Juli, 2009 Archives

31
Jul

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.

30
Jul

Eine ruhige Kugel

by Maximilian Buddenbohm in

Ein ganz normaler Vormittag. Die Herzdame geht zum Schwangerenyoga, ich stehe mit dem Sohn auf dem Spielplatz in einer Pfütze und buddele Schlamm von links nach rechts, weil der Sohn gerade ein Baudawadabida ist, wobei es sich um sein Wort für Bauarbeiter handelt. Mein Handy klingelt, es ist die Mutter der Herzdame. “Ich kann meine Tochter nicht erreichen, ist sie im Kreißsaal?”

Nein, beruhige ich, sie macht nur Yoga. Auch bei Hochschwangeren kommt es vor, daß sie einmal kurz nicht erreichbar sind. Ich lege auf. Kurz darauf klingelt das Handy wieder, es ist ein Freund der Herzdame. “Ich kann sie nicht erreichen, ist es soweit?”

Nein, sage ich, sie macht nur Yoga. Auch bei Hochschwangeren kommt es vor, daß sie einmal kurz nicht erreichbar sind. Ich lege auf. Kurz darauf klingelt das Handy wieder. Es ist eine Freundin der Herzdame. “Na”, fragt die Freundin, “erwische ich dich vor dem Kreißsaal?”

Nein, beruhige ich, sie macht nur Yoga. Auch bei Hochschwangeren kommt es vor, daß sie einmal kurz nicht erreichbar sind. Ich lege auf. Kurz darauf klingelt das Handy wieder.

Ich drücke den Anrufer weg und rufe die Herzdame an, die jetzt auf dem Rückweg sein muß. Ich will ihr von den ganzen Verrückten erzählen, die uns so übernervös belagern. Sie geht nicht ran. Ich warte entspannte zehn Minuten ab. Ich rufe wieder an, sie geht nicht ran.

Ich schreibe ihr eine SMS, ob sie noch ganz bei Trost sei, länger als zehn Minuten nicht erreichbar zu sein.

28
Jul

Am Deich (Uelvesbüll)

by Maximilian Buddenbohm in

Am Deich

Fotogene Gegend da.

28
Jul

Der gemeinsame Weg

by Maximilian Buddenbohm in

Travemünde ist, wie die meisten Küstenorte, sehr langgezogen. Wenn man da mal eben einen Freund besucht oder zum Einkaufen geht, ist man oft ziemlich lange unterwegs und geht viele Kilometer. Seit ich damals in Travemünde wohnte, gehe ich daher ziemlich schnell, denn ich wollte ja nicht nur unterwegs sein, ich wollte bei den Freunden auch mal ankommen. Oder am Hafen oder am Strand oder am Steilufer oder irgendwo. Wäre ich damals langsam gegangen, wäre ich immer nur irgendwo dazwischen gewesen, aber nie irgendwo dabei. Du willst ein Eis? Geh Dir eins holen, in einer halben Stunde bist Du da. Du willst Tim besuchen? Der wohnt zwei Orte weiter, immer am Strand lang nach Norden. Gar kein Problem. So etwas prägt fürs Leben.

Den meisten Menschen gehe ich zu schnell, auch der Herzdame. Der Herzdame gehe ich sogar viel zu schnell. Sie kommt aus einem kleinen Dorf, in dem man überhaupt nicht ging, da gab es nämlich nichts zu erreichen, ringsum nur Acker. Die Vorfahren der Herzdame leben seit Hunderten von Jahren in dem Dorf ohne großartig herumzukommen, so etwas liegt natürlich auch in den Genen. Mit anderen Worten, wir beide haben grundsätzliche Schwierigkeiten, gemeinsam spazieren zu gehen. Ich renne voraus, sie kommt irgendwann nach – oder auch nicht. Gemeinsames, romantisches Wandeln ist etwas anderes.

Daran haben wir uns gewöhnt, einen Spaziergang überstehen wir mittlerweile mit einem nur leichten und routinierten Ehekrach, so etwas spielt sich ein, im Laufe der Jahre. Die Situation verschärft sich allerdings nicht unwesentlich, wenn die Herzdame hochschwanger ist, wie ich an einem Beispiel erläutern möchte.

Ein sonniger Urlaubsmorgen, wir haben gerade gefrühstückt, der Sohn ist tatendurstig. Draußen lockt die Wildnis von Eiderstedt, wir beschließen, etwas rauszugehen. Gut, sagt die Herzdame, wir gehen raus. Dann geht sie auf Toilette, Schwangere gehen immer auf Toilette, nachdem sie etwas gesagt haben. Davor auch. Ich ziehe mich an, ich ziehe den Sohn an. Die Herzdame fragt, was ich da mache. Sie müsse sich erst umziehen und schminken. Ich sage ja, wir warten. Wir warten. Ich lese dem Sohn zehn Bilderbücher vor, ich esse mit dem Sohn noch ein Joghurt, ich male mit dem Sohn ein Pferd. Die Sonne steigt höher und höher.

Der Sohn jagt Spinnen, ich sitze im Sessel und döse, die Herzdame bleibt sehr lange in ihrem Zimmer, man hört leises Räumen. Nach einer Stunde kommt sie wieder raus, ich springe auf, der Sohn rennt zur Tür. Die Herzdame wollte aber nur wissen, welches von drei T-Shirts sie anziehen soll, sie hält sie hoch und guckt fragend. Egal, sage ich, alle meinetwegen. Wir wollen raus, wir wollen jetzt raus. Geht doch vor, sagt die Herzdame. Nein, sage ich, wenn wir vorgehen, dann hast Du keinen Druck, dann kommst Du nie. Wir gehen jetzt mit Dir in das Zimmer und sehen Dich klagend an, bis Du endlich mitkommst. Die Herzdame zieht sich wieder aus, weil sie nun doch etwas ganz anderes anziehen will. Der Sohn gähnt. Die Herzdame schminkt sich. Jetzt, rufe ich, jetzt können wir endlich los. Nein, sagt die Herzdame, sie müsse erst zur Toilette. Der Sohn und ich kratzen an der Toilettentür und machen klagende Geräusche.

Schließlich gehen wir vor die Tür. Schön, sagt die Herzdame, tolles Wetter für einen Spaziergang. Sie geht. Sie geht sehr, sehr langsam, das muß man verstehen, sie ist schwanger, sie ist sogar sehr, sehr schwanger. Ich versuche, auch langsam zu gehen, ich komme mir vor, als würde ich Zeitlupe spielen. Ich sage zwischen zwei Schritten leise Gedichte auf. Nicht so schnell, sagt die Herzdame. Ich sehe mich um, wenn man langsam geht, kann man sich mehr umsehen. Schöne Gegend, noch zwei, drei Schritte und ich habe jedes, aber auch jedes Detail der direkten Umgebung schon zehnmal angesehen. Nicht so schnell, sagt die Herzdame. Büsche, Bäume, Rosen, Kieselsteine, ein Bach, dahinter Schafe, drei, vier, sechsunddreißig Schafe. Können wir weitergehen, frage ich die Herzdame, ich gehe doch, sagt sie gereizt. Der Sohn ist im Buggy eingeschlafen. Ich konzipiere in Gedanken einen Roman, wann, wenn nicht jetzt, es ist Zeit genug. Die Herzdame geht langsam weiter. Nacktschnecken ziehen vorbei und sehen sich nach uns um, nur noch wenige Schritte und wir haben das Gartentor erreicht. Super, sage ich, wenn wir so weitergehen, dann werden wir mit etwas Glück und Rückenwind noch vor Einbruch der Dunkelheit das Grundstück verlassen! Ich pfeife die Titelmelodie vom Raumschiff Enterprise, ich murmele von unendlichen Weiten…

Ich weiß nicht, sagt die Herzdame, ich glaube, ich muß mal. Sie kehrt um. Wir sind zehn Meter gemeinsam gegangen. So ein Spaziergang, sagt die Herzdame, macht ja auch Hunger.

27
Jul

Strand

by Maximilian Buddenbohm in

Sankt Peter-Ording

27
Jul

Dichtung und Wahrheit

by Maximilian Buddenbohm in

Husum

Am grauen Strand, am grauen Meer

Und seitab liegt die Stadt;

Der Nebel drückt die Dächer schwer,

Und durch die Stille braust das Meer

Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai

Kein Vogel ohn Unterlaß;

Die Wandergans mit hartem Schrei

Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei

Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,

Du graue Stadt am Meer;

Der Jugend Zauber für und für

Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,

Du graue Stadt am Meer.

Sie erinnern sich vielleicht, Theodor Storm, “Die Stadt”. Stand wahrscheinlich auch einmal in Ihren Schulbüchern. Das mit dem Grau hat sich allerdings seit seiner Zeit etwas geändert.

26
Jul

Salzwiesen bei Westerhever

by Maximilian Buddenbohm in

Westerhever

25
Jul

Uelvesbüll

by Maximilian Buddenbohm in

Das schreibt sich wirklich so und liegt da, wo nicht mehr allzuviele Touristen vorbeikommen. Schmale Landstraßen durchs Nichts. Eine der Straßen endet am Deich, einfach so, da kann man nur noch aussteigen, auf den Deich klettern und Schafe gucken. Da stand ich eine Weile mit der Herzdame und dem Sohn, der den blökenden Schafen nachlief, ihre Rufe nachmachte und mit dem Wind kämpfte, der ihn weiter ins Binnenland pusten wollte.

Als wir wieder zum Auto zurück gingen hielt gerade ein Wagen aus Darmstadt am Gatter, das Fenster des Fahrers ging runter und ein sichtlich genervter Familienvater fragte uns, mit nur schwacher Hoffnung im Blick: “Kann man da das Meer sehen?”

“Naja”, sagte ich, “ein wenig schon. Ist noch eine ganze Ecke weg und richtig ran wird man nicht kommen, aber prinzipiell: ja.”

“Seht ihr”, sagte der Vater erleichtert ins Wageninnere, “hier geht’s. Die Nordsee. Aussteigen, angucken. Und nehmt die Picknicksachen mit!”

“Och nee, stimmt ja doch wieder nicht.”
“Jaja, erzähl mal.”
“Ich steige hier überhaupt nicht mehr aus.”

Auf der Rückbank die drei Töchter der Familie, in bemerkenswert schlechter Laune. “Fahren Sie doch an die Ostsee”, sage ich dem Vater, “die ist super zuverlässig!”. Der Vater sagt nichts, gestikuliert mir aber wild zu und rollt die Augen, während sich seine Frau neben ihm zurücklehnt, die Arme verschränkt und zischt: “Und ich habs ja gesagt, die Ostsee. Ich habe es ja gesagt.”

“Ja”, sage ich, “da gibt es auch richtige Strände. Mit Sand und so und ohne Deich.”

Ab und zu, finde ich, kann ich ja mal etwas Loyalität gegenüber meiner Ostseeheimat zum Ausdruck bringen.

24
Jul

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Frische Bilder gibt es aus technischen Gründen erst nächste Woche, daher muß ein etwas älteres Deichschaf noch einmal herhalten. Nicht alt sondern ganz frisch ist aber natürlich das neue Wochenhoroskop drüben im Westen – viel Spaß damit.

23
Jul

Wasserkoog

by Maximilian Buddenbohm in

Ein kleines Dörfchen, kurz vor dem Deich. Sehr schnuckelige Häuser, alle liebevoll gepflegt. Altes Gemäuer, das sich heimelig unters Reetdach duckt. Jedes Detail aufwendig restauriert und mit Liebe dekoriert, jede Mauer, jeder Winkel. Kein Fenster ohne Rosenumrahmung, keine Tür ohne frischen Anstrich, kein Briefkasten, der nicht in Stil und Farbe dem Haus angepaßt wäre.
Ganz klar, hier wohnen kaum noch Einheimische, hier residiert der Hamburger mit Geld, diskret zurückgezogen, den Wagen der Oberklasse im Carport versteckt, das unter üppigem Blumenbewuchs nahezu verschwindet.

Kleine Häuser sind das dort, aufgereiht wie in einer Pralinenschachtel, zuckersüß und wunderschön, man möchte vor jedem stehenbleiben und “hach” sagen, zumindest bevor man einen schweren Gemütlichkeitskoller bekommt und sich kurz nach Hamburger Graffiti sehnt. Wenn man eine Bierdose dabei hätte, würde man sie jetzt sehr gerne auf ex trinken in einen Garten kicken, nur um wieder etwas Wirklichkeit zu fühlen. So ein Dorf ist das.

Aber wirklich hübsch.

Man geht die Dorfstraße hinunter, Reetdach, Reetdach, Reetdach. Dann, am Ortsausgang, ein unscheinbares, normales, kleines und eher langweiliges Haus, mit ganz normalem Spitzdach, rote Schindeln, schmucklos, wie überall. Da wohnt, man kann es auf einem Schild an der Straße nachlesen, der Reetdachdeckermeister.

23
Jul

Westerhever

by Maximilian Buddenbohm in

Westerhever, das ist da, wo der berühmte rotweiße Leuchtturm steht, den jeder aus der Bierwerbung kennt. Dieser Spot, in dem sich ein Mann rücklings in die Dünen fallen läßt und die Hintergrundstimme irgendwas von Freiheit erzählt.  Natürlich alles gelogen, Dünen gibt es nämlich bei Westerhever überhaupt nicht. Nix als feuchte Salzwiesen, Deich und Meer. Und Himmel, ungeheuer viel Himmel. Da stehen die Herzdame und ich auf dem Deich und gucken in die Gegend.

Ich: “Meine Güte, sieh dir diesen Himmel an! Nolde nichts dagegen. Was für ein Drama in diesem Wolkengeschiebe! Was für ein Bild!”
Die Herzdame: “Meine Güte, sieh dir diesen Weg an. Alles voller Schafscheiße! Wenn ihr mir das ins Auto tragt, dann gibt es aber richtig Ärger.”

Viele Ehepaare werden sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher. Wir beide warten noch auf den Effekt.

23
Jul

Sieversfleth, Regentag

by Maximilian Buddenbohm in

Am Teich quaken die Frösche, der Sohn und sein bester Kumpel sitzen gebannt am Ufer im Regen und sehen ihnen zu. Nackte Füße im nassen Gras, die Zehen greifen Kleeblüten, weggeschleuderte bunte Kindergummistiefel ein paar Meter weiter. Wenn man die Hortensien schüttelt, steht man unter einem Wasserfall, ringsum blaue Blütenblätter. Schnecken im Gras, Nacktschnecken und auch solche mit Haus. Anstupsen, herumwerfen, mehr davon suchen, dem anderen zeigen. Ameisen, Käfer, eine müde Hummel an den Stockrosen. Hagebutten leuchten rot in der Hecke, wenn man kräftig daran zieht, fallen sie ab. Daran riechen, versuchweise hineinbeißen. Lieber doch nicht. Johannisbeeren, schon besser. Sanddorn, aua.

Auf dem Grundstück nebenan gemütlich grasende Kühe, davor Elektrodraht und Stacheldraht, man könnte aber hinüberklettern, sieht ganz einfach aus, plötzlich überall herumbrüllende Erwachsene. Dann eben nicht. Frösche hüpfen in den Teich, da könnte man ja auch…. Hände im Nacken.

Dann doch wieder ins Haus. Durch den Hintereingang rein, durch den Vordereingang raus, Erwachsene merken vielleicht nicht alles. Oder doch.

Äpfel im Gras, noch steinhart, aber zum Herumkullern reicht es. Nasse Füsse, nasse Hose, nasses T-Shirt, auf Dauer ein wenig kalt. Einen Erwachsenen im Trockenen unter dem großen Sonnenschirm suchen, auf einen Schoß steigen, ein wenig Wärme abbekommen. Unter die Plane kriechen, die den Strandkorb hinten im Garten vor dem Regen schützt, sich zusammenrollen, einschlafen.

Der Reiher am Teichrand schüttelt den Kopf und sieht genervt in eine andere Richtung.

22
Jul

Sieversfleth

by Maximilian Buddenbohm in

Nein, den Ort muß man nicht kennen. Ziemlich nahe an der Nordsee jedenfalls, gleich hinter der Wiese mit den Kühen und da, wo die Pferde mit den Fohlen stehen. Reetdachhäuser, darüber ein enormer Himmel, sehr viel Luft zwischen den Häusern, sehr viel Grün darum herum. Wenig Menschen. Frösche in den Teichen, Greifvögel ziehen unter den Wolken her. Hier steht ein Bauer im Feld, etwas weiter ein Reiher am Graben. Heckenrosen, Hortensien. Da sind wir heute morgen aufgewacht. Und schon beim ersten Blick aus dem Fenster wußte ich: hier stimmt etwas nicht.

Es wirkt so hell draußen, so ungewöhnlich sonnig, die Geräusche klingen so nach Tag, da fahren sogar schon Trecker, da klingeln schon Fahrräder – das kann so nicht sein. Neben mir liegt der Sohn und schnarcht leise, ich sehe auf die Uhr und sehe dreimal hin: es ist viertel vor acht. “Wir haben den halben Tag verschlafen!” sage ich zur Herzdame, die ebenfalls noch schläft. Ich rüttele etwas an ihr herum. “Aufwachen”, sage ich, “wir haben ausgeschlafen. Verschlafen. Lange geschlafen. Wie andere Leute! Wie normale Menschen!”

Die Herzdame fragt, ob ich irre sei, sie deswegen zu wecken. Ich erkläre ihr, daß es zu einer Ehe gehört, besonders freudige Momente zu teilen und jetzt gerade freue ich mich über meinen langen Schlaf. Die Herzdame zählt verblüffend viele unfreundliche Bezeichungen für mich auf, der Sohn streckt sich im Schlaf. “Wir müssen an die Nordsee ziehen” sage ich zu der Herzdame, “am besten sofort. Es ist die Nordseeluft, da schläft der Sohn lange. Wir werden nach sechs Uhr aufstehen! Wir werden ausgeschlafen sein! Wir werden alles erreichen können! Nichts kann uns noch aufhalten!”

Die Herzdame zieht sich die Decke über den Kopf und murmelt, daß man sich an die Luft gewöhne und dann bald wieder weniger schlafe. Auch Kinder? Ja, auch Kinder. Gerade Kinder. “Und wenn wir”, frage ich, “eine Wohnung in Hamburg haben und eine Wohnung an der Nordsee und immer kurz vor der Gewöhnung ruckartig und drastisch den Ort wechseln, werden dann nicht alle in der Familie einfach immer zehn Stundehn schlafen?”

Die Herzdame sagt, sie hätte bei “ruckartig und drastisch” ganz andere Ideen und sieht mich seltsam an. Ich gehe lieber und mache im Arbeitszimmer den Computer an. Immobilienanzeigen gucken.
Ich bin unverstanden, aber das geht vielen Menschen mit guten Ideen so.

21
Jul

Sankt Peter-Ording

by Maximilian Buddenbohm in

Man kann mit dem Auto auf den Strand fahren und kaum haben wir geparkt, steigen der Sohn und sein bester Kumpel schon krakeelend aus, zerren die Sandalen von den Füßen, rupfen Schaufeln aus dem Kofferraum und laufen zum Meer. Die Distanz zum Meer ist hier erheblich, der Strand will gar nicht aufhören, da müssen die kleinen Beine schon ziemlich viel leisten, bevor man dem Meer etwas näher kommt. Aber egal, die Schaufel über den Kopf geschwungen und weiter geht’s. Die Nordsee zieht sich gerade zurück, quer vor der Brandungslinie liegen die letzten Priele und Pfützen, in denen es im Sonnenlicht des Nachmittags goldblau glitzert und funkelt. Die Kinder hüpfen juchzend durch die Pfützen, ihre spitzen Schreie klingen, als würden sie die Lachmöwen imitieren, die über ihnen lässig im Wind stehen. Hin und wieder eine tiefere Pfütze, die beiden fallen lachend und kreischend um, die nassen T-Shirts kleben ihnen am Leib, die Schaufeln stochern hier und da en passant im Sand und wirbeln Muscheln und Tang auf. Weiter vorne das Meer, die große Fläche, das große blaue Leuchten. Die beiden fassen sich an den Händen und laufen darauf zu, auf das ganz große Vergnügen, das Überwasser, das Superbad. Eine kleine Welle, die allerwinzigste Vorhut der Nordsee umspült ihre Füße, das Wasser ist hier kälter als weiter oben in den Pfützen, die Kinderschreie werden heller und greller. Noch ein paar Schritte, noch eine Welle, schon etwas größer. Sie stehen und gucken und sehen: da kommt die nächste Welle. Sie baut sich gemächlich auf, sie sortiert sich, als würde sie die Jungs da vorne aufs Korn nehmen – und dann nimmt sie Fahrt auf. Die beiden gucken mit offenem Mund, die Vorwärtsbewegung jäh unterbrochen, zwei Zeigefinger deuten auf das Kommende vor ihnen: “DA!”. Die Welle macht einen langen Hals, als würde sie über die Kinder hinübergucken wollen, sie rauscht auf sie zu -

und nun wissen wir auch, auf welche Geschwindigkeit die beiden wirklich beschleunigen können, wenn sie vor etwas abhauen. Sehr beeindruckend.

Die Welle, die gerade eben noch an die Fersen der Flüchtenden züngeln konnte, versandete mit dezentem Schäumen. Sie hatte eine kleine rosafarbene Muschel mitgebracht, aber dafür wollten sich die beiden Kleinen partout nicht mehr interessieren. Nicht immer kommen Geschenke gut an.

21
Jul

Husum

by Maximilian Buddenbohm in

Wie immer in Husum Frühstück in einem Café direkt am Hafen. Alle Tische am Fenster sind reserviert, auf jedem steht ein kleines Schildchen mit der Aufschrift: “Reserviert, zehn Uhr, Hansen”. Wir setzen uns an einen anderen Tisch. Nach und nach treffen die Hansens ein. Drei verschiedene Familien, sie scheinen sich nicht einmal zu kennen. Drei Familienrudel, aus jedem geht einer zum Kellner und sagt “Moin, Hansen, wir hatten reserviert”. Der Kellner weist einen der drei Tische an, als wäre klar, welcher Hansentisch für welchen Hansentrupp wäre. “Das glaubt mir wieder kein Mensch”, sage ich zu der Herzdame. Sie nickt.

Der Sohn und sein bester Kumpel, den wir zum Ausflug mitgenommen haben, sitzen neben uns auf Hochstühlen und flüstern miteinander. Dann hauen sie beide auf den Tisch und rufen sehr laut “Bier!” Ungefähr dreißig Hansens sehen uns kritisch an. Wir spielen unbeteiligt mit den Obststückchen, die die Kleinen auf den Frühstückstellern aufgetürmt haben und sehen über die Hansens hinüber zum Hafen und zu den grauen Silos, hinter denen sich weiße Wolkengebirge von der Nordsee her Richtung Binnenland schieben. “Schönes Wetter heute”, sage ich und schiebe den Kindern große Melonenstücke in den Mund.

Nachher nach Sankt Peter-Ording.