Juni, 2010 Archives
Jun
Jun
WM für zweijährige Anfänger
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I: „Morgen spielt die Bundesliga! Alle!“
Ich: „Ach ja? Gegen wen denn?“
Sohn I: „Gegen die anderen!“
Jun
Zinnowitz/Usedom
by Maximilian Buddenbohm in
Die älteren Herrschaften, die in Zinnowitz auf Usedom Urlaub machen, beenden ihren ersten Strandspaziergang morgens gegen halb sieben. Muntere Siebzigjährige im Sportkleidung, gar nicht wenige auf hochmodernen Fahrrädern, einige mit Nordic-Walking-Sticks, oder wie die heißen mögen. Ich stehe auf dem Balkon des Hotels und sehe den Frühsportlern gähnend zu, eine Rentnerin steht auf der Straße vor mir und macht Fotos. Nach einer Weile fällt mir auf, daß sie Fotos von mir macht. Ich winke freundlich. Sie macht mir mit wütenden Gesten Zeichen, ich möge das Winken gefälligst unterlassen, sie legt die Hände an die Hosennaht und zeigt auf mich. OK, denke ich, stillgestanden, paßt wohl besser ins Bild. Ich sehe starr auf die Ostsee, die Rentnerin knipst. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie ein paar Schritte hin und hergeht, die Perspektive wechselt, in die Knie geht, auf das Display der Kamera sieht, dann wieder mich fixiert.
Schließlich dreht sie sich um und geht ohne Dank oder Gruß runter zum Strand.
Jun
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß!
Jun
Notiz am Morgen
by Maximilian Buddenbohm in
Es ist viertel nach sechs, Sohn I richtet sich mißmutig stöhnend im Bett auf und reibt sich die Augen. Dann murmelt er „Musik“ und sucht seinen CD-Player, in den er die CD mit den spanischen Partykrachern aus dem letzten Urlaub legt und auf voller Lautstärke abspielt. Dabei wird er allmählich wacher, sein Kopf wackelt rhythmisch hin und her und bei den Refrains geht gelegentlich sogar ein Arm hoch, den wippenden Zeigefinger zur Decke gereckt. Ich gehe am Kinderzimmer vorbei, drehe die unerträgliche Musik leiser und ziehe weiter ins Bad. Im Rausgehen höre ich gerade noch, wie der Sohn einen unfeinen und keineswegs kleinkindgemäßen Ausdruck murmelt und die Musik wieder aufgedreht wird. Sohn II robbt jetzt auch ins Kinderzimmer, ich werfe noch einen Blick hinein. Der Kleine setzt sich neben sein Vorbild, knurrt zustimmend den CD-Player an und schaukelt solidarisch etwas mit dem Oberkörper hin und her, sein Kopf schlägt dabei halbwegs im Takt gegen den seines großen Bruders.
„Wo sind eigentlich die Kinder“, fragt die Herzdame. „Im Kinderzimmer“, sage ich, „sie üben Headbangen.“ „Ah“, sagt die Herzdame, „dann ist es ja gut.“
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Während bei Moby-Dick in epischer Breite um Seite 250 herum Walarten und –unterarten definiert und erklärt werden und zum ersten Mal ein klein wenig der Wunsch aufkommt, zwanzig Seiten vorzublättern, wobei man aber leider Perlen wie etwa den ersten Zusammenstoß von Kapitän Ahab mit dem zweiten Steuermann Stubbs verpassen könnte, und während Peter Rühmkorf sich andererseits als prima Buch für einen anderen Ort, Sie wissen schon, erweist, erscheint es als nette Option, noch ein drittes Buch anzufangen.
Vicki Baum: Es war alles ganz anders – Erinnerungen. Vicki Baum, die kennen Sie natürlich von „Menschen im Hotel“, ein Buch, das ich immer als seltsam unterschätzt empfand. Es wird meist mit einem geringschätzigen Lächeln abgetan, dabei ist es ein ganz wunderbarer Roman. Wer nur den Film kennt – Lesen lohnt sich. Nun also Ihre Memoiren, die sie nicht selbst zu Ende schreiben konnte, sie wurden von der Schwiegertochter aus den Notizen und Manuskriptseiten zusammengebastelt. Das Buch erschien 1987 und beginnt so:
„Kurz nach meinem siebzigsten Geburtstag fuhr ich noch einmal von meinem Heim in Hollywood nach New York. Nirgendwo unterwegs, in keinem der zahllosen, kleinen Antiquitätengeschäfte an den Autostraßen, nirgendwo auf diesen langen dreißigtausend Meilen durch den weiten Kontinent fand ich auch nur eine einzige Antiquität, die älter gewesen wäre als ich. Da war er wieder, zusammengetragen für den Verkauf zur Schau gestellt, der ganze verworrene, krause, fransenbesetzte und mit Quasten geschmückte Ramsch, womit die Zimmer meiner Kindheit vollgestopft waren.“
Jun
Pas devant les enfants
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I hat das kritische Alter erreicht, in dem man aufpassen muß, was man sagt, es wird sonst gerne an falscher Stelle und mit beängstigender Häufigkeit wiederholt. Wenn dem Kind etwas herunterfällt und es unvermittelt kräftige Flüche von sich gibt, dann weiß man, daß es soweit ist. Man muß dann ein paar Äußerungen und Themen auf die Tageszeiten verschieben, zu denen die Kinder im Bett sind, sonst würde zum Beispiel der Verkäufer im Biomarkt sicherlich bald erfahren, was ich von ihm halte, woraufhin er womöglich mit Vorsatz noch langsamer arbeiten würde, obwohl das zunächst gar nicht menschenmöglich erscheint. Manchmal aber kann man nicht warten, bis die Kinder im Bett sind, manchmal ist es dringend – zumal die Herzdame und ich dank mittlerweile jahrelanger Schlaflosigkeit leicht vergeßlich und nur noch bedingt konzentrationsfähig sind. Wenn wir Themen verschieben, lösen sie sich in der Regel in Luft auf.
Es erscheint uns beiden leider etwas zu mühsam, in solchen Momenten ins Französische zu wechseln, obwohl das natürlich sehr stilvoll wäre. Dummerweise wären wir aber in dieser Sprache auch thematisch etwas eingegrenzt, da wir sie beide lange nicht mehr aktiv verwendet haben, genau genommen würden sich unsere sprachlichen Möglichkeiten auf Sätze wie „ich wohne in Hamburg, das ist neben Lübeck“ oder „welche Farbe hat die Gurke“ oder „mein Regenschirm ist schön, wo gibt es Bier?“ beschränken und das wiederum könnte man auch auf deutsch vor dem Kind aufsagen. Wir versuchen es also in Notfällen ganz banal in Englisch, was auch sonst. Ich hätte ja Latein vorgeschlagen, aber die Eltern der Herzdame fanden damals den altspachlichen Zweig des Gymnasiums überflüssig, was soll man da machen.
Englisch, das geht so leidlich. Es fühlt sich natürlich sehr ungewohnt an, mit dem Partner in einer anderen Sprache zu reden, aber es wird mit der Zeit tatsächlich einfacher. Am Anfang gibt es einige Irritationen, aber darüber kommt man hinweg. Es fällt einem nicht jede Vokabel zum Familienalltag sofort ein und nicht immer ist die Wortwahl auf Anhieb geglückt, aber das gibt sich nach einer Weile.
Ich frage mich allerdings schon, ob es mich nicht vielleicht irritieren müßte, daß die Herzdame im ersten Gespräch dieser Art versehentlich statt „children“ ein anderes Wort benutze. Aber dann dachte ich, ach was, „animals“ klingt ja irgendwie auch ganz ähnlich.
Jun
Hygiene für Anfänger
by Maximilian Buddenbohm in
Der Strand ist riesig und sandig, wie es bei Stränden nicht ganz unüblich ist. Hinten das Meer und weiße Segel, vorne eine Bude, an der Eis verkauft wird. Wenn man vom Meer zur Bude rennt, denn als Kind rennt man ja grundsätzlich, kommt man an Fußduschen vorbei, seltsamen kleinen Dingern, aus denen Wasser kommt. Die Erwachsenen lassen es, wenn sie den Strand verlassen, über die Füße laufen, bis der ganze Sand weg ist, dann steigen sie in ihre Sandalen und ziehen weiter.
Sohn I, der sich gerade in einer besonders lernwilligen Phase befindet und außerdem eine von der Herzdame vererbte Aversion gegen Sand am Körper hat, sieht den Menschen zu, die sich da abspülen. Dann geht er selbst zur Fußdusche, drückt probeweise auf den Knopf und besieht sich sinnend den Wasserstrahl. Er hält vorsichtig einen Fuß darunter und strahlt dann begeistert, als dieser ganz sauber ist. Er stellt den Fuß ab und hält den zweiten unter den Strahl. Sieht an sich herunter und stellt fest, daß am ersten Fuß nun wieder Sand haftet, denn er hat ihn ja auf den Boden gestellt, Sandalen hat er nicht dabei, Sandalen lehnt er ab. Also nimmt er den Fuß noch einmal hoch, spült wieder sorgfältig, auch mit verbissener Mühe und etwas seltsamen Verrenkungen zwischen den Zehen, stellt sich danach erleichtert aufrecht hin und sieht hoffnungsvoll zum Eisstand. Wackelt mit den Zehen und muß zur Kenntnis nehmen, daß diese wieder im Sand vergraben sind, also drückt er noch einmal auf den Knopf und spült, bis der ganze Sand verschwunden ist. Dann stellt er sich auf den Sand, dann spült er, dann stellt er sich auf den Sand, dann spült er, dann stellt er sich auf den Sand…
„Guck mal wie süß“, sagte ich zu der Herzdame als ich losging, um das Kind zu erlösen, „er bastelt sich seine erste Zwangshandlung.“ Die Herzdame sagte nein, das sei ja Unsinn, und wo er das denn wohl her haben könne. Dann sah sie zum zehnten Mal nach, ob auch wirklich kein Sandkörnchen mehr an ihren Füßen haftete und ging sehr vorsichtig auf Zehenspitzen weiter zum Eisstand.
Und hätte ich mir den Sohn nicht irgendwann kurz vor Sonnenuntergang einfach unter den Arm geklemmt und trotz vehementer Proteste – „bin ich da ganz sandig!“ – ins Hotel getragen, würde irgendwo an einem Strand von Mallorca ein kleiner Junge wohl immer noch an einer Fußdusche stehen und wie ein nimmermüdes Duracell-Häschen irrsinnig beschäftigt wirken.
Jun
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Der Moby-Dick hält natürlich noch eine Weile und ist übrigens ganz entgegen meiner Erwartung bisher nicht eine Seite lang öde oder mühsam. Grandioses Buch. Alleine schon wie unheilvoll der Kapitän Ahab auf den ersten 150 Seiten allmählich näher und näher an die Handlung herankommt, ohne je die Szene wirklich zu betreten, in dem er immer nur hier und da von Figuren genannt wird, bis er schließlich bei zunehmender Spannung auf der Pequod mit an Bord, aber dort hinter verschlossener Kajütentür und immer noch unbeschrieben ist – ganz wundervoll.
Aber ab und zu ein paar Zeilen Modernes daneben sind allerdings auch nicht schlecht, daher nun dazu Peter Rühmkorf – der wohnte bekanntlich am Elbufer und geht daher auch als maritimer Autor durch: Tabu I, Tagebücher 1989 – 1991. Das Buch erschien zuerst 1997 und beginnt so:
„28. Dez. 88, 16:30: „Beim Bäcker“ – Schellfisch. Am Strand ein paar krähende Spätpubertätler, Bölkwettbewerbe. Auch verfrühte Silvesterraketen im Anflug, kreischend und böspfeifend, immer widerwärtiger mit den Jahren. Heute nach langer Zeit einmal wieder über meinen unterschiedlich anziehenden Papieren, donjuanistisch hin und her gerissen. Kein gutes Verhältnis zu mir selbst. Das Gefühl, daß etwas zu Ende geht. Zur Hälfte bereits abgestorbenes Zeugs, das man mit sich herumschleppt. Erledigte Stoffe. Hadesgepäck. Und kein tröstliches Buch zur Hand, in dem man rückstandslos verschwinden könnte.“
Sehr schön auch an späterer Stelle ein Satz, den er nach einem kleinen Flirt ohne Folgen notiert: „Ich bin ja auch nur ein grauer Etagenhund.“
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jun
Post aus dem Urlaub
by Maximilian Buddenbohm in
Die Familienkarawane zieht schwer bepackt zum Strand, da bleibt die Herzdame plötzlich stehen und sagt „Postkarten!“ „Ja“, sage ich, „gibt es hier überall, ich weiß auch nicht warum, ganz seltsam.“ Die Herzdame hebt einen Finger und sagt: „Wir müssen Postkarten schreiben. Sofort.“ „Wieso“, sage ich, „ wir können doch auch eine Mail schreiben, wenn was ist. Im Hotel stehen PCs. Aber es ist ja auch gar nichts.“
Die Herzdame ignoriert mich souverän und steuert einen Strandkiosk an, vor dem Drehständer mit Postkarten angekettet sind. Sehr viele Drehständer. Sie fängt an in den Karten zu blättern und murmelt: „Also die Omas, die Patentanten, die Kita, die Krabbelgruppe…“ Ich unterbreche sie, um zu retten, was zu retten ist und weise freundlich aber bestimmt darauf hin, daß ich keine Karte zu schreiben gedenke – keine einzige. Nicht eine Zeile. Kein Wort. Die Herzdame sagt wieso, ich würde doch auch sonst immer schreiben, ich unterbreche sie triumphierend und sage: „Ha! Genau der Dialog! Schon hundertfach geführt, der kommt sogar im Buch vor! In meinem Buch!“ Die Herzdame weist mich betont ruhig darauf hin, daß sie das Buch nie gelesen habe und daher nicht wissen könne, was sie alles angeblich schon einmal gesagt haben soll. Und daß ich nun einmal für das Schreiben zuständig sei. Ich drehe mich um und sehe mir in aller Ruhe den Strand an. Die Herzdame rüttelt nach einer Weile an meinem Arm und hält mir einen dicken Packen mit Karten hin: „Einen Kuli wirst du ja haben, so als Dichter.“ Ich nehme die Karten und sortiere sie wortlos in die Ständer zurück, die Herzdame sieht plötzlich gefährlich unfroh aus. Um konstruktiv zu bleiben schlage ich vor, Sohn I die Karten schreiben zu lassen. Ich schlage weiter vor, das kluge Kind zu bitten, jeder Person ein Bild zu malen, das wäre doch sowieso eine gute Idee für einen Strandtag, damit könnten wir uns stundenlang beschäftigen, ohne uns naß oder sandig machen zu müssen. Und weil es für Kinder gut ist, sich frühzeitig einbringen zu können, könnte er auch gleich die Karten aussuchen, immerhin sollen sie von ihm sein. Auch an Urlaubstagen kann man pädagogisch wertvolle Szenarien konstruieren, wenn man guten Willens ist. „Sohn“, sage ich, „such doch mal ein paar von diesen tollen Karten aus, wir wollen den Lieben zu Hause gerne Mallorca-Bildchen schicken, und du kannst uns jetzt dabei helfen. Welche Karten gefallen dir denn so?“
Der Sohn geht mit Feuereifer zu den Ständern und betrachtet die Karten ganz genau, er nimmt so etwas nicht auf die leichte Schulter. Er fängt bei dem Ständer ganz außen an und arbeitet sich systematisch durch die ganze Reihe. Ich streite mich derweil mit der Herzdame über Postleitzahlen. Sie ist der Ansicht, man müsse die Postleitzahlen der nahestehenden Menschen auswendig wissen, ich bin der Ansicht, keinen Platz im Hirn für so einen idiotischen Ballast zu haben, den man an jedem Computer nachschlagen kann, mit dem man dann, wenn man schon einmal daran sitzt, auch gleich eine Mail schreiben könnte, das wäre ja ohnehin viel einfacher. Der Sohn zieht an meiner Hose und hält mir einen Packen Karten hin. „Gut“, sage ich, „wir zahlen die Dinger und los geht’s. Du schreibst die Adressen, er malt ein Bild, ich werfe sie ein. Und der Jüngste guckt zu. Im Urlaub alles zusammen und so. Super Sache.“
Die Herzdame sieht die Karten durch und sagt nein, das ginge so nicht. Ich reiße ihr die Karten kurzentschlossen aus der Hand, gehe zum Kiosk und bezahle den ganzen Schwung ohne weitere Diskussion, denn manchmal muß man einfach der durchsetzungsfähige Familienvorstand sein, Tatsachen schaffen und Dinge regeln, manchmal ist es gut, einfach durchzuregieren, sonst passiert nie etwas. Ich gehe zur Herzdame zurück und sage: „So. Schluß mit lustig, das wäre fertig. Ich stehe hier doch nicht den ganzen Tag vor dem blöden Kiosk und gucke mir Karten an.“ Die Herzdame fragt, ob ich mir die Auswahl des Sohnes angesehen hätte, ich sage ihr, daß Mallorcabildchen sowieso eines wie das andere aussehen und überhaupt, wen interessieren schon Postkartenmotive, als ob die jemals jemand zur Kenntnis nehmen würde. Die Herzdame lächelt seltsam, schüttelt den Kopf und geht vor, zum Strand. Der Sohn guckt mich fragend an, ich erkläre ihm, daß seine Mutter manchmal nicht nachvollziehbar detailverliebt sei und seine bestimmt tolle Postkartenauswahl gerne noch einmal revidiert hätte. „Hab ich schöne Bilder ausgesucht“, sagt der Sohn. Ich tätschel seinen Kopf und sage „aber ja, das hast du ganz sicher.“ Dann habe ich mir die Karten angesehen und nichts mehr gesagt.
Unsere Verwandten erhalten nun Postkarten, auf deren Vorderseite ein Pitbull an einer barbusigen Schönheit herumschlabbert, wozu in Sprechblasen sexistische Witze von der Art zitiert werden, wie sie nur in der alleruntersten britischen Unterschicht jemand witzig finden kann. Auf der Rückseite findet sich jeweils nichts als ein blasser Buntstiftstrich, denn der Sohn hat beim Malen gerade eine minimalistische Phase und weigert sich kategorisch, mehr als eine Linie aufs Papier zu bringen.
Aber die Herzdame hat in Schönschrift Adressen eingetragen, Sohn II hat zugesehen und ich habe die Postkarten wie beschlossen eingeworfen. Man muß den Kindern konsequentes Verhalten vorleben, das ist sehr wichtig.
Jun
Urlaubslektüre
by Maximilian Buddenbohm in
Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern. Ein gutes, deprimierendes Buch mit Artikeln über Deutschland, darunter ein ganz wundervoller Beitrag gegen Günter Grass, der allein schon das ganze Geld wert ist. Sehr gerne gelesen. Das Buch erschien 2010 und beginnt so:
„Sabine Christiansen lutscht einen Pfefferminzbonbon und erklärt kurz, was sie heute vorhat: Ein positiver Ausblick auf das just begonnene Jahr soll es werden, mit Stars und auch ganz normalen Menschen. In der Garderobe warten Wolfgang Joop, Fiona Swarovski, Reinhold Messner, Mikka Häkkinen, Oliver Bierhoff und noch viele, viele andere ähnlich normale Gäste; die Kanzlerin wird zugeschaltet.“
Thomas Glavinic: Das bin doch ich. Laut Klappentext und Umschlag ein Bestseller, ein aberwitziges Spiel mit der Wirklichkeit, eine furiose Egomanie. Tatsächlich geht es, wie originell! – um einen Autoren, der der Autor selbst ist und der, wie originell! – trinkt. Unkomisch, langweilig, abgebrochen und weggelegt.
Der Roman erschien zuerst 2007 und beginnt so:
„Ich gehe ins Bad. Bevor ich die Unterhose ausziehe, wende ich mich vom Spiegel ab. Den Kopf starr gerade haltend, damit mein Blick nicht doch noch auf mein Geschlechtsteil fällt, steige ich in die Duschkabine. Unter den üblichen Verrenkungen dusche ich. Beim Rausgehen, als ich den Blick in den Spiegel nicht vermeiden kann, kneife ich die Augen zusammen. Ich recke den Hals und trockne mich ab. Die Verkrampfung löst sich erst, als ich wieder angezogen bin.“
Adam Haslett: Hingabe. Ein Band mit Erzählungen, die sich mit psychischen Störungen beschäftigen, sehr schön übersetzt von Pociao und Roberto de Hollanda. Lange keine Kurzgeschichten mehr gelesen, die mir wirklich gefallen haben, hier gab es dann endlich wieder welche. Das Buch erschien 2010 und beginnt so:
„Zwei Dinge will ich von Anfang an klarstellen: Ich hasse Ärzte, und ich bin in meinem ganzen Leben keiner Selbsthilfegruppe beigetreten. Mit dreiundsiebzig werde ich mich auch nicht mehr ändern. Die Psychiatrie kann mich mal; ich werde ihre nutzlosen Wundermittelchen nicht nehmen und mir auch nicht den Schwachsinn von Leuten anhören, die höchstens halb so alt sind wie ich. Ich habe auf den Schlachtfeldern der Normandie Deutsche erschossen, sechsundzwanzig Patente angemeldet, drei Frauen geheiratet, alle überlebt und stehe jetzt im Visier der Steuerfahndung, die genauso viel Aussicht hat, von mir etwas zu kriegen, wie Shylock auf sein Pfund Fleisch. Bürokratien können nicht logisch denken. Ich hingegen bin vollkommen klar im Kopf.“
Hartmut Lange: Der Therapeut. Ich habe mit Hartmut Lange eine gewisse Tradition, alle paar Jahre lese ich etwas von ihm, verstehe ihn nicht und lege ihn wieder weg. So auch dieses Buch. Ich weiß nicht, was er mir sagen will, ich hasse es, wenn Geschichten nicht aufgelöst werden, ich möchte nach jedem Text „Na und?“ fragen. Er ist ein vielgelobter, hochdekorierter Autor, vielleicht hakt bei mir einfach etwas. Das Buch erschien 2007 und beginnt so:
„Wernigerode ging leicht gebeugt. Seine hellblonden AHaare waren schütter, so dass die Kopfhaut zu sehen war, und wenn er lächelte, entstand da eine Heiterkeit, der man sich nicht entziehen konnte. Er lebte mit einer Araberin zusammen, die, so wurde jedenfalls behauptet, kein Deutsch verstand.“
Walter Kappacher: Der Fliegenpalast. Ein Buch über ein paar Tage im Leben des alternden Hugo von Hofffmansthal. Das Buch ist, ich drücke das einmal im Wortsinne des neunzehnten Jahrhunderts aus, eine hübsche Sache. Gerne gelesen. Es erschien zuerst 2009 und beginnt so:
„An einem der ersten Tage hatte er überlegt, ob er womöglich zu alt geworden war, für diesen Ort, mit dem ihn seit Kindertagen zwiespältige Gefühle verbanden. Hatte die Erinnerung an die glücklichen Tage und Wochen hier, vor so vielen Jahren, ihm einen furchtbaren Streich gespielt? Was sich in Bad Fusch jetzt Grand Hotel nannte, war in Wirklichkeit ein Hotel dritter Klasse, ein besserer Gasthof.“
Sven Regener: Herr Lehmann. Das haben natürlich alle schon gelesen, außer mir, da muß ich also nichts mehr zu sagen. Hinten drauf steht, daß M2R beim Lesen gelacht hat, was will man mehr. Das Buch erschien 2001 und beginnt so:
„Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herrn Lehmann nannten, weil es sich herumgesprochen hatte, daß er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging.“









