September, 2010 Archives
Sep
Das norddeutsche Kind
by Maximilian Buddenbohm in
Regen über Hamburg. Viel Regen sogar. Wir haben eine Dachgeschoßwohnung, wir haben etwas mehr vom Regen als andere Menschen. Man hört den Regen auf dem Dach, man hört den Regen auf den schrägen Fenstern. Es trommelt, es rauscht. Man sieht, wie der Regen in schnellen Sturzbächen an den Scheiben herunterläuft. Knapp unter den Fenstern verläuft die Regenrinne, in der das Wasser faszinierend hoch steht. Würde man hier jetzt Schiffchen fahren lassen, die könnten schon ordentlich Tiefgang haben und unsere Wohnung umsegeln – quasi Insellage. Der Himmel ist bleigrau und tief und wird an den Rändern immer dunkler, obwohl es gerade erst früh am Morgen ist. Die Fahnen auf dem Hotel Atlantic hängen herab wie nasse Lappen, die vergessenen Eimerchen auf dem Spielplatz sind über Nacht ganz vollgeregnet worden und stehen mit Schlagseite im nassen Sand. Die Autos, die unsere Straße hochfahren, lassen das Pfützenwasser aus den Schlaglöchern meterweit auf den Fußweg klatschen. Gelegentlich hören wir schnelle Schritte von der Straße, Menschen, die durch den Wolkenbruch gebückt von Deckung zu Deckung rennen. Aus unseren Fenstern kann man schon gar nichts mehr sehen, so üppig fließt das Wasser daran herunter. „Gummistiefel und Regenjacke, Regenhut und Matschhose“, sage ich zu Sohn I, den ich gleich durch den Weltuntergang in die Kita bringen muß, wonach ich wahrscheinlich wieder ebenso naß wie gerade unter der Dusche sein werde.
Der Sohn sieht von seiner Müslischale hoch, guckt zum Fenster und sagt kopfschüttelnd: „Das sind doch nur ein paar Tropfen.“
Sep
Sep
Kurzdrama
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I: „Papa, ich will basteln.“
Herzdame: „Was sagt er?“
Ich: „Ich glaube, er ruft dich.“
Sep
Sep
Sep
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Ein Buch, auf das ich nur kam, weil ich in einer Rezension aus dem Augenwinkel wahrnahm, daß es in Augsburg spielt – ein guter Grund, es der schönen Nachbarin zu empfehlen, die auch aus der Gegend kommt. Der schönen Nachbarin hat das Buch dann gar nicht gefallen und es wurde mir bald geliehen. Ich habe es mit großer Begeisterung verschlungen und ich habe sogar, was mir sehr lange nicht passiert ist, dem Durchlesen ein paar Stunden Nachtschlaf geopfert. Ein Kinderferiensommer in der Nachkriegszeit wird geschildert, in jener fernen Epoche, als die Kinder noch in großen Horden frei durch die Gegend liefen und erst abends, wenn es dunkel wurde, nach Hause trotteten. Eine wunderbare Sprache, die der Autor hier verwendet, äußerst gelungene Schilderungen der Kinderschar, ihrer Verwicklungen und der dunklen Bedrohungen aus der Erwachsenenwelt, etwa durch den Mann ohne Gesicht, einen rätselhaften Kriegsheimkehrer. Wie die Figuren in der spießigen Augsburger Vorstadtsiedlung zusammenhängen, wie es sich anfühlt, dort Kind zu sein, wie die Erwachsenen durch den Alltag kommen, das wird so dermaßen plastisch geschildert, daß man alles als Film fertig vor sich sieht – zumindest bis zu dem Punkt, an dem man merkt, daß aus diesem Buch so leicht ganz bestimmt kein Film werden kann, aus Gründen, die hier nicht genannt werden sollen. Kein leichtes Buch, ganz und gar nicht, keine heitere Ferienlektüre. Aber meisterhaft erzählt. Lesen Sie nicht die Amazon-Rezensionen, die verraten zuviel von der Handlung und nehmen den ganzen Spaß, wie so oft. Ein grandioses, düsteres Buch. Beziehungsweise, wie die schöne Nachbarin sagte: „Also du hast wirklich einen sehr seltsamen Geschmack.“
Georg Klein: Roman unserer Kindheit. Das Buch erschien in diesem Jahr und beginnt so:
„Es blutet und blutet. Und weil diese Kinder – da mitten in meinem Sommer! – noch allesamt mit starken Augen geschlagen sind, so lange, bis ihnen die aufstrebenden Götter, bis ihnen der kleine Schrecken des Sex und des Schwarzweiß des Fernsehens den Blick lindern werden, sieht der Ältere Bruder das Blut von der Ferse auf den Asphalt tropfen, als liefe ihm eine Wabe seiner Seele aus. Noch tut es nicht weh. Unter der Saugglocke des Schocks spürt er nicht einmal, wie heiß der Granit des Bordsteins an seinem Ellenbogen bereits ist. Weicher als Bärendreck, weicher als die Lakritze, die er allen anderen Süßigkeiten vorzieht, wird der Teer der Fugen in den nächsten Stunden werden. Am Glanz kann man ihm dieses Erweichen schon ansehen. Bald läßt er sich ganz leicht aus seiner Rille heben und schwärzt die Hornhaut der Sohlen auf eine besonders nachhaltige Weise, wenn man barfuß auf ihn tritt.“
Sep
Patchwork
by Maximilian Buddenbohm in
Früher gab es Eltern und Kinder, und die Eltern waren stets ein Paar und die Kinder waren viele. Heute sind die Eltern mal ein Paar und mal auch nicht, und wenn sie gerade keines sind, so doch vielleicht schon morgen wieder, wenn auch in ganz anderer Konstellation. Die Kinder sind nicht mehr so viele, aber in einem erweiterten, patchworkähnlichen Familiensurrogatkonstrukt vielleicht plötzlich doch. Wenn man andere Eltern kennenlernt, braucht man manchmal eine ganze Weile, bis man wirklich verstanden hat, wer da mit wem wie zusammengehört. Das geht Erwachsenen so, das geht Kindern nicht anders. Ein Spielplatzgespräch:
Sohn I: „Wer ist denn der Mann?“
Ich: „Welcher Mann?“
Sohn I: „Der von der Frau.“
Ich: „Von welcher Frau denn?“
Sohn I: „Der von dem anderen Mann.“
Ich: „Äh, welcher andere Mann?“
Sohn I: „Na der andere eben. Mit der Frau. Der anderen.“
Ich: „Was?“
Sohn I: „Wer der Mann ist! Der von der Frau von dem anderen, wo nicht der ist! Mit der Tochter! Von die Frau mit dem Mann, aber nicht seine! Und wo doch der Bruder war!“
Ich: „Das hab ich nicht verstanden.“
Sohn I: „Ich auch nicht. Und wer ist das jetzt?“
Sep
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Im Bild der Hafen von Laboe. Zumindest ein Teil davon. Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online.
Sep
Herr und Hund
by Maximilian Buddenbohm in
Sep
Laboe
by Maximilian Buddenbohm in
Laboe, dazu fällt einem immer nur das bekannte Marineehrenmal ein, das ist so eine Art Zwangsassoziation, so wie man etwa bei Peenemünde erst einmal an Raketen denkt. Erst als wir den Ort wieder verlassen, fällt uns auf, daß wir es gar nicht gesehen haben, dieses Ehrenmal, was immer es nun eigentlich genau sein mag. Der Besuch in Laboe ist schwierig. Sohn I möchte schon bei der Ankunft ein Eis, hat aber gerade erst ein Schokobrötchen gegessen und bekommt daher keines, die Lage ist daraufhin etwas angespannt. Wir gehen vom kleinen Hafen aus am Strand entlang, Sohn I sieht das Meer und möchte baden. Zum Baden ist es aber entschieden zu kalt, die Stimmung verbessert sich dadurch nicht. Am Strand ein sehr in die Jahre gekommener Spielplatz, die Söhne lungern lustlos und schlechtgelaunt am Klettergerüst herum.
Die Herzdame und ich starren links und rechts die Promenade entlang. Kein Coffeeshop weit und breit, kein Balzac, kein World Coffee, nicht einmal ein lausiger Starbucks oder McCafé. Ich verstehe nicht, warum es an der ganzen deutschen Küste nirgendwo vernünftigen Kaffee zu geben scheint, alle Lokale, die Kaffee ausschenken, haben diese speziellen Draußen-Nur-Kännchen-Charme und so schmeckt es dann auch. Heute im Angebot mit Schwarzwälder Kirsch, aber egal, wir hätten gerne einen anständigen Latte Macchiato. Wir kommen aus einer Großstadt, wir sind Eltern, wir sind süchtig. Wir gehen am Strand entlang und halten keinen heißen Pappbecher in der Hand, aus Verzweiflung fassen wir uns sogar gegenseitig an den Händen, in harten Zeiten muß man zusammenhalten.
Aus der Nähe hören wir ein paar absonderlich laute Klänge, wir gehen nachsehen und stehen bald vor dem Pavillon für die Kurkonzerte. Auf der Bühne der wahrscheinlich schlechteste Gospelchor Deutschlands, die Damen können nicht nur nicht singen, sie können auch gut hörbar kein Englisch und sie tragen neonbunte Tücher um den Hals, mehr muß man eigentlich gar nicht wahrnehmen, um sofort die Flucht zu ergreifen. Ich ziehe an der Herzdame, die Herzdame zieht an den Söhnen – umsonst. Sohn II hat schon gesehen, daß die kleine Tanzfläche vor dem Pavillon leer ist und daß man da prima herumlaufen kann. Er nimmt sich einen kleinen herumliegenden Zweig von einer Linde – er braucht etwas in der Hand um frei herumlaufen zu können – und sprintet damit kreuz und quer vor dem seniorigen Publikum auf und ab. Dreht sich um sich selbst, fällt hin, rappelt sich lachend wieder auf, winkt den alten Damen vor ihm kichernd zu, haut einem Herrn im Rollstuhl kameradschaftlich aufs Knie. Kriegt Szenenapplaus, den der Gospelchor beglückt auf sich bezieht und daraufhin gleich noch etwas lauter singt. Ich sage der Herzdame, daß wir weiter müssen, die Herzdame sagt, das Kind habe doch so viel Spaß. Ich sehe mich nach Sohn I um, vielleicht taugt mir der zur Unterstützung, aber der wippt schon bedenklich in den Knien und ist augenscheinlich kurz davor, wie sein Bruder loszustürzen und für die nächste Showeinlage zu sorgen. Dem Dirigenten des Chors wehen im auffrischenden Wind von der See her die Noten weg, er läuft ihnen ein paar Meter hinterher und sagt dann lachend, er könne auch ohne. Man kann nicht immer Glück haben.
Ich sehe mich um. Auf den ersten Stuhlreihen vor der Bühne Rentnerinnen und Rentner in sandfarbenen oder taubenblauen Windjacken, die starr vor sich hinsehen und größtenteils mild lächeln. Dahinter ein paar etwas jüngere Touristen, die eher gelangweilt gucken, aber auch keine Anstalten machen weiterzugehen. Dieser Chor wird hier jetzt geboten, den sieht man sich dann auch an, das ist hier eben so. Dahinter, stehend, einige Elternpaare mit Kleinkindern, die sich die Vorstellung ansehen wie eine Horrorkomödie. Die Kinder winken den Sängerinnen zu und wuseln umeinander, die Eltern reden leise miteinander, zeigen auf den Chor, schütteln die Köpfe und lachen. Es ist kein fröhliches Lachen.
Auf dem DLRG-Turm sitzt eine Möwe und steckt den Kopf ins Gefieder. Der Fischbrötchenmann in der Bude an der Promenade lehnt sich mit verschränkten Armen auf seinen Verkaufstresen und guckt gelangweilt den vorbeiwandelnden Pärchen und Familien zu. An dem Kiosk daneben drehen sich kleine Windräder für Kinder in den Drahtständern an der Bretterwand. Ich gucke auf die Ostsee. Nach rechts hin die offene See, nach links die Verengung zum Hafen. In Travemünde damals war es umgekehrt, nach links die Ostsee und rechts das Land, mir ist, als stände ich verkehrtherum, oder als sei der ganze Ort seltsam verdreht. Ich erkläre der Herzdame, daß der Ort falsch herum sei, weil es doch früher alles anders war, die Herzdame sieht mich an, als sei ich behandlungsbedürftig. Der Gospelchor macht eine Pause. Ich sage Sohn I, daß Eis jetzt vielleicht doch eine gute Idee wäre. Der Eisstand ist praktischerweise ganz hinten, direkt neben dem Parkplatz, wo das rettende Auto steht.
Aber sonst war Laboe ganz nett.
Sep
Eckernförde
by Maximilian Buddenbohm in
In Eckernförde steht eine junge Frau am Strand, die ein blaues Matrosenkleid mit weißem Kragen trägt. Die Frau ist üppig, das Kleid ist knapp, ihr Akzent italienisch. Sie posiert vor den Kameras von Freundinnen, stemmt die Arme in die Hüften, drückt den Busen raus, verwirbelt die Haare. Hinter ihr das Meer, weit draußen ein Kriegsschiff der deutschen Marine. Was immer die jungen Damen genau vorhaben, die Bilder werden spindtauglich sein. Am Strand tummeln sich Kinder auf einem hölzernen Piratenschiff, Erwachsene trinken zu dünnen Latte Macchiato auf den Stufen des Ostsee-Informationszentrums. In der Sonne trägt man noch Badeanzug, im Schatten schon wattierte Jacken, die einen lecken gierig am Eis, die anderen umklammern zittrig Heißgetränke, Saisonende am Strand.
Wir ziehen durch die langgezogene Altstadt und suchen nach einem Lokal, in dem man mit zwei müden Kindern etwas essen kann, ohne beim Rausgehen von hinten erschossen zu werden. Ich neige in solchen Fällen zum Besuch von Imbissen, die Herzdame findet schon den Gedanken daran schauderhaft, wir rätseln am Kompromiß herum. Viele Restaurants, die zu gut aussehen, daneben Fischbrötchenbuden ohne Stühle, nach Pommes riechende Dönerläden oder Bäckereien, die gerade schließen. Schließlich entscheiden wir uns für eine Art Kneipenrestaurant, in dem es auch Pizza gibt – und mehrere Kinderteller. Eines dieser Etablissements, in denen man unwillkürlich langhaarige Menschen mit Bärten vermutet, diese bestimmte Szene aus der Frühzeit der Grünen. Vergilbte Speisekarten, ein paar besondere Biersorten, rustikales Ambiente. Dieser Geruch von Restaurants, in denen ein Steinofen steht. Wände, die in mißlungener Wischtechnik orangegelb bemalt wurden, irgendwo weiter hinten eine italienische Landschaftsszene an der Wand, man ist geneigt, mit dem unfähigen Künstler Mitleid zu empfinden. Personal, das nach studentischen Aushilfen aussieht, auch wenn es hier gar keine Uni gibt. Ein paar vereinzelte Gäste, die wie wissenschaftliche Hilfskräfte aus den Geisteswissenschaften aussehen, warum sollten die nicht auch einmal Urlaub an der Ostsee machen. Ein Kneipenrestaurant, wie es in wahrscheinlich jeder deutschen Kleinstadt zu finden ist. Die ganze Szene des Innenlebens könnte so auch in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts spielen, nur wäre sie dann auch noch kräftig verraucht. Der Rest stimmt schon.
Wir gehen nach hinten durch, aus den Lautsprechern hört man Simply Red. „Hör mal die Musik“, sage ich zur Herzdame, „wenn das Essen hier dazu paßt, nage ich lieber an trockenen Brötchen.“ Die Herzdame steuert eigensinnig einen Tisch an, wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen hat, können sie nur noch Naturkatastrophen von der Durchführung abhalten. Ich sehe mich um und fühle mich äußerst unangenehm an meine Jugend erinnert, dieser Laden hier ähnelt durch seine Stimmung ein wenig dem Tipasa in Lübeck, einer Kneipe, die dem einen oder anderen meiner Generation noch durch einen spektakulären Kriminalfall der ehemaligen Inhaberin in Erinnerung ist. Abendliche Kneipenrunden der Oberschüler in Lübeck, als man endlich auch alleine ausgehen durfte. Verzweifeltes Feilen an der Flirttechnik, schnelles Trinken, gieriges Rauchen, vermeintlich tiefschürfende Gespräche, was für eine elende Zeit. Dieses brennende Hoffen auf Zweierverabredungen, dieses Unwissen, wie man bloß aus der Gruppe heraus zu einem Paar werden sollte. „Fade to grey“ von Visage pfeifen und selber neben anderen verblassen, ohne es recht zu bemerken. Ich denke zurück und fühle mich unwohl.
Sohn I tobt um uns herum durch den Raum, er hat kein Problem mit der Kneipe, er findet immer alles toll, was neu ist. Ich sehe ihm zu und hoffe, daß er später besser als ich in das Liebesleben startet. „In Lübeck damals…“ sage ich zur Herzdame, die mich mit „ja, ja, Opa erzählt vom Krieg. Wir wollen jetzt bestellen“ unterbricht und mir eine Speisekarte in die Hand drückt. Drei Seiten mit Pizzen, man könnte die Namen herunterbeten ohne auch nur einen Blick in die Karte geworfen zu haben. „Was nehmen wir für die Kinder“, fragt die Herzdame, „und wo ist der Große überhaupt geblieben?“ An unserem Tisch ist er jedenfalls nicht, im ganzen Raum anscheinend auch nicht. Ich suche die Hinterzimmer der Kneipe ab, es gibt ein paar mehr davon. Sohn I sitzt mit einem kleinen Mädchen unter einem Billardtisch, sie hören lachend dem Klackern der Kugeln über ihnen zu. Schulter an Schulter sitzen sie da und der Sohn strahlt mich an und sagt: „Sie heißt Lara. Meine neue Freundin.“
Ich habe dann beschlossen, mir vorerst keine Sorgen mehr um sein Flirtverhalten zu machen. Und danach spektakulär schlecht gegessen, wie es sich in solchen Lokalen gehört.
Sep
Bülk
by Maximilian Buddenbohm in
Hätte man mir gesagt, Bülk sei die korrekte Bezeichung für das Abwasser auf Schiffen, ich hätte es wahrscheinlich auch geglaubt. Tatsächlich aber ist der Leuchtturm Bülk im äußersten Westen der Kieler Förde das einzig nennenswerte Gebäude in Strande. Den Leuchtturm kann man sogar besteigen, das ergibt dann diesen Blick. Ich zeige Sohn I von oben die Weite, sie ist ihm völlig egal. Er guckt steil nach unten, wo man ein Karnickel über die Wiese neben dem Leuchtturm hoppeln sehen kann, das ist natürlich viel spannender als ein blöder Horizont mit Wolken. Reines Erwachsenenzeug, so ein Ausblick. Zeigen Sie das Bild besser nicht Ihren Kindern.
Sep
Adda in Strande
by Maximilian Buddenbohm in
Strande, das ist auch so ein kleines Dorf an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, gleich neben Schilksee. Eine Fischbrötchenbude, ein Hotel, ein Yachthafen, ein paar Fischerboote. Im Wappen der Gemeinde ein Großsegel und ein Spinnaker, da weiß man gleich Bescheid. Ein Holzzaun um das Gebäude des Yachtclubs, vollgehängt mit Verkaufsanzeigen für Boote und Zubehör, angepinnte Zettel, die meisten verblichen, mit vom Regen zerlaufener Schrift, eingerissen, halb verweht. „Verkaufe Hundeschwimmweste in XL, kaum gebraucht“ lese ich, das wäre schon eine Geschichte für sich, nur möchte man sie wahrscheinlich gar nicht wissen.
Wir gehen auf einem schmalen Steg raus bis zur Bootstankstelle, um den Kindern dort ein Eis zu kaufen. Eine der kleineren Premieren im Leben, in so einer Tankstelle zu stehen. Eine Yacht macht gerade fest, Sohn I ist hingerissen und sieht begeistert zu. Sohn II nutzt die Gelegenheit um große Stücke aus dem Eis des Bruders zu beißen, überhaupt besteht Sohn II im Wesentlichen aus Hunger, besonders an der See. „Adda“, sagt er und zeigt auf ein kleines Fischerboot, das gerade näherkommt, „Adda!“ Er wirkt etwas aufgeregt, aber das ist ja auch kein Wunder, so oft kommt er nicht ans Meer. Er brabbelt heiter vor sich hin. Mit einem Jahr wird bei Kleinkindern oft aus den spielerischen Silben wie Adda, Lala oder Dada das erste sinnvolle Wort. Nicht nur Mama oder Papa, auch Dinge werden benannt, Nane oder Nana für Banane etwa wäre so ein typisches Beispiel. Es macht Spaß, an den Wortbildungen des Kleinen herumzurätseln, manchmal erwischt man exakt den richtigen Punkt und erlebt die Geburt eines Wortes, manchmal hilft ein wenig deutliches Vorbeten und aus einem einzigen großen A wird plötzlich Ball, einfach so. Sohn II kann Mama und Papa sagen, mehr ist bisher nicht zu vermelden. Allerdings wird er mit der Silbenfolge gerade sehr kreativ, er ist offensichtlich ganz kurz davor, seinen Vokabelschatz zu vervielfachen. „Adda“, sagt das Kind und zeigt auf das Schiff. „Boot“, schlage ich ihm vor, das erscheint mir einigermaßen einfach, das könnte er ja einmal nachsprechen. „Boot, ein Boot“, wiederhole ich und zeige auf den herandümpelnden Kahn. „Adda“ sagt der Sohn, zeigt auch und schüttelt den Kopf. Adda, überlege ich, wie könnte man denn jetzt wohl eine sprachliche Brücke zu Boot oder einem anderen sinnvollen Begriff hinkriegen? Ich bleibe lieber bei Boot und wiederhole den Begriff einfach immer wieder und wieder, bis der Sohn mich genervt ansieht, nach meinem Mund greift und wütend „Adda“ sagt.
Vor ein paar Tagen dachte ich noch, Adda wäre der Begriff für seinen Bruder, während die Herzdame dachte, Adda wäre sein Wort für Hallo, nun ist es anscheinend ein Boot und damit eben doch gar kein Wort sondern einfach nur ein Geräusch. Sein Lieblingsgeräusch. Nun ja. Warten wir eben noch ein wenig bis zu dem magischen Einsetzen des Sprechvermögens. „Adda“, sage ich zur Herzdame, „für ihn ist einfach alles Adda.“
Das Boot war währenddessen nähergekommen und drehte jetzt bei, ein Mann in langen Gummihosen, warf vom Heck aus ein Seil an den Steg. Wir sahen ihm zu, wie er im Schiff hantierte und das Tau verknotete, dann fiel mein Blick auf ein Detail an der Außenwand des Bootes. „Guck mal“, sagte ich zur Herzdame, „das gibt es ja gar nicht.“ Der Blick der Herzdame folgte meinem. „Oh“, sagte sie, und dann sagte sie nichts mehr. „Wenn ich das blogge, das glaubt mir doch kein Schwein“, sagte ich. „Nein“, sagte die Herzdame, „wohl kaum.“ „Ich mach es aber trotzdem“, sagte ich. Ich setzte Sohn II auf die Planken des Stegs, auf denen er wankend stehenblieb und wieder auf das Schiff zeigte. „Adda“, sagte er und sah mich dann fragend an – und er hatte vollkommen recht. Vor uns hatte gerade eben ein Boot angelegt, das auf den seltsamen Namen Adda getauft war, an dem Schriftzug am Heck war überhaupt nicht zu zweifeln.
„Adda“, sagte ich, „da hast du aber ein schönes erstes Wort.“
Sep
Sep
Schilksee
by Maximilian Buddenbohm in
Einer dieser Orte, an denen man nur landet, weil die Familie im Auto meutert und genug von Autobahn und Landstraße hat. Ans Meer, an den Strand, und zwar sofort, warum fährt man sonst schon durch Schleswig-Holstein. Was ist östlich rüber, geradeaus durch? Schilksee. Dann eben Schilksee.
Auf dem großen Parkplatz am Olympiazentrum vereinzelte Wohnmobile, an der Bushaltestelle davor ein Bus mit offener Tür, der Fahrer döst zusammengesunken am Steuer. Kein Verkehr, keine Menschen. Nur ganz hinten eine Frau mit Rollator. Sohn I hat eine Gitarre zum Geburtstag bekommen, die er jetzt aus dem Kofferraum kramt: „Ich geh an den Strand, Musik machen.“ Er trägt die Gitarre über der Schulter wie einen Baseballschläger, er sieht sehr entschlossen aus. „Sohn“, sage ich, „mit Gitarre an den Strand, das war in meiner Kindheit schon peinlich und vorgestern, ich möchte dir entschieden davon abraten.“ Er guckt mich irritiert an und sagt: „Das gehört aber doch so.“ Ich frage die Herzdame wie der Sohn auf Gitarrenmusik am Strand kommen kann, sie hat keine Ahnung. Ich frage die Herzdame, ob sie eine ausgeprägte und mir bisher verschwiegene Hippiephase im Leben hatte, die eventuell in den Genen des Kindes lauern könnte. Sie sagt ja, zweifelt aber die Vererbungstheorie an. „Von mir hat er das jedenfalls nicht!“ sage ich, während die Herzdame versucht, dem Sohn die Mütze zu entreißen, weil sie sie statt eines Hutes oder einer Dose umgedreht vor ihn legen möchte, während er spielt. „Ein paar Münzen könnte es ja geben“, sagt sie.
Vorbei an dem grottenhäßlichen Olympiazentrum und unfaßbar scheußlichen Betonwohnsilos, dahinter ein Stück Strand. Eine kleine Schar Strandkörbe, zwei, drei davon besetzt. Eine Handvoll Kinder in Badehosen, schläfrige Erwachsene, ein sehr kleiner Spielplatz, den man bei Einbruch der Dunkelheit verlassen soll, wie ein Schild streng ermahnt. Ich würde ihn gerne sofort verlassen, aber Sohn I setzt sich hier vor die Wellen und klimpert. Wir setzen uns etwas weiter weg und tun so, als wäre es nicht unser Kind. Der Wind weht Fetzen von „Lalelu“ herüber, er singt der Ostsee ein Schlaflied, wie kitschig ist das denn. Er schlägt die Saiten mit einem Eurostück an, es sieht tatasächlich recht fachmänisch aus, obwohl er die Gitarre erst seit Stunden besitzt. Die ersten Töne von Lalelu scheinen verblüffenderweise auch einigermaßen zu stimmen. „Er ist musikalisch“, sage ich zur Herzdame. „Ja“, sagte sie, „das arme Kind, bei den Eltern.“ Wir sind tatsächlich beide musikalisch wie Betonpoller, er wird es mit uns nicht leicht haben.
Die Frau am Rollator zieht schlurfend vorbei, ich schlage vor, weiterzufahren. Sohn I beendet sein Lied und nickt dann langsam, während er die Gitarre streichelt und an den Dingern dreht, mit denen man die Saiten stimmt.
Falls er später mal ein Superstar wird – es fing in Schilksee an. Gleich neben Kiel. Ausgerechnet.












