Januar, 2010 Archives
Jan
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man sich ein klein wenig an Projekten übernommen hat und daher nur noch winzige Bröckchen Freizeit mit Literatur befüllen kann, dann wäre es ja schön, in diesen kostbaren Minuten ein Buch zu lesen, das etwas Ruhe verströmt, Ruhe und Gelassenheit. Ein Buch, bei dem sich das Lesen so anfühlt, als würde man in einem englischen Salon in dem Ledersessel vor dem Kamin versinken, ein Glas Sherry in Reichweite, ein paar sympathische Gentlemen in der Nähe – und einer davon würde sich zu einem setzen und anfangen zu erzählen. Mit einer angenehmen, nach Intelligenz und Welterfahrung klingenden Stimme. Vor den schweren Vorhängen der graue Londoner Winter, aber das wäre dann egal, man hörte nur noch zu, zurückgelehnt und angenehm überrascht.
W. Somerset Maugham: Die halbe Wahrheit. Keine Autobiographie. Deutsch von Matthias Fienbork. Das Buch erschien zuerst 1938 und beginnt so:
„Dieses Werk ist keine Autobiographie und auch kein Memoirenwerk. Was ich im Laufe der Jahre erlebt habe, ist auf die eine oder andere Weise in meine Werke eingegangen. Zuweilen diente mir eine Erfahrung als Thema, und ich erfand eine Reihe von Begebenheiten, um sie zu illustrieren; öfter jedoch habe ich Personen, mit denen ich flüchtig bekannt oder eng befreundet war, als Grundlage für die Figuren meiner Phantasie verwendet. Fakten und Fiktion sind in meinem Werk so eng miteinander verwoben, daß ich heute, im Rückblick, das eine kaum vom anderen zu unterscheiden vermag. Es liegt mir nichts daran, Fakten festuhalten – selbst wenn ich mich ihrer erinnern könnte -, von denen ich bereits besseren Gebrauch gemacht habe.“
Und der letzte Satz, der ist übrigens ein ganz wunderbarer, und von solchen Sätzen kommen dann noch sehr viele.
Jan
Ehrgeiz
by Maximilian Buddenbohm in
Das wöchentliche Kinderturnen findet in einer ganz normalen Turnhalle statt, wie sie jeder noch aus der Schulzeit kennt. Mit dem ganz normalen Zubehör, den Bänken, Böcken, Sprossenwänden, den Tauen und Ringen. Mit den Matten, Kästen, Barren, mit allem, was man eben so einsetzt, um Halbwüchsige auf Trab zu bringen. Und ganz oben hängt ein Korb für Basketball.
Für Sohn I ist alles noch etwas überdimensioniert, aber das macht nichts. Eine Sprossenwand kann man trotzdem hochklettern, über einen Kasten kommt man auch irgendwie, auf den Matten kann man Rollen üben und auf den Bänken prima balancieren. So eine Turnhalle kann ein tolles Abenteuer sein. Nur das mit dem Basketball, das ist wirklich etwas schwerer.
Der Sohn ist etwa einen Meter groß, wenn er beide Hände weit nach oben streckt, kommt er vielleicht bis 1,40. Der Korb hängt oben auf gnadenlosen 3,05 Metern Höhe, das Netz weht ganz leicht und lockend im Zugwind. Der Sohn steht ernst vor dem Korb, er hat einen Ball in den Armen und er fixiert das Ziel. Stemmt den Ball nach oben, es ist ein ziemlich großer Ball für so einen Knirps. Er wirft mit wilder Entschlossenheit und vor Kraftanstrengung rotem Kopf. Der Ball plumpst ihm nach nahezu inexistenter Flugbahn direkt vor die Füße und rollt langsam zur Hallenwand, der Sohn rennt hinterher und geht zum Ausgangspunkt zurück. Fixiert den Korb und hebt beide Arme… und wirft, und wirft, und wirft. Eine geschlagene halbe Stunde lang. Es ist ihm gänzlich unmöglich, etwas zu erreichen, aber er macht weiter und weiter – einfach weil er weiß, daß es irgendwann gehen wird. Er hat es gesehen, er hat genau gesehen, daß es geht. Man kann einen Ball bis nach da oben werfen und der Ball kann in dem Korb landen. Wenn es andere können, dann kann er es auch – irgendwann. Man muß eben üben, das weiß man auch mit zweieinhalb Jahren schon.
Man soll ein Kind in so einer Konzentrationsphase natürlich nicht stören, es lernt schließlich gerade etwas und es lernt ganz alleine. Man soll seine Haltung nicht korrigieren, ihn nicht mit Tipps nerven oder ihm gar etwas vorturnen, nur weil man selbst es eben schon kann und manches besser weiß. Man muß auch als Vater einfach mal zurücktreten können, zusehen, abwarten.
Aber das nächste Mal sage ich ihm doch, daß selbst ein Basketball-Star wie Dirk Nowitzki vermutlich gewisse Probleme hätte, wenn er es wie der Sohn dauernd mit einem Medizinball versuchen würde.
Jan
Alstereis
by Maximilian Buddenbohm in
Am Tag bevor ganz Hamburg das Eis stürmt. Hinten spiegelt sich die untergehende Sonne in Hochhausscheiben. Ich war natürlich nicht auf dem Eis, es ist ja noch nicht freigegeben, aber ich war so dermaßen dicht dran – wenn da jemand eingebrochen wäre, hätte ich glatt Spritzer abbekommen! Nicht auszudenken. Aber man tut ja alles, für ein gutes Bild.
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und wie immer ist drüben im Westen ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.
Jan
Theater
by Maximilian Buddenbohm in
Hamburg ist reich an Theatern, in jedem Stadtteil gibt es hier eine Bühne, zumindest wenn man auch die winzigen Varietés, Kulturvereine, Schultheater etc. mitzählt. Ein unüberschaubares Angebot. Staatstheater, Privattheater, teilweise verlockend nah. Das größte deutsche Sprechtheater zum Beispiel, das Hamburger Schauspielhaus, erreiche ich in nur 5 Minuten zu Fuß. Ein bekanntes Haus, ein viel gelobtes Haus, ein schöner alter Bau mit sehr modernen, bestbesprochenen Inszenierungen, die mir allerdings zuverlässig nicht gefallen wollen. Was selbstverständlich an mir liegt, die Fachleute werden sich ja nicht irren.
Überhaupt ist Theater schwer zu bewerten. Ich habe es schon verschiedentlich versucht, darüber zu schreiben, nie ist es mir recht gelungen. Es ist unsäglich schwer, einem Theaterstück in ein paar Zeilen gerecht zu werden. Ich mache aber doch noch einen Versuch.
Das Stück heißt “Müll” und es wird abseits der kulturellen Institutionen aufgeführt, einfach so, an einer beliebigen Straßenecke, wie etwa heute morgen direkt vor unserer Haustür, es hat etwas von Happening und Performance. Es gibt wenig Akteure, die Bühne ist anspruchslos und das Publikum ist klein. Das Publikum ist sogar sehr klein, genau genommen ist es etwa einen Meter groß.
Wir sehen zunächst nur ein minimalistisches Bühnenbild, einen rohen Betonklotz mit blechernen Türen, die im eisigen Morgenwind hin und herschwingen. Der Klotz ist hohl und leer, innen liegen nur ein paar Papierfetzen und eine durchfeuchtete Pizzaschachtel, man erkennt noch den werbenden Schriftzug “feurig” in roter Farbe, eine leise Ironie an diesem bitterkalten Wintermorgen. Man hört Lärm, man sieht orangefarbenes Blinklicht. Das Publikum reagiert schon jetzt enthusiasmiert, mit Vorschußlorbeeren wird hier nicht gegeizt, mit Begeisterung wird immer wieder der Name des Stückes gerufen “Müll! Müll!” Es gibt keine Bestuhlung, das Publikum nimmt einfach auf einem Mauervorsprung Platz und wartet gelassen ab, was noch kommen wird. Noch bevor die unteren Extremitäten komplett an der Mauer festgefroren sind, tritt ein Müllmann auf. Eine lange, hagere Gestalt in signalfarbener Kostümierung, die Hose ist angedeutet verdreckt, die schweren Stiefel knirschen auf dem gefrorenen Schnee der letzten Tage. Das Gesicht ist unter zwei Kapuzen und einer Mütze fast nicht zu erkennen, man ahnt einen Bart, eine Kippe hängt im Mundwinkel, gewaltige Wolken aus Rauch und Atem umwabern ihn. Der Gang ist kräftig, die Arme wirken geradezu überlang, ganz so, als hätte er sein Leben lang Mülltonnen gestemmt. Mülltonnen wie die beiden, die er polternd hinter sich herzieht. Sie sind offensichtlich leer, der Müllwagen muß etwas weiter weg stehen. Die Tonnen hüpfen im Rollen, es wirkt, als wollten sie bocken. Der Müllmann murmelt, man kann es nicht verstehen, vielleicht spricht er beruhigend auf die Tonnen ein, als wären es Pferdchen, die nicht recht wollen. Am Ende spricht man nicht umsonst von Müllkutscher, denkt man sich, während man ihm zusieht. Das Publikum ist elektrisiert und steht schon nach diesem kurzen Auftritt auf, es winkt und ruft, immer wieder, die Stimme kippt vor Begeisterung, “Müll! Müll!”. Und tatsächlich strahlt dieser Müllmann eine Authentizität aus, die einfach beeindrucken muß.
Der Müllmann winkt kurz ins Publikum, soviel Nähe hat man auch nicht bei jedem Stück, diese ironischen Brechungen sind ja wieder ganz aus der Mode gekommen. Hier darf das noch sein! Er tritt die Tonnen kraftvoll in den Betonklotz, tritt einen Schritt zurück und fegt dann mit den behandschuhten Händen noch einmal über den Rand der Tonnen, die dabei dezent klappern; es sieht aus wie bei einem Friseur, der der Kundin noch einmal in die Haare faßt, während die zufrieden danke sagt. Es sind diese kleinen Gesten, diese feinen Details, die eine Inszenierung glaubhaft machen. Dann holt der Müllmann mit beiden Armen weit aus, man kann gar nicht glauben, welche Spannweite so ein Kerl haben kann, er faßt die beiden Metalltüren links und rechts, wirft sie mit Schwung zu und tritt dabei gleichzeitig noch weiter zurück, es liegt eine tänzerische Sicherheit in diesen Bewegungen, als hätte er es tausendmal geprobt. Die Türen knallen mit wuchtigem Scheppern zusammen, der Müllmann dreht sich im gleichen Moment auf den Zehenspitzen um, ganz leicht wirkt er dabei, es ist eine Andeutung von Tanz, ein Pirouettenrudiment – und er nimmt die Hände an die Hosennaht, guckt das Publikum ergeben an und verbeugt sich.
Sohn I, der sich seiner Rolle als mitwirkendes Publikum wohl bewußt ist, strahlt und bebt förmlich vor Freude. Er zieht sich mühsam seine dicken Fäustlinge aus, was gar nicht so einfach ist, wenn man erst zweieinhalb Jahre alt ist, dann drückt er sie mir in die Hand, damit ich sie eben halte, dreht sich wieder zum Müllmann um – und klatscht.
Der Müllmann dankt feierlich und geht ab, mit federndem Schritt, zur nächsten Inszenierung, an der nächsten Ecke, wo auch immer das Publikum wartet. Sohn I hört auf zu klatschen, sieht mich an und sagt “Handschuhe bitte”. Hier wird keine Zugabe erklatscht, hier gibt es keinen zweiten, dritten Vorhang, das ist Straßentheater, kein Staatsakt.
“War gut?” frage ich den Sohn und “super” antwortet der, “super Müll!” Und das Publikum, es hat natürlich immer recht. Es ist DAS Stück der Saison.
Jan
Platt
by Maximilian Buddenbohm in
Man kann ja mal fragen. Sind hier zufällig Leser anwesend, die fließend Platt sprechen und die womöglich sogar in der Lage sind, einen hochdeutschen Text korrekt ins Plattdeutsche zu übertragen? Dann würde ich mich über einen Kontakt sehr freuen. Mailadresse siehe Impressum. Ich habe da so eine Idee.
Jan
Jan
Anderswo
by Maximilian Buddenbohm in
Ich habe hier ein kleines Interview über Vornamen gegeben. Und die Herzdame quasi auch.
Und hier kann man interessante Aspekte des Fliegergriffs nachlesen, jene Art, ein Baby zu halten, die allen mitlesenden Eltern vertraut sein dürfte. Wirklich lesenwert.
Hier gibt es eine sehr nette Ergänzung zu der Geschichte vom Toasterhasen – und hier auch.
Jan
Jan
Angst
by Maximilian Buddenbohm in
Wir sind ja hier ganz unter uns, liebe Leserinnen und Leser, in diesem kleinen Club durchtherapierter Erwachsener, da können wir ja auch einmal über ein ernstes Thema reden und uns tieferliegenden Problemen stellen. Denn entgegen dem Anschein, den hier viele Beiträge wahrscheinlich erwecken, ist die Kindheit, und gerade auch die sehr frühe Kindheit, nicht nur ein heiteres Paradies voller komischer Vorkommnisse, fröhlichem Lernen und Unmengen an Smartiejoghurt. Nein, sie ist selbstverständlich auch eine Zeit der Probleme und der Ängste, wie wir alle wissen, die das irgendwann mit einem Therapeuten bis zum Erbrechen durchgekaut haben. Ängste, über die man lange gesprochen hat, während sich ein Fachmann Notizen mit dem Kuli machte, so lange, bis man sich irgendwann sagte, wieso eigentlich ich? Und wieso schon wieder diese dämlichen Kinderthemen? Und wieso überhaupt Therapie? Geht’s noch? Und dann stand man auf und wandelte, es wird fraglos dem einen oder anderen bekannt vorkommen.
Bekannt auch, daß man dabei tastend herumrät, was einen denn wohl in der Kindheit bewegt haben könnte, man erinnert sich ja an vieles nur höchst unklar. Ängste, Probleme, damals, was weiß ich denn, ja sicher, da war doch was, die großen Spinnen, die bösen, bösen Schwäne, der dunkle Heizungskeller, was mag es alles bedeutet haben? Der Fachmann nickt aufmunternd und schreibt mit, in der Erinnerung sieht man die Monsterspinne an der Wand und sich selbst als Dreijährigen blaß und bebend davor. Oder so ähnlich. Alles höchst vage natürlich, und wenn man ehrlich ist, aber wer wäre das, auch höchst fragwürdig, denn was taugt das Gedächtnis schon. Erinnerung lügt, Erinnerung betrügt, die Spinne war tatsächlich 0,5 Zentimeter lang, mit Beinen, wirklich ein Wahnsinnsproblem. Aber darum geht es nicht, natürlich nicht. Es geht um das, was sie symbolisiert, jede Spinne ist ein Zeichen und zwar sogar schon, bevor man sie an der Wand zerklatscht hat – dann aber erst recht. Die Spinne, das Monster, das namenlose Grauen, sie steht für das Unfaßbare, Unkontrollierbare, der Abgrund in uns, die Gefühle, die man nicht zeigen konnte oder durfte, der Fachmann mit dem Kuli fragt nach den Eltern. Man deutet herum, man rät, man assoziiert.
Andere Forscher meinen ja, der Mensch an sich habe Angst vor Spinnen, weil das ein höchst willkommener Überlebensimpuls sei, die Biester sind nämlich oft genug giftig und der Mensch länger lebendig, wenn er, besonders als kleiner Mensch, ausreichend Abstand hält. Erzählen Sie das mal, während Sie auf der Couch liegen, und dann achten Sie auf das trockene Räuspern des Fachmanns mit dem Kuli. Aber das nur am Rande.
Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn man schon bloggt und hier und da die Erlebnisse der Kleinen festhält, so daß sie später, in vielen Jahren, nachlesen können, wie es für den Vater gewesen ist, wenn sie nachlesen können, was es alles an Erlebnissen gab, die sie natürlich längst vergessen haben werden, wäre es da nicht wahnsinnig praktisch und zuvorkommend, auch über die Ängste und Probleme der Kinder ein Wort zu verlieren, zur späteren Wiedervorlage bei deren Therapeuten? Dann könnten sie später einfach mal einen Artikel ausdrucken und mitnehmen. Sie müßten sich nicht mehr mit dem mühsamen Erzählen befassen, sie könnten sich gleich in die Deutung stürzen. Auf die Fachmänner mit dem Kuli käme eine Generation hocheffizienter Patienten zu, tatsächlich würde sich am Ende das Hinlegen kaum noch lohnen, da reicht dann auch ein Stehpult, das ist auch billiger als ein Sofa, ich habe ja aus beruflichen Gründen eine gewisse Neigung zur Beschleunigung und Entschlackung von Prozessen.
Bitte sehr. Die größte Angst von Sohn I ist, daß es sich bei einer seiner heißgeliebten Salatgurken um eine Zucchini handeln könnte. Weswegen das Wort für Salatgurke in seiner Sprache auch der höchst komplexe Begriff “Gurkeaberichmagkeinezucchini” ist. Kinderqualen, man macht sich keinen Begriff.
Bestimmt wird er mir später für diese Erinnerung dankbar sein und sehr freundlich an mich denken, während er in der Verhaltenstherapie Zucchini raspelt.
Gern geschehen.
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß!
Jan
Kleiner Hinweis zu Buchbestellungen
by Maximilian Buddenbohm in
Mittlerweile ist das Buch überall lieferbar und in jeder Buchhandlung zu bestellen, nur bei Amazon klemmt es anscheinend noch. Wird sich übers Wochenende wohl auch regeln.
Wenn Sie ein signiertes Exemplar bestellen möchten, schreiben Sie mich gerne direkt per Mail an – Adresse siehe Impressum – und es ist ruckzuck bei Ihnen.
Jan
Die Hopplermodernisierung
by Maximilian Buddenbohm in
Man muß natürlich höllisch aufpassen, wenn die Kleinen gerade in der Phase der Sprachexplosion sind, denn tatsächlich reicht ihnen manchmal nur einmaliges Hören und Verstehen, um ein Wort ein für allemal abzuspeichern. Wenn das Kind dann morgens mit der Kleidung kämpft und “Scheißschuhe!” brüllt, dann weiß man wieder, was man gesagt hat, als man es neulich sehr eilig hatte und die Dinger nicht an seine Füße bekam. Korrekturen sind da schwer möglich, die Kinder hängen verbissen an dem, was sie gerade erst frisch gelernt haben. Es hat wenig bis gar keinen Zweck, den Sohn zu bitten, doch lieber “dummes Stiefelchen” zu sagen, er erkennt die Absicht und ist verstimmt. Er weiß, daß er Recht hat, denn so spricht Papa gar nicht in Wahrheit.
Noch halten sich die Desaster bei uns in Grenzen. Sohn I fiel im Kindergarten bisher nur dadurch auf, daß er, wenn ein anderes Kind rülpst, stets fröhlich und laut “Mahlzeit” ruft. Er hält es für eine Form der Höflichkeit, versteht sich. Kann man ja nicht ahnen, daß sich der Familienjargon jetzt so schnell nach außen verbreitet. Etwas schwieriger ist die Sache mit den festlichen Höhepunkten des Jahres, da gibt es neuerdings ein kleines Problem. Nachdem der Sohn einfach nicht aufhören wollte, stundenlang aus dem Fenster nach dem Weihnachtsmann Ausschau zu halten, der doch bekanntlich erst in ziemlich viel Monaten wieder vorbeikommt, dachten wir nämlich, es wäre vielleicht sinnvoll, ihn auf das nächste Highlight vorzubereiten, also auf den Osterhasen. Immer nur darauf herumzureiten, daß der Weihnachtsmann wieder weg ist, das klingt auf Dauer doch zu negativ, wir wollten ihm gerne eine erfreulichere Aussicht bieten. Außerdem können wir das Thema Weihnachten nicht mehr hören.
Wir saßen beim Abendbrot in der Küche. Der Sohn beobachtete gerade fasziniert den Toaster, den er mittlerweile ganz alleine bedienen kann, und fragte uns nebenbei, ob morgen wieder der Weihnachtsmann käme. Mit Rentieren. Und Engeln. Ich erklärte ihm, daß nun erst einmal der Osterhase dran sei, der würde demnächst kommen, wenn es draußen wieder etwas wärmer sei. Der Sohn, der mit seiner Aufmerksamkeit größtenteils bei dem Gerät vor ihm war, hörte nur halb zu. “Osterhase!” sagte ich, um kindgerechte Kürze bemüht, “kommt bald!”
Der Sohn sah mich an, sagte “Toasterhase” und nickte. Dann kümmerte er sich wieder um sein Brot. “Nein, Osterhase!” sagte ich, “mit ohne T vorne! Ooooster!” “Ja”, sagte der Sohn “Toasterhase. Kommt bald”. Er sah gespannt in den Toaster. Er hatte genug gehört. Ich weiß nicht, was er sich jetzt genau vorstellt, aber er hat es erst einmal so hingenommen, daß der Toasterhase bald kommt. In einer Welt, in der dicke Männer mit Schlitten fliegen können, ist immerhin vieles möglich, worauf man nicht sofort kommt, wenn man noch sehr klein ist.
Nun ist das einerseits schade, daß der Osterhase keine Chance mehr bei ihm haben wird, aber andererseits – der Osterhase hoppelt seit Hunderten von Jahren unverändert, ohne jeden Relaunch durch die deutschen Frühjahre. Ist es nicht vielleicht Zeit, ihn etwas zu modernisieren? Weiß denn noch irgend jemand, was Ostern eigentlich heißt? Haben wir nicht längst jeden Bezug zu dem Hasen mit den Eiern verloren? Und hat nicht andererseits jeder einen Toaster? Sollte man sich nicht bemühen, den Kindern Bilder zu vermitteln, mit denen sie auch etwas anfangen können? Könnten wir daraus nicht gemeinsam etwas machen, was alltagstauglich, modern und kindgemäß ist? Doch, das können wir. Bestimmt.
Der Toasterhase. Ein Mythos ist geboren.
Und bis sich das fest in der Alltagskultur etabliert hat, schnitze ich erst einmal ein paar Hasen aus Toastbrot. Wäre doch gelacht.










