August, 2010 Archives
Aug
Aug
Lokalpatriotismus
by Maximilian Buddenbohm in
Im Alter von etwa drei Jahren beginnen Kinder zu erfassen, was an ihrer Heimat das Besondere ist. Sie bekommen mit, was die Erwachsenen wieder und wieder loben, sie verstehen, daß es Touristen gibt, die sich etwas ansehen wollen, sie sehen auf Postkarten an den Kiosken immer wieder die gleichen Motive. Sohn I spricht ganz bewußt nicht von Alster oder Elbe, er spricht von unserer Alster und unserer Elbe. Das Rathaus, Hagenbecks Tierpark, der Fernsehturm, der Hauptbahnhof, das ist alles Hamburg, das ist alles toll, und irgendwie ist es alles auch seins. Erstaunlich aber, daß so kleine Kinder auch schon einen Sinn für Symbolik haben.
Sonntagnachmittag, es regnet in Hamburg, was in diesem Sommer als einigermaßen originell durchgehen kann. Sohn I lehnt sich weit aus dem Kinderzimmerfenster, er ruft mich aufgeregt zu sich und zeigt auf das nahe Dach des Atlantic-Hotels: „Papa, guck mal, guck mal, die Hamburgfahne im Regen – ist das schön!“
Aug
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online.
Aug
Hausapotheke
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn II zahnt. Ein zahnendes Kind ist in aller Regel kein sehr lustiges Kind, und zum Bedauern aller anderen Familienmitglieder ist es meist auch kein leises Kind. So ein Zahn wächst vor sich hin, auch nachts um drei, auch morgens um vier, auch um fünf und so weiter. Das Kind quakt und jammert, es heult und wimmert, es gibt alle nur denkbaren Varianten von Geräusch von sich, nichts davon möchte man gerne hören. Man kann einem zahnenden Kind gekühlte Beißringe geben, die etwa zwei Minuten wirken, man kann es herumtragen und bekaspern, bis man selbst fast ohnmächtig umfällt und delirierend Kinderliedrefrains von sich gibt, man kann –zig verschiedene Sorten wirkungsloser Salben auf das Zahnfleisch auftragen, vorausgesetzt man kriegt überhaupt einen Finger in den wütend verzogenen Babymund, man kann es Veilchenwurzel benagen lassen oder mit Bernsteinkettchen behängen – aber nichts bringt wirklich Erleichterung, wenn man nicht gerade mit den schweren Geschoßen der schmerzstillenden Mittel anfangen möchte, und wer würde das wollen, die braucht man ja noch für ernstere Fälle. Nichts bringt dem Kind Erleichterung – außer einer kleinen, gerne verlachten Heilmethode aus der esoterischen Ecke.
Es ist vier Uhr dreißig, Sohn II wird wach und weint. „Globuli“ sage ich zur Herzdame, „schnell, die Globuli.“ Die Herzdame reicht mir im Halbschlaf die Dose, ich schütte mir ein paar in die Handfläche. Eine Überdosis ist wissenschaftlich gesehen bei homöopathischen Medikamenten ausgeschlossen, mit Nachzählen halte ich mich daher gar nicht erst auf. Ich mache ein wenig Licht an, setze Sohn II auf den Fußboden und verstreue die Globuli großzügig um ihn herum. Er sieht mich freudig überrascht an und fängt dann sehr engagiert an, mit seinen kleinen Fingern, die das präzise Greifen immer noch üben müssen, nach und nach jede einzelne dieser winzigen Kugeln vom Laminat und aus den Teppichfransen zu puhlen. Das ist gar nicht einfach und er braucht dafür lange, eine volle Dosis kann schon einmal eine halbe Stunde oder sogar vierzig Minuten verbrauchen. Eine lange Zeit, in der er vor lauter Konzentration seine Zahnschmerzen vergißt, so sehr ist er mit Feuereifer auf der Jagd nach den Zuckerperlen. Kostbare Zeit, in der alle anderen Familienmitglieder schlafen können. Die meisten Perlen fallen dem Kleinen wieder runter, wenn er sie zwischendurch zum Mund führen will, nach einer Weile kleben sie ihm an allen möglichen Körperteilen, im Kind landen dabei die wenigsten oder gar keine, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Das Kind ist beschäftigt, still und vergnügt. Um den Zahnungsschmerz kümmert es sich erst viel später wieder.
Für uns ist klar: Homöopathie wirkt.
Aug
Hinweis für Nordfrieslandreisende
by Maximilian Buddenbohm in
Apropos Schafbilder. Wir haben uns an der Nordsee belehren lassen, daß die Schafe an der Nordsee in freier Wildbahn am Deich begattet werden, im Gegensatz zu all den anderen Nutztieren, bei denen das ausschließlich im Stall geschieht. Der Widder trägt dabei ein Geschirr, mit dem er das besprungene Schaf sozusagen stempelt, so daß die Hirten erkennen können, welches schon an der Reihe war und welches nicht. Wenn Sie also an der Nordsee einmal hören, daß jemand Stempeln geht, fragen Sie, um Irritationen zu vermeiden, besser nach, ob es sich um einen vollbeschäftigten Widder oder um einen arbeitslosen Menschen handelt.
Aug
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Es gibt viele Methoden, das nächste Buch auszuwählen. Man kann einem Autoren treu bleiben, einem Land, einer Epoche, man kann bewußt wild durch die Kulturgeschichte wechseln, man kann sich seinen Stimmungen hingeben und seltsamen Assoziationen. Man kann aber auch einfach das lesen, was das zahnende Baby gerade vorgibt.
Klingt seltsam, ist aber einfach so: Wenn man ein zahnendes Baby im Dauerheulmodus durch die Wohnung trägt, bis es endlich, endlich einmal einschläft, dann bewegt man sich, sobald seine Augen sich geschlossen haben, in den ersten fragilen zwanzig Minuten des Kinderschlafs tunlichst überhaupt nicht mehr, oder doch nur ganz, ganz wenig. Mit ein wenig Glück ist irgendein Buch im Radius eines Armes oder Beines, das sich mit der Spitze des ausgestreckten Zeigefingers oder des großen Zehs angeln läßt. Dem Baby flackern die Lider, während man sich lang und länger macht, da liest man eben, was gerade erreichbar ist und verzichtet auf die weitere Suche und unnötige Bewegungen.
Michail Bulgakov: Arztgeschichten. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Das Buch beginnt so:
„Wer noch nie im Pferdewagen öde Feldwege entlanggezockelt ist, dem brauche ich nichts darüber zu erzählen, er begreift es doch nicht. Wer es aber schon erlebt hat, den möchte ich nicht daran erinnern. Kurz und gut: Für die vierzig Werst, die die Kreisstadt Gratschowka vom Krankenhaus in Murjewo trennen, brauchten der Fuhrmann und ich genau vierundzwanzig Stunden. „






