Mai, 2010 Archives

5
Mai

Drei Dialoge

by Maximilian Buddenbohm in

1

Ich: „Wir fahren bald an die Nordsee, wieder in das tolle Haus am Deich, weißt du?“

Sohn I: „Hm.“

Ich:  „Nordsee! Super! Schafe! Leuchtturm!“

Sohn I: „Hmnaja.“

Ich: „Bitte?!“

Sohn I: „Wollen wir lieber nach Mallorca.“

2

Ich: „Wo willst du denn hin, mit so wenig an?“

Sohn I: „Bin ich schon krank, kann ich auch ohne Jacke raus.“

3

Ich: „Was für ein Eis möchtest du? Schoko? Vanille? Erdbeer? Zitrone?“

Sohn I: „Öhm.“

Ich: „Oder Heidelbeer? Banane? Nuss? “

Sohn I: „Nehm ich Strapazella.“

4
Mai

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Draußen ist schönstes Herbstwetter, da kann man sich ja einmal ein etwas dickeres Buch vornehmen, jetzt, wo die Abende anscheinend wieder länger und kühler werden. Herman Melville: Moby-Dick,in der neuen Übersetzung von Mattias Jendis. Das Buch erschien zuerst 1851 und beginnt mit einem ziemlich berühmten ersten Satz, mit dem, wenn ich mich recht erinnere, auch der Film beginnt.

„Nennt mich Ismael. Ein paar Jahre ist’s her – unwichtig, wie lange genau, da hatte ich wenig bis gar kein Geld im Beutel und an Land reizte mich nichts Besonderes, und so dachte ich mir, ich wollt ein wenig herumsegeln und mir den wässerigen Teil der Welt besehen. Das ist so meine Art, mir die Milzsucht zu vertreiben und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Immer wenn ich merke, daß ich um den Mund herum grimmig werde; immer wenn in meiner Seele ein nasser, niesliger November herrscht; immer wenn ich merke, daß ich vor Sarglagern stehenbleibe und jedem Leichenzug hinterhertrotte, der mir begegnet; und besonders immer dann, wenn meine schwarze Galle so sehr überhandnimmt, daß nur starke moralische Grundsätze mich davon abhalten können, mit Vorsatz auf die Straße zu treten und den Leuten mit Bedacht die Hüte vom Kopf zu hauen – dann ist es höchste Zeit für mich, so bald ich kann auf See zu kommen.“

Ansonsten muß man zu Moby-Dick sicher nichts sagen, das wird jeder mehr oder weniger kennen, auch wenn es kein Schwein wirklich gelesen hat. Mal sehen, wie weit ich damit komme, bevor es Frühling wird.

2
Mai

Leben im Idyll

by Maximilian Buddenbohm in

Ein sonniger Maimorgen, der Spielplatz liegt in der Sonne. Das frische Laub in blendendem Hellgrün, auf dem Boden noch die üppigen Reste der Kirschblüte, die ein leichter Wind vor sich her treibt, hellrote, tanzende Verwirbelungen. Zwei Ringeltauben schnäbeln auf der großen Eiche, Spatzen streiten sich vor der Schaukel um die Krümel der Kekse, die die Kinder gestern verstreut haben. Vom Kirchturm schlägt es zehn Uhr, dann hört man die Orgel leise spielen. Auf den Bänken am Rand des Platzes sitzen Mütter mit Latte Macchiato im Pappbecher und halten ihr Gesicht in die Sonne, eine Schar noch sehr kleiner Kinder buddelt in der Sandkiste. An dem großen Stein daneben malt die Tochter der schönen Nachbarin konzentriert mit Kreide an einem großen Bild. Ich stehe daneben und sehe ihr zu. „Was wird das“, frage ich, „ein Hund? Ein Vogel? Eine Puppe?“ Sie sieht mich irritiert an und tritt dann einen Schritt zurück, als würde sie prüfen wollen, ob ihr Kunstwerk auf diese Entfernung für verwirrte Menschen wie mich tatsächlich so mißverstanden werden kann. Dann nimmt sie energisch die rote Kreide und malt weiter. „Nein“, sagt sie und schüttelt den Kopf, „ich male tote Katzen. Mit alles gebrochen.“ Sie summt ein fröhliches Lied dabei.

Gut, denke ich, warum sollten Kinder auch süß und niedlich sein, nur weil wir es gerne so hätten. Sie sind anscheinend mit sechs Jahren schon komplett von allem Rosa befreit und hatten genug Kontakt mit der harten Wirklichkeit, da kann man vielleicht nichts mehr erwarten. Ich sehe zu Sohn I hinüber, der mit seinen Plastikeiswaffeln spielt und Kugeln aus Sand formt. Nur in dem Alter spielen sie noch unbefangen, denke ich, in dem Alter ist alles noch sonniges Vergnügen. So um drei herum lebt man noch komplett im Idyll. Der Sohn kommt währenddessen auf mich zu und reicht mir eines seiner Förmchen voller Sand. „Da“, sagt er strahlend, „Eis für dich.“ „Danke“, sage ich, „das ist aber nett von dir, schenkst du mir ein Eis?“ Der Sohn bleibt vor mir stehen und hält die Hand auf, er wartet offensichtlich auf etwas. „Möchtest du das Förmchen wiederhaben?“ frage ich ihn.

Er sieht mich unwillig an und  sagt ernst: „Nein, will ich einen Euro. Für das Eis.“