Januar, 2010 Archives
Jan
Neues vom Spracherwerb
by Maximilian Buddenbohm in
“Eisbären, Seehunden, Walrossen.” Nun ja, Pluralen sind eben so eine Sache.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Ich lese meist eher Klassiker, aber ab und zu kann man sich ja mal einen modernen Autor vornehmen. Maximilian Buddenbohm: “Zwei, Drei, Vier – Wie ich eine Familie wurde” Da nimmt also jemand seine Blogtexte, überarbeitet sie gründlich, schreibt sie teils um, mischt sie neu durch und legt sie wieder zusammen, was er dann “Remix for print” nennt – und das Ganze wird tatsächlich ein Buch. Was es nicht alles gibt!
Das Buch erscheint gerade und beginnt so:
Vor vielen Jahren, ein Kneipenabend in Hamburg. Eine größere Runde sitzt an einem Tisch, es wird gegessen und getrunken. Die Luft ist verraucht, damals durfte sie das noch sein. Zwei, drei Paare und etliche Singles sitzen da, darunter gleich mehrere Frauen, die ich auf die eine oder andere Art sehr interessant finde. Eine weitere Frau, die direkt neben mir sitzt, finde ich eher nicht so spannend, aber das macht nichts, sie mich anscheinend auch nicht. Mit dieser Frau verabrede ich mich aber, weil wir am nächsten Abend auf dieselbe Party gehen wollen, da kann man ja zusammen hinfahren. Die Frau ist mir zu jung, mein Typ ist sie auch nicht, aber das ist natürlich kein Grund, nicht nett zu sein. Ich werde sie abholen, daher frage ich nach ihrem Nachnamen, man weiß ja sonst nicht, wo man klingeln soll. “Buddenbohm” antwortet sie. “Großartig”, sage ich, “das ist ja mal ein wunderbarer Nachname. Sollten wir jemals heiraten, nehme ich Deinen Namen an.” Sie lacht.
Jan
Immer realistisch bleiben
by Maximilian Buddenbohm in
Ich: Guck mal, unser Kleiner freut sich immer so, wenn er mich sieht, ein richtiges Papakind.
Die Herzdame: Der freut sich auch über eine zermatschte Fliege an der Wand.
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Im Bild: Die Hamburger Galerie der Gegenwart. Moderne Kunst und so. Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhorokop von mir online. Viel Spaß.
Jan
Hier wird ausgebildet
by Maximilian Buddenbohm in
In den Fachbüchern über kindliche Entwicklung findet man das Wort “Sprachexplosion”. Es bezeichnet ein überaus faszinierendes Phänomen, das eintritt, wenn das Kleinkind von der stammelnden Forderungssprache (“Milch! Banane! Mama!”) recht plötzlich zu ganzen Sätzen übergeht und dann seltsam unvermittelt Vergangenheitsformen gebraucht, in Gedankengängen Bedingungen verschachtelt, komplexe Vorgänge verstehen und wiedergeben kann, sein Vokabular dramatisch erweitert und schlagartig zur Abstraktion fähig ist. Wie wir nun aus eigener Erfahrung wissen, kann diese Steigerung tatsächlich in etwa drei bis vier Wochen erfolgen. Man hatte eben noch ein Kind, das morgens “Hunga!” rief – und zack, hat man eines, das morgens “möchte bitte Brot mit Lachs, viel und jetzt! Und Tee!” ruft. Gab das Kind gestern noch alle fünfzehn Minuten ein einsames Substantiv von sich, wird man auf einmal ganztägig zugetextet.
Das erfüllt den Vater, der ein klein wenig sprachfixiert ist, natürlich mit Stolz. Da wird auch das Vorlesen gleich interessanter, da kann man sich austauschen, da kann man den Kleinen auf ganz neue Art belehren und gemeinsam Sprachwelten entdecken. Ich setze mir Sohn I auf den Schoß, nehme eines seiner Bilderbücher und schlage es auf. “Guck mal, ein Eichhörnchen”, sage ich, “was macht es denn da?” “Nüsse knacken, Nüsse essen. Macht Arbeit.” antwortet der Sohn, als hätte er schon immer flüssig sprechen gekonnt, es ist die helle Freude. Endlich kann ich aufhören, immer nur stupide auf eine Abbildung zu zeigen und auf eine richtige Nennung zu hoffen, endlich kann man sich über die Bilder richtig unterhalten. “Und wo wohnt das Eichhörnchen?” frage ich, ohne dabei auf die Höhle im Baum zu zeigen, denn da soll der Sohn ja selbst drauf kommen, man ist ja soweit pädagogisch ambitioniert. “Im Kobel”, sagt der Sohn. “Äh…” sage ich. Im Kobel?!
Ich: “Kobel? Du meinst Höhle? Nest? Baumloch?”
Sohn: “Heißt Kobel.”
Ich: “Kobel?!”
Sohn: “Kobel. Wohnt Eichhörnchen.”
Ich rufe die Herzdame dazu und frage sie, wo Eichhörnchen wohnen. Sie sagt. sie wohnten in einem Kobel, das hätte sie kürzlich erst vom Sohn gelernt. Ich drücke das Bilderbuch dem Sohn in die Hand und lasse ihn alleine weiterlesen, ich gehe an mein Notebook und schlage Kobel nach. Kobel ist der Fachbegriff für ein Eichhörnchennest, ich habe das Wort noch nie im Leben gehört. Der Sohn ist mir gefolgt und sagt ruhig und mit erhobenem Zeigefinger: “Heißt Kobel.” Er betont es sorgfältig, damit es auch Unkundige wie ich verstehen können.
Ich frage die Herzdame, wieso der Sohn den Begriff Kobel kenne. Sie sagt, woher schon, aus dem Kindergarten wahrscheinlich, das sei doch vollkommen egal. Ich sage: “Ja wie, egal? Der Lütte weiß mehr als ich und das soll egal sein? Ich arbeite mit Text, ich mach das beruflich! Ich kann mich doch nicht von Zweijährigen belehren lassen! Der weiß nach den ersten hundert Wörtern eines mehr als ich – wo kommen wir denn da hin? Rechne das mal hoch!” Der Sohn legt eine Hand beruhigend auf mein Knie und sagt freundlich, aber bestimmt: “Heißt Kobel. Jetzt weiterlesen.”
Gut. Man soll sich in Erziehungsfragen nicht aufregen. Mal sehen, was er mir morgen beibringt.
Jan
Jan
Winter
by Maximilian Buddenbohm in
Es schneit schon wieder, und der Schnee bleibt sogar liegen. Hamburg in weißer Schönheit. Die Eltern ringsum geben sich schon seit den ersten Schneefällen begeistert, endlich kann man den Kleinen verdeutlichen, daß es dieses seltsame Zeug aus den Bilderbüchern wirklich gibt. Man kann Winter erklären, Schlitten, Schneemänner, Schneeschippen, Schneebälle, Eis, das ganze Programm. Eine weitere Generation in diesem Land kann trotz Klimawandel mit einem klassischen deutschen Winterbild aufwachsen, ist es nicht wunderbar. Man wirft mich mit den Ballen, der Weg ist mir verschneit, wie es in den alten Texten heißt, der eine oder andere wird es noch aus Lesebüchern kennen.
Ich zeige Sohn I den Schnee vom Fenster aus und verkünde ihm, daß wir gleich, toll, toll, rausgehen werden. Schneespaziergang! Vater und Sohn! Sohn I nickt freundlich aber zurückhaltend, es ist überhaupt ein auffallend höfliches Kind. Ich ziehe ihn an. Es ist unfaßbar, was man einem Kleinkind alles anziehen muß, bevor man bei so einem Wetter endlich vor die Tür kann, Windel, Unterhemd, Body, Strumpfhose, Pullover, Strickjacke, Schal, Mütze, Handschuhe es nimmt und nimmt kein Ende. Endlich werfe ich mir selbst schnell eine Jacke über und öffne schwungvoll die Wohnungstür: „Jetzt! Wir gehen raus! In den Schnee! Toll!“
Sohn I bleibt auf der Schwelle stehen, sieht mich griesgrämig an, hebt die Schultern, zieht den Kopf ein, und murmelt: „Kei… Sch… nich raus…“. Er hat den Großteil einer Hand im Mund, man kann ihn kaum verstehen, aber das, was bei mir ankommt, ist schlimm genug. Ich knie mich vor ihn hin, man soll immer auf Augenhöhe sein, bei ernsten Gesprächen. „Sohn“, sage ich, „es ist Winter. Da gehört Schnee dazu. Man kann damit spielen und so, Schnee ist toll. Eine Kindheit ohne Schnee ist praktisch nicht denkbar. Wir gehen jetzt raus und haben Spaß, OK? Wir zwei? Mein Großer?“
Der Sohn schüttelt den Kopf, beißt auf seiner Hand herum und nuschelt: „Nich raus. Kei… Sch. kalt.“
Irgend etwas in seiner Haltung reizt mich. Dieses zögerliche Nichtwollen, dieses mißmutige Schulternhochziehen, dieser grundlos leidende Blick. Von draußen hört man das vergnügte Jauchzen der anderen Kinder auf dem Spielplatz vor der Tür, sie bauen Schneemänner und tollen herum, nur mein Sohn steht starr und bockig im Türrahmen und schüttelt den Kopf. „Als ich Kind war“, sage ich, „da gab es im Winter noch jeden Tag Schnee! Da konnte man sich gar nicht aussuchen, ob man rausgehen wollte oder nicht! Da schneite es dauernd, tennisballgroße Flocken und die blieben immer liegen! Immer! Und wir hatten keine kuschelige Funktionskleidung, sondern nur kratzige Wollstrumpfhosen, eisige Gummistiel und ewignasse Stoffhandschuhe, aber wir waren trotzdem immer draußen. Drinnenbleiben war gar nicht vorgesehen! Und wir sind auch nicht erfroren! Oder nur ein bißchen! Warum zum Teufel willst du nicht rausgehen?“
Der Sohn guckt zum Boden und schüttelt den Kopf. Ich überlege, mir die kleine Heulsuse zu schnappen und draußen in einen Schneemann einzubauen. Da nimmt er endlich einmal die Hand aus dem Mund und sagt: “Kann nicht rausgehen. Keine Schuhe an. Zu kalt.“ Und er zeigt auf seine in der Tat nur bestrumpften Füße, die wirklich keinen sehr winterfesten Eindruck machen.
„Du wolltest mit ihm doch nicht etwa ohne Schuhe raus?“ fragt die Herzdame, die gerade mit Sohn II über der Schulter vorbeikommt und uns verwundert anguckt. „Nein“, sage ich, „natürlich nicht. Ich war gerade im Begriff, sie ihm anzuziehen. Du traust mir auch alles zu.“







