Juni, 2010 Archives
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Zwischendurch etwas gepflegte Comedy – als Dachgeschoßbewohner kann ich bei diesen Temperaturen sowieso nichts anderes mehr konsumieren. Also lese ich jetzt eines der frisch bestellten Sommer-Bücher, die nach der Lektüre dann unweigerlich so mit Melone zugesaut sind, daß man sie schon deswegen behalten muß. Frank Goosen, Radio Heimat – Geschichten von zuhause. Das Buch erschien im Januar dieses Jahres und ist wahrscheinlich der einzige legitime Grund, Bochum zu mögen, was ganz sicher viel heißen will. Es beginnt so:
„An lauen Sommerabenden stehe ich gerne auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus „2001“), die Türme von Probstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbaumuseums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!
Wir im Ruhrgebiet laden Auswärtige gern ein, zu uns zu kommen, um ihren Begriff von Schönheit zu erweitern. Eine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkhäusern und Fürstenresidenzen schön finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: Wat ne geile Gegend!, das muß man wollen. Dafür muss man von hier sein.“
Jun
Buddenbohm-TV
by Maximilian Buddenbohm in
Der NDR hat, wie hier und hier bereits berichtet, einen kleinen Beitrag über Buddenbohm & Söhne gedreht, der heute im Hamburg-Journal ausgestrahlt wurde. Das Filmchen kann man über die Mediathek abrufen (hier). Bei mir spinnen die Zeitangaben, daher kann ich die Minute nicht benennen, der Beitrag kommt aber jedenfalls kurz vor Schluß. Bleibt noch festzustellen: Das Hemd ist lila, nicht rosa. Und ich bin nicht dick. Das sieht nur so aus und ist eine optische Täuschung, siehe auch der Bulle von Tölz, Günther Strack und Joschka Fischer.
Jun
WM-Detail II
by Maximilian Buddenbohm in
Auf der Langen Reihe, der Flaniermeile im Viertel, steht natürlich vor jeder Kneipe, vor jedem Café und vor jedem Restaurant ein Fernseher, Public Viewing ist fester Bestandteil der Straßenkultur geworden. Vor einem der italienischen Restaurants hängt ein riesiger Flachbildschirm, es ist früher Nachmittag, kurz vor Spielbeginn, die Gäste suchen sich die Plätze nach der Blickrichtung zum Fernseher aus, auf dem bisher allerdings nur graues Gegriesel zu sehen ist. Es ist kein so wichtiges Spiel, keines mit Deutschland oder einem Favoriten, man bleibt noch entspannt. Ein Kellner kommt und drückt an den Knöpfen herum, nichts passiert. Er debattiert auf italienisch mit Kollegen im Inneren des Restaurants, die an Kabeln herumstöpseln, dann drückt er wieder am Gerät und schafft es schließlich, daß man ein Bild sehen kann. Er geht wieder ins Lokal, man hört von den benachbarten Restaurants her schon, daß das Spiel gerade beginnen muß, Hymnenklänge, man hat es also gerade noch rechtzeitig geschafft. Nach einem kleinen Moment merken die Gäste allerdings, daß nicht das richtige Programm eingestellt ist, da laufen gar keine Mannschaften über ein Spielfeld, da steht vielmehr ein bekannter Fernsehkoch vor seinen Töpfen, schlägt ein Ei auf und läßt es in eine Pfanne gleiten. Einer der Restaurantgäste schwenkt stoisch eine Fahne, brüllt begeistert: „Das Ding ist drin!“, der Rest fällt ein und man bejubelt ein paar Minuten lang in unerschütterlicher Feierlaune lautstark die Kochsendung, bis der Kellner endlich wieder vorbeikommt und das Programm umstellt.
Public Viewing hat viel mehr Potential, als man zunächst denkt.
Jun
WM-Detail
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn wir durch den Stadtteil gehen, kann man natürlich der WM-Grundstimmung überhaupt nicht entgehen. Daher ist auch der Sohn I mit Begeisterung für Deutschland und freut sich ausdrücklich über jede einzelne Fahne, die er sieht. Daß er aufgrund eines bedauerlichen Mißverständnisses die Regenbogenfahne der Schwulen für die Deutschlandfahne hält, erkläre ich ihm dann bei Gelegenheit.
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Eines dieser Bücher, die einem in Hände fallen, wenn im Regal nach etwas ganz anderem sucht und an deren Lektüre man sich nicht mehr recht erinnern kann, außer einem diffusen „war nett“. Also noch einmal genau nachgesehen: Erich Kästner – Als ich ein kleiner Junge war. Das Buch erschien zuerst 1957. Nach den ersten Seiten erscheint es mir wesentlich onkelhafter, als ich Kästner eigentlich erinnere und der allzu üppige Gebrauch von Ausrufezeichen nervt doch sehr, aber wahrscheinlich bin ich einfach nur schlecht gelaunt. Das Buch beginnt so:
„Wer von sich selbst zu erzählen beginnt, beginnt meist mit ganz anderen Leuten. Mit Menschen, die er nie gesehen hat und nie gesehen haben kann. Mit Menschen, die er nie getroffen hat und niemals treffen wird. Mit Menschen, die längst tot sind und von denen er fast gar nichts weiß. Wer von sich selber zu erzählen beginnt, beginnt meist mit den Vorfahren.“
Und meine schlecht gelaunte innere Stimme sagt schon zu diesem ersten Absatz: „Nein, was für ein Unsinn. Warum hat denn das “meist” keiner gestrichen? Wo es doch so offensichtlich nicht stimmt?“
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jun
Der böse Blick
by Maximilian Buddenbohm in
Der Mann vom NDR sagt, die Herzdame solle einmal böse gucken, das sei ja typisch für Familienszenen bei uns. „Genau“, sage ich, „super, so machen wir das. Ich spiel hier lustig mit den Kindern rum und sie guckt böse und schlecht gelaunt. Alles wie immer. Los geht’s.“
Ich wippe Sohn II auf und ab, Sohn I buddelt vor uns herum, die Herzdame steht etwas weiter weg und lächelt wie eine Madonna. „Böse gucken“, sagt der Mann vom NDR, „wie im Buch.“ Die Herzdame grinst wie ein Honigkuchenpferd. „Da stimmt etwas mit deinem Gesicht nicht“, sage ich. Die Herzdame strahlt mich an, als wäre ich Prince Charming in Person. „So hast du mich zuletzt bei der Hochzeit angesehen“, sage ich, „das wird mir hier gleich unheimlich.“ Die Herzdame dreht sich um und massiert ihre Wangen. „Ich krieg’s nicht weg“, sagt sie und grimassiert bedenklich, „ich kann nicht aufhören. Die Kamera. Das geht so alles nicht.“ Der Mann vom NDR sagt, wir könnten auch einfach etwas warten. Ich sage ja, zwei Minuten müßten reichen, länger als zwei Minuten freundlich zu gucken sei extrem wesensfremd für Nordostwestfalen. Die Herzdame strahlt wie auf Drogen.
„Schluß jetzt“, sage ich, „sonst kneife ich dieses Kind hier, dann hast du einen Grund für böse Blicke.“ Die Herzdame lacht. Sie legt den Kopf schief wie ein Wellensittich und guckt mich lächelnd an. „Vielleicht sollten wir eine andere Frau filmen“, schlage ich vor, „irgendeine schlecht gelaunte Dame wird hier ja leihweise zu finden sein.“
Die Herzdame macht die seltsamsten Gesichtsausdrücke, ein böser ist nicht dabei. „Was hat Mama denn?“ fragt Sohn I und guckt besorgt. „Mama versucht nur normal zu sein“, sage ich, „alles in Ordnung. Glaube ich.“ Die Herzdame sieht aus, als würde sie das Beißen in Zitronen pantomimisch nachspielen, nach einer Weile gehen ihre Mundwinkel wieder nach oben, wie an Fäden gezogen. „Nichts zu machen“, sagt sie, „wenn das mal bloß kein bleibender Schaden ist.“ Die Frau an der Kamera sieht genervt in den Himmel, der Mann vom NDR sieht sich nach anderen Motiven um. Dann gehen sie zur Schaukel und besprechen etwas.
Die Herzdame guckt entnervt und fragt, ob sie gehen kann. „Jetzt“, rufe ich, „jetzt ist der Blick da!“. Die Kamerafrau dreht sich um und schultert ihr Gerät, das Gesicht der Herzdame heitert sich sofort auf, als würde sie den Musikantenstadl moderieren. „Hoffnungslos“, sage ich. Die Herzdame sagt, sie könne sich das gar nicht erklären, das sei anscheinend ein bisher nicht bekannter Lächelzwang vor Kameras, sie könne leider absolut nichts dagegen machen. „Ja“, sage ich, „nicht zu übersehen. Interessante Sache. Könnten wir nicht vielleicht im Schlafzimmer eine Kamera an die Wand montieren?“
Und da hat sie dann endlich richtig finster geguckt. Aber da haben die vom NDR schon wieder über ihrem Drehplan gebrütet.
Jun
Medienkoller
by Maximilian Buddenbohm in
Heute war der NDR bei uns auf dem Spielplatz und in der Wohnung und hat die Herzdame, die Söhne und mich gefilmt, für das Hamburg-Journal. Es geht da um einen Beitrag über Blogger, die zu Buchautoren werden.
Bevor das Filmteam kam, um mich zu filmen, wie ich schreibe, dachte ich noch, ich könnte ja einen Fotoapparat mitnehmen auf den Spielplatz und die Filmleute dabei fotografieren, wie sie filmen, wie ich schreibe. Dann könnte ich nämlich quasi live einen Blogeintrag mit Bild darüber schreiben, wie sie filmen, wie ich schreibe – und da ich sie ja in flagranti dabei knipsen würde und sie mich auch wiederum schreibend und knipsend aufnehmen würden, könnte ich sozusagen fotografieren, wie sie filmen, wie ich schreibe, daß sie filmen, wie ich schreibe, daß ich sie fotografiere, wie sie filmen, daß ich schreibe, wie sie filmen, daß ich schreibe und dann dachte ich, ach was, Hauptsache ich schreib einfach irgendwas, aus der Nummer kommt man ja sonst nie mehr raus.
Und falls Sie sich immer schon gefragt haben, was die Autoren im Fernsehen da in die Tasten hauen, wenn sie gefilmt werden und dabei dekorativ „irgendwas“ tippen sollen – siehe erster und zweiter Absatz. Es ist immer alles komplizierter als man denkt, alte Regel.
Jun
Jun
*smack*
by Maximilian Buddenbohm in
Sehr gut: Sohn I hat gelernt, erfolgreich mit der Fliegenklatsche umzugehen. Nicht so gut: Die Fliege saß auf der Stirn von Sohn II.
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Jun
Nachtfragmente
by Maximilian Buddenbohm in
Notarzt: „Sie sehen aber unentspannt aus.“
Ich: „Ächz.“
Notarzt: „Dann nehmen wir sie wohl besser mal mit.“
Ich: „ Hmpf.“
Notarzt: „Nicht so schön, so eine Nierenkolik. Man sagt ja, das ist quasi der Geburtsschmerz für den Mann. Also so übertragen.“
Herzdame: „Ich bin bei der Geburt aber nicht mit dem Krankenwagen in den Kreißsaal!“
Notarzt: „Ah, sie haben Kinder.“
Herzdame: „Bei der zweiten Geburt bin ich sogar mit dem Fahrrad ins Krankenhaus! Und er fährt jetzt Krankenwagen? Typisch.“
Notarzt: „Zwei Kinder also.“
Herzdame: „Ja, zwei. Und er hat nur eine Kolik.“
Notarzt: „Wir könnten ihn ja nach Kiel fahren, da hat er länger was davon…..“
Später dann, nachts um drei, ging ich aus dem Krankenhaus wieder nach Hause, weil dort zu bleiben auch keinen Sinn hatte. Eine sehr ungewöhnliche Uhrzeit für mich, um draußen herumzulaufen. Ich war mit allen Schmerzmitteln vollgepumpt, die der Medizinschrank in der Notaufnahme hergab, ich hatte bergeweise weitere Medikamente dabei, ich konnte nach Stunden endlich wieder gerade gehen. Ein schönes Gefühl, einfach herumlaufen zu können. Ich stand in dem Park vor dem Krankenhaus, die Nachtluft war frisch und von der Alster wehte leichter Wasserduft herüber, eine wunderbare Nacht. Vor mir auf dem Weg hoppelte und krabbelte es, ich dachte erst, ich sehe nicht richtig. Da liefen nicht ein oder zwei Kaninchen, da liefen zwanzig, dreißig, wenn nicht mehr. Hoppelten in Grüppchen durcheinander, blieben beieinander kurz hocken, zogen dann wieder weiter, ganz wie Menschen auf einer großen Party, hier ein Smalltalk, dort ein Smalltalk. Sehr entspannte Kaninchen, sie beachteten mich gar nicht. Ab und zu kreuzte eine wuselnde Ratte geschäftig die Szene. Man sagt, auf jeden Großstadtbewohner kommen zehn Ratten, meine zehn habe ich gestern Nacht alle gesehen. Ich ging durch das tierische Durcheinander, die Kaninchen gingen mir ganz geruhsam aus dem Weg.
Kein Mensch irgendwo zu sehen, auf den großen Straßen nur hin und wieder ein Auto, es war die Stunde, in der fast die ganze Stadt schläft, kaum ein Geräusch zu hören. Ich blieb an einer Ampel stehen, neben mir kam ein Igel aus dem Gebüsch und hielt auch am Straßenrand, keinen Meter von mir entfernt, ganz so, als würde er auf Grün warten. Ich ging los, schließlich kamen weit und breit keine Autos, der Igel machte ein Geräusch, das verdächtig nach „Ähem!“ klang und blieb demonstrativ sitzen. Ist ja irre, dachte ich, völlig irre, die Viecher können bei Grün über die Ampel gehen, ist ja nicht zu fassen. Der Igel guckte unfreundlich zu mir hoch, wahrscheinlich paßte ihm mein verkehrswidriges Verhalten nicht. Er saß auf seinen Hinterbeinen und wartete ab. Die Ampel wurde grün, ich ging los und sah mich neugierig nach dem Kleinen um, er kam mir tatsächlich nach. Guckte nach links und rechts und krabbelte dann erst brummelnd über die Straße, immerhin vier Spuren. Ich war begeistert, ich freute mich für das kluge Tier, ich freute mich, daß es heil drüben ankommen würde und weil ich viel größere Schritte machte als er, blieb ich am anderen Straßenrand stehen und zu sehen, ob er auch wirklich drüben wieder im nächsten rettenden Gebüsch verschwinden würde. Er zog stöhnend und heiser brabbelnd an mir vorbei, er klang wie ein Rentner, der den ganzen Tag leise nörgelnd vor sich hin meckerte. Er steuerte wirklich wieder ein sicheres Gebüsch an. „Tschüss Igel“, sagte ich und sah ihm nach, wie er unter den Blättern verschwand. „Tschüss“, sagte der Igel, ohne sich umzudrehen.
Und dann bin ich zur nächsten Straßenlaterne und habe mir die Nebenwirkungen der Medikamente noch einmal ganz genau durchgelesen.
Jun
Jun
Jun
Peenemünde
by Maximilian Buddenbohm in
Siehe auch hier. Und wenn man gerade aus dem Museum kommt, dann wirken die nebenan am Strand herumtollenden Skinheads gleich noch ein wenig schlimmer als ohnehin schon.











