das: „Hejo, leistet Widerstand, gegen das Atomkraftwerk im Land! Schließt euch fest zusammen…“ Ich sang vergnügt den alten Demo-Text, die Herzdame sah mich erstaunt an. Diese Version kannte sie nicht. „Die andere Version ist aber richtig“, sagte sie kopfschüttelnd. Wir sangen das Lied noch einmal, sie den historischen Text, ich die nicht ganz so alte Version. Sohn I summte unverbindlich die Melodie mit und wartete die weitere Entwicklung vorsichtshalber erst einmal ab. „Es ist ein Volkslied“, sagte die Herzdame entschieden und sang „hejo, spannt den Wagen an…“noch einmal. Ganz langsam, damit der Sohn auch alles mitbekam.“Gut“, sagte ich, „ist ja richtig.“
Ich ging mit den Söhnen zum Kindergarten. Vor dem Haus nahm ich Sohn I auf meine Schultern und sang ihm raunend vor: „Hejo, leistet Widerstand…“ Denn es ist ein Volkslied. „Volkslieder, das sind sind übrigens Lieder, die schon die Väter gesungen haben“, erklärte ich.
Okt
Ausgehtip
by Maximilian Buddenbohm in
Im Altonaer Theater, übrigens gleich neben dem Altonaer Museum, das der Hamburger Senat bekanntlich gerade schließen möchte, läuft noch bis 07. November „Tadellöser & Wolf“. Der Roman von Kempowski wurde von Axel Schneider, dem Intendanten des Hauses, für die Bühne bearbeitet. Das Stück ist, so schreibt das Hamburger Abendblatt, „brav“, und der Rezensent dort meinte das im Sinne von flau und flach. Wie fast immer ist es sehr leicht, mit dem Hamburger Abendblatt nicht einer Meinung zu sein. Mir hat der Abend sehr viel Spaß gemacht. Das Stück ist selbstverständlich eng am Roman, wenn das denn die Definition von brav ist, dann sollten solche Stücke und übrigens auch alle Literaturverfilmungen bitte stets kreuzbrav ausfallen. Das Bühnenbild von Ulrike Engelbrecht beinhaltet diverse erkennbare Gegenstände, wenn das die Definition von brav ist, kann ich damit auch ganz gut leben. Die Schauspieler kamen ohne das Versprühen von Körperflüssigkeiten durch das Stück, auch das halte ich nach diversen anderen Erfahrungen mit großen Hamburger Bühnen für durchaus akzeptabel. Wenn das brav ist, mir ist es recht.
Hannelore Droege in der Rolle der Mutter ist ein Erlebnis, schon dafür lohnt sich übrigens der ganze Abend, und zwar sehr. Ich kannte den Roman, ich kannte den Film, der Theaterabend war dennoch eine vollkommen sinnvolle Ergänzung. Man möchte sich sofort mehr Romane in dieser Art bearbeitet wünschen.
Vor Beginn der Vorführung stand ich mit der Herzdame an der Garderobe und besah mir die Menge der hereinströmenden Gäste. Es war, was mich im Theater in Hamburg immer wieder verblüfft, kaum ein Mensch unterhalb der Rentengrenze zu sehen. Ich bin Mitte vierzig und bestimmt nicht mehr als jung zu bezeichnen, aber hier trug ich doch erheblich zur Senkung des Altersdurchschnitts bei. Sehr seltsam. Als ob Theater eine Seniorenangelegenheit wäre.
Das Publikum gleichwohl liebenswert hamburgisch. Es gibt da eine Stelle im Stück, an der die Mutter der Familie sich über die Bayern wundert, die sie auf ihrer mißlungenen Hochzeitsreise kennengelernt hat. Sie sagt, daß das ja nun alles sehr komische Leute seien und überhaupt: „ … daß das nun auch alles Deutsche sind!“ Als das Stück für die Bühne geschrieben wurde, konnte man sicherlich von Seehofers aktuellen Ausfällen noch nichts ahnen, aber dieser eine Satz sorgte gestern tatsächlich für nicht eingeplanten minutenlangen Szenenapplaus. Da mag man seine Stadt doch wieder sehr.
Okt
Der Supertyp
by Maximilian Buddenbohm in
Als er heute morgen aufwachte, erzählte mir Sohn I, daß der Heilige Martin einmal einen ganz armen Mann getroffen habe, also so richtig arm, mit ohne alles, wobei ihm, also dem Heiligen Martin, dann sehr kalt geworden sei. Und daraufhin habe er seinen Mantel geschreddert, und das war ziemlich nett von ihm. Sohn I nickte nachdrücklich. Er hatte seine etwas stakkatohafte Erzählung schön schräg auf seinem neuen Kinderakkordeon begleitet und ließ den Schluß mit einem langen, dunklen Ton ausklingen. Dann sah er mich nachdenklich an und fragte, was die Geschichte, die ihm da im Kindergarten erzählt wurde, eigentlich soll.
Ich versuchte, mehr als ein halbes Auge aufzubekommen, ich sah zur Uhr, es war fünf Uhr dreißig. Ich habe viele seltsame Interessen, aber die Beschäftigung mit Heiligenlegenden vor dem ersten Kaffee gehört nicht dazu. Das Kind guckte mich fragend an, ich riß mich zusammen. Es ging um Bildung, hier war Einsatz gefordert. Der Heilige Martin also, im Prinzip eine immerhin einfache Geschichte vom Mitleid. Er hat einen Mantel, er hat ein Schwert, der andere friert, Mantel geteilt. Geteilt, nicht geschreddert, übrigens. Voll nett. Geschichte aus. Ich sank zurück in die Kissen. Sohn I sagte: „Was?“
Ich erklärte es noch einmal, ganz langsam. Kleinkindgemäß. Der Heilige Martin auf dem Pferd, ein edler Ritter. Am Straßenrand ein armer Mann, der gar nichts hatte. Einer viel, einer wenig, Teilen. Teilen ist toll. Schwert, Mantel, zack, heilig. So schwer war das ja nun auch nicht zu verstehen. Die Herzdame murmelte schlaftrunken unter ihrer Decke hervor: „Heiliger Martin. Supertyp.“ „Ja, danke“, sagte ich, „vielen Dank für die wertvolle Unterstützung.“ Sohn I sah zwischen uns hin und her und nickte. Er schien es jetzt verstanden zu haben. Fein, dachte ich, wieder ein Kind in christlicher Tradition erzogen, was bin ich wieder auf der Höhe der Zeit. Sohn I faßte die Quintessenz der Geschichte noch einmal zusammen: „Wenn man seine Sachen kaputtmacht, dann ist das sehr nett.“ Er nickte noch einmal. Die Moral war ihm ein Rätsel, aber wenn sein Vater das meinte, dann mußte es wohl auch so sein.
Wenn er den nächsten Reißverschluß an einer seiner Jacken wieder mit roher Gewalt zerlegt und ich böse gucke, wird er mich bestimmt gerne daran erinnern.
Okt
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Okt
Man integriert so vor sich hin
by Maximilian Buddenbohm in
„Was ist denn Döner?“ fragt mich einer der der dreijährigen Kumpel von Sohn I, während ich Abendessen für alle bestelle. „Ein deutsches Nationalgericht“, sage ich. Sohn I sagt, er will lieber Pommes, und ob die auch ein Nationaldings seien. Ja, sage ich, das ist alles urdeutsch, quasi Teil der Leitkultur. Sohn ignoriert das, er hat einen ganz guten Sinn dafür, wenn die Erwachsenen in sinnlose Themenbereiche abschweifen. Hauptsache Pommes. Die chinesische Bedienung in dem türkischen Imbiß packt uns die Dönerkinderteller ein, mit alles aber ohne scharfe Soße, man soll bei der Integration auch nicht übertreiben, schon gar nicht zu Lasten der Kinder, wo kommen wir denn dahin.
„Und jetzt im Chor“, sage ich vor der Tür zu dem Kleinkindrudel, das meinen Plastiktüten gierig nachläuft wie die Ziegen im Wildpark den Besuchern mit dem Futter, „und wie wir es geübt haben!“ Und die gelehrigen Kinder brüllen glockenklar ein vielstimmiges „Döner macht schöner“ durch die Einkaufsstraße und variieren sehr schön Tonhöhe und Rhythmus, bis wir zuhause sind. Die älteren Passanten sehen freundlich auf die lieben Kleinen herab. Es ist aber auch immer zu und zu rührend, wenn alte Volkslieder von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Okt
Sonntagmorgen, frühes Brötchenholen
by Maximilian Buddenbohm in
An dem großen Aschenbecher vor dem Eingang des Hamburger Hauptbahnhofs steht ein Raucher, der sich so tief in seine unförmige, vollkommen überdimensionierte Winterjacke mit Kapuze vergraben hat, daß man nicht einmal erkennen kann, ob es ein Mann oder Frau ist, ob jung oder alt. Krümmt sich vor Husten, taumelt und schwankt. Hält sich am Aschenbecher fest, raucht noch einen Zug. Krümmt sich, hustet wieder, daß man es für das letzte Geräusch seines Lebens halten könnte. Rührt mit der Schuhspitze in seinem Auswurf. Die schwarzen Taxifahrer aus der Frühschicht, die daneben stehen und sich gegenseitig die Weltlage erklären, Zeitungen austauschen und dabei frierend Kaffee trinken, gehen lieber ein paar Schritte weiter weg.
Aus dem Bahnhof kommt mir ein Mann im Geschäftsanzug entgegen. Ein Rollköfferchenmann im Zustand fortgeschrittener Auflösung. Krawatte auf Halbmast, Hemd aus der Hose, der Mantelgürtel schleift auf dem Boden. Er geht sehr schnell und sieht sich häufig um. Ändert plötzlich die Richtung, geht eine Treppe halb hoch, kommt wieder runter. Geht ein paar Meter durch die Halle, dreht sich planlos um sich selbst. Hält sein Handy ans Ohr und brüllt hinein: „Wenn ich es doch aber einfach nicht finde, verdammte Scheiße!“ Er klingt nicht betrunken.
In der Bahnhofshalle am S-Bahngleis etliche blasse, abgekämpfte Jugendliche in Kapuzenpullis, die hier umsteigen, um die Nacht endlich zu beenden. Zurück in die Vorortzüge. Kämpfen gegen die Übelkeit und den Restalkohol, halten sich krampfhaft an Rolltreppengeländern fest, klopfen sich auf die Schultern und berichten Heldentaten. Ey, hassu gesehen, ey. Keine Mädchen dabei. Nur sehr müde Krieger.
Am Croissantstand ein verfrorenes Paar in besserer Abendgarderobe, sie scheinen sich gerade zu verabschieden. Sie will losgehen, er hält noch ihre Hand, küßt ihre Hand. Sie lächelt, sie bleibt stehen. Sie unterhalten sich noch etwas. Dann geht sie wieder einen Schritt zurück, er hebt schon eine Hand zum Winken. Da streichelt sie zum Abschied noch eben seine Wange und er greift unvermutet hektisch nach ihrer Hand, als hätte ihm ein Regissseur aus dem Off ein entnervtes „wird’s bald, du Knallcharge!“ zugerufen. Sie lacht wieder. Nettes Lachen, denke ich, und eine schöne Frau ist es auch. Wenn man mit einer Frau eine ganze Nacht aus war und am Ende so angelacht wird, dann könnte man durchaus in Erwägung ziehen, sie zu küssen. Der Mann küßt wieder und wieder, allerdings bleibt er bei der Hand. Die Frau lächelt und sieht ihn nachdenklich und ein wenig ratlos an.
Okt
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und wieder ab ins 19. Jhdt., da war ich ohnehin verblüffend lange nicht. Ein Buch über eine deutsche Gesellschaft, die nicht merkt, welch große Umbrüche bevorstehen und wie antiquiert ihre Lebensweise ist, das schadet auch gerade nicht, möchte man meinen. Wilhelm Raabe: Abu Telfan oder die Heimkehr vom Mondgebirge. Ein Roman über einen deutschen Kriegsheimkehrer aus Afrika, genau genommen aus einer Gegend neben dem Königreich Dar Fur übrigens, man sieht direkt zweimal hin. Ein Mann kommt also zurück nach Deutschland und kommt in seinem spießigen Heimatort mit dem schönen Namen Bumsdorf nicht mehr zurecht. Das Buch erschien zuerst 1867 und beginnt so:
„An einem zehnten Mai zu Anfange des siebenten Jahrzehnts dieses, wie wir alle wissen, so hochbegnadeten, erleuchteten, liebenswürdigen neunzehnten Jahrhunderts setzte der von Alexandria kommende Lloyddampfer ein Individuum auf dem Molo von Triest ab, welches sich durch manche Sonderlichkeit im bunten Gewimmel der übrigen Passagiere auszeichnete und selbst den an mancherlei Erscheinungen der Menschen und Völker gewöhnten Tergestinern als etwas neues sich darstellte. Ein verwildertes und, trotz der halbeuropäischen Kleidung, aschanti-, kaffern oder mandigohafteres Subjekt hatte seit langer Zeit nicht vor dem Zollhause gesessen und verblüfft umhergestarrt.“
Okt
Vorteil Mann
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I steht am Morgen im Badezimmer und zieht sich seine Unterhose an. Seit er Unterhosen mit Monstern drauf hat, zieht er sie gerne vor einem Spiegel an, damit er auch wirklich alle Monster sehen kann. Er ist sehr stolz auf seine Monsterunterhosen. Die Herzdame steht neben ihm und zieht sich ebenfalls an. Der Sohn vergleicht mit kritisch prüfendem Blick die Unterwäschenmode. „Das ist eine Männerunterhose, oder?“ fragt er die Herzdame und zeigt an sich herunter. „Ja“, sagt die Herzdame, „das ist eine Unterhose für Männer. Oder sagen wir lieber für Jungs.“ „Und das da“, er zeigt auf seine Mutter, „das da ist eine Unterhose für Frauen, ja?“ Die Herzdame verkneift sich pädagogisch korrekt das Lachen und sagt „Genau, das ist eine für Frauen. Und was ist jetzt der Unterschied?“ Der Sohn guckt noch einmal genau hin. Geht einmal um die Herzdame herum, als würde er sich jedes Dessousdetail einprägen müssen, bevor er die Frage korrekt beantworten kann. Dann sieht er wieder auf seine eigene Unterhose. Bunt. Mit Monstern drauf. Und Eingriff. Er guckt wieder zur Herzdame. Denkt nach.
Dann sagt er: „So etwas Tolles tragen Frauen wohl nicht.“
Okt
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Okt
Ausweglos
by Maximilian Buddenbohm in
Ein fast normaler Morgen, wäre da nicht dieses verdächtige Grummeln im Bauch. Ein fast normaler Tagesanfang, würde man nicht den Großteil davon mit der Frage verbringen, ob der Magen sich noch freundlicherweise zu einer Kooperation mit dem Restmenschen entschließen könnte oder nicht. Ein prüfender Blick auf die anderen Familienmitglieder, die sämtlich verblüffend fit wirken. Kurzes Gegrübel über die Frage, was ich gestern als einziger gegessen habe. Spontane Übelkeit bei dem Begriff Kaminwurzen, allein das Wort schon. Ich lese als Sprachfetischist erst einmal nach, wieso das Ding so heißt, die Abbildung neben dem Text gibt mir spontan den Rest.
Eine Stunde später. Ich liege im Bett und sinne meinem kollabierenden Kreislauf nach. Die Herzdame kommt und setzt sich zu mir, sie legt eine Hand auf meinen Bauch und fragt: „Und? Schlimm? Kannst du nicht ins Büro?“ Nanu, denke ich, sollte sie nach all den Jahren doch noch zu einem netten Menschen geworden sein? Das fängt ja früh an, mit dem altersmilden Charakter. „Nein“, stöhne ich, „heute wohl besser nicht.“ „Und du möchtest hier noch ein wenig liegenbleiben?“ fragt die Herzdame und lächelt verdächtig süßlich. An süßlich darf ich aber nicht denken, sonst wird mir wieder schlecht. Ich sehe lieber aus dem Fenster als auf die Herzdame und sage ihr, daß ich in der Tat wohl noch ein wenig liegenbleiben müßte. „Sehr gut“, sagt die Herzdame und ihre Hand auf meinem Bauch übt plötzlich ein ganz klein wenig Druck aus, gerade soviel, daß ich mich lieber nicht aufrichte, „sehr, sehr gut. Dann können wir jetzt ja endlich einmal diese ganzen offenen Fragen zu unserer Steuererklärung durchsprechen.“ Und sie angelt mit der anderen Hand nach einem dicken Ordner, den sie beim Betreten des Zimmers neben das Bett gestellt haben muß.
Es gibt Tage, da hat man einfach verloren.
Okt
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und noch ein Buch, das anscheinend alle schon gelesen haben, nur ich nicht: Sven Regener, Neue Vahr Süd. Ein tröstliches Buch. Immerhin muß die Hauptfigur zur Bundeswehr, weil sie es verpennt hat, rechtzeitig zu verweigern, das nimmt mir endlich das Gefühl, der einzige Mensch zu sein, dem es so erging, das entlastet doch ungemein. Sven Regener ist als Autor ohnehin über jeden Zweifel erhaben, wer die Texte von Element of Crime schreibt, der wird keinen schlechten Roman abliefern, da braucht man nicht lange zu zweifeln. Das Buch ist äußerst unterhaltsam und hat aber leider über 600 Seiten, es hält einen also ernsthaft abends von der Arbeit ab. Schlimm. Das Buch erschien 2004 und beginnt:
„Am letzten Tag, bevor er zur Bundeswehr mußte, war Frank Lehmann in keiner guten Stimmung. Es war der 30. Juni, ein Montag, und er hatte nichts zu tun, es gab nicht einmal irgendwelche Scheinaktivitäten, in die er sich hätte stürzen können, um seine Gedanken vor der unausweichlichen Tatsache abzulenken, daß er sich am nächsten Tag in der Niedersachsen-Kaserne in Dörverden/Barme einzufinden hatte, um dort seinen Dienst als Soldat zu beginnen. Das schöne Wetter machte die Sache nicht besser, im Gegenteil, hätt es wenigstens geregnet, dann hätte er vielleicht zu Hause in seinem Zimmer bleiben können, wäre mit einem Buch und einer Tasse Tee auf seinem Bett liegengeblieben und hätte den Tag vergammelt, aber das ging bei schönem Wetter nicht.“
Und übrigens las ich gerade, daß im Frühjahr auch die „gesammelten Blogs“ von Sven Regener als Buch erscheinen. Das Konzept kommt mir irgendwie bekannt vor.








