August, 2010 Archives

30
Aug

Extremsituation

by Maximilian Buddenbohm in

Elfundneunzigtausend Einzelteile. Mehr Schrauben als in unseren sämtlichen Ikearegalen zusammen. Eine Aufbauanleitung die aussieht, als solle man mal eben die Schaltzentrale eines Atomkraftwerks zusammenlöten. Nächtliche Arbeitsstunden, damit die Kinder nicht merken, was hier vorbereitet wird. Zwei entnervte Erwachsene, die sich nicht einmal anbrüllen dürfen, wie es angesichts der Lage doch vollkommen angemessen und normal wäre, aber die Kleinen könnten ja wach werden.

Ich sage der Herzdame, daß ich ins Bett möchte, die Herzdame sagt, ich solle still sein und die Teile B12 und C26 in einem rechten Winkel zueinander halten, damit sie endlich die Stangen E3 und E4 daran montieren könne. Ich sage ihr, daß das gar keinen Sinn habe, solange sie nicht 4 Schrauben der Gruppe A finden und bereithalten würde, sie fragt, wo eigentlich die Schrauben seien. Die Schrauben liegen außerhalb unserer Reichweite, einer von uns beiden wird seine mühsam zusammengesteckten Teile wieder hinlegen müssen. Wir starren uns schweigend an und umklammern verbissen, was wir schon sinnig zusammengefügt haben. Minuten vergehen. Nebenan stöhnt ein Kind im Schlaf und bewegt sich, wir lassen  hektisch alles los, springen zur Tür und werfen sie zu. Die angefangene Konstruktion sinkt klappernd in sich zusammen.

Man sagt, über sechzig Prozent aller Ehen mit Kindern scheitern am Aufbau des irgendwann obligatorischen Kaufmannsladens für cirka Dreijährige. Na gut, nur ich sage das – aber egal, vertrauen Sie mir einfach.

29
Aug

Sonntagsspaziergang

by Maximilian Buddenbohm in

Max & Consorten

Und während in Stuttgart die halbe Stadt gegen den Abriß eines bestenfalls mäßig ansehnlichen und begrenzt nützlichen Bahnhofs auf die Straße geht, reißt man bei uns um die Ecke die eventuell älteste Kneipe Hamburgs, Max & Consorten, ab – und keinen interessiert’s. Versteh einer die Welt.

28
Aug

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Nach einem mäßigen Buch braucht man etwas verläßlich Gutes. Keine Experimente mehr, gestandene Erzähler, meisterhafte Stilisten. Einer der besten aus Deutschland, der heute leider kaum noch gelesen wird: Eduard von Keyserling. Vielen dummerweise nur bekannt durch die desaströse Verfilmung seines Romans „Wellen“, aber unbedingt lesbar. Die „Feiertagsgeschichten“ erschienen in Buchform zuerst 2008 und enthalten Texte, die zwischen 1905 und 1916 in Zeitungen erschienen sind. Schon die erste Geschichte, in der eine junge Adelige grandios an dem Versuch scheitert, sich in der Liebe heroisch zu benehmen, ist ein ganz wunderbares Stück. Es beginnt so:

„Mimi setzte sich in ihrer Sofaecke zurecht, ein wenig müde. Ihre Pflicht war getan: Sie hatte den Tee eingeschenkt, sie hatte einem jeden etwas gesagt. Nun saßen sie wohlversorgt um sie her und sprachen. Mimi nahm ihre Teetasse, rückte den Korb mit dem Kuchen näher zu sich heran und begann zu essen und zu trinken. Sie war hungrig. Neben ihr saß die alte Fürstin, dick und weich. Die Schmelzen an ihrem Mantel und Hut klapperten leise, wie bereifte Tannennadeln im Winde. Sie sprach von ihren Enkeln. Sie war gerade bei dem Jüngsten, Egon, der sehr begabt war. Alle Enkel der Fürstin waren sehr begabt. Ihnen gegenüber in dem großen schwarzen Sessel lag die Gräfin Mathilde. Das verstand sie – auch auf dem kleinsten Stuhl goß sie sich hin, als läge sie im Bett.“

27
Aug

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist natürlich vollkommen verständlich, daß ein Verlag seine Produkte in Superlativen beschreibt und anpreist. Man darf es aber doch seltsam finden, daß die Presse sich so oft so begeistert an diesem Spiel beteiligt und verblüffend freigiebig mit Jubeltexten um sich wirft, die bestenfalls mittelmäßige Bücher über den grünen Klee loben. Manche Bücher werden durch diese Superlative in den Besprechungen erst richtig schlecht und wären vielleicht doch ganz nett gewesen, hätte man sie vorher korrekt als ganz nett beschrieben gefunden. Ich habe nichts gegen ganz nette Bücher, ich schreibe schließlich sogar selber welche. Es gibt einen großen Markt für ganz nette Bücher und es gibt überhaupt keinen Grund, sie als Meilensteine der Literatur zu bezeichnen.

Seltsame Jubelarien findet man zum Beispiel für Grégoire Boullier: Ich über mich. „Großartig geschrieben“, „sprühender Humor“, „äußerst amüsant“, höchst unterhaltsam“…

Und dann liest man die ersten zwanzig Seiten, guckt ratlos hoch und versteht die Welt nicht mehr, das Buch schon gar nicht und die Rezensenten erst recht nicht. Nichts ist komisch, nichts ist unterhaltsam, es spritzt nichts, es amüsiert nichts und unter großartig geschrieben stellt man sich auch etwas anderes vor. Die Lektüre ist ein Fall von Interruptus.

Das Buch erschien 2010, wurde aus dem Französischen übersetzt von Oliver Ilan Schulz und beginnt so:

„An einem Sonntagnachmittag kommt plötzlich meine Mutter in unser Zimmer, wo mein Bruder und ich spielen, jeder in seiner Ecke: „Kinder, glaubt ihr, dass ich Euch liebe?“ Ihre Stimme ist eindringlich, ihre Nasenflügel phantastisch. Mein Bruder gibt eine klare Antwort. Ich zögere, eigentlich bin ich erst sieben Jahre alt. Ich bin mir der Gelegenheit bewusst und fürchte zugleich die Folgen. Schließlich murmle ich: „Vielleicht liebst du uns ein bisschen zu sehr.“ Entsetzt starrt mich meine Mutter an. Sie verharrt einen Moment fassungslos, geht zum Fenster, reißt es auf und will sich aus dem fünften Stock stürzen. Vom Lärm aufgeschreckt, erwischt mein Vater sie auf dem Balkon, als sie schon mit einem Bein über dem Abgrund hängt. Meine Mutter heult auf und schlägt um sich. Ihre Schreie erfüllen den Hof.“

27
Aug

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Rainy day  in Hamburg

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

25
Aug

Kleine modische Empfehlung für Leserinnen

by Maximilian Buddenbohm in

„Man sieht wieder viel zu viel Haut“ stellt Kollege Mek hier drüben vollkommen zu Recht fest. Die Erkenntnis des späten Sommers, daß dem nordeuropäischen Menschen der Sommer im Grunde genommen modisch nicht recht steht, das wäre jedenfalls meine Deutung – vielleicht meint er aber auch etwas ganz anderes, das tut hier gar nichts zur Sache. Wie übrigens auch der Winter, wenn wir schon bei Kleidung sind, modisch auch nicht eben vorteilhaft für uns ist. Wir sind kollektiv eher so Übergangsjäckchentypen, das muß einem ja nicht peinlich sein, das kann man einfach mal hinnehmen. Wir sind vom Typ her für Frühling oder Herbst geschaffen. Man merkt das deutlich, wenn der modische Wechsel nach dem Ableben des Sommers oder des Winters einsetzt und man plötzlich alle möglichen Menschen wieder halbwegs schick findet. Herbstmode ist in aller Regel großartige Mode. Natürlich kann man nicht jedes Jahr mit allen Aspekten der Herbstmode einverstanden sein, mal mag man eine Farbbetonung nicht, mal hängt einem das ewige Betonen der ach so der neuen Romantik zum Hals heraus, mal ist einem nicht nach Strick und Wildleder – egal, unter dem Strich ist es doch meist ein erfreulicher Wechsel vom Sommer zum Herbst. Nach diesem speziellen Sommer übrigens, der uns das Wiedersehen mit den Leggins brachte, den untoten Beinwürsten, kann es sowieso nur bergauf gehen. Dachte ich bisher.

Aber nun muß ich, gleich zu Beginn des Herbstes, in aller Deutlichkeit protestieren gegen eine furchtbare Entgleisung, die nicht nur fortgeschrittene Stiefelliebhaber sondern auch andere klardenkende und geschmackvolle Menschen in Zorn versetzen muß: Ankle Boots.  Ich will mich gar nicht lange darüber auslassen, was Ankle Boots mit der Silhouette einer Frau anrichten, wie ungeschickt sie den Blick auf sich lenken, nur um ihn dann zu enttäuschen, wie unfaßbar plump sie nahezu jedes Bein erscheinen lassen. Ich möchte nur eben anmerken: Frauen in Ankle Boots sehen aus wie Rosen in Senfgläsern. Denken Sie mal drüber nach. Nach Möglichkeit noch bevor Sie einkaufen gehen.

22
Aug

Ausflug

by Maximilian Buddenbohm in

Dinopark Münchehagen, ich weiß gar nicht, ob das noch zum wilden Nordostwestfalen zählt oder bereits zu einer anderen Weltgegend. Egal, für Dino-Experten ab etwa drei Jahren ein toller Tagesausflug, man merkt das leicht daran, wie weite Strecken Kleinkinder auf einmal laufen können. Ich finde Dinosaurier eher nicht so spannend wie Sohn I, fand den Park aber auch interessant. Am meisten fasziniert hat mich seltsamerweise die Figur eines urzeitlichen Riesenfaultiers, ich kann mir gar nicht erklären, wie das kommt.

Zahllose Figuren von Sauriern und anderen Viechern, unaufdringliche Erklärtafeln, Abenteuerspielplätze. Außerdem echte Saurierspurn, die man dort in einem Steinbruch gefunden hat. Klingt nicht sehr aufregend, ist es aber dann doch, wenn man davor steht und sehr plastisch sieht, daß da eine Horde Monster entlanggelaufen ist. Empfehlenswerter Ausflug.

20
Aug

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

19
Aug

Bewegung

by Maximilian Buddenbohm in

Ich bin mit Sohn I im Kindersitz ein wenig Fahrrad gefahren, weder sehr weit noch sehr bergauf noch sehr schnell, eine eher gemäßigte kleine Tour im näheren Stadtgebiet. Ich hatte einen Rucksack auf, denn für Kinder braucht man immer Zubehör. In dem Rucksack war nur das Nötigste, also Essen, Trinken, Wechselkleidung, Bücher, Spielzeug, was man eben so braucht, wenn man mit Kind kurz vor die Tür geht. Ich habe den Sohn in den Kindersitz montiert, mich auf das Fahrrad geschwungen und bin fröhlich losgefahren. Nach einer Weile fragte ich mich, wo eigentlich die merkwürdigen Geräusche herkamen und merkte dann, daß es ein halb ersticktes Stöhnen des Kindes war, das hinter mir meinen Rucksack im Gesicht hatte und wenig Chance zur Gegenwehr. Gut, dachte ich, nehme ich den Rucksack eben vor den Bauch. Ich hielt an und drapierte das Gepäck neu. Leider verrutschte mir der vorne getragene Rucksack dauernd, so daß ich ihn mit einer Hand an der Schulter festhalten mußte, außerdem saß er zu tief, so daß ich meine Beine beim Treten ungewöhnlich weit nach außen biegen mußte. Ich fuhr in insgesamt eher fragwürdiger Haltung und trug dabei zur Erheiterung der Passanten bei, aber was tut man nicht alles für seinen Sohn.

Am nächsten Tag hatte ich den Muskelkater meines Lebens und wußte schon nach dem Aufwachen nicht recht, wie ich aus dem Bett kommen sollte, da sowohl die Bauch-, als auch auch die Arm- und Beinmuskeln im fortgeschrittenen Alarmmodus waren und nicht mehr mitspielen wollten. Ich rollte mich aus dem Bett und ins Bad, wo ich mich stöhnend an der Badewanne hochzog und mich stehend langsam stabilisierte. Dabei sah ich mich zufällig im Spiegel und dachte, nein, das kann so nicht weitergehen. Auf keinen Fall. Ich bin noch keine neunzig Jahre alt, aber bereits so verkalkt wie ein Hundertjähriger. Ich bin in einem solchen Ausmaß der Bewegung entwöhnt, daß ich praktisch zu gar nichts mehr in der Lage bin, so kann es beim besten Willen nicht weitergehen. Ich habe drei Berufe und bei allen dreien pappe ich stundenlang am Schreibtisch, wenn das so weitergeht, werde ich komplett versteinern. Ich brauche einen Ausgleich, und zwar sofort.

Dann ging ich erst einmal zur Arbeit, an meinen Schreibtisch. Danach ging ich nach Hause, an meinen anderen Schreibtisch. Ich saß und schrieb, und als später die Kinder im Bett waren ging die Herzdame auch an ihren Schreibtisch, das ist so unser abendliches Freiberufler-Idyll. Sie in dem einen Zimmer, ich in dem anderen. Es wurde spät und später, ich sah auf die Uhr und hätte auch schon bald ins Bett gehen können. Und dann dachte ich: nein! In diese Falle gehe ich nicht. Am Morgen einen Beschluß fassen und abends gleich wieder nachlassen, was ist das denn für eine erbärmliche Haltung. Raus mit Dir, vor die Tür, wenigstens noch ein strammer Spaziergang, eine Stunde Bewegung vor dem Schlafengehen, danach kann man dann mit ruhigem Gewissen schlummern. „Ich geh mal um den Block“, rief ich der Herzdame zu, die „ja, ja“ antwortete ohne auch nur hochzusehen, sie war in ihre Arbeit vertieft und wir sind es eh nicht mehr gewohnt, abends miteinander zu reden.

Ich nahm meine Jacke und schloß die Wohnungstür hinter mir. Ließ den Fahrstuhlknopf ungedrückt und sprang die Treppen hinunter, wenn schon Bewegung , dann sofort. Ich trat vor die Tür und war in zwei Sekunden bis auf die Unterwäsche naß, mein edler Beschluß zur körperlichen Ertüchtigung fiel zufällig in einen anständigen Wolkenbruch. Na und, dachte ich, ist ja nur Regen. Beschluß ist Beschluß! Ich geh jetzt spazieren, und wenn ein Tornado kommt. Man kann sich als Norddeutscher ja nicht ernsthaft vom Wetter aufhalten lassen, dann kommt man hier zu gar nichts mehr. Ich ging. Ich ging immer schneller, ich machte mich gerade und gerader, ich atmete tief durch. Ich sprang über Pfützen. Die Luft war erstaunlich warm, vor den Restaurants auf unserem Stadtteilboulevard Lange Reihe saßen trotz des kübelnden Regens noch sehr viele Menschen draußen unter triefenden Sonnenschirmen und durchgeweichten Markisen. Zusammengekuschelte Grüppchen, in Regenjacken vergraben, trinkend und rauchend. Ich grüßte hier und da einen Bekannten, ich sah in Cafés und Bars, in denen ich seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen war und fragte mich, wann ich überhaupt zum letzten Mal abends einfach so draußen herumgelaufen sei. Weiß der Kuckuck wann, vor drei Jahren? Vor den Kindern. Vor Ewigkeiten! Ich war naß bis auf die Haut, aber bestens gelaunt, den Muskeln tat das Gehen eindeutig gut. Ich ging und ging, erst nach einer Stunde machte ich mich wieder auf den Heimweg, durchnässt aber glücklich. Super, dachte ich, das mache ich jetzt öfter. Viel öfter. Wie schön, wenn man Beschlüsse nicht nur faßt, sondern auch sofort umsetzt! Kernig, wie es sich gehört. Ein Mann, ein Wort, ein Spaziergang.

Ich schloß unsere Wohnungstür auf und sah eine panisch aussehende Herzdame, die im Flur auf und ab lief und ihr Handy ans Ohr hielt. „Hey“, sagte ich, „ich hab Sport gemacht!“ Als sie mich sah, wirkte sie verblüffend erleichtert und nahm mich filmreif in den Arm. Nanu, dachte ich, hier stimmt aber etwas nicht. Die Herzdame, verstand ich nach einer Weile, hatte meinen Abschied gar nicht zur Kenntnis genommen, sie hatte nur irgendwann gemerkt, daß ich nicht mehr am Schreibtisch saß und auch sonst in der Wohnung nicht zu finden war, während draußen gerade die Welt unterging. Der Mann, der mit absoluter Sicherheit jeden Abend am Schreibtisch verbrachte – plötzlich weg. Zwei schlafende Söhne in den Betten, aber kein Mann mehr. Die Herzdame stand an der Balkontür, sah in den Regen und dachte sich, daß kein Mensch bei Verstand freiwillig in dieses Wetter gehen würde. Wo war der Kerl geblieben? Als ich die Tür aufschloß, war sie nach langer Überlegung gerade drauf und dran, die Polizei anzurufen, um sich dort nach mir zu erkundigen. Und da sie sehr froh war, daß ich unversehrt wieder da war, ließen wir die Schreibtische Schreibtische sein und gingen umgehend gemeinsam ins Bett.

Wir merken uns daher als goldene Regel: Sportliche Männer haben mehr Erfolg bei den Frauen.

18
Aug

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Ich finde es ja immer sehr respektabel, wenn sich ein Romanautor so in ein ihm eigentlich fremdes Thema einarbeitet, daß man merkt, der Mann hat jetzt richtig Ahnung. Respektabel, weil der Fleiß fast aus jeder Zeile herauszulesen ist, da hat jemand endlos Zeit am Schreibtisch verbracht und recherchiert. Leute befragt, vielleicht Reisen gemacht, Bücher gewälzt, in Bibliotheken gesessen. Literarisch ist das natürlich keine Leistung, im Gegenteil scheint es so, daß die allzu fleißigen Lerner gerne allzu viele Fakten in ihren Romanen unterbringen, nicht immer zum Gewinn des Ganzen. Nicht jeder ist eben ein Melville oder Zola, die aus Sachwissen Weltliteratur machen konnten.

Als Leser ist mir vollkommen egal, ob jemand zum Beispiel eine Szene auf einem amerikanischen Kriegsschiff durch hundert Fakten absichert oder mir mit drei einfachen Sätzen ein stimmungsvolles Bild liefert, aber eigentlich nicht die leiseste Ahnung hat, wozu die ganzen Geräte auf der Kommandobrücke da sind. Entweder das Ergebnis, die Szene, sagt mir etwas oder nicht. Wenn ich mich für amerikanische Kriegsschiffe wirklich interessieren würde, ich hätte schon längst ein Sachbuch dazu im Regal, aus einem Roman erwarte ich keine Weiterbildung in Sachfragen.

Adam Haslett: Union Atlantic. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Das Buch erschien zuerst 2009 und beginnt so:

„Sie lagen am zweiten Abend im Hafen von Bahrain, als drüben im Admiralstab jemand beschloss, an Bord der Vincennes hätten alle zumindest mal eine Schachtel Zigaretten verdient. Die Geste kam gut an, bis – erst in der Kantine, dann in den Automaten – der Vorrat ausging und unter den Mannschaften und Unteroffizieren rund fünfzig zu kurz Gekommene sich um die einzige Anerkennung dessen betrogen fühlten, was sie durchgemacht hatten. Einige von ihnen strichen vor dem Bordsupermarkt herum, betrunken und deutlich der Meinung, der solle gefälligst aufmachen und das Versprechen einlösen.“

Ein Buch über drei Menschen in Amerika, ein Buch über amerikanische Gesellschaft, über die Finanzkrise und deren Vorgeschichte. Die Szenerie auf dem Kriegsschiff ist nur ein kleines, wichtiges Stück Vorgeschichte. Wobei die Sache mit den Finanzen in den Roman so eingebaut ist wie die Sachgeschichten in die Sendung mit der Maus, man merkt eben doch den Zeigefinger und die sanfte Belehrung, auch wenn es noch so geschmeidig daher erzählt wird. Man möchte den Autor zwischendurch anstupsen und sagen: „Mir doch egal, erzähl lieber weiter.“ Andererseits, wenn man sich zumindest am Rande für Finanzfragen interessiert, ist das Buch mit Sicherheit ein Gewinn. Gerade die eher unredlichen Praktiken werden schon sehr zwingend beschrieben, und, wenn man den Faden behält, auch sehr einleuchtend. Und man ist als Leser, besonders als deutscher Leser, ja auch durchaus dankbar, wenn die Hauptfiguren im Roman durch die Bank normale Berufe haben und nicht Schriftsteller sind.

Einer der drei Hauptfiguren, ein Banker, ist ein veritables Arschloch und ein sehr guter Grund, das Buch durchzulesen. Denn bei der Schilderung dieser Hauptfigur wird man das Gefühl nicht los, daß Arschlöcher genau so sind, wie dieser Mann: genau so kalt, ehrgeizig, skrupellos, ekelhaft. Arschlöcher kommen in modernen Romane meines Erachtens nicht oft genug vor, obwohl sie doch die Welt regieren. Hier gibt es ein sehr schönes Musterexemplar. Man liest die Beschreibungen und denkt alle paar Absätze: Ja, genau, das sind sie, so sind sie – und ich kenne auch welche von der Sorte. Wirklich faszinierend.

16
Aug

Herbst

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist morgens halb sechs, ich stehe auf dem Balkon und sehe auf den Spielplatz. Er liegt noch in dunkelgrauer Dämmerung, der Sand ist noch naß von der Nacht. Zahllose Spinnweben hängen tropfenschwer in den Büschen, es nieselt ganz leicht und in den Baumkronen hockt der Herbst und lauert. In den Häusern ringsum gehen ein paar vereinzelte Lichter an, außer mir stehen noch zwei andere Männer auf den Balkonen und sehen in den Morgen, der schon sehr nach September aussieht. In der Luft ein flüchtiger Geruch von kühlem Wasser, der Wind weht von der Alster her. Herbst, denke ich, auch gut.

Sohn I kommt zu mir und fragt, was ich da gucke. Ich hebe ihn hoch und zeige ihm alles, auch die ersten bunten Blätter in den Bäumen, die er aber nicht sehr spannend findet. Herbst, denke ich, wie wundervoll. Da kann man bald Laterne laufen, sehr schön, das wird den Kindern wieder eine riesige Freude sein. Da kann man Drachen steigen lassen, sofern man einen gebaut hat. Na, sagen wir lieber einen gekauft hat. Man kann durch meterhohe Laubberge rascheln und auf Waldspaziergängen die schönsten Blätter sammeln und mitnehmen, die ganze goldbunte Pracht. Man kann endlich wieder spazierengehen, ohne vorher alles mit Sonnencreme einzusauen, man kann sogar hoffen, daß unsere Dachwohnung irgendwann wieder unter 27 Grad abkühlt. Man kann kuschelige Pullover tragen, mit Gummistiefeln durch Pfützen springen und Kastanien sammeln. Man kann herrliche Eintöpfe kochen, Zwiebelkuchen essen, Federweißen trinken und überhaupt, Herbst ist toll. Denke ich so.

„Sohn“, sage ich, „der Sommer ist fast schon vorbei. Nach Sommer kommt Herbst. Weißt Du, was Herbst ist?“ „Ja“, sagt der Sohn und dreht einen toten Schmetterling in den Fingern, bis er zerbröselt. „Was ist denn im Herbst?“ frage ich sicherheitshalber, denn der Sohn hat es längst raus, Wissenslücken geschickt zu kaschieren. Der Sohn guckt kurz von seinem Schmetterling hoch und sagt: „Im Herbst ist dann danach Weihnachten.“

13
Aug

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

12
Aug

Der gute Klick

by Maximilian Buddenbohm in

Na? Sitzen Sie vielleicht gerade trüben Blicks vor dem Bildschirm, klicken sich lustlos durch die Weiten des Internets und haben moralisch nichts zu bieten? Da habe ich was für Sie.

Gucken Sie mal bitte hier (oder hier ein NDR-Bericht zu dem Fall), machen Sie mit und lassen sich typisieren, das geht vollkommen entspannt per Post von Zuhause aus – und zack, hat das Leben wieder Sinn und alles wird gut. Wenn das kein Angebot ist.

12
Aug

Demnächst

by Maximilian Buddenbohm in

Wir nähern uns dem September, einem Monat, der für die Söhne eine grundlegende Änderung darstellen wird. Sohn II kommt in die Krippe und Sohn I verläßt diese, er wird in den normalen Kindergartenbereich für Dreijährige befördert, auch Elementar-Bereich genannt. Weil Kleinkinder aber noch nicht so genau zuhören und daher manches falsch verstehen, insbesondere Fremdwörter, gehen Sohn I und seine Kameraden allerdings davon aus, daß sie in den Militär-Bereich des Kindergartens wechseln müssen. Sie haben zwar keine genaue Vorstellung davon, was ein Militär-Bereich eigentlich ist, aber an den Reaktionen der Erwachsenen, denen sie aufgeregt davon erzählen, merken sie doch, daß es ein sehr spezieller Bereich sein muß. Sie sehen dem September daher mit etwas gemischten Gefühlen entgegen.

Natürlich werden wir das Mißverständnis zur rechten Zeit aufklären. Aber erst, wenn wir das mit dem aufgeräumten Spind, dem Stillstehen und der superpünktlichen Nachtruhe gründlich durchexerziert haben. Auch Kinder sollten sich auf einen Wechsel der Lebenssituation gut vorbereiten können.

9
Aug

Übrigens

by Maximilian Buddenbohm in

“Kunden, die Bücher von Maximilian Buddenbohm bestellt haben, bestellten
auch: “Barock zum Bügeln.”

Früher bewahrten einen guten Freunde vor ungerechtfertigten Höhenflügen,
heute tun das Onlineshops. Auch recht.