Angst

Jan 16th, 2010 von Maximilian Buddenbohm

Wir sind ja hier ganz unter uns, liebe Leserinnen und Leser, in diesem kleinen Club durchtherapierter Erwachsener, da können wir ja auch einmal über ein ernstes Thema reden und uns tieferliegenden Problemen stellen. Denn entgegen dem Anschein, den hier viele Beiträge wahrscheinlich erwecken, ist die Kindheit, und gerade auch die sehr frühe Kindheit, nicht nur ein heiteres Paradies voller komischer Vorkommnisse, fröhlichem Lernen und Unmengen an Smartiejoghurt. Nein, sie ist selbstverständlich auch eine Zeit der Probleme und der Ängste, wie wir alle wissen, die das irgendwann mit einem Therapeuten bis zum Erbrechen durchgekaut haben. Ängste, über die man lange gesprochen hat, während sich ein Fachmann Notizen mit dem Kuli machte, so lange, bis man sich irgendwann sagte, wieso eigentlich ich? Und wieso schon wieder diese dämlichen Kinderthemen? Und wieso überhaupt Therapie? Geht’s noch? Und dann stand man auf und wandelte, es wird fraglos dem einen oder anderen bekannt vorkommen.

Bekannt auch, daß man dabei tastend herumrät, was einen denn wohl in der Kindheit bewegt haben könnte, man erinnert sich ja an vieles nur höchst unklar. Ängste, Probleme, damals, was weiß ich denn, ja sicher, da war doch was, die großen Spinnen, die bösen, bösen Schwäne, der dunkle Heizungskeller, was mag es alles bedeutet haben? Der Fachmann nickt aufmunternd und schreibt mit, in der Erinnerung sieht man die Monsterspinne an der Wand und sich selbst als Dreijährigen blaß und bebend davor. Oder so ähnlich. Alles höchst vage natürlich, und wenn man ehrlich ist, aber wer wäre das, auch höchst fragwürdig, denn was taugt das Gedächtnis schon. Erinnerung lügt, Erinnerung betrügt, die Spinne war tatsächlich 0,5 Zentimeter lang, mit Beinen, wirklich ein Wahnsinnsproblem. Aber darum geht es nicht, natürlich nicht. Es geht um das, was sie symbolisiert, jede Spinne ist ein Zeichen und zwar sogar schon, bevor man sie an der Wand zerklatscht hat – dann aber erst recht. Die Spinne, das Monster, das namenlose Grauen, sie steht für das Unfaßbare, Unkontrollierbare, der Abgrund in uns, die Gefühle, die man nicht zeigen konnte oder durfte, der Fachmann mit dem Kuli fragt nach den Eltern. Man deutet herum, man rät, man assoziiert.

Andere Forscher meinen ja, der Mensch an sich habe Angst vor Spinnen, weil das ein höchst willkommener Überlebensimpuls sei, die Biester sind nämlich oft genug giftig und der Mensch länger lebendig, wenn er, besonders als kleiner Mensch, ausreichend Abstand hält. Erzählen Sie das mal, während Sie auf der Couch liegen, und dann achten Sie auf das trockene Räuspern des Fachmanns mit dem Kuli. Aber das nur am Rande.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn man schon bloggt und hier und da die Erlebnisse der Kleinen festhält, so daß sie später, in vielen Jahren, nachlesen können, wie es für den Vater gewesen ist, wenn sie nachlesen können, was es alles an Erlebnissen gab, die sie natürlich längst vergessen haben werden, wäre es da nicht wahnsinnig praktisch und zuvorkommend, auch über die Ängste und Probleme der Kinder ein Wort zu verlieren, zur späteren Wiedervorlage bei deren Therapeuten? Dann könnten sie später einfach mal einen Artikel ausdrucken und mitnehmen. Sie müßten sich nicht mehr mit dem mühsamen Erzählen befassen, sie könnten sich gleich in die Deutung stürzen. Auf die Fachmänner mit dem Kuli käme eine Generation hocheffizienter Patienten zu, tatsächlich würde sich am Ende das Hinlegen kaum noch lohnen, da reicht dann auch ein Stehpult, das ist auch billiger als ein Sofa, ich habe ja aus beruflichen Gründen eine gewisse Neigung zur Beschleunigung und Entschlackung von Prozessen.

Bitte sehr. Die größte Angst von Sohn I ist, daß es sich bei einer seiner heißgeliebten Salatgurken um eine Zucchini handeln könnte. Weswegen das Wort für Salatgurke in seiner Sprache auch der höchst komplexe Begriff “Gurkeaberichmagkeinezucchini” ist. Kinderqualen, man macht sich keinen Begriff.

Bestimmt wird er mir später für diese Erinnerung dankbar sein und sehr freundlich an mich denken, während er in der Verhaltenstherapie Zucchini raspelt.

Gern geschehen.

14 Kommentare

  • Also die Idee, die Therapien durch Blogauszeichnungen der Kindheitserlebnisse zu beschleunigen klingt sehr einleuchtend.
    Was mir aber vor allem gefällt ist das Wort Gurkeaberichmagkeinezucchini. Kurz und bündig beschreibt es 100%ig das, was für Sohne 1 eine Salatgurke ausmacht.

  • Noch entschlackter gestaltete sich die Therapie, tauschte man als Patient der künftigen Generation nur noch URLs aus. Denn, machen wir uns nichts vor, viel eher als die Beschreibung der tatsächlichen Vorkommnisse wird den Therapeuten der Zukunft die Haltung der Eltern zu den Erlebnissen der Kinder interessieren. Nur hierdurch erhält er einen zutreffenden Überblick über all die Verniedlichungen, Verharmlosungen und Verkleinerungen, die im Endeffekt mittels energischer Aufforderung, die Spinne zu ignorieren “Dieistdochnunwirklichwinzig” erst das Trauma traumatisch gestalten.

  • Während er in der Verhaltenstherapie WAS? Man braucht ja weder Therapeut noch Mann zu sein, um zu wissen, dass Zucchiniraspeln eine der schlimmsten männlichen Urängste … aber was ich sagen wollte:
    Weintraubenaberichmagkeinekerne.

  • Ich liebe Zucchini als Reibekuchen. Mein Mann hat für mich selbige im Garten angebaut, als ich rapunzelmäßig Hunger auf Zucchinipuffer hatte, musste ich sie nur im Garten ernten, herrlich, der erste Puffer schmeckt irgendwie komisch, der zweite, war was am Öl? Der dritte Puffer, nee dat schmeckt alles bitter. Fazit: schlimmste Magenschmerzen, Gastroenteritis. Mein Mann baut auch Zierkürbisse an….

  • Darf ich an dieser Stelle mal den Mythos zerstören, dass es beim Psychologen schon seit geraumer Zeit kein/e Liegesofa/Chaiselongue/Kanapee/Ottomane/Diwan etc mehr gibt, sondern man einfach wie beim Hausarzt etc. auf einem Stuhl Platz nimmt, während der Seelenklempner hinter einem Schreibtisch sitzt und damit auch kein Klemmbrett mehr braucht?

  • @Katti: Nein, das dürfen Sie nicht, denn ich kann das Gegenteil bezeugen. In echt.
    @Isabo: Tragisch ist ja auch meine Variante Alkoholaberichmagkeinenwein. Wobei ich das nicht als Kleinkind entdeckt habe.

  • Es gibt mehrere Arten von PsychoTHERAPEUTEN: Bei den Psychoanalytikern liegt man tatsächlich oft noch auf der Couch – bei Verhaltens-, systemischen oder Gesprächstherapeuten sitzt man meist.

  • Zucchinis scheinen ja beliebt als Horrorgemüse zu sein, meine mag sie nur in matschiger Ausführung und untergerüht in allem, am Stück schon gar nicht.

    Aber eigentlich eine gute Idee, dass aufschreiben jeglicher Ängste und Nöten der Kinder. Im nach hinein kann man wegenfalls einige schrullige Ticks verstehen lernen und dann sind die Sitzungen und Couchnickerchen nicht mehr soooo lange und teuer :o) Effizienz ist alles!

    SchöWo

  • Alkoholaberichmagkeinbier!

  • Nachbardrache

    Schokoladeaberwiebekommeichdiedennwiederrunter!

  • Ich kann Ihren Sohn 1 nur zu gut verstehen. Die Angst vor der Spinne an sich war damals schon schrecklich, verließ mich aber bis heute nicht, trotz der Tatsache, dass es eben keine Monster sind, trotz des wiederholt (von außen) eingetrichterten Wissens, dass sie nützliche Gesellen sind usw. usf.
    Ich glaube, es ist einfach deren Anblick, der erschreckt. Acht Beine! Du meine Güte! Sechs sind schon fies, aber ACHT! Uaaah!
    Und mal ganz ehrlich: Zucchini ist doch wirklich nicht das Gleiche wie Gurke! Bäh. Gurke schmeckt. Zucchini ist fies!
    So. Ich fühle mit Ihrem Sohn. ;)

  • @Katti: Eigentlich ist das doch sehr schade- bei meiner Therapeutin sitze ich auch immer. Aber ich würde lieber liegen.

  • @ Maximilian Buddenbohm: Oh, ein Bruder im Geiste. Gibt es für Leute wie uns eigentlich Selbsthilfegruppen?

    Zur Zucchini möchte ich noch anmerken, dass ich dieses “Gemüse” bis vor wenigen Jahren gar nicht kannte. Entsprechend muss ich annehmen, dass es sich um eine ähnliche Trendpflanze wie Rucola handelt. Trends aber folge ich nicht.

    (Sollte dieser Kommentar jetzt zweimal angezeigt werden, bitte ich um Entschuldigung. Mein Browser macht gerade, was er will.)

  • Schade vll. schon…ich muss auch immer sitzen. Aber ich habe meinen Therapeuten irgendwann auch mal gefragt, wo er denn die Liege versteckt habe und er hat mir erklärt, warum man heute im Normalfall nicht mehr liegt. Habe die Erklärung nicht mehr ganz parat, aber es hat irgendwas damit zu tun, dass man dann auf der gleichen Ebene ist wie der Arzt. Es geht mehr darum, ein Gespräch zu führen und dabei quasi gemeinsam das Problem zu analysieren, als dass der Psychoanalytiker einem alles von oben herab analysiert… außerdem berichtet man vermutlich mehr von Träumen/Kindheitstraumata/ in der Psychoanalyse, wofür eine entspanntere Position dienlicher ist.