November, 2009 Archives
Nov
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Manchmal gibt es Pechsträhnen, man fängt ein Buch nach dem anderen an, liest sich von der linken in die rechte Ecke des Nachttischs, und es ist einfach nichts dabei. Der zweite Band der Kurzhosengang: entsetzlich bemüht, krawallig, laut und zusammengestöpselt, überhaupt kein Vergleich zu dem prachtvollen und liebenswerten ersten Band. Alan Bennet, Die Lady im Lieferwagen: sehr nett, ganz kurzweilig, aber irgendwie auch vollkommen egal. Ingo Schulze, Handy – dreizehn Geschichten in alter Manier: haben mich so überhaupt nicht interessiert, daß ich jetzt nach zwei Tagen schon komplett vergessen habe, worum es ging. Brigitte Giraud, noch so ein preisüberhäufte Französin wie neulich die mit dem Klatschmohn. Die Liebe ist doch sehr überschätzt: Kurzgeschichten aus weiblicher Perspektive – und man denkt als lesender Mann immer nur, ja natürlich verlassen sie dich, würde ich auch tun und zwar schnell und hör endlich auf mit dem nervtötenden Genöle. Unerträglich. So weit so Pech.
Dann die Rettung. Hans-Ulrich Treichel, den ich ohnehin sehr schätze, mit seinen Frankfurter Poetikvorlesungen: Der Entwurf des Autors. Eines dieser abstoßend nüchternen Suhrkampbändchen, wie damals in der Unibibliothek, aber was für ein schöner Inhalt. Geistreich, amüsant, erhellend und tiefgründig erzählt er von seiner Schriftstellerwerdung und auch wenn man jetzt denkt, so etwas hat man schon tausendmal gelesen – das ist ganz groß. Man möchte auf der Stelle tagelang über seine eigene Kindheit nachdenken und wenn man, wie ich, gelegentlich auch über Kindheit schreibt, müßte man jetzt eigentlich eine Woche Urlaub nehmen und sich mit sich selbst zur Beratung zurückziehen. Das Buch ist ein wunderbarer Beweis, wie lohnend es sein kann, über sich selbst nachzudenken. Lebhafteste Empfehlung!
Ich zitiere einen kleinen Abschnitt aus dem ersten Kapitel:
“Ich weiß nicht, in welchem Zustand ich war, als ich zur Welt kam. So schlimm wird es nicht gewesen sein, als daß es für den dramatischen Beginn einer Erinnerungsschrift ausreichen würde; und ich kann, zu meinem eigenen schriftstellerischen Leidwesen, auch nicht behaupten, daß ich mehr als einmal von einem Lehrer geohrfeigt oder gar mit einem Rohrstock über die Flure von Kadettenanstalten gejagt worden bin. Gern würde ich, wie einst der geplagte Schiller, den “naturwidrigen Beischlaf der Subordination und des Genius” für mich geltend machen, aber ich kann dies verständlicherweise nicht einmal in Ansätzen tun. Nicht nur wegen des Genius, sondern auch, weil mein kriegsversehrter und einarmiger Vater zwar streng, aber kein absoluter Herrscher war, dazu hätte es unter anderem des zweiten Armes bedurft.”
Nov
Unterschiede
by Maximilian Buddenbohm in
Bei Sohn I habe ich noch einen ganzen Dialog gebraucht, um das Ausmaß der Stilldemenz am Beispiel der Herzdame gründlich darzustellen (siehe hier). Bei Sohn II reicht schon ein kleines Zitat und es ist wunderbar belegt, wie sich das Stillen, bzw. der damit verbundene Schlafentzug auf das weibliche Denkvermögen auswirkt. Ein kleines Zitat, eine winzige Sequenz aus dem Alltag, mehr braucht es nicht. Die Herzdame saß mit dem Baby auf dem Sofa, sah sinnend in die Dunkelheit vor dem Fenster, lauschte dem Regen und fragte vollkommen unvermittelt: “Wie spät ist es auf dem Balkon?”
Nov
Wasserwarm
by Maximilian Buddenbohm in
(Diese Travemündegeschichte schließt direkt an der letzten an, siehe “Auf den Steinen sitzen“)
Am nächsten Morgen kam die Sonne nicht durch, über der Ostsee lag ein seltsam milchiges Licht, und es war nicht das kleinste bißchen Wind zu spüren. Es war warm, sehr warm. Die dunstige Luft drückte, und es roch intensiv nach Meer und Regen, obwohl von Regen gar nichts zu sehen war. Wasserwarm hieß das bei uns, wenn so ein Wetter war. Ein Wetter, bei dem es egal war, ob man gerade im Meer war oder draußen, der ganze Tag fühlte sich an, als schwömme man durch warmes Wasser, ganz gleich, was man gerade tat. Manchmal kam für eine Minute ein einzelner, glühender Sonnenstrahl durch, manchmal fielen ein paar Tropfen Regen, aber eigentlich passierte gar nichts. Die Vögel sangen anders als sonst in den Büschen, und durch die seltsame Luft klang ihr Gesang wie der von Tropenvögeln, fremd und ungewohnt. Keiner mochte dieses Wetter, alle sagten sich den ganzen Tag, was für ein komisches Wetter das sei. Komisches Wetter heute, ja, sehr komisch. Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht ihm, nicht ihr, wie Hilde sagte, die mit einem Piccolo auf dem Nachbarbalkon stand und in den hellgrauen Himmel sah. Aus ihrem Apartment hörte man Milva. Sie wiegte sich im Takt und sang mit. Ich lehnte an der Balkontür und tat so, als hörte ich sie nicht. Seit sie sich morgens schon betrank, waren Gespräche mit ihr ziemlich sinnlos geworden, sie fragte mich spätestens nach dem dritten Satz, ob ich endlich gefickt hätte, in meinem Alter hätte sie ja damals schon ein ganzes Wachbataillon durchgehabt, das war noch eine andere Generation, da hat man nicht so lange leidend geguckt, da hat man einfach gemacht, verdammt. Sie fragte jeden Tag, wie es mit Sarah lief, und lachte laut und ordinär, wenn ich ausweichend antwortete.
Nov
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist ein neues Wochenhoroskop online – viel Spaß.
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Es gibt Arbeit
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich arbeiten beide zuhause viel am Computer, eine Tätigkeit, die Kindern eher schwer zu erklären ist. Da sitzt ein Erwachsener vor dem Gerät, an dem man faszinierenderweise auch Zeichentrickfilme sehen und Musik hören kann, drückt auf den Knöpfen herum, so daß auf dem Bildschirm die buntesten Sachen passieren, guckt ernst und behauptet, daß er gerade arbeite. Wirklich sehr plausibel.
“Ich arbeite”, sage ich zu Sohn I, der neben mir steht und an meinem Arm zieht, während ich versuche, einen Text zu schreiben. “Arbeiten?” fragt der Sohn und guckt skeptisch zwischen mir und dem Notebook hin und her. Dann geht er grummelnd in die Abstellkammer und wühlt dort etwas in den Kisten herum. Kommt mit einer Rohrzange wieder, hält sie mir auffordernd hin und sagt: “Richtig arbeiten!”
Nov
Prägende Erfahrungen
by Maximilian Buddenbohm in
Ich nehme an, daß es sehr viele Möglichkeiten gibt, vom ersten bewußt erlebten Laternenumzug des Lebens beeindruckt zu sein. Man könnte zum Beispiel von der Musik fasziniert sein oder auch einfach davon, daß die Musik mitmarschiert, so etwas tut sie ja sonst nicht. Man könnte die neuen Lieder toll finden, diese eingängigen Melodien, die prägnanten Refrains, Rabimmel, Rabammel. Man könnte es toll finden, daß die Mütter und Väter alle mitsingen oder man könnte sich wundern, warum viele mitlaufende Großeltern so gerührt gucken. Man könnte das Herumlaufen im Dunkeln überhaupt toll finden, wann macht man so etwas schon, wenn man erst zwei Jahre alt ist. Man könnte ungeheuer beeindruckt davon sein, daß man selbst die Dunkelheit mit seiner Laterne erleuchten kann, oder doch wenigstens davon, daß es hundert andere Kinder mit einem zusammen tun. Man könnte es großartig finden, mitten im Spätherbst abends und draußen Würstchen zu essen, man könnte sich aber auch wundern, was denn wohl Glühwein ist und wieso man nichts davon abbekommt. Man könnte sich in seine Laterne verlieben oder in die eines anderen Kindes, wann sieht man schon einmal Laternen, Laternen sind doch wunderschön.
Das wäre alles vollkommen plausibel. Aber Sohn I, den wir nach dem Laternenumzug befragt haben, wie er es so fand, sagte sofort und mit leuchtenden Augen: “Toll! Kleine Mädchen im Dunkeln!”





