Winter

Jan 3rd, 2010 von Maximilian Buddenbohm

Es schneit schon wieder, und der Schnee bleibt sogar liegen. Hamburg in weißer Schönheit. Die Eltern ringsum geben sich schon seit den ersten Schneefällen begeistert, endlich kann man den Kleinen verdeutlichen, daß es dieses seltsame Zeug aus den Bilderbüchern wirklich gibt. Man kann Winter erklären, Schlitten, Schneemänner, Schneeschippen, Schneebälle, Eis, das ganze Programm. Eine weitere Generation in diesem Land kann trotz Klimawandel mit einem klassischen deutschen Winterbild aufwachsen, ist es nicht wunderbar. Man wirft mich mit den Ballen, der Weg ist mir verschneit, wie es in den alten Texten heißt, der eine oder andere wird es noch aus Lesebüchern kennen.

Ich zeige Sohn I den Schnee vom Fenster aus und verkünde ihm, daß wir gleich, toll, toll, rausgehen werden. Schneespaziergang! Vater und Sohn! Sohn I nickt freundlich aber zurückhaltend, es ist überhaupt ein auffallend höfliches Kind. Ich ziehe ihn an. Es ist unfaßbar, was man einem Kleinkind alles anziehen muß, bevor man bei so einem Wetter endlich vor die Tür kann, Windel, Unterhemd, Body, Strumpfhose, Pullover, Strickjacke, Schal, Mütze, Handschuhe es nimmt und nimmt kein Ende. Endlich werfe ich mir selbst schnell eine Jacke über und öffne schwungvoll die Wohnungstür: „Jetzt! Wir gehen raus! In den Schnee! Toll!“

Sohn I bleibt auf der Schwelle stehen, sieht mich griesgrämig an, hebt die Schultern, zieht den Kopf ein, und murmelt: „Kei… Sch… nich raus…“. Er hat den Großteil einer Hand im Mund, man kann ihn kaum verstehen, aber das, was bei mir ankommt, ist schlimm genug. Ich knie mich vor ihn hin, man soll immer auf Augenhöhe sein, bei ernsten Gesprächen. „Sohn“, sage ich, „es ist Winter. Da gehört Schnee dazu. Man kann damit spielen und so, Schnee ist toll. Eine Kindheit ohne Schnee ist praktisch nicht denkbar. Wir gehen jetzt raus und haben Spaß, OK? Wir zwei? Mein Großer?“

Der Sohn schüttelt den Kopf, beißt auf seiner Hand herum und nuschelt: „Nich raus. Kei… Sch. kalt.“

Irgend etwas in seiner Haltung reizt mich. Dieses zögerliche Nichtwollen, dieses mißmutige Schulternhochziehen, dieser grundlos leidende Blick. Von draußen hört man das vergnügte Jauchzen der anderen Kinder auf dem Spielplatz vor der Tür, sie bauen Schneemänner und tollen herum, nur mein Sohn steht starr und bockig im Türrahmen und schüttelt den Kopf. „Als ich Kind war“, sage ich, „da gab es im Winter noch jeden Tag Schnee! Da konnte man sich gar nicht aussuchen, ob man rausgehen wollte oder nicht! Da schneite es dauernd, tennisballgroße Flocken und die blieben immer liegen! Immer! Und wir hatten keine kuschelige Funktionskleidung, sondern nur kratzige Wollstrumpfhosen, eisige Gummistiel und ewignasse Stoffhandschuhe, aber wir waren trotzdem immer draußen. Drinnenbleiben war gar nicht vorgesehen! Und wir sind auch nicht erfroren! Oder nur ein bißchen! Warum zum Teufel willst du nicht rausgehen?“

Der Sohn guckt zum Boden und schüttelt den Kopf. Ich überlege, mir die kleine Heulsuse zu schnappen und draußen in einen Schneemann einzubauen. Da nimmt er endlich einmal die Hand aus dem Mund und sagt: “Kann nicht rausgehen. Keine Schuhe an. Zu kalt.“ Und er zeigt auf seine in der Tat nur bestrumpften Füße, die wirklich keinen sehr winterfesten Eindruck machen.

„Du wolltest mit ihm doch nicht etwa ohne Schuhe raus?“ fragt die Herzdame, die gerade mit Sohn II über der Schulter vorbeikommt und uns verwundert anguckt. „Nein“, sage ich, „natürlich nicht. Ich war gerade im Begriff, sie ihm anzuziehen.  Du traust mir auch alles zu.“

10 Kommentare

  • Einmal mehr wunderbar geschrieben.

  • Ach wunderbar schön be/geschriebenes Erlebnis! Ich habe zwar keine Kinder, mir ist das aber mal mit Motorradklamotten passiert… ich bin erst seit kurzem Mitfahrerin und deshalb noch nicht so geübt… alles ist sperrig und ein bisschen nervig und fummelig. Der Mann wartete schon mit laufender Maschine vor der Tür… bis ich alles an hatte, inclusive Helm auf und Handschuhe an, schnell raus und auf der Treppe merkte ich: die Stiefel fehlen… da musste ich die Hälfte wieder ausziehen, um diesen fehler zu beheben. So kann’s gehen mit dem Schuhwerk :)

  • Muah, mal wieder köstlich. Wobei ich sagen muss, dass Sohn II (2,5 Jahre) gestern und heute auch nur eingeschränkt begeistert war im Schnee. Bei Sohn I (4,5 Jahre) ist in diesem Jahr hingegen endlich der Knoten geplatzt und er mag das kalte weiße Zeug.

    Geben Sie ihm doch einfach noch etwas Zeit.

  • Die Mütze ist schließlich auch wichtig, also kann Mann die Schuhe schon mal vergessen, das passiert der besten Mutter mal! Also Kopf hoch und ins nächste Abenteuer gestürzt.

  • Herrlich! Schön, wie man so vorgeführt werden kann. ;-) Wunderbarst geschrieben.

  • …oh ja! Das kenn ich. Letzten Winter hatte ich die irrwitzige Idee den gerade 2 jährigen Sohn mit dem Schlitten von der Tagesmutter abzuholen. Mit dem Resultat, dass ich (28.SSW) den großen Hörnerschlitten über linker Schulter und 11 kg Sohn auf rechter Hüfte gefühlte 2 Stunden durch Berlin geschleift habe, mit schmerzverzerrtem Gesicht. Voll der Winterspass war das! Dieses Jahr trainieren wir weiter! Mit Schuhen natürlich.

  • Herrlich, vielen Dank!

  • Auch weiter südlich schneit es dieses Jahr und unser Sohn im gleichen Alter würde bestimmt auch auf Socken raus wollen. Er bekommt gar nicht genug. Vorausgesetzt er darf seinen Besen mit nehmen. Gestern waren seine Mutter schon lange durchfroren und im Haus und auch den Vater fröstelte es schon, trotzdem wollte der kleine Mann partout nicht ins Haus. Er musst noch die Straße fegen… und als es der Vater endlich nicht mehr aushielt gab es das “will ich aber”-Geschrei.
    Das kann ganz schön anstrengend sein. Vor allem, weil der kleine Mann unbedingt, die schon erfüllte Verkehrssicherungspflicht (Räumen und Streuen) zerstören will. Es ist so schön den Schnee auf bereist geräumte Bereiche zu fegen.
    So hat jeder sein Schneeproblem.

  • Meine Nichte, auch zwei Jahre alt, war auch wenig begeistert vom Schnee. Zu ein paar Schritten durchs kühle Weiß ließ sie sich, dem Papa zuliebe, noch überreden, doch dann war “Aaam” angesagt.