Hallamati

Nov 11th, 2009 von Maximilian Buddenbohm

Die Katholiken feierten heute den Heiligen Martin, bzw. den Hallamati, wie ihn Sohn I nennt. Als gebürtiger Lübecker habe ich so etwas in meiner Kindheit natürlich nicht erlebt, wir kannten Katholiken ja nur vom Hörensagen. In meinem Erwachsenenleben habe ich mich bis vor kurzer Zeit nicht recht für Laternenumzüge interessiert und also auch keine erlebt. Sohn I geht nun aber in eine katholische Kita, da ergab sich erstmalig eine gute Gelegenheit, Hallamati live kennenzulernen. Eine etwas ernüchternde Erfahrung.

Da reitet ein Mann, der ein Gesicht macht, als hätte ihn ein Gericht zu diesem Dienst verurteilt, auf einem lustlosen Pferd vor der Kirche auf und ab. Er trägt etwas, das unverkennbar ein rotes Bettlaken ist und er hat aus nicht nachvollziehbaren Gründen seine Reiterkappe mit Alufolie umwickelt. “Bauarbeiter?” fragt Sohn I und zeigt auf den Reiter. “Der Heilige Martin”, sage ich betont fröhlich. “Hallamati”, murmelt der Sohn skeptisch und guckt sich den Mann genau an. Er kennt Hallamati aus Bilderbüchern und hat sehr klare Vorstellungen. Zeigt auf den roten Mantel und fragt “Decke um?” “Ja”, sage ich geradezu jauchzend, denn man will das Kind ja richtig einstimmen, ” der Heilige Martin trägt einen roten Mantel.” Sohn I runzelt die Stirn.

Eine Ordnerin mit Warnweste und Taschenlampe fragt den Heiligen Martin, welchen Weg er reiten möchte, der Zug soll endlich losgehen. Sohn I und ich hören folgenden Dialog:

Ordnerin: Und? Wo reiten sie jetzt raus?
HM: Was weiß ich denn.
Orderin: Äh, na, das müssen sie schon wissen! Sie müssen ja vorweg!
HM: Mir doch egal.
Ordnerin: Wie bitte?
HM. Ich weiß nix. Mir sagt ja keiner was. Ich soll hier rumreiten.
Ordnerin: OK, dann schlage ich vor, sie reiten da rechts raus, an der Schranke vorbei.
HM: Wenn’s sein muß.
Ordnerin: Ja. Sonst geht hier ja nix.
HM: Meinetwegen.

Sohn I guckt jetzt sehr, sehr skeptisch. Aber immerhin, roter Mantel, Pferd. “Hallamati”, sagt er leise und zeigt auf den Reiter, der jetzt achselzuckend sein Pferd wendet und zur Schranke lenkt, hundert Kinder laufen ihm nach. “Ein heiliger Mann”, sage ich, denn ich möchte kein Spielverderber sein, “ein großes Vorbild.” Und ich denke respektvoll, daß ich es ja auch gar nicht beurteilen kann. Wenn die große katholische Kirche meint, die lieben Kleinen brauchen Vorbilder für das Reiten mit Aluhelm und Bettdecke – bitte sehr. Es wird schon alles seinen Sinn haben.

16 Kommentare

  • Der Hinweis mit den Pinguinen hatte schon seinen Sinn, wir Katholiken pflegen für nicht eingeweihte Augen ungewöhnliche Rituale …

  • Verständlich, dass Ihr Protestanten immer ein bisschen neidisch seid. Wir haben einfach die besseren Shows.

  • In meiner Heimat hat sich Hallamati (großartig, BTW) in irgendeinem Theaterfundus eingedeckt und reitet mit römischen Rüstungsteilen aus echtem Metall sehr würdevoll daher, meist auf einem stattlichen Schimmel. Und er kennt auch den Weg, denn der gute Mann macht das seit dreißig Jahren.

    Aber die zu Beginn bezeichnete Heimat befindet sich ja auch am Niederrhein, also von da oben aus gesehen quasi im Rheinland. Beispielhaft finden sich ein paar aktuelle Fotos (mit einem nicht ganz so schicken Hallamati) aus einer Nachbarstadt meiner Heimat unter diesem Link. Das ist womöglich eher das, was der werte Stammhalter vor Augen hatte…?

  • Ich komme aus Hannover und meine Tochter (beide ev.) musste sich Jahr für Jahr auch mit der eher unromantischen Variante des St. Martin begnügen, oft waren es sogar verkleidete Frauen (wahrscheinlich fand sich kein männl. Reiter). Ich glaube uns Norddeutschen fehlt einfach die Ernsthaftigkeit für einen kath. Heiligen. Was ich pers. sehr sympathisch finde.

  • Bei uns heißt er Smartie…

  • schön, schön, schön …

  • Merkwürdig, dass im hohen Norden katholische Bräuche offensichtlich ernster genommen werden als hierzulande; zu Kindergartenzeiten meiner Tochter gab es zwar keinen mürrischen Pseudoheiligen hoch zu Ross zu sehen, dafür aber einen von den Kindergärtnerinnen äußerst liebevoll gestalteten Kindergottesdienst mit anschließendem Laternenumzug. Beides war so konzipiert, dass auch Kinder anderer Religionszugehörigkeit problemlos teilnehmen konnten und der Grundgedanke des Martinsfestes – das Teilen – Hauptthema war. Sowohl meine Tochter als auch ich haben diese Veranstaltungen trotz Nichtvorhandenseins einer Relgionszugehörigkeit in sehr schöner Erinnerung.
    Schade um die bei obiger Veranstaltung vertanen Möglichkeiten – manche Leute sollte man wirklich nicht auf Kinder loslassen.

  • Aluhelm hin oder her ;-) : Dank dem von Andreas geposteten Link fällt auf, dass in Kempen die Laternen auf Stangen getragen werden und somit weithin sichtbar sind! Während sich im Norden die zwischen Menschenmassen geschleppte Knie-Beleuchtung stark verflüchtigt. Mir scheint das “Rheinland” da evolutionsmässig ziemlich plietsch zu sein.

  • @Piet: Das ist klasse. Meine Großen haben noch vor einigen Jahren das Ding umgedreht und zu Smarties “Sankt Martins” gesagt. Irgendwas muss da dran sein …

  • Wunderbar!
    Da ich gerade vom St.Martins-Umzug komme und mir die Bäckchen vom Glühwein glühen, kann ich mich bei Ihrer Beschreibung gerade köstlich amüsieren!
    Wir hatten in der Schule meiner Tochter auch dieses Examplar “Lustlos-mit-Aluminiumhelm”.

    Dafür war´s im Kindergarten heute schön – und das ganz ohne Reiter!

    Gruß, Papagena

  • In meinem Kindergarten wurde zum Nikolaus (Hallamati gab’s ja nicht) Watte mit roter Farbe an den umgebenden Zäunen befestigt und dann wurde am nächsten Morgen behauptet, der heilige Nikolaus sei nachts da gewesen, um extra für uns die Stiefel zu füllen. Beim Klettern über die Zäune sei er mit dem Bart hängen geblieben…
    Ein lächerlicher katholischer Pseudo-Martin ist da wahrschinlich weniger traumatisierend als ein verletzter Nikolaus, der einem ein schlechtes Gewissen machen sollte. Jedenfalls ham die Evangelen se manchmal auch nicht mehr alle.

  • Hach, Sankt Martin im katholischen Rheinland *seufz* – da kommen Kindheitserinnerungen hoch!

    Martinsmäßig können die da natürlich aus dem Vollen schöpfen. Weit und breit Katholiken, die selbst dereinst als kleine Kinder mit leuchtenden Augen den strahlenden Helden und sein Pferd sehnsüchtig erwartet, bewundert – und beneidet – haben. War das aufregend! DER! SANKT! MARTIN! Auf seinem PFERD! WANN? erscheint ER! endlich, werde ich ihn dieses Jahr von GANZ NAH sehen oder nur von weit weit weg auf Zehenspitzen (oder von Mama gehoben) einen Blick auf seinen Helm-Pinsel erhaschen können?

    Und vor dem feierlichen Umzug (spannend – mit richtigen Kerzen) das traditionelle Rollenspiel: während die Martinsgeschichte rezitiert wird, zerteilt die berittene Lichtgestalt in einer von flackerndem Feuerschein beleuchteten Szenerie den Mantel publikumswirksam an einer Sollreißstelle mit seinem SCHWERT! und reicht die Hälfte dem armen Bettler – für die Kleinen ein unvergessliches Erlebnis, für Eltern mit einschlägiger Vergangenheit Taschentuch-Alarmstufe Rot *schnief* … es geht schon wieder los …

    Und deshalb ist der Kempener ‚Juppi’ Smartin so gut gelaunt. Es ist der ultimative Traumjob, den er – wie aus dem Artikel hervorgeht – so schnell nicht wieder hergibt. Denn keiner erzählt mir, dass es keine anderen Anwärter gab!

  • Als ich in den – evangelischen – Kindergarten ging, gab es immer einen richtigen Martin mit einem richtigen Pferd und viel Einsatz. Manchmal war das Pferd kleiner, dann war Martin auch in besserer Größe für die Kinder…

    Martin ist übrigens ebenso ökumenisch als Heiliger wie Nikolaus; er lebte im 4. Jahrhundert und kann somit keinesfalls als römisch-katholisches SOndergut betrachtet werden. Da waren ja sogar noch die Orthodoxen dabei… (oder umgekehrt)

  • Hallo, bin durch Zufall hier gelandet und muss sagen toller Blog mit tollen Geschichten !
    Wir wohnen in NRW, mitten im Pott sozusagen. Ich kenne den “Mann zu Pferd” schon seit meiner Kindheit und mittlerweile ist unsere Tochter mit dem Laternenbasteln dran.
    Anscheinend sieht man es hier bei uns noch etwas lockerer mit dem St. Martin.
    Nachdem im Kindergarten mehrere Jahre einen Vater mit Bart und roter Tischdecke um, auf einem Holzsteckenpferd rumgehoppelt ist, sind wir schon froh das es in der Schule nun eine ST. MartinA mit echtem Pferd gibt.
    Ja, bei uns scheint die Emanzipation auch vor den Heiligen nicht halt zu machen !!!

    Gruß in den hohen Norden

  • Auch durch Zufall in Ihren Blog gestolpert und sehr angetan. Wunderbare, humorvolle und auch nachdenkenswerte Geschichten. Ich werde mich langsam nach hinten vorarbeiten…

    Vielleicht ist mein Kommentar – wenn auch nicht mehr aktuell – für Sie dennoch interessant.

    In meiner Heimat (im tiefsten Norddeutschland) feierte man an diesem Tag, bzw. am Vorabend Martin Luther, auch mit Singen und Laternenumzügen. Wir sangen immer nur zwei Lieder: Ein feste Burg und Martinus Luther war ein Christ.
    Beide Texte unter:
    http://www.hausfrauenseite.de/index.shtml?http://www.hausfrauenseite.de/kinder/martinslieder.html

    So wie ich die Texte – insbesondere “Ein feste Burg” als Kind interpretiert hatte, sind sie, wie ich inzwischen weiß, auch gemeint. Aber so etwas gilt wohl heute als politisch inkorrekt. Ob man dort heute noch dieses “Kampflied” singt? Keine Ahnung.

    Grüße in den hohen Norden aus der Diaspora.