Die wichtigste Mahlzeit des Tages

Es ist immer interessant, was Kinder tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Man wirft einen Blick auf das echte Wesen des Kindes, das sich gerade nicht irgendeiner erzieherischen Anforderung beugen muß oder jemanden gefallen will, das seine Handlungen nicht auf Aufmerksamkeit ausrichtet und nicht aus Trotz agiert. Es ist einfach so, wie es ist. Pur.

Es ist noch sehr früh am Morgen, Sohn I vermutet mich gerade im Badezimmer. Er stromert durch die Wohnung und betritt schließlich die Küche. Er ahnt nicht, daß ich im dunklen Flur stehe, von wo aus ich ihn gut sehen kann. Der Sohn geht zum Kühlschrank, öffnet die Kindersicherung und macht die Tür auf. Er nimmt eine Packung Jagdwurst und reißt sie mit den Zähnen auf, zerrt drei Scheiben Wurst aus der Packung und wirft sie auf den Küchentisch. Dann tritt er die Kühlschranktür zu und schließt sorgsam die Kindersicherung. Schiebt sich einen Stuhl an die Arbeitsplatte, klettert hinauf und steckt eine Scheibe Brot in den Toaster. Guck an, denke ich erfreut, ist die tausendfach gepredigte Botschaft „keine Wurst ohne Brot“ doch tatsächlich bei ihm angekommen, wer hätte das gedacht. Der Sohn klettert wieder runter, geht zum Küchentisch und stopft sich die drei Scheiben Wurst auf einmal in den Mund. Klettert dann noch einmal zum Toaster, der gerade das Brot ausspuckt, nimmt die Scheibe, steigt ab, geht zum Müll und wirft sie weg. Fegt mit dem Zeigefinger zwei Krümel vom Mülleimerrand und bleibt einen Augenblick stehen, denn das Kauen der Wurstmenge erfordert seine ganze Konzentration.

Dann geht er aus der Küche, um nachzusehen, was der Rest der Familie so treibt. Sieht mich im Flur, schluckt den letzten Wurstrest und sagt freudestrahlend: „Hab ich gefrühstückt. Mit Brot!“

22 comments

  1. Nessy

    Großartige Aktion vom Sohn. Moralisch ist diese arglistige Täuschung natürlich aufs Strengste zu verurteilen, trotzdem: ganz großartig.

  2. Sebastian

    Wieder einmal schallt ein lautes Lachen durchs Büro und ich werde komisch angeguckt. Vielen Dank für diese Anekdote an einem trüben Tag.

  3. Frau L. aus F.

    Trennkost ist ja eine anerkannte Ernährungsform. Aber warum nur toastet er dann noch Brot zur Wurst? Damit es danach duftet? Das wäre wirklich sehr raffiniert!

  4. Stony

    Na, ich vermute mal, dass Sohn I nicht gerne flunkert. Also hat er eine Lösung gesucht, die alle Seiten zufriedenstellt, und diese auch gefunden. Brot war ja im Vorgang mit eingebunden. Irgendwie.

  5. Christine

    Könnte es sein, dass Sohn I mit jeglichem Backwerk so verfährt?
    Ich meine gelesen zu haben, dass auch eine bestimmte Sorte Weihnachtsplätzchen eine ganz ähnliche Behandlung erfahren haben.

  6. Maximilian Buddenbohm

    Bei den Keksen war es Notwehr, keine Hinterlist, das ist natürlich eine andere Ausgangslage. Und doch, zwischen Toast und Weihnachtskeks gibt es so einige Produkte, die auch in seinem Magen landen.

  7. cagun

    Die lieben Kinderchen sind IMMER ein Spiegel ihrer Umwelt. Auch wenn man es manchmal nicht wahr haben will, aber vielleicht kann man es auf die Kindergärtnerin schieben ….

    Eine schöne Geschichte!

  8. Elí's Mami

    guter Junge, braver Junge, schlauer Junge!!! :o) Leider werden Kinder immer erwischt … buuh! Ich habe aus meinen Kindertagen ein Foto, auf dem der Käseklau festgehalten wurde. Endlich konnte er dann von meinen Eltern bewiesen werden, da bis dahin nur eine Vermutung im Raum war … Peinliche Situation! hihihi

  9. GZi

    Hm, das erinnert mich an eine geschichte aus meiner Kindheit: hast Du dir die Hände gewaschen? Ja, sogar mit Seife (Schwindel, die war trocken, wie sich leicht feststellen ließ, damals gab es keine Flüssigseifenspender. Ich habe die Konsequenz noch lebhaft in Erinnerung. Deshalb die Frage: Und? Was haben Sie gemacht?
    Denn der Toast im Müll ist ja ebenfalls nicht dauerhaft unsichtbar…

  10. Thomas Christopher

    die logikketten bleiben einem leider als erwachsener verschlossen; daddy dialectic schreibt, dass elternschaft eine rückkehr zur eigenen kindheit auch bedeutet… ich bin da mal gespannt^^

  11. egghat

    Also die Story ist natürlich cool. Nicht dass das falsch verstanden wird.

    Aber wozu zum Teufel braucht man eine Kindersicherung an einer Kühlschranktüre? Ist mein Sohn etwa außergewöhnlich vernünftig?

  12. Maximilian Buddenbohm

    Die Kindersicherung haben wir damals montiert, als Sohn I noch kleiner war und sich gerne längere Zeit im Kühlschrank aufhielt. Das schien uns der falsche Platz für ein Baby zu sein.

  13. Sebastian Salzgeber

    Kurze Zwichenfrage: Wieso dürfen Kinder Wurst nicht ohne Brot essen?

  14. Magnus

    @Sebastian Salzgeber: Vielleicht legen die Eltern ein bisschen Wert auf eine ausgewogene Ernährung … es geht leider ratzfatz, und schon schleift sich der kindliche Geschmack ab und das Kind weigert sich, auch noch die ballastsoffreiche Nahrung zu sich zu nehmen. Lieber das, was mehr Geschmack hat und schnell hintergehauen werden kann. Dann sitzt man da mit einem, der ungefähr zwei Sorten Obst isst, die beide – legt man Wert auf saisonal sinnvolles Essen – ungefähr zwei Monate im Jahr erhältlich sind.

    Man könnte ja auch sagen: „Ach lass doch.“ Aber das ist für moderne Eltern eh immer so ein Balanceakt, die Freiheit des Individuums „Kind“ mit der Fürsorgepflicht der Individuen „Eltern“ abzugleichen.

  15. AnnaCloud

    Das ist so herrlich!!! Wenn es beim Lachen in der Nase zwiebelt bis die Augen suppen. Ein großes Kompliment an Sie, dass sie über Kinder schreiben können, ohne dass man sich als Leser gleich unter das Eltern-Solidariäts-Dach gezerrt fühlt um im Wettbewerb seine Kinder zu den Klügsten, Niedlichsten, Lautesten, Frechsten und Aussergewöhnlichsten zu machen. „Jaaaa, das kenn ich auch von unserem Sohn. DER hat ja gestern überhaupt das GRÖSSTE gebracht. Da ist der doch tatsächlich…“ Nöööö, lieber lese ich bei Ihnen weiter.

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