Travemünde ist, wie die meisten Küstenorte, sehr langgezogen. Wenn man da mal eben einen Freund besucht oder zum Einkaufen geht, ist man oft ziemlich lange unterwegs und geht viele Kilometer. Seit ich damals in Travemünde wohnte, gehe ich daher ziemlich schnell, denn ich wollte ja nicht nur unterwegs sein, ich wollte bei den Freunden auch mal ankommen. Oder am Hafen oder am Strand oder am Steilufer oder irgendwo. Wäre ich damals langsam gegangen, wäre ich immer nur irgendwo dazwischen gewesen, aber nie irgendwo dabei. Du willst ein Eis? Geh Dir eins holen, in einer halben Stunde bist Du da. Du willst Tim besuchen? Der wohnt zwei Orte weiter, immer am Strand lang nach Norden. Gar kein Problem. So etwas prägt fürs Leben.

Den meisten Menschen gehe ich zu schnell, auch der Herzdame. Der Herzdame gehe ich sogar viel zu schnell. Sie kommt aus einem kleinen Dorf, in dem man überhaupt nicht ging, da gab es nämlich nichts zu erreichen, ringsum nur Acker. Die Vorfahren der Herzdame leben seit Hunderten von Jahren in dem Dorf ohne großartig herumzukommen, so etwas liegt natürlich auch in den Genen. Mit anderen Worten, wir beide haben grundsätzliche Schwierigkeiten, gemeinsam spazieren zu gehen. Ich renne voraus, sie kommt irgendwann nach – oder auch nicht. Gemeinsames, romantisches Wandeln ist etwas anderes.

Daran haben wir uns gewöhnt, einen Spaziergang überstehen wir mittlerweile mit einem nur leichten und routinierten Ehekrach, so etwas spielt sich ein, im Laufe der Jahre. Die Situation verschärft sich allerdings nicht unwesentlich, wenn die Herzdame hochschwanger ist, wie ich an einem Beispiel erläutern möchte.

Ein sonniger Urlaubsmorgen, wir haben gerade gefrühstückt, der Sohn ist tatendurstig. Draußen lockt die Wildnis von Eiderstedt, wir beschließen, etwas rauszugehen. Gut, sagt die Herzdame, wir gehen raus. Dann geht sie auf Toilette, Schwangere gehen immer auf Toilette, nachdem sie etwas gesagt haben. Davor auch. Ich ziehe mich an, ich ziehe den Sohn an. Die Herzdame fragt, was ich da mache. Sie müsse sich erst umziehen und schminken. Ich sage ja, wir warten. Wir warten. Ich lese dem Sohn zehn Bilderbücher vor, ich esse mit dem Sohn noch ein Joghurt, ich male mit dem Sohn ein Pferd. Die Sonne steigt höher und höher.

Der Sohn jagt Spinnen, ich sitze im Sessel und döse, die Herzdame bleibt sehr lange in ihrem Zimmer, man hört leises Räumen. Nach einer Stunde kommt sie wieder raus, ich springe auf, der Sohn rennt zur Tür. Die Herzdame wollte aber nur wissen, welches von drei T-Shirts sie anziehen soll, sie hält sie hoch und guckt fragend. Egal, sage ich, alle meinetwegen. Wir wollen raus, wir wollen jetzt raus. Geht doch vor, sagt die Herzdame. Nein, sage ich, wenn wir vorgehen, dann hast Du keinen Druck, dann kommst Du nie. Wir gehen jetzt mit Dir in das Zimmer und sehen Dich klagend an, bis Du endlich mitkommst. Die Herzdame zieht sich wieder aus, weil sie nun doch etwas ganz anderes anziehen will. Der Sohn gähnt. Die Herzdame schminkt sich. Jetzt, rufe ich, jetzt können wir endlich los. Nein, sagt die Herzdame, sie müsse erst zur Toilette. Der Sohn und ich kratzen an der Toilettentür und machen klagende Geräusche.

Schließlich gehen wir vor die Tür. Schön, sagt die Herzdame, tolles Wetter für einen Spaziergang. Sie geht. Sie geht sehr, sehr langsam, das muß man verstehen, sie ist schwanger, sie ist sogar sehr, sehr schwanger. Ich versuche, auch langsam zu gehen, ich komme mir vor, als würde ich Zeitlupe spielen. Ich sage zwischen zwei Schritten leise Gedichte auf. Nicht so schnell, sagt die Herzdame. Ich sehe mich um, wenn man langsam geht, kann man sich mehr umsehen. Schöne Gegend, noch zwei, drei Schritte und ich habe jedes, aber auch jedes Detail der direkten Umgebung schon zehnmal angesehen. Nicht so schnell, sagt die Herzdame. Büsche, Bäume, Rosen, Kieselsteine, ein Bach, dahinter Schafe, drei, vier, sechsunddreißig Schafe. Können wir weitergehen, frage ich die Herzdame, ich gehe doch, sagt sie gereizt. Der Sohn ist im Buggy eingeschlafen. Ich konzipiere in Gedanken einen Roman, wann, wenn nicht jetzt, es ist Zeit genug. Die Herzdame geht langsam weiter. Nacktschnecken ziehen vorbei und sehen sich nach uns um, nur noch wenige Schritte und wir haben das Gartentor erreicht. Super, sage ich, wenn wir so weitergehen, dann werden wir mit etwas Glück und Rückenwind noch vor Einbruch der Dunkelheit das Grundstück verlassen! Ich pfeife die Titelmelodie vom Raumschiff Enterprise, ich murmele von unendlichen Weiten…

Ich weiß nicht, sagt die Herzdame, ich glaube, ich muß mal. Sie kehrt um. Wir sind zehn Meter gemeinsam gegangen. So ein Spaziergang, sagt die Herzdame, macht ja auch Hunger.

%d Bloggern gefällt das: