Juli, 2010 Archives
Jul
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jul
Am Nebentisch
by Maximilian Buddenbohm in
Wir saßen beim Portugiesen und frühstückten, als sich ein junger Mann an den Nebentisch setzte. Gutaussehend, gepflegt gekleidet, ein wenig zu förmlich für einen entspannten Sonnabendmorgen vielleicht. Cordsakko, Weste darunter, Oberhemd, Krawatte. Er holte eine Bibel im abgegriffenen Ledereinband aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch, daneben legte er einen ziemlich großen Taschenrechner. Blätterte ein wenig in der Bibel, tippte dann ein paar Zahlen. Bestellte sich einen Milchkaffee, riß das Zuckerpäckchen auf und schüttete den Inhalt sinnend auf die Milchschaumkuppel über dem Kaffee. Beobachtete mit grübelndem Blick, wie der Zucker langsam einsank und unterging, er hatte jetzt die Augen weit aufgerissen und sah seltsam leidend aus, als würde er mit jedem Zuckerkrümel eine verlorenen Seele in einen höllischen Abgrund verschwinden sehen, unwiederbringlich. Er legte die Fingerspitzen zusammen, vielleicht im Gebet, vielleicht nur konzentriert. Na, dachte ich, wenn der mal nicht soeben den Bibelcode geknackt hat und dabei den Weltuntergang errechnet hat. Zumindest guckt er so. Und wenn das hier eine Filmanfangssequenz wäre, dann würde man jetzt garantiert Musik hören, in der man irgendwie gregorianische Gesänge verwurstet hätte und es würde ein ziemlich unheimlicher Film werden.
„Das Ende ist nah“, sagte ich im Verschwörertonfall flüsternd zur Herzdame, die den Scherz aber leider nicht verstehen konnte, weil sie mit dem Rücken zu dem Priester – oder was immer er war – saß. Nein, sagt die Herzdame energisch und leicht gereizt, das Ende sei nicht nah und ich möge doch bitte mit der ewigen Hektik aufhören, sie müsse jetzt erst noch ihren Kaffee in Ruhe austrinken und überhaupt würde ich ihr auf die Nerven gehen und zwar schwer, schon dieses geschwollene Deutsch immer, es sei manchmal wirklich nicht einfach mit mir.
Nun ja. Das Leben ist kein Mystery Thriller.
Jul
Abends
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I kann nicht einschlafen. Das ist auch kein Wunder, denn im Urlaub war er abends immer länger und noch länger auf, und nun soll er plötzlich wieder früh ins Bett, nur weil der Kindergarten wieder anfängt, wie soll das auch gehen. Er liegt im Bett und guckt ratlos an die Decke. Dann sagt er, er müsse noch etwas lesen und holt sich einen riesigen Stapel Bücher ins Bett. Er fängt an zu blättern. Ich gehe an meinen Schreibtisch, das Kind ist jetzt wohl alt genug, um mit der Situation allein zurechtzukommen. Er ruft mir nach und bittet mich, die Tür zu schließen, er möchte von seinen Eltern nicht dauernd beim Lesen gestört werden. Ich denke kurz an all die Kinder, die zum Einschlafen eine offene Tür mit Licht im Flur brauchen und frage mich, was bei uns eigentlich anders ist. Sohn II krabbelt währenddessen an mir vorbei, er kann auch nicht schlafen und hat seinen Platz im Elternbett verlassen, um sich etwas Besseres zu suchen. ”Na”, sage ich, “soll ich dir vielleicht noch eine Milch geben?” Er beachtet mich nicht und krabbelt weiter, zum Kinderzimmer. Richtet sich an der Tür auf und hämmert dagegen. Von innen hört man Schritte, dann geht die Tür einen Spalt auf, der große Bruder guckt nach, was da los ist. Er sieht Sohn II an der Tür lehnen, streckt ihm eine Hand entgegen und sagt: “Na, dann komm rein, mein Kleiner.” Die Tür wird wieder geschlossen. Die Herzdame und ich schleichen uns auf Zehenspitzen an und lauschen dem Gemurmel, das schwach zu hören ist. Eindeutig: Sohn I liest Sohn II vor. Durchs Schlüsselloch kann man erahnen, wie die beiden zusammen in einem Bett sitzen. Natürlich kann Sohn I noch gar nicht lesen, aber er zählt einfach alles auf, was er sich bei unserem Vorlesen gemerkt hat, und das ist eine ganze Menge. Genug jedenfalls, um ein Baby ziemlich lange vollzutexten.
Dieser Eintrag hat keine Pointe, er ist nur ein freundlicher Hinweis am Rande, für all die Eltern, die bisher nur ein Kind haben und noch überlegen. Sollten Sie allerdings bereits drei Kinder haben und ähnliche Idyllen für diese Variante schildern können – erzählen Sie es uns besser nicht.
Jul
Westerhever
by Maximilian Buddenbohm in
Jul
Jul
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jul
Sommerloch
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I und sein Kumpel spielen Fußball mit dem zerbissenen Gummispielzeug eines Hundes, irgendwo auf der dritten Deichlinie der Halbinsel Eiderstedt. Sohn II und sein Kumpel lassen sich dazwischen kichernd deichabwärts rollen, um dann den langen, langen Weg wieder nach oben zurückzukehren. Auf dem Feld gegenüber reifes Korn, dahinter eine Weide, dahinter hört man Schafe. Auf der anderen Seite Kühe, eine davon steht bis zum Euter in einem algengrünen Tümpel, um sich abzukühlen. Wir essen Brötchen mit fingerdick geschnittenen Mettwurstscheiben vom Markt. Eine Wolke von Bienen belagert die Kletterrosen vor den Fenstern unter dem Reetdach. Das Wetter wird ganz, ganz langsam schlechter, wenn es so weitergeht, wird man in wenigen Tagen noch irgendwas mit langen Armen anziehen müssen – wenn man es denn wiederfindet. Dunkel dämmert uns, so etwas einmal besessen zu haben. Die Seite mit dem Wetterbericht baut sich gemächlich und Zeile für Zeile auf dem Bildschirm auf, das Internet ist hier langsam wie eine Wanderdüne. Wir schlagen „Regen“ im Lexikon nach und erinnern uns.
Und mehr ist gerade nicht los.
Jul
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jul
Übrigens
by Maximilian Buddenbohm in
Als Hanseat kann man seine Verachtung gegenüber Kleinstädten einfach dadurch zum Ausdruck bringen, daß man in kurzen Hosen in ihnen herumläuft.
Jul
Zusammenhänge
by Maximilian Buddenbohm in
Wir fahren mit den Söhnen etwa einmal im Monat ins Heimatdorf, sie haben also eine reelle Chance, den Wechsel der Jahreszeiten auch aus der ländlichen Perspektive zu erleben, mit Natur und Grünzeug. Schließlich sollen die Kinder nicht erst in der Schule erfahren, was ein Schwein ist oder daß die Kuh für die Milch zuständig ist oder daß Äpfel von einem Baum kommen. Da es hier ringsherum noch ziemlich viel Landwirtschaft gibt, kann man erfreulicherweise einiges vorführen, hier wirkt manches noch ganz so wie in einem funktionierendem Dorf, mit all den Treckern und Ställen.
In der Gluthitze des Nachmittags fährt ein Mähdrescher über den Acker neben dem Haus der Großeltern, wir stehen in einer riesigen, goldenen Staubwolke und sehen zu. „Mähdrescher“, sagt Sohn I fachmännisch, „sehr groß und sehr laut.“ „Und“, frage ich, „was macht der Mähdrescher denn da?“ „Erntet Getreide“ sagt der Sohn zu meiner Verblüffung, so viel Fachwissen habe ich ihm noch gar nicht zugetraut. „Oha“, sage ich, „du kennst dich aber gut aus.“ Der Sohn nickt. Er zeigt auf den Mähdrescher, der jetzt stehen bleibt. „Da sind jetzt die Körner drin“, erklärt er mir. Dann zeigt er auf weiter hinten gelegene Felder, auf denen das Getreide noch steht: „Und da hinten muß er noch hin. Und da und da.“ Er steht etwas breitbeinig, wie immer, wenn er auf dem Land ist, er hat seine Schirmmütze tief in die Stirn gezogen und kaut auf einem Grashalm. Wenn er auf dem Land geboren worden wäre, er würde sich auch nicht besser auskennen. „Weißt du denn auch, was aus dem Korn gemacht wird, das der Mähdrescher da erntet?“ Ich bin mir fast sicher, daß er es weiß, diese unschlagbare Mischung aus Bilderbüchern, eigener Anschauung und Opas Erzählungen scheint ja wahre Wunder zu wirken. Der Sohn sieht mich an, als würde ich sehr, sehr dumme Fragen stellen. „Ja“, sagt er, „das weiß ich schon.“ „Und“, frage ich, „ was denn?“ Der Sohn kaut geruhsam auf seinem Grashalm, spuckt ihn schließlich aus und sagt: „Daraus macht man Bäcker.“
Jul
Abends
by Maximilian Buddenbohm in
Ich: “Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.”
Sohn I: “Wieso, bist du schon müde oder was?”
Jul
Abgebrannt
by Maximilian Buddenbohm in
Der eine oder andere wird es schon mitbekommen haben, daß einer Düsseldorfer Bloggerin (Alphamama/Melody) die Wohnung abgebrannt ist und der gesamte Besitz dabei verlorenging. Die Familie kam knapp mit dem Leben davon. Den Rest können Sie selbst nachlesen und natürlich auch eine Handvoll Euro spenden. Ein paar Euro mehr als diese Familie haben wir mit Sicherheit alle gerade. Gucken Sie mal hier.
Vielen Dank!
Jul
Entfremdung
by Maximilian Buddenbohm in
Der Titel läßt es bereits ahnen, das Leben mit Kindern besteht nicht nur aus Sonnenschein und fröhlichen Stunden, es gibt auch durchaus ernstere Themen, denen man sich nicht immer entziehen kann. Ab und zu, denke ich, kann so etwas auch den Lesern hier zugemutet werden. Sonst entsteht am Ende ein ganz falscher Bilderbucheindruck vom Familienleben, wie es niemals war und niemals sein kann. Fangen wir dezent mit dem Hinweis an, daß Kleinkinder nicht nur durch lustige Einfälle verhaltensauffällig werden. Nein, manchmal würde man das, was sie umtreibt, bei Erwachsenen sofort als therapiebedürftig benennen und ohne zu zögern einen namhaften Experten empfehlen. Sohn I zum Beispiel hat gerade einen ausgeprägten Farbwahn und bewertet seine Umwelt sehr streng und konsequent nach ihrer Buntheit. Lila kommt dabei am besten weg, was lilafarben ist, das kann nicht ganz schlecht sein – und nicht nur das! – nein, es ist sogar so: Was lilafarben ist, das muß gut sein. So ein Spleen läßt sich gerade in diesem Jahr modisch noch halbwegs umsetzen, bei der Wahl der Bücher wird es schon etwas schwieriger, bei Plastikspielzeug fast unlösbar und bei der Ernährung stand er mehrere Tage vor einem ziemlich ernsten Problem. Bis er den Heringssalat entdeckte, ein Lebensmittel, bei dem man nicht sofort vermutet, daß es Kleinkindern überhaupt schmecken könnte. Sohn I aber sah die Packung im Kühlschrank, machte den Deckel auf, sah die Farbe und sagte „schmeckt gut“. Ohne zu probieren oder auch nur daran zu riechen. Seit fünf Tagen schon lebt er jetzt hauptsächlich von Heringssalat, wir haben ein glückliches Kind am Tisch und warten geduldig auf den Tag, an dem sich die Ernährung auf seinen Teint oder seine Haarfarbe auswirken wird.
Mit einem solchen Spleen könnte man vielleicht noch leben und hoffen, daß es sich in wenigen Wochen wieder von selbst geben könnte, alles nur eine Phase, aber das Thema birgt leider noch weitere Abgründe. Beim Fußball zum Beispiel entscheidet er bei jedem Spiel spontan nach der Trikotfarbe für wen er ist, eine Haltung, die er um keinen Preis aufzugeben bereit ist. Deutschland hat dabei, soviel ist bei schwarzweißen oder sogar ganz schwarzen Trikots klar, nicht die leiseste Chance. Damit könnte man abseits der Public-Viewing-Plätze noch leben, wenn nicht ausgerechnet Orange eine Farbe seines Geschmacks wäre. So kam es, daß gestern auf unserem Sofa ein fast Dreijähriger von meinem eigen Fleisch und Blut saß, der während der ganzen regulären Spielzeit „Holland vor, noch ein Tor“ vor sich hin sang. Das ist weiß Gott eine bitte Erfahrung, wenn man aus heiterem Himmel feststellen muß, daß der Nachwuchs vollkommen aus der Art schlägt und man daher notgedrungen mit der Herzdame ausgerechnet am heißesten Abend des Jahres über die Zeugung weiterer Kinder verhandeln muß, um die Anzahl der womöglich brauchbaren Söhne zu erhöhen. Ich habe Sohn I auf Enterbung, Verstoßung, Fernsehentzug, Zwangsanmeldung beim HSV und weitere üble Folgen seines katastrophalen Verhaltens hingewiesen. Ich habe ihn darüber aufgeklärt, daß man sich als Kind in seinen Familienverbund einfügen muß und daß es andererseits schnell sehr einsam um einen kleinen Jungen werden könnte, wenn er sich den Grundüberzeugungen des Rudels weiterhin widersetzen würde. Er sah mich grinsend an und sagte „Holland vor!“. Ich sagte ihm, daß Fußball mir selbstverständlich emotional vollkommen egal sei, jedes Land könne die WM gewinnen, da stünde ich natürlich drüber, meinetwegen könne der Vatikan Weltmeister werden, jedes Land, wirklich jedes – nur eben nicht Holland. Jeder Mensch meines Alters und ähnlicher WM-Zuschauergeschichte aus deutscher Perspektive wird das zwingend verstehen. Nicht so der Sohn. Er sah auf den Fernseher und sagte: „Gleich Tor. Für Holland.“ Dann schlief er ein und vermied so eine weitere Eskalation, man mag gar nicht daran denken, wie der Abend sonst geendet hätte.
„Los“, sagte ich zur Herzdame, „wir gehen rüber ins Schlafzimmer und machen einen Neuen.“ Aber die Herzdame war während der Siegerehrung eingeschlafen. Ihre Hand lag auf dem Kopf von Sohn I, unbewußt streichelte sie sein Haar. Mütter halten zu ihren Kindern, auch wenn diese Drogen nehmen, Schwerverbrecher werden oder für die falschen Länder sind. Sohn II saß zwischen den beiden und sah mich strahlend an. Er winkte mir fröhlich zu und hob beide Arme, als wollte er hochgehoben werden. „Ja“, sagte ich mißtrauisch, „so hat der andere auch angefangen. Erst einen auf lieben Sohn machen, dann für Holland sein. Das kenne ich jetzt.“
Ich streichelte zögernd seinen Kopf und sah ihn nachdenklich an. In zwei Jahren ist EM, dann ist er auch fast drei Jahre alt. Man wird sehen.
Jul
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Wochenende. Und Urlaub. Endlich mal Zeit, richtig was wegzuarbeiten! Drüben im Westen ist derweil wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jul
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Dummerweise ist es ja so, daß man von den Autoren, die man für die Größten hält, irgendwann das Gesamtwerk ganz und gar durchgelesen hat. Dann kann man zwar einiges wieder und wieder lesen, aber das besondere Vergnügen des ersten Mals, das ist doch unwiederbringlich dahin. Wie angenehm, wenn man doch noch auf Werke stößt, die man durch irgendeinen Zufall im ersten Leserausch vor Jahren ausgelassen hat! Als ob man in einem vermeintlich leeren Kühlschrank noch ein letztes, vergessenes Bier finden würde! Na ja, in etwa so.
Joseph Conrad: Ein Lächeln des Glücks – Hafengeschichte. Aus dem Englischen von Ernst Wagner. Das Buch erschien zuerst 1912 und beginnt so:
„Seit Sonnaufgang hatte ich Ausschau nach vorn gehalten. Das Schiff glitt sanft durch das glatte Wasser. Nach einer Reise von sechzig Tagen wartete ich gespannt auf das Insichtkommen meines Zieles, einer fruchtbaren und schönen Tropeninsel. Enthusiastische Bewohner nennen sie gerne „Perle des Ozeans“. Nun gut, soll sie „Perle“ heißen. Ein guter Name. Eine Perle, die der Welt viel Süße spendet. Das soll nichts anderes heißen, als daß dort erstklassiges Zuckerrohr gedeiht.“










