Februar, 2010 Archives

5
Feb

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

“Und, wie ist das Eis?” “Ach, es geht noch. Aber es knirscht bei jedem Schritt ein wenig.”  Nun ja.

Und drüben im Westen ist übrigens wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.

4
Feb

Die wichtigste Mahlzeit des Tages

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist immer interessant, was Kinder tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Man wirft einen Blick auf das echte Wesen des Kindes, das sich gerade nicht irgendeiner erzieherischen Anforderung beugen muß oder jemanden gefallen will, das seine Handlungen nicht auf Aufmerksamkeit ausrichtet und nicht aus Trotz agiert. Es ist einfach so, wie es ist. Pur.

Es ist noch sehr früh am Morgen, Sohn I vermutet mich gerade im Badezimmer. Er stromert durch die Wohnung und betritt schließlich die Küche. Er ahnt nicht, daß ich im dunklen Flur stehe, von wo aus ich ihn gut sehen kann. Der Sohn geht zum Kühlschrank, öffnet die Kindersicherung und macht die Tür auf. Er nimmt eine Packung Jagdwurst und reißt sie mit den Zähnen auf, zerrt drei Scheiben Wurst aus der Packung und wirft sie auf den Küchentisch. Dann tritt er die Kühlschranktür zu und schließt sorgsam die Kindersicherung. Schiebt sich einen Stuhl an die Arbeitsplatte, klettert hinauf und steckt eine Scheibe Brot in den Toaster. Guck an, denke ich erfreut, ist die tausendfach gepredigte Botschaft „keine Wurst ohne Brot“ doch tatsächlich bei ihm angekommen, wer hätte das gedacht. Der Sohn klettert wieder runter, geht zum Küchentisch und stopft sich die drei Scheiben Wurst auf einmal in den Mund. Klettert dann noch einmal zum Toaster, der gerade das Brot ausspuckt, nimmt die Scheibe, steigt ab, geht zum Müll und wirft sie weg. Fegt mit dem Zeigefinger zwei Krümel vom Mülleimerrand und bleibt einen Augenblick stehen, denn das Kauen der Wurstmenge erfordert seine ganze Konzentration.

Dann geht er aus der Küche, um nachzusehen, was der Rest der Familie so treibt. Sieht mich im Flur, schluckt den letzten Wurstrest und sagt freudestrahlend: „Hab ich gefrühstückt. Mit Brot!“

3
Feb

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Somerset Maugham schreibt in „Die halbe Wahrheit“, daß er immer gedacht habe, die französische Schriftstellerin Colette verfüge über einen besonders leichten und eleganten Stil – und er nahm an, daß sie auch so schrieb, quasi aus dem Handgelenk, ein Schrift gewordenes Geplauder in edelster Form. Das glaubte er, bis er von ihr selbst erfuhr, daß sie eher eine gequälte Schreiberin war, die Tage für eine Seite brauchte und wahren Umschreibexzessen frönte. Da lese ich doch gleich einmal nach, weil sie zufällig gerade in Reichweite liegt.

Colette: La Vagabonde – Renée Neré. Aus dem Französischen von Rosa Breuer-Lucka. Der Roman erschien zuerst 1910 und beginnt so:

„Halb elf… Schon wieder bin ich zu früh fertig. Brague, mein Partner, der mir zur Seite stand, als ich das erstemal in der Pantomime auftrat, wirft es mir immer sehr drastisch vor: „Eine verwünschte Dilettantin! Nie kannst du es erwarten! Wenn es nach dir ginge, wäre schon um halb acht alles fertig geschmückt!“ Die drei Jahre, die ich jetzt im Varieté und beim Theater bin, haben mich nicht geändert, immer bin ich zu früh fertig. Fünf Minuten nach halb elf – wenn ich nicht das oft durchgelesene, auf dem Toilettentisch herumliegende Buch durchblättere oder den „Paris-Sport“, in den die Garderobiere vorhin Zeichen mit dem schwarzen Schminkstift gemacht hat, werde ich mit mir allein sein, allein mit der geschminkten Richterin, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt. Ihre Augen liegen tief in den Höhlen und die Lippen sind mit einer bläulichen Creme eingerieben. Die Wangen leuchten wie in unnatürlicher Röte, die Lippen sind dunkelrot und glänzen, als wären sie lackiert… Sie sieht mich lange an, und ich weiß, daß sie jetzt sprechen wird…“

3
Feb

Anderswo

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn Sie sich noch ebenso wie ich bildhaft und genau an das Lehrerzimmer Ihrer Schule erinnern können, bzw. an das unruhige Warten davor, weil man einen der Allmächtigen sprechen mußte, wenn Sie noch wissen, daß man da seltsamerweise manchmal Lachen aus diesem Raum hörte, den man nie betreten durfte, wenn Sie noch vor sich sehen, daß man durch den Spalt der auf- und zugehenden Tür gelegentlich Lehrer in seltsam privat anmutenden Situationen beobachten konnte, ganz anders, als man sie kannte,  und daß andere sich anscheinend aber auch in diesem Heiligtum exakt genau so benahmen, wie in der Klasse, dozierend und aller Welt fremd, wenn Sie auch noch dieses jähe Glücksgefühl parat haben, das die an der Schwelle des Lehrerzimmers mitgeteilte Botschaft auslöste, ein Lehrer sei krank, womöglich für länger – dann interessiert Sie vielleicht auch dieser Text hier.

1
Feb

Still ruht der See

by Maximilian Buddenbohm in

So eine zugefrorene Alster hat Vorteile, auf die man gar nicht sofort kommt. Es ist eben nicht nur so, daß man mal eben in 15 Minuten von Sankt Georg nach Harvestehude laufen kann, daß man bisher ungeahnte Fotomotive findet oder sich an dem phantastischen Licht erfreuen kann, wenn die Sonne auf die riesige weiße Fläche trifft. Es ist auch so, daß Sohn I, seit er die vereiste Alster gesehen hat, zuhause gerne längere Zeit ganz still auf dem Boden liegt. Ohne sein Zimmer zu verwüsten, ohne herumzubrüllen, einfach so. Ganz reglos. Flach atmend.

Wir haben das zunächst nicht verstanden und uns etwas Sorgen gemacht, denn es ist ja ungewöhnlich, wenn sich ein gesunder Zweieinhalbjähriger plötzlich still verhält, so etwas ist eigentlich undenkbar und geradezu eine Störung der natürlichen Ordnung. Wir haben ihn gefragt, was los sei, er hat uns ignoriert. Wir haben ihn angestupst, er hat stoisch geradeaus gesehen. Ich habe ihn an den Füßen hochgehoben, er hat mir von unten ins Gesicht gesehen und sehr verstimmt gesagt: „Bin ich die Alster. Kannst du nicht hochheben!“

Er ist im besten Rollenspielalter angekommen. Er zischt abends als Schlange ins Bett, bellt uns morgens als Hund wach und macht tagsüber zur Zeit eben, was man als Alster so macht-  herumliegen. Wa soll sie auch sonst tun. Er freut sich, wenn man vorsichtig über ihn rüber steigt, denn man kann die Alster ruhig betreten, neuerdings. Ansonsten möchte er aber lieber nicht gestört werden, das Herumliegen ist eine ernste und einsame Angelegenheit, die volle Konzentration verlangt.

Wir sind schon sehr gespannt, wie er das sicher bald anstehende Tauen darstellen wird – aber ich habe so eine Idee.