September, 2010 Archives

29
Sep

Ratgeberliteratur – jetzt auch in anwendbar

by Maximilian Buddenbohm in

Ich lese so gut wie nie in den zahllosen Ratgebern für Eltern, die einem die richtige Erziehung anhand von pauschalen Regeln vermitteln wollen. Vereinzelt fliegen aber doch ein paar dieser Bücher durch unseren Haushalt, weil die Herzdame die Lektüre dieses Genres ganz amüsant findet. Manchmal unterhalten wir uns natürlich auch über den Inhalt, etwa wenn die Herzdame eine Stelle besonders interessant findet, aber in der Regel spielen diese Werke in unserem Alltag überhaupt keine Rolle.

Gestern saß ich am Computer und grübelte, die Herzdame stand währenddessen im Wohnzimmer, sortierte auf dem Tisch Briefe, Rechnungen, Bücher und Zeitschriften und warf gelegentlich einen Blick auf die Söhne, die um uns herum wild durch die Wohnung wuselten.

Herzdame: „Ich finde, man sollte Kinder da abholen, wo sie stehen.“
Ich: „Äh, was?“
Herzdame: „ Man soll Kinder da abholen, wo sie stehen. Denkst du nicht?“
Ich: „Ist das so eine Superphrase aus einem deiner Ratgeber? Erziehungsliteratur für Profis?“
Herzdame: „Nein, das ist ein freundlicher Hinweis, daß unser Kleiner gerade in der Küche auf der Spüle steht.“

28
Sep

Fairness und Gegenseitigkeit

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame hat den ersten veritablen Hexenschuß ihres Lebens, eine Erfahrung, die nicht eben einfach für sie ist. Erstens tut es höllisch weh, zweitens nutze ich selbstredend die Chance, mich für zehn Jahre Hohn und Spott über meine eigenen Rückenbeschwerden zu revanchieren. Sie kommt mit schmerzverzerrtem Gesicht von einem Arztbesuch zurück, ich bitte sie, während ich auf dem Sofa entspannt in wohliger Lage ein Buch lese, die zahllosen von den Söhnen verstreuten Legosteinchen auf dem Fußboden aufzuheben. Sie sagt, sie wäre nahezu bewegungsunfähig, ich erinnere sie freundlich daran, daß wir noch die schwere Kommode im Kinderzimmer verrücken wollten und frage, ob heute recht sei. Sie gräbt im Schrank nach Schmerzmitteln, ich drücke ihr Sohn II in den Arm, mit dem freundlichen Hinweis, daß er gerne etwas herumgetragen werden möchte.  Man versteht das Prinzip, nehme ich an. Eine herzensechte Partnerschaft sollte eben immer von Fairness und Gegenseitigkeit geprägt sein.

Die Herzdame sucht in der Küche stöhnend nach ihrem Wärmekissen, ich sitze am Computer und arbeite vergnügt vor mich hin.

Ich: „Oh hier, eine Mail von E. Sie sagt, sie könne dir einen Osteopathen empfehlen, für deinen ach so kaputten Rücken.“

Herzdame: „Ach, Osteopathen. Das haben mir schon so viele empfohlen, ich glaube da ja nicht recht dran. Warum sollte ich da hingehen?“

Ich: „Sie schreibt, er sei attraktiv.“

Herzdame: „Steht die Nummer dabei?“

28
Sep

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Eigentlich meide ich Bücher, deren Hauptfigur Schriftsteller ist. Eigentlich ist das eine ziemlich brauchbare Regel,  um endlosen Selbstbespiegelungen zu entgehen und alle Arten von Ratespielchen zu umgehen, ob die Figur nun der Autor selbst sein soll oder nicht. Manchmal mache ich natürlich eine Ausnahme und prüfe, ob die Regel stimmt. Manche Ausnahmen muß man insbesondere bei deutschen Büchern machen, weil man sonst gar keine findet.

Walter Kempowski: Hundstage. Walter Kempowski schreibt als alternder Schriftsteller, der in Norddeutschland auf dem Land lebt, über einen alternden Schriftsteller, der in Norddeutschland auf dem Land lebt. Er beschreibt den Tagesverlauf dieses Mannes minutiös, vollkommen humorfrei und mit einer geradezu entsetzlichen Lust an banalen Details, die durch die gediegene Wortwahl unklar weihevoll aufgeplustert werden. Schrecklich, schrecklich. Erinnert etwas an die gänzlich unerträglichen Tagebücher von Thomas Mann, der empfand im Alter auch irgendwann alles als geheiligt, was seinen Alltag ausmachte.

Der Roman erschien zuerst 1988 und beginnt so:

„Alexander Sowtschik stand am Tor. Er blickte seiner Frau nach. Soeben war Marianne in ihrem Golf die Pappelallee hinuntergefahren und war, von Dorfhunden verfolgt, im Staub der Straße verschwunden. Den ganzen Vormittag über war im Haus herumgelaufen worden. Türenschlagen, treppauf, treppab, dies noch vergessen, das. Nun war alles ausgestanden, nun war alles im Fluß: Marianne würde die Autobahn erreichen und mit größer werdender Geschwindigkeit dahinfahren, immer weiter, immer weiter, dem an langen Winterabenden erarbeiteten Urlaubsziel entgegen: Isle de Camps an der Atlantikküste, weiß Gott weit weg! Das Meer, nicht wahr? Die schäumenden Wogen und im nahen Städtchen ein Lokal, in dem es ungewöhnliche Leckereien zu essen geben würde.“

26
Sep

True Love

by Maximilian Buddenbohm in

Der siebte Hochzeitstag. Die Herzdame und ich gehen abends in ein Restaurant, wozu wir nicht eben häufig kommen. Wir gehen durch eine verregnete Hamburger Hauptstraße, Touristengewimmel um uns herum, lauter Menschen, die ausgehen. Paare, die Arm in Arm gehen, ich nehme die Hand der Herzdame. An einer roten Ampel bleiben wir stehen und drücken uns. Es ist dunkel, wir sind draußen, wir sind zusammen. Zeit für uns. Die Herzdame guckt nachdenklich. Dann fällt ihr etwas ein.

Herzdame: „Verdammt.“

Ich: „Wie meinen?“

Herzdame: „Ich hab gar kein Buch fürs Restaurant mitgenommen.“

Ich: „Oh.“

26
Sep

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Ein Notkauf am Bahnhofskiosk, weil ich in der Stadt eine halbe Stunde auf die Herzdame warten mußte und nichts zu lesen dabei hatte, was natürlich ein vollkommen inakzeptabler Zustand ist. Ferdinand von Schirach: Verbrechen – Stories. Äußerst lesbar, obwohl Bestseller, das kann man ja auch nicht gerade jeden Tag behaupten. Spannend, gut geschrieben, vielleicht ein wenig sehr hard-boiled, aber auf keinen Fall schon im peinlichen Bereich, wie es deutschen Autoren sonst sehr, sehr leicht passiert, wenn sie sich auf diesen knappen, trockenen Stil einlassen. Sehr gelungen, sehr unterhaltsam. Das Buch erschien zuerst 2009 und beginnt gleich mit der besten Geschichte des Buches, „Fähner“, eine Geschichte, die sich schon wegen des letzten Satzes lohnt, aber den gebe ich hier natürlich nicht wieder. Die Geschichte beginnt so:

„Friedhelm Fähner war sein Leben lang praktischer Arzt in Rottweil gewesen, 2800 Krankenscheine pro Jahr. Praxis an der Hauptstraße, Vorsitzender des Kulturkreises Ägypten, Mitglied im Lionsclub, keine Straftaten, nicht einmal Ordnungswidrigkeiten. Neben seinem Haus besaß er zwei Mietshäuser, einen drei Jahre alten Mercedes E-Klasse mit Lederausstattung und Klimaautomatik, etwa 750000 Euro in Aktien und Obligationen und eine Kapitallebensversicherung. Fähner hatte keine Kinder. Seine einzige noch lebende Verwandte war eine sechs Jahre jüngere Schwester, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Stuttgart lebte. Über Fähners Leben hätte es eigentlich nichts zu erzählen gegeben.
Bis auf die Sache mit Ingrid.“

25
Sep

Humtata

by Maximilian Buddenbohm in

In Hamburg, einer Stadt, in der man bis vor kurzer Zeit erfolgreich gegen Kindergärten wegen Lärmbelästigung klagen konnte, gibt es gerade einen kleinen Medienaufruhr um einen findigen Menschen, der eine Schallkanone entwickelt hat, mit der er Jugendliche von einem Bolzplatz vertreibt, der an sein Grundstück grenzt. Er fühlt sich von dem Gegröle der dort herumhängenden Jugendlichen belästigt, von ihren nervigen Handysounds und ihrer sonstigen Geräuschentwicklung. Die Schallkanone sendet einen hohen Ton, den Jugendliche als unangenehm empfinden, während ihn Menschen gestandenen Alters dank früh einsetzendem Hörverlust gerade im hohen Tonbereich oft gar nicht mehr hören können. Der Erfinder dieser Schallkanone heißt, und das ist kein Witz, Herr Qualmann – obwohl es vielleicht doch der beste Witz an der Sache ist. Herr Qualmann hat einerseits bereits Anfragen von etlichen anderen Bürgern, die sich ebenfalls von Jugendlichen belästigt fühlen, andererseits wird er sicher in absehbarer Zeit von irgendwem wegen Körperverletzung verklagt werden.  Eine durch und durch unschöne Situation.

Man kann den Nachrichten der Stadt zurzeit allerdings auch entnehmen, daß Hamburg dramatisch sparen muß. Streichlisten werden veröffentlicht und Etats diskutiert. Museen werden geschlossen, Weihnachtsgelder werden gestrichen, Polizeifahrräder verhökert. Die Liste ist der Einzelposten ist lang, natürlich sind sie alle umstritten. Man mokiert sich aber allgemein und einmütig darüber, daß ausgerechnet das Hamburger Polizeiorchester erhalten bleiben soll. Ein Orchester, das erstaunliche Summen im Jahr verschlingt, wenig einbringt und auch nicht eben oft auftritt – bei irgendwelchen Polizeifesten eben oder bei bunten Nachmittagen in Altenheimen und Krankenhäusern. Dieses Orchester bleibt ausdrücklich auf persönlichen Wunsch des Hamburger Bürgermeisters erhalten. Mehr muß man über diesen Bürgermeister wahrscheinlich auch gar nicht wissen.

Wenn man nun eins und eins zusammenzählen kann, dann kommt man natürlich sofort darauf, daß dieses Orchester mit seinem polizeitypischen Humtatasound verblüffend gut geeignet sein müßte, Jugendliche von Bolzplätzen zu vertreiben. Wenn sich ein Anwohner gestört fühlt, sollte er die Belästigung einfach der Stadt melden. Und dann müßte  umgehend das ganze Hamburger Polizeiorchester – immerhin 35 Mann – aufmarschieren, in schicker Uniform, im schmissigen Gleichschritt und Klassiker wie „Oh when the saints“ schmetternd, vielleicht auch so etwas wie „Rosamunde“ oder den Radetzky-Marsch. Von Körperverletzung könnte dabei überhaupt keine Rede sein, die Jugendlichen wären sicherlich dennoch weg und die gestandenen Erwachsenen könnten sich auch noch an dem frisch intonierten Liedgut ihrer Generation erfreuen. Man könnte für die Auftritte selbstverständlich eine kleine Gebühr nehmen. Die Stadtkasse hätte neue Einnahmen und Herr Qualmann müßte sich nicht mehr an den Grenzen der Strafbarkeit entlang hangeln.

Manchmal erscheint mir alles sehr einfach.

24
Sep

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

24
Sep

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Eigentlich gar keine schlechte Idee, nach und nach all die Bücher zu lesen, zu denen man aus irgendwelchen Gründen nie gekommen ist, obwohl sie Klassiker schlechthin sind und man daher den Inhalt schon zu einem erheblichen Anteil kennt. In dieser Reihe jetzt Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel. Hat man natürlich alles schon gehört, was da passiert, man kennt auch Billy Bone und Long John Silver, man kennt Captain Flint und vielleicht sogar Israel Hands. Man weiß sogar, daß auf der Insel ein Skelett auf den Schatz zeigt – und dennoch macht die Lektüre Spaß – so viel Spaß, daß man geradezu Lust bekommt, das Buch heimlich nachts mit der Taschenlampe unter der Bettdecke durchzulesen. Der Roman erschien zuerst 1881 in einer Zeitschrift. Ich lese die Übersetzung von Karl Lerbs, sie beginnt so:

„Friedensrichter Trelawney, Doktor Livesey und die anderen Herren, die an unseren Abenteuern teilnahmen, haben mich damit beauftragt, die ganze Geschichte von der Schatzinsel aufzuzeichnen, mit allen Einzelheiten, und nichts geheimzuhalten als nur die Lage der Insel – und auch das nur, weil dort noch ungehobene Schätze liegen. So ergreife ich denn im Jahr des Heils 17.. die Feder und wandere im Geiste bis zu der Zeit zurück, da mein Vater noch Wirt der Schenke „Zum Admiral Benbow“ war und der braungebrannte alte Seemann mit der Säbelnarbe auf der Backe zu uns kam, um sich unter unserem Dach anzusiedeln.“

22
Sep

September

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist ein unerwartet schöner Herbsttag auf dem Spielplatz. Die Kinder toben noch einmal ohne Jacken und Mützen auf dem Klettergerüst und den Schaukeln, die Mütter sitzen noch einmal in der kräftigen Nachmittagssonne. Der Latte Macchiato im Pappbecher muß heute nicht bebend umklammert werden, die Finger sind auch so warm genug. Ganz entspannt kann man da sitzen, fast wie im Sommer, der schon sehr lange her zu sein scheint. Nach ein paar verregneten, ungewöhnlich kalten Wochen ist es eine unerwartete Lust, einfach nur wieder draußen zu sein. Das Weinlaub an der Backsteinmauer der Kirche färbt sich schon tiefrot, Spinnwebfäden fliegen durch die milde Luft und zwei Eichhörnchen rennen in fieberhafter Beschäftigung an der Eiche auf und ab. September, wie er sein soll. Die Herbstmode hat etliche der Anwesenden, Kinder und Eltern, in blau-weiß-gestreifte Pullover, Jacken und Schals gekleidet, fast könnte man meinen, es wäre die Uniform des Viertels. Breton-Streifen, wie der Fachmann weiß, man kann hier bei der Zeit gerade etwas über diesen maritimen Look nachlesen. Ein Matrosenverschnitt neben dem anderen. Herbstmatrosen, Modematrosen, Septemberseefahrer. Kein Meer weit und breit, aber die Darsteller wie aus einem Prospekt für den Urlaub in der Bretagne – Nebensaison, versteht sich.

Die Tochter der schönen Nachbarin, nun seit ein paar Wochen ein Schulkind, sitzt auf einer Bank neben der großen Sandkiste und hält ihr Spielzeugnotebook auf dem Schoß. Das Ding ist aus Plastik, es ist quietschgelb und es hat sehr große Tasten, aber es ist doch unverkennbar ein Notebook. Ich stelle mich hinter sie und versuche, über ihre Schulter zu erkennen, was sie damit macht. Sie hält das Notebook in den Händen und dreht es hin und her. Ab und zu hält sie es mit beiden Händen etwas höher, mehr scheint nicht zu passieren, was da auf dem kartonierten Bildschirm passiert, ist ihr jedenfalls egal. „Was machst du da eigentlich“, frage ich schließlich. „Ich locke Jungs an“, sagt sie und sieht sich um, ob nicht endlich jemand der Anziehungskraft des Gerätes erliegt.

21
Sep

Zwei, Drei, Zwei, Drei

by Maximilian Buddenbohm in

Wir haben neulich bei den Kindergeburtstagen natürlich gemerkt, daß der Abstand von zwei Tagen zwischen den Geburtstagen der Söhne wirklich unangenehm ist. Kaum hat man die Trümmer der ersten Party aufgeräumt, feiert man schon den zweiten, womöglich sogar mit den selben Gästen, das ist von Loriot gar nicht weit weg. Ich habe natürlich, Stammleser werden sich erinnern,  alles dafür getan, Sohn II am gleichen Tag geboren werden zu lassen wie Sohn I, aber Monsieur wollte ja unbedingt seinen Kopf durchsetzen und ein eigenes Datum haben. Er ist überhaupt renitenter als sein Bruder, so etwas zeigt sich anscheinend von Anfang an.

Man könnte den beiden natürlich noch jahrelang verschweigen, daß es sich um zwei verschiedene Daten handelt, und  einfach immer alles zusammen feiern, fast wie bei Zwillingen. Man könnte auch die Partys jeweils auf ein anderes Wochenende schieben, um etwas Abstand zu haben, und die Wohnung zwischendurch renovieren zu können. Man hat schon Möglichkeiten. „Und wenn wir einfach noch zwei Kinder im September bekommen“, sagte ich zur Herzdame, „können wir einen ganzen Monat lang jedes Wochenende feiern!“ Die Herzdame schüttelte den Kopf und rückte sicherheitshalber etwas von mir ab, das Gespräch fand im Bett statt.

Tatsächlich ist es übrigens eine schwierige Frage, ob man es nun bei zwei Kindern belassen soll oder nicht. Man sagt, nur noch ganz arme oder ganz reiche Eltern leisten sich drei oder mehr Kinder – die einen, weil es nicht mehr darauf ankommt, die anderen, weil sie Personal haben. Die Mittelschicht dazwischen, die bleibt bei zwei. Man kann das leicht auf jedem Spielplatz verifizieren. Die Frauen, die dort mit drei Kindern gleichzeitig  herumspielen, das sind die Kindermädchen, fast kann man darauf wetten. In unserem kleinen Bahnhofsviertel ist eine größere Wohnung nicht  nur sehr schwer zu bekommen, sie wäre auch sehr schwer zu bezahlen. Den Stadtteil zu wechseln ist für uns – wie für die meisten Hamburger – vollkommen undenkbar. Zumal man für bezahlbaren Wohnraum mittlerweile wahrscheinlich bis Mecklenburg ziehen müßte. Die Kitagebühren für zwei Kinder liegen schon deutlich über 500 Euro, das nennt sich Hamburger Familienpolitik und ist aus irgendwelchen Gründen, die ich vergessen habe, gut gemeint. Wie man also für drei Kinder ausreichend Geld und Zeit haben soll, ist der Herzdame und auch mir, die wir beide selbständig arbeiten, vollkommen unerfindlich. Und schon die Vorstellung, noch ein paar weitere Jahre nachts nicht durchzuschlafen, läßt mich schlagartig dramatisch altern. Es gibt keinen, wirklich überhaupt keinen vernünftigen Grund für ein drittes Kind, alles spricht dagegen.

Mein Bruder wies mich allerdings gerade darauf hin, daß es doch ein schönes sportliches Ziel wäre, die Geburtstagslücke zwischen den beiden Söhnen zu schließen, ein Aspekt, auf den ich noch gar nicht gekommen war. Dann könnte man einfach drei Tage ekstatisch durchfeiern und danach das Thema ein ganzes Jahr lang abhaken. Darüber werden wir gründlich nachdenken müssen. Man kann sich gegenüber einleuchtenden Argumenten ja auch nicht pauschal verschließen. Aber erst einmal ist die Zwei auch eine sehr schöne Zahl.

20
Sep

Neue Dimension der Fremdbestimmung

by Maximilian Buddenbohm in

Wir gehen am Freitagabend aus, weil wir einen Babysitter haben. Und nicht etwa umgekehrt.

17
Sep

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

17
Sep

Bonjour Tristesse, Du alte Hackfresse

by Maximilian Buddenbohm in

Martina Kink, (42), lebt und schreibt in München. Aber erst, seit sie in Rosenheim geboren wurde, in Reit im Winkl aufgewachsen ist, in München das Studium abgebrochen hat, in München als Sekretärin Kaffee gekocht hat und in New York gelernt hat, wo sie hin will.

Isabel Bogdan, geboren 1968 in Köln, studierte Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokyo. Übersetzt seit 10 Jahren Literatur aus dem Englischen und bloggt unter  is a blog über Bücher und das Leben. Außerdem ist sie Vorsitzende des Vereins zur Rettung des “anderthalb”.

Andreas Udluft ist freier Autor in Hamburg. Aufgewachsen in der DDR, war er zunächst Diskotheken-Betreiber, Leichenfahrer und Psychiatrie-Pfleger. Dann Jurastudium und kurze Anwaltstätigkeit, Schreiben für Zeitungen und Zeitschriften. Nach Anstellungen bei verschiedenen TV-Formaten (etwa ”Unter uns”) inzwischen freier Autor fürs Fernsehen (z.B: “Das perfekte Dinner”). Gründungsmitglied der Hamburger Autorengruppe “The Günter Grasses”.

Maximilian Buddenbohm, geboren 1966 in Lübeck, studierte Bibliothekswesen in Hamburg. Heute arbeitet er als Controller für eine Marktforschungsfirma und betreibt nebenbei zusammen mit seiner Frau eine kleine Internetagentur. Er bloggt seit sechs  Jahren über seine Kindheit und Jugend an der Ostsee, seine Frau (die Herzdame) und das Leben mit seinen zwei Söhnen. Schreibt auch Bücher.

Moderation: Klaus Friese.

25.11.2010 ab 20 Uhr im Le Kaschemme, Rendsburger Straße 14, Hamburg Sankt Pauli.

Kommt alle! Der Flyer darf auch gern mitgenommen und anderswo ausgelegt werden.

16
Sep

Vollkorn-Spezial

by Maximilian Buddenbohm in

Morgens auf dem Weg zur Kita. Sohn I reitet auf meinen Schultern, Sohn II, seit vierzehn Tagen auch in der Kita, rasselt vergnügt im Kinderwagen unter der durchsichtigen Plastikabdeckung. Wir schieben durch den Regen. „Zum Bioladen!“ dirigiert Sohn I, auch so ein Wort, das ich mit drei Jahren ganz gewiß nicht kannte, denke ich. Was möchtest du denn da, frage ich ihn, obwohl wir da jeden Morgen hingehen und er natürlich jeden Morgen das gleiche haben will. Rituale müssen sein. Ein Rosinenbrötchen, sagt er. Ich erinnere ihn an unsere Abmachung, daß er ein Rosinenbrötchen nur dann haben kann, wenn er es selbst bestellt und bezahlt, ein wenig Herausforderung darf schon sein. Der Sohn grummelt ein wenig. Wir gehen in den Bioladen, Sohn I sagt von meinen Schultern herab zum Verkäufer: „Ich möchte ein Rosinenbrötchen bitte, aber das muß mein Papa bestellen, weil ich bin doch so schüchtern.“ Gut, sagt der Verkäufer, packt das Brötchen ein und reicht es über den Tresen, das würde er sehr gut verstehen, das sei schon in Ordnung.

„Und für mich ein Vollkorn-Spezial“, sage ich und warte, daß der Verkäufer mir auch eine Tüte gibt. Ich stecke sie ein, um das Brötchen später zu essen, genau genommen auf dem Rückweg von der Kita. „Kein Rosinenbrötchen für dich?“, fragt Sohn I. „Nein“, sage ich, „man kann nicht immer nur Süßes essen. Vollkornbrötchen sind gesund, machen tolle Zähne und super Verdauung, solltest du auch mal essen. Viel besser als dein Zuckerzeug.“ Sohn I beißt in sein Rosinenbrötchen und sagt nichts mehr, leise rieseln mir die Krümel um die Ohren. „Denk mal drüber nach“, sage ich väterlich wohlmeinend und schiebe den Wagen weiter. Ich bringe die beiden zur Kita, gehe wieder nach Hause und esse jetzt erst in Ruhe mein eigenes Brötchen. Und hoffe im Stillen, daß es noch eine ganze Weile dauert, bis Sohn I dahinter kommt, daß „Vollkorn-Spezial“ ein neuerdings zwischen dem Verkäufer und mir vereinbartes Codewort für ein Schokobrötchen ist. Rituale müssen sein.

16
Sep

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Bücher, die man aus eigentlich unerfindlichen Gründen noch nicht gelesen hat, obwohl alle sie gelesen haben, obwohl sie gut sind, obwohl sie in Nachbarklassen sogar auf dem Lehrplan standen, obwohl man den Inhalt schon mitsingen kann, weil er längst zum Allgemeingut geworden ist, auch durch Verfilmung. Seltsam. Walter Kempowski: Tadellöser & Wolff. Mit Kempowski hatte ich früher ein wenig Pech. Als ich mich vor langer Zeit in einem Smalltalkgespräch unter Studenten gegenüber einer höchst attraktiven jungen Frau betont lässig und abfällig über ihn äußerte, obwohl ich ihn nie gelesen hatte, teilte sie mir in nicht eben freundlichen Worten mit, daß sie ihn erstens für ein Genie halte und zweitens gerade seine Assistentin sei. Unsere Beziehung hat sich dann nicht weiter vertieft.

Der Roman erschien zuerst 1971 und ist natürlich ungemein lesenswert. Klare Sache und damit hopp. Für den eigenen Schreibstil ist er aber ein Desaster, weil sich die typischen Wendungen ins Gehirn fräsen und immer wieder abspulen, da ist das Schreiben dann hinterher völlig verbumfeit. Durch solche Bücher muß man schnell durch, dann ist der stilistische Einfluß hoffentlich bald wieder erlederitzt. Gut dem Dinge! Der Roman beginnt so:

„Morgens hatten wir noch in der alten Wohnung auf grauen Packerkisten gehockt und Kaffee getrunken (gehört das uns, was drin ist?). Helle Felder auf den nachgedunkelten Tapeten. Und der große Ofen, wie der damals explodierte. Zu Mittag sollte schon in der neuen Wohnung gegessen werden. Die Zimmerpalme wurde dem Gärtner geschenkt, die würde man nicht mehr stellen können. Wunderbar, wie die sich in all den Jahren entwickelt hatte. Den gelben Onkel nahm man mit, mit dem gab es ab und zu „hau-hau!“ Schön würde es werden in der neuen Wohnung, wir würden schon sehn: zauberhaft. Vom Balkon eine Aussicht – wonnig. Und keine Öfen zu heizen, das war auch was wert.“