Mai, 2010 Archives
Mai
Mai
Blasse Erdbeeren und Bruch
by Maximilian Buddenbohm in
Auf der Bühne steht ein älterer Cowboy mit Bierbauch. Er hat Fransen am Hemd und Lederstiefel an, er stöpselt an seiner Gitarre und an der Anlage herum, dann singt er „Ich möchte so gern Dave Dudley hören“ von Truck Stop. Truck Stop geht immer. Hunderte von Menschen an den Tischen und Bänken um ihn herum schunkeln mit, viele haben selbst auch Cowboyhüte auf. Der Showbühnencowboy hört unvermittelt wieder auf zu spielen und zu singen, er stimmt konzentriert an seiner Gitarre herum. Damit das Publikum sich solange nicht langweilt, stellt er Musik vom Band an, Truck Stop singt „Ich möchte so gern Dave Dudley hören“. Es ist vollkommen egal, ob der Livecowboy oder die Konservencowboys singen, es klingt genau gleich. Dem Publikum scheint es auch egal zu sein, zur Bühne sieht sowieso niemand. Man sieht auf die Teller, man kaut im Takt, man schneidet den Spargel im Takt. Spargel mit Schnitzel, Spargel mit Lachs, Spargel mit rohem Schinken, Spargel mit Kochschinken, Spargel mit allem.
Wir sind auf einem Spargelhof, einem riesigen Spargelhof, einem Bauernhof in Potenz. Mit Hüpfburg, Streichelzoo, Abenteuerspielplatz, Forellenräucherei, Erdbeerfeldern, Gastronomie, Bühnen, Spargel-Erlebnispfad und mit noch mehr, man schafft es gar nicht, bei einem Besuch alles abzulaufen. Ein gemalter Lageplan weist ziemlich viele Ziffern auf, die jeweils für eine Attraktion stehen. Besucher stehen vor dem Plan und verrenken sich den Hals: „Wo kriegen wir denn hier Bier?“ Hunderte von Menschen sitzen auf dem Hof in der Sonne und essen unfaßbare Spargelmengen, zu dem Hof müssen gigantische Ländereien gehören. Riesige Stapel mit Spargelkästen werden hinten bei den Verarbeitungshallen mit Gabelstaplern bewegt. Anderswo fahren die Spargelstecher in Kleinbussen auf die Felder, hier kommen gerade mehrere alte Gelenkbusse mit den Arbeitern an und biegen am Ende des Hofes zu den Quartieren ab, in denen sie für ein paar Wochen untergebracht sind. Müde Gesichter hinter den Fenstern.
Reisebusse mit erstaunlicher Nummernschildvielfalt stehen in Reih und Glied am Rand der Felder, unermüdlich strömen Menschen zu den weißen Zelten, in denen man für die stolzen Spargelportionen anstehen kann. Verzehr nur draußen, am Barrebräu Dein Herz erfreu. Eine lange Schlange auch vor einem anderen Zelt, an dem „Nachschlag“ steht. „Denen gehört auch was an Land in Polen“, sagt der Vater der Herzdame, „denen gehört überhaupt ziemlich viel.“ Ein riesiger, aufblasbarer Spargel weht im Wind hin und her und weist den Bussen den Weg. Im Streichelzoo hinter den Hallen Ziegen und Esel und Schweine, die Schweine haben Ferkel. „Richtige Ferkels!“ kreischt eine dicke Frau im Ruhrgebietstonfall, „die ham hier echte Ferkels!“ Ihr Mann steht desinteressiert daneben und sagt: „Ja nun. Ferkel eben.“ Sie haut ihm in die Rippen und sagt: „Ja, aber richtige doch!“
In der Verkaufshalle gibt es dicken Spargel und dünnen Spargel, Jumbospargel und Bruchspargel, mittleren Spargel und dann das Ganze noch einmal in geschält, daneben grüner Spargel, nur ein paar kleine Kisten, den will ja kein Mensch. „Vier Erwachsene“, überlegt der Vater der Herzdame, „wir brauchen so viereinhalb Kilo“. Dann verhandelt er mit der Verkäuferin auf Platt. Ich suche Schinken. Daneben blasse Erdbeeren in Plastikschalen, immerhin erheblich billiger als in Hamburg, aber wie ein Sommertraum sehen sie noch nicht gerade aus. „Mit viel Zucker geht’s vielleicht“, sagt die Mutter der Herzdame und wir nehmen noch ein paar Schalen mit. Ein Rentnerpaar bestellt von jeder Spargelsorte ein Pfund, unerfindlich was sie damit vorhaben, vielleicht eine Versuchsreihe. Eine junge Frau fragt, wieviel Spargel man denn so nimmt, pro Person, aus der Schlange hinter ihr kommen scherzhafte Antworten von zwei Stangen bis zehn Kilo. Ein Mann bestellt mit russischem Akzent in altmodischem Sprachschuldeutsch: „Bitte, ich habe nur gerade zehn Euro. Was können sie mir da bieten an Bruch und Erdbeeren? Bitte?“ Er hält seinen Zehneuroschein hoch und zeigt ihn der Verkäuferin. Und die Verkäuferin nimmt eine Tüte und schaufelt los, stellt eine große Schale Erdbeeren auf den Spargel und reicht die Tüte dem Russen. „Für zehn Euro?“ fragt der skeptisch und sie nickt nachdrücklich, ein wenig unwillig ob der Nachfrage. „Oh“, sagt der Russe dann und wiegt die Tüte lächelnd in der Hand, „ich danke, ich danke.“ Die Verkäuferin winkt ab und beachtet ihn nicht weiter, sie bedient schon die nächsten Kunden. Auch auf dem Spargelhof gilt: Die Freundlichkeit der Menschen in dieser Gegend liegt immer in der Tat, niemals im Gesicht.
Ein paar Autominuten weiter eine weitere Attraktion der Gegend, Schilder weisen den Weg, der Große Stein. Der Große Stein ist genau das, ein Findling von ungewöhnlichen Ausmaßen, er liegt auf einer Wiese herum und kann erklettert werden. Warmer Granit im Sonnenschein. Daneben ein Klohäuschen mit Fachwerk, mehr nicht. Bäume, Gras, ein trockengelegter Brunnen. Touristen kommen an, Radwanderer, Motorradausflügler. Sie stehen vor dem Stein herum, trinken etwas und machen dann Fotos von sich, das sind wir von dem Stein, da war so ein großer Stein, das ist da so ein Ausflugsziel. Man steht etwas unschlüssig herum, der Stein liegt da und macht nichts. Vögel singen, die Bäume wiegen sich im Wind. „Jo“, sagt ein Motorradfahrer und wirft eine leere Wasserflasche ordentlich in einen Papierkorb neben einer Parkbank vor dem Stein, „dann wollen wir mal wieder.“
Mai
Alles neu macht der Mai
by Maximilian Buddenbohm in
Auch die Frisur von Sohn I. Im Heimatdorf werden Haare natürlich noch auf dem Hof geschnitten, versteht sich. Im Gegensatz zu vielen andere Kindern findet es Sohn I toll, frisiert zu werden – und wenn er morgens vor dem Spiegel steht und klagend “Bin ich ganz strubbelig!” sagt, wird es höchste Zeit, aufs Land zu fahren und seiner Oma die Schere in die Hand zu drücken.
Mai
Potts Park
by Maximilian Buddenbohm in
Wir waren in einem Freizeitpark, der sich speziell an eher kleinere Kinder richtet, Potts Park in Minden, eine wirklich großartige Einrichtung. Der größte Spielplatz, den die Kinder je gesehen haben, mit tollen Angeboten für die Kleinen, man könnte tatsächlich Tage darin verbringen. Einige der Attraktionen sind noch aus den Siebzigern, was man ihnen auch ansieht, mir wurde ganz nostalgisch zumute. Dieses Design, diese Farbgebung – ganz mein Kinderland! Daneben viele neue Spielgeräte, Achterbahnen, Flugdingse, Superschaukeln und was es in solchen Parks eben so gibt. Unfaßbar viel. Nur seltsam, daß die Angestellten dort alle vollkommen verbiestert herumlaufen und anscheinend grundsätzlich nicht lächeln, aber das mag an der Gegend liegen. Oder auch daran, daß sie alle bunte Fliegen tragen müssen. Aber wenn Minden (NRW) für Sie halbwegs erreichbar ist – es lohnt sich mit Kindern trotzdem.
Sie kennen doch zum Beispiel diese kleinen Bagger, in die man normalerweise einen Euro einwirft und bei denen man dann mit vier Hebeln einen Greifarm bedienen kann, fast ganz wie in einem richtigen Bagger? Die, von denen man seine Kinder immer schnell wegzieht, weil es auf die Dauer doch ein teurer Spaß ist? Die sind da im Eintritt mit drin, man kann baggern solange man nur möchte.
Na, sagte ich, dann mal los. Ein ungläubiger Blick aufs Gerät, ein fragender Blick zu mir – ich nicke beruhigend, nein, mein Herz, es kostet wirklich nichts, bagger ruhig. Dieses berauschte Grinsen beim ersten Ziehen an den Hebeln! Diese Konzentration auf die Mechanik, dieser unbedingte Wille, den großen Sandhaufen von links nach rechts zu bewegen, dann wieder zurück und dann ein Stück weiter nach vorne – man muß es gesehen haben. Dieses ekstatische Grinsen, wenn eine Greifbewegung mit der großen Schaufel besonders gelungen ausgeführt wird, diese Anspannung im ganzen Körper, wenn der Arm besonders trickreich gesteuert werden muß, dieser vollkommen versunkene Blick, dem man ansieht, daß es in diesem Menschen überhaupt kein Zeitgefühl mehr gibt – man muß wohl dabei gewesen sein.
Man würde sonst nicht glauben, wie lange eine erwachsene Frau auf einem Spielzeugbagger sitzen kann. Und hätte Sohn I nicht irgendwann beleidigt gegen die Maschine getreten, weil er endlich auch einmal wollte, die Herzdame würde da immer noch sitzen und die Nacht durchbaggern.
Mai
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.
Mai
Kommunikation
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn II krabbelt zu meinem Schreibtisch und beißt mich ins Bein, denn Dezenz ist ihm eher fremd. Nachdem er meine volle Aufmerksamkeit hat, sagt er nachdrücklich: „Öchzrobborobbowammahaps.“ Und guckt mich erwartungsvoll an. Ich gucke ratlos zurück. Keine Ahnung, was das Kind meint, in dem Alter ist es sehr schwer zu raten, was diese Laute bedeuten könnten. In der Regel beziehen sich alle seine Äußerungen auf den Wunsch nach Essen, mehr Essen und noch mehr Essen, aber es kann womöglich einmal Ausnahmen geben. Ich habe eine Eingebung und rufe Sohn I, der ein paar Meter weiter mit Lego spielt, und frage ihn, ob er eigentlich seinen kleinen Bruder versteht. Ja, sagt er und nickt, als wäre das ganz selbstverständlich, natürlich versteht er ihn. Toll, sage ich, du weißt tatsächlich, was er meint? Er nickt wieder. Eigentlich auch ein ganz naheliegender Gedanke, daß ein Kleinkind ein Baby viel besser versteht als wir Erwachsenen, es ist einfach näher dran, es war ja vor ganz kurzer Zeit selbst noch ein Krabbelkind. „Also“, sage ich, „was hat der Kleine denn da eben gesagt?“
„Öchzrobborobbowammahaps“, sagt der große Bruder und wendet sich wieder sehr beschäftigt seinen Legobausteinen zu. Er kann sich schließlich nicht den ganzen Tag um die dummen Fragen seines Vaters kümmern.
Mai
Konzentration
by Maximilian Buddenbohm in
Eine Kollegin fragt, ob sie einen Tag lang mit in meinem Büro sitzen dürfe. Klar doch, gar kein Problem, antworte ich. Sie sagt, sie müsse ab und zu mal telefonieren, ob mich das dann nicht vielleicht stören würde. Ich sage ihr, daß mich so leicht gar nichts stören könne, sie sagt, sie würde auch ganz leise sprechen. Ich sage ihr, sie könne meinetwegen auch herumschreien, sich strampelnd auf den Boden werfen und gegen meinen Stuhl treten, das sei mir ziemlich egal. Sie könne auch seltsame Musik hören, Spuckebläschen machen, mit Strümpfen werfen oder einnässen, alles direkt neben mir, das würde ich gar nicht mitkriegen, bei konzentrierter Arbeit. Die Kollegin sieht mich seltsam an und sagt, daß vielleicht ja auch noch andere Büros frei seien.
Ich habe den leisen Verdacht, daß die besonderen mentalen Fähigkeiten von Eltern nicht immer richtig gewürdigt werden.
Mai
Mai
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß!
Mai
Westerhever
by Maximilian Buddenbohm in
Wir kurven durch die Wildnis bei Westerhever. Hier ist ringsum gar nichts, außer Weiden mit Schafen und Kühen. Hin und wieder ein einsames Reetdachhäuschen, das sich hinter Hecken duckt. Der Regen prasselt auf die Scheiben des Autos, der Wind heult durch den Schiebedachspalt, es ist ungewöhnlich dunkel für einen späten Vormittag. Die wenigen Büsche da draußen liegen schräg im Wind, Blätter treiben wie im Oktober landeinwärts. Wir halten am Deich, kein Auto weit und breit, ein großer Parkplatz für uns alleine. Nur Verrückte fahren jetzt hierher, aber ich, ich habe einen Plan.
Ich drücke die Tür gegen den Wind auf und schnalle Sohn I vom Kindersitz, ich sage ihm, daß ich ihm das Meer zeigen werde. Er sieht mich an, als hätte ich nicht mehr alle beisammen.“Meer!“ sage ich, „schön, endlich am Meer!“ Ich zerre das Kind aus dem Auto und ziehe ihm alles an, was im Auto herumliegt und irgendwie nach Kleidung aussieht. Das Kind sieht nach einer Weile aus wie ein wandelnder Daunenschlafsack für Gnome, ich bin währenddessen schon klitschnaß geregnet. Ich führe das Kind zum Deich, wir gehen gegen den Sturm die Holztreppen hoch. Hinter dem Deich, sage ich, hinter dem Deich ist das Meer. Der Strand! Wie im Bilderbuch. Der Sohn sagt nichts, er krümmt sich unter dem Wind weg. Wir stehen endlich auf der Deichkrone, der Wind ist jetzt wirklich unfaßbar kalt für Mai, es fühlt sich an, als würde er direkt vom Nordpol kommen. Vor uns etwas blasses Gras, dahinter sehr viel dunkler Schlick, ganz weit hinten ein schmaler grauer Streifen, die Nordsee. Das Meer ist natürlich nicht da, die Nordsee ist nie da, wenn ich sie besuche, ich kann mich darauf verlassen. Wir starren einen Augenblick auf den grauen Streifen, dann tränen uns die Augen. „Nordseestrand!“ brülle ich gegen den Wind, zeige auf den Horizont und wiederhole sicherheitshalber: „Nordseestrand!“ Der Sohn nickt zitternd, ihm scheint sehr kalt zu sein. Ich trage ihn schnell zurück zum Auto.
In den nächsten Wochen, wenn es endlich wieder wärmer ist, fahre ich mit ihm mal eben an die Ostsee. Ich zeige ihm fröhliche Menschen in Strandkörben und Kinder, die an der Brandungslinie Burgen bauen. Ich werde mit ihm ein paar Muscheln suchen und dann ein Eis ausgeben. Wir werden Eis essen und auf die blauschimmernde Ostsee sehen, die mit beschaulichen Wellen vor unseren Füßen herumspielen wird. „Ostseestrand!“ werde ich rufen und dann auf das Meer zeigen, „Ostseestrand!“ Der Junge wird mich ansehen, er wird auf die See gucken und er wird verstehen.
Nichts gegen die Nordsee, aber ich komme nun einmal von der Ostsee und als Traditionsmensch muß ich ihm irgendwie vermitteln, welches das richtige Meer ist. Ich glaube, ich habe meine Methode gefunden.
Mai
Witzwort
by Maximilian Buddenbohm in
Witzwort ist sicherlich einer der besseren Ortsnamen auf Eiderstedt, in solchen Orten könnte man sich eine Adresse vorstellen. Eher zum Beispiel als im benachbarten Kotzenbüll, ein Ort, der einem sprachlich etwas benachteiligt vorkommt.
Vor Witzwort galoppieren junge Kühe über einen Acker, schneller und eleganter als man sich so etwas vielleicht vorstellt. Sie springen herum und jagen über den Löwenzahnteppich, sie schlagen aus und bocken, es ist die die reine, frühlingshafte Lebensfreude. Ich stehe mit Sohn I am Gatter und sehe den Kühen zu, wir haben am Straßenrand gehalten, weil Sohn II gestillt werden muß, wenn man zwei Kleinkinder im Auto hat, kommt man nicht sehr weit. Wenn man dann gerade in Nordfriesland ist, kann man damit allerdings ganz gut zurechtkommen. Der Sohn guckt fasziniert dem Kuhsport zu, die Tiere laufen weiter im Kreis über die Weide, bleiben stehen und rennen wie auf Kommando plötzlich wieder los. Direkt vor ihnen her fliegt jetzt eine Schwalbe in besonders wildem Zickzack, als ob sie es für ein Spiel halten würde, sich mit den großen Tieren auszutoben. Für einen Moment sieht es ganz aus, als wären die Kühe hinter dem Vogel her, denke ich amüsiert. „Jagen die Vögel!“ schreit da der Sohn schon und er ist ehrlich schockiert, denn er hat über Kühe schon wirklich viel vorgelesen bekommen, aber daß sie Vögel fressen, das ist ihm neu. „Jagen die Vögel!“ ruft er wieder aufgeregt und zeigt mit dem Finger auf die Killerkühe. Er fragt mich, ob sie beißen können, er fragt mich, ob sie auch andere Tiere fressen, er fragt mich, ob sie sehr gefährlich sind, er geht doch lieber ein paar Schritte zurück.
Ich erkläre ihm, daß Kühe nur Gras fressen und daß der Vogel nur zufällig gerade vor ihnen hergeflogen ist. Er sieht mich mit dem Blick eines schlauen Kindes an, das genau weiß, wenn Erwachsene ihn veralbern wollen. Er hat sie ja gesehen, die Raubkühe hinter Witzwort. Man erkennt als Vater, wenn im Kind gerade etwas eingerastet ist und man weiß natürlich auch, wann man sich besser um eine Korrektur bemühen sollte. Ich werde mit dem Kind also heute noch ein paar Stunden an irgendeinem Kuhgatter stehen müssen, um den Beweis zu erbringen, daß sie wirklich, wirklich nur am Gras herumrupfen. Wahrscheinlich werde ich sie streicheln müssen, um zu zeigen, daß sie nicht bissig sind. Ich werde womöglich sogar ein wenig zwischen den Kühen herumgehen müssen, um ihre Friedlichkeit zu demonstrieren. Und ich werde vorher genau nachsehen, ob es auch keine Bullen sind.
Mai
Knallgelb
by Maximilian Buddenbohm in
Da sitzt man in Hamburg-Mitte und lebt und arbeitet so vor sich hin – und verpaßt um ein Haar die Rapsblüte vor den Toren der Stadt (hier auf Eiderstedt). Nicht auszudenken! Farben, an denen man sich schier besaufen möchte – und nicht einmal Zeit für eine lange Fototour. Manchmal ist es ja doch ein Elend, mit diesem Alltag. Mittwoch gleich noch einmal gucken fahren, ob alles noch da ist.
Mai
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Lange nicht mehr in Richtung Eiderstedt unterwegs gewesen. Dann werden wir das mal ändern. Drüben im Westen ist übrigens wieder ein neues Wochenhoroskop von mir erschienen – viel Spaß damit.
Mai
Zum Nationalgefühl bei Kleinkindern
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I weiß, in welcher Straße er wohnt und er weiß auch, wer hier zur Nachbarschaft gehört. Er weiß, wie er mit Nachnamen heißt und wer zur Sippe gehört, das weiß er sogar bei Menschen, die er kaum kennt, wie etwa bei meinem Bruder, den er nur einmal im Leben gesehen hat. Er weiß auch, daß er in Hamburg wohnt, was vor allem an der Abgrenzung zum Heimatdorf liegt – ist das da draußen vor dem Fenster nicht Hamburg, dann ist es wahrscheinlich Friedewalde. Hamburg ist so wie immer, alles andere ist irgendwie speziell, ist womöglich sogar, wenn genug Wasser da ist, Mallorca oder Helgoland oder Eiderstedt. Hamburg ist die Routine, wir basteln uns langsam eine seelische Heimat. Von Deutschland hat er natürlich keinen Schimmer. Er weiß mittlerweile, daß einige Menschen anders reden als wir, zum Beispiel die Eltern seiner Freundin, das findet er lustig. Daß die anderen aber Portugiesen sind und wir Deutsche – davon hat er keine Ahnung.
Bald ist Fußball-WM, da wird das Thema der Nationen und Länder natürlich überall sehr präsent sein, das deutet sich jetzt bereits an, wenn man an einem beliebigen Kühlregal entlang geht. Nationenaufkleber im Joghurt-Sixpack, Nationalmannschaften auf der Milchpackung, Flaggen auf der Leberwurst. Klebe-Tattoo-Fahnen, um genau zu sein. Klebe-Tattoos müssen natürlich auf den Arm, ganz egal, was da drauf ist, da kennt der Sohn keine Hemmungen. Das arme, ahnungslose Kind würde auch mit FDP-Werbung oder Schlimmerem auf dem Körper herumlaufen. In der Leberwurstpackung war heute morgen eine kleine Deutschlandfahne als Tattoo. Der Sohn pellt sie von der Wurst, dreht sie grübelnd in den Fingern und fragt mich dann, was eine Fahne sei. Ich versuche es zu erklären, das ist gar nicht so einfach. Ich mühe mich ab, das Prinzip der nationalen Abgrenzung kindgemäß darzustellen. Ich rede von ganz großer Nachbarschaft und Riesenfamilien, von Geschichte und Politik, von Grenzen und Sprachen. Als der Sohn vor Langeweile vom Stuhl kippt, höre ich auf. Thema abgehakt, wieder etwas Wichtiges vermittelt, man ist als Vater ja soweit zielstrebig . Der Sohn rappelt sich wieder auf, geht vor den Spiegel und besieht sich ausgiebig das frische schwarzrotgoldene Rechteck auf seinem Arm.
Dann geht er zur Herzdame und sagt stolz: „Hab ich eine Wurstfahne.“
Mai
Rock’n Roll sieht anders aus
by Maximilian Buddenbohm in
Ich gehe mit Sohn I einkaufen, er quengelt nach Weintrauben. Ich kaufe Weintrauben und reiche sie ihm, weil der Hunger diesmal anscheinend sehr groß ist, ausnahmsweise direkt hinter der Kasse. Er sieht mich empört an und sagt: „Kann man das so nicht essen, ungewaschen!“
Ich bitte den Sohn, mir ein Buch aus dem Schlafzimmer zu holen, aus dem Regal hinter dem Bett. Er geht ins Schlafzimmer, kommt mit leeren Händen zurück und sagt: „Kann ich doch nicht aufs Bett, hab ich Schuhe an.“
Ich mache mit dem Sohn zwischen zwei Terminen einen Zwischenstop in der Wohnung, wir haben keine Zeit, es reicht nur für einen schnellen Toast. Ich reiche ihm das Brot, er sagt „Kann ich das so nicht essen, ohne Teller und Lätzchen.“
Wir besuchen Freunde, die ein neues Baby haben. Der Sohn betritt die Wohnung und setzt sich grußlos auf den Orientteppich, um eine halbe Stunde lang hingebungsvoll die Fransen glattzustreichen und zu entwirren. Er murmelt etwas von“ nicht richtig gemacht “ und „geht so nicht“. Zwischendurch sieht er unsere Gastgeberin skeptisch an, wahrscheinlich hält er sie für eine durch und durch fragwürdige Person. Bei Menschen mit unordentlichen Teppichfransen ist alles möglich, sagt sein Blick.
Ich bringe den Sohn am frühen Morgen zur Kita, er sieht mich im Fahrstuhl skeptisch an und fragt: „Nicht Handy vergessen? Oder Schlüssel?“
Andere Väter liegen nachts wach im Bett und sorgen sich um ihre kleinen wilden Kerle, die am nächsten Tag bestimmt wieder Gott weiß was anstellen werden. Ich liege nachts wach und frage mich – wie komme ich eigentlich zu dieser Biedermeier-Brut?











