September, 2009 Archives
Sep
Der Experte
by Maximilian Buddenbohm in
Ich sitze mit Sohn II auf dem Sofa, Sohn II schreit. Ich weiß, daß er satt ist, sogar sehr satt, ich kann ihn also leider nicht mal eben der Herzdame übergeben und auf Milchbedarf verweisen. Ich lege Sohn II über die Schulter, ich lege ihn auf den Bauch, ich lege ihn auf den Rücken, Sohn II schreit. Ich gebe ihm einen Schnuller, ich nehme den Schnuller wieder raus, ich stecke ihn wieder rein, Sohn II schreit. Ich massiere seine Füße, ich drücke seine Beinchen, ich stupse seine Nase, ich summe ein Liedchen, ich singe die Marseillaise, Sohn II schreit. Ich schaukel ihn, ich klopfe sacht, ich streichel ihn, ich wiege ihn, Sohn II schreit.
Sohn I kommt vorbei, er ist auf der Suche nach Keksen und nur zufällig im Wohnzimmer. Sieht mir einen Augenblick zu, schüttelt den Kopf. Kommt zu mir, dreht mal eben den Schnuller von Sohn II um eine Vierteldrehung nach rechts, rückt seinen linken Arm minimal zurecht und haut ihm brüderlich auf die Schulter. Sohn II schläft augenblicklich seufzend ein.
Ich will gerade meinen großen Jungen loben, der sich mit seinem kleinen Bruder so unglaublich gut auskennt, da legt der einen Finger an den Mund: “Psst! Schlafen!” Und er zeigt auf den Kleinen, nickt mir freundlich zu und geht weiter, Kekse suchen. Er gibt sich wirklich Mühe, aber er kann auch nicht dauernd auf uns aufpassen.
Sep
Sep
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit. Und für die Krebse: das wird schon wieder.
Sep
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Man muß ja geradezu zwingend ein neues Buch anfangen, wenn man zum Arzt geht, sonst müßte man dort Bunte oder Gala lesen, oder, schlimmer noch, schöne Sachen wie “Neues aus der Orthopädie”. Ein bereits angefangenes und halbverdautes Buch nehme ich nicht gerne mit in ein Wartezimmer, denn wenn ich zu lange warten muß, habe ich es am Ende durchgelesen, ohne ein weiteres dabei zu haben – da tun sich Abgründe auf, für einen risikoscheuen Menschen wie mich.
Heute also dank Hexenschuß neu angefangen: Andreas Stichmann: Jackie in Silber. Zuerst erschienen 2008. Der Band mit Erzählungen beginnt in grandioser Weise mit dem Text “Alleinstehende Herren”, und zwar so:
“Wenn der Nachmittag schwer wird und Schatten aus den Wolken fallen, wenn die Ameisen in Ritzen flüchten, weil es draußen kalt wird, wenn es drinnen warm wird, gehst du raus und kackst hinter die Hochäuser. Aus der Grube krähen Fahrradspeichen, Kühlschrankleichen und Rostgerippe. Ein Hauch von Abenteuer.
Du schreitest durch das pudrige Licht der Laternen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Du siehst imaginäre Passanten laufen, grüßt mit dem Nicken eines Generals. Erschrickst, wenn du dich im Schaufenster lachen siehst. Nur selten begegnest du wirklich noch einer späten Oma, die ist dann plötzlich sehr echt.”
Ganz großes Kino, dieses Buch. Wundervolle Sprache, grandiose Bilder. Das wollen Sie auch lesen.
Sep
Oskar Maria Mek
by Maximilian Buddenbohm in
Das müssen Sie nicht verstehen, nein. Oder doch, einige von Ihnen schon. Es ist nämlich so: Auf dem Videoportal Youtube findet man nicht nur lustige Filmchen, komische Katzen und die schreckliche Musik aus der Jugend, nein, man findet auch ab und zu etwas zur Dichtung.
Und wie ich mich abends so durch die deutsche Lyrik klicke und mir hier und da etwas vorlesen lasse, komme ich auf diesen Clip. Man hört den grandiosen Schauspieler Oskar Werner, die Älteren erinnern sich vielleicht. Er liest Rainer Maria Rilke, die noch Älteren erinnern sich vielleicht. Und ich denke, ich höre nicht richtig: Das klingt ganz genau so, als würde Mek vorlesen. Mek, die Älteren erinnern sich vielleicht, war mal ein Hamburger Blogger, der aber durch einen bedauerlichen Irrtum des Schicksals mittlerweile ein Berliner Blogger geworden ist. Einer von denen, die gut schreiben und gut lesen und, wie zahllose Leserinnen einfügen würden, gut aussehen und überhaupt.
Also wenn Sie Mek kennen, dann hören Sie mal. Wenn Sie ihn nicht kennen hören Sie trotzdem mal, denn schön ist es in jedem Fall.
Sep
Vorsicht
by Maximilian Buddenbohm in
Die Figur der Frau direkt nach der Schwangerschaft ist ein mehr als heikles Thema. Als Mann und Partner schweigt man am besten dazu, selbst dann, wenn alles bestens ist. Zu leicht wird eine Formulierung mißverstanden oder umgedeutet, die Sensibilität der Frau in dieser Phase kann man gar nicht überschätzen. Daher auch an dieser Stelle nichts mehr zu diesem Thema, ich will lieber keine Risiken eingehen. Vielleicht aber ein ganz kleiner Hinweis noch, nur aus Sicherheitsgründen: Der nächste Mensch, der die Herzdame “na, wann kommt es denn?” fragt, wird eines qualvollen und sehr unnatürlichen Todes sterben. Sagt sie.
Sep
Sep
Das geistige Erbe
by Maximilian Buddenbohm in
Es wird Herbst. Wenn der Wecker morgens klingelt, ist es viel dunkler draußen, als es noch vor wenigen Wochen war. Das nimmt man als Erwachsener vergleichsweise gelassen zur Kenntnis, so originell kann man den Wechsel der Jahreszeiten nach ein paar Lebensjahrzehnten eben nicht mehr finden. Ganz anders Sohn I, für den es noch eine ziemlich neue Erfahrung ist. Heute morgen wachte er auf, blickte in die Dunkelheit ringsum und sagte dann fordernd: “Mehr Licht”!
Er scheint doch sehr begabt zu sein. Andere mußten erst ein ganzes Leben als Genie verbringen, um im letzten Moment zu dieser prägnanten Formulierung zu gelangen.
Sep
Sep
Sep
Sep
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Sep
Tips für Väter (23)
by Maximilian Buddenbohm in
Nicht zu allen Themen kann man praktische Hinweise geben. Es gibt auch Themen, da muß man klar benennen, was passieren wird und deutlich sagen, daß es nichts zu beschönigen gibt, um die Väter richtig darauf vorzubereiten. Nicht jede Phase, die man mit einem Kleinkind erlebt, besteht aus eitel Sonnenschein, es gibt auch harte Zeiten. Harte Zeiten, in denen das Kind zum Beispiel mit einem Laufrad vor die Tür geht.
Etwa ab zwei Jahren kann ein Kleinkind mit dem Laufrad fahren. Oder es zumindest durch die Gegend schieben. Oder es zumindest besitzen wollen. Alle anderen Kinder haben ja schließlich auch eines, denn vor das Fahrrad hat man nun einmal heutzutage das Laufrad gestellt. Alles zu seiner Zeit. Ein Laufrad ist eine sehr, sehr schlimme Sache. Nanu, wird man denken, so ein harmloses Spielzeug, was soll daran schlimm sein?
Die Antwort ist einfach. Nehmen Sie versuchsweise ein Laufrad in die Hand und gehen Sie damit eine Stunde spazieren. Man muß es beim Spazierengehen tragen, denn das Kind, welches es eigentlich fahren wollte und sollte, hat nach zehn gerollten Metern beschlossen, sich doch lieber im gerade eben erlernten, quergehüpften Seitgalopp fortzubewegen, wobei ein Laufrad eher hinderlich ist. Sie werden feststellen, ein Laufrad wiegt auf den ersten Metern nur eine Handvoll Kilo. Nach zehn Minuten wiegt es schon gefühlte 20 Kilo, nach einer Stunde könnten sie ebensogut ein Motorrad schultern.
Wenn Sie das Laufrad so tragen, daß der Lenker nach unten baumelt, wird er Ihnen mit schöner Regelmäßigkeit zwischen die Beine geraten, was für fabelhafte blaue Flecken an den Schienbeinen und schlechte Stimmung sorgt. Wenn Sie das Laufrad so tragen, daß Sie den Lenker in der Hand halten und das lange Ende nach unten baumelt, wird es Passanten in die Quere kommt – was auch für blaue Flecken und schlechte Stimmung sorgt, aber gleichzeitig soziale Probleme mit sich bringt. Wenn Sie das Laufrad auf der Schulter tragen, werden Sie, wenn Sie sich nach Ihrem Kind umdrehen, erleben, daß andere Menschen kreischend in Deckung gehen, während das bunte Gestänge knapp an ihren Ohren vorbeisaust. Wenn Sie versuchen, das Laufrad zu schieben, gucken Sie sich dabei schon einmal die Schilder an den Häusern an, damit Sie den nächsten Orthopäden nicht verpassen.
Wenn Sie, weil Sie ein besonders intelligenter Mann sind, das Laufrad einfach an der nächstbesten Laterne anschließen, wird sich das Kleinkind kategorisch und brüllend weigern, sich noch einen Millimeter weiterzubewegen, ganz gleich auf welche Art.
Wenn das Kind wider Erwarten doch noch einmal auf das Laufrad steigt und sogar erfolgreich damit fährt, werden Sie in gebückter Haltung, mit weit ausgestreckten Armen und ganz unvermuteter Geschwindigkeit dem Gefährt hinterher jagen, wobei Sie zu schnell sein werden, um die Orthopädenschilder mitzubekommen.
Nein, Sie haben keine Chance.
Sep
Neu auf dem Nachttisch – mit Hinweis auf die Semikolonverschwörung
by Maximilian Buddenbohm in
Und dann gibt es Bücher, die überhaupt nicht zu denen passen, die man sonst so liest, die vollkommen aus der Reihe fallen. Indien, was weiß ich von Indien. Aravind Adiga, nie gehört. Ich bin erst auf Seite 20, aber es fängt faszinierend an, keine Frage. Anders. Spannend.
Aravind Adiga: Der weiße Tiger. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Der Roman erschien zuerst 2008, ist in Form eines Briefes an den chinesischen Ministerpräsidenten verfaßt und beginnt so:
“Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
weder Sie noch ich sprechen Englisch, aber manche Dinge kann man nur auf Englisch sagen. Die Exfrau meines verstorbenen Ex-Arbeitgebers Mr. Ashok, Pinky Madam, hat mir eines dieser Dinge beigebracht; und als die Sprecherin des All India Radio heute Abend um 23 Uhr 32, also vor etwa zehn Minuten verkündete “Ministerpräsident Wen Jiabao besucht nächste Woche Bangalore”, da sagte ich es sofort. Das sage ich übrigens jeses mal, wenn Große Männer wie Sie unser Land besuchen. Nicht daß ich irgendwas gegen Große Männer hätte. In gewisser Weise betrachte ich mich als einen von Ihnen, Sir.”
Und was ich mich schon seit Monaten frage, seit ich diese Rubrik eingeführt habe und dauernd Buchanfänge zitiere, also etwa die erste halbe Seite abschreibe: Ist es eigentlich eine Verschwörung von Autoren, Übersetzern und Verlagen, eine heimliche Absprache, eine Art Brancheneid, daß gleich in den ersten Zeilen zwingend ein Semikolon vorkommen muß? Oder ist es das Semikolon im ersten Absatz, das die gute Literatur vom ganzen Rest trennt? Ist es eine heimliche Markierung, an der die ganze Branche erkennt, daß dieses Buch Preise gewinnen soll, während die anderen, in denen keines vorkommt, einfach zu ignorieren sind? Hat schon einmal jemand die Beziehung zwischen Semikolongebrauch und Literaturpreisen/Feuilletonbesprechungen analysiert? Na, ich frag ja nur.
Sep
Fortbildung
by Maximilian Buddenbohm in
Wer übrigens in der Lage ist, einem zweijährigen Jungen im weit fortgeschrittenen Großerbruderwahn am frühen Morgen wortreich und unter zahllosen Wiederholungen der immer gleichen Argumente klarzumachen, daß es wirklich nicht möglich ist, den kleinen Bruder mit in die Kita zu nehmen, obwohl es doch offensichtlich Bruderpflicht ist, Anwesenheit und Zustand des anderen spätestens alle 15 Minuten zu überprüfen, da die Eltern ja mal vergessen könnten, den Schnuller nachzuschieben und er nicht mit letzter Sicherheit wissen kann, ob sie ihn auch wirklich genug streicheln, während er nicht da ist, also wer das schafft und es dann auch noch hinbekommt, daß der Größere nach reichlich tragischer, geradezu opernhafter Abschiedsszene vom kleinen Schützling einigermaßen gutgelaunt das Haus verläßt und tatsächlich fröhlich in der Kita eintrifft und dann den Versprechungen des Vaters soweit traut, daß ein paar Stunden friedlichen Spiels mit anderen Kindern in seinem Alter möglich sind – wer das schafft, der kann wahrscheinlich auch erfolgreich Gebrauchtwagen verkaufen. Oder Heizdecken auf Kaffeefahrten.
Was man eben so nebenbei lernt, wenn man Kinder hat.











