Sohn II zahnt. Ein zahnendes Kind ist in aller Regel kein sehr lustiges Kind, und zum Bedauern aller anderen Familienmitglieder ist es meist auch kein leises Kind. So ein Zahn wächst vor sich hin, auch nachts um drei, auch morgens um vier, auch um fünf und so weiter.  Das Kind quakt und jammert, es heult und wimmert, es gibt alle nur denkbaren Varianten von Geräusch von sich, nichts davon möchte man gerne hören. Man kann einem zahnenden Kind gekühlte Beißringe geben, die etwa zwei Minuten wirken, man kann es herumtragen und bekaspern, bis man selbst fast ohnmächtig umfällt und delirierend Kinderliedrefrains von sich gibt, man kann –zig verschiedene Sorten wirkungsloser Salben auf das Zahnfleisch auftragen, vorausgesetzt man kriegt überhaupt einen Finger in den wütend verzogenen Babymund, man kann es Veilchenwurzel benagen lassen oder mit Bernsteinkettchen behängen – aber nichts bringt wirklich Erleichterung, wenn man nicht gerade mit den schweren Geschoßen der schmerzstillenden Mittel anfangen möchte, und wer würde das wollen, die braucht man ja noch für ernstere Fälle. Nichts bringt dem Kind Erleichterung – außer einer kleinen, gerne verlachten Heilmethode aus der esoterischen Ecke.

Es ist vier Uhr dreißig, Sohn II wird wach und weint. „Globuli“ sage ich zur Herzdame, „schnell, die Globuli.“ Die Herzdame reicht mir im Halbschlaf die Dose, ich schütte mir ein paar in die Handfläche. Eine Überdosis ist wissenschaftlich gesehen bei homöopathischen Medikamenten ausgeschlossen, mit Nachzählen halte ich mich daher gar nicht erst auf. Ich mache ein wenig Licht an, setze Sohn II auf den Fußboden und verstreue die Globuli großzügig um ihn herum. Er sieht mich freudig überrascht an und fängt dann sehr engagiert an, mit seinen kleinen Fingern, die das präzise Greifen immer noch üben müssen, nach und nach jede einzelne dieser winzigen Kugeln vom Laminat und aus den Teppichfransen zu puhlen. Das ist gar nicht einfach und er braucht dafür lange, eine volle Dosis kann schon einmal eine halbe Stunde oder sogar vierzig Minuten verbrauchen. Eine lange Zeit, in der er vor lauter Konzentration seine Zahnschmerzen vergißt, so sehr ist er mit Feuereifer auf der Jagd nach den Zuckerperlen. Kostbare Zeit, in der alle anderen Familienmitglieder schlafen können. Die meisten Perlen fallen dem Kleinen wieder runter, wenn er sie zwischendurch zum Mund führen will, nach einer Weile kleben sie ihm an allen möglichen Körperteilen, im Kind landen dabei die wenigsten oder gar keine, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Das Kind ist beschäftigt, still und vergnügt. Um den Zahnungsschmerz kümmert es sich erst viel später wieder.

Für uns ist klar: Homöopathie wirkt.


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