Juni, 2009 Archives
Jun
Die Baggerklage
by Maximilian Buddenbohm in
In Hamburg ist es gerade en vogue, gegen Kindergärten zu klagen, die als Lärmquelle ausgemacht werden. Die Nachbarn dieser Einrichtungen fühlen sich zum Beispiel gestört, weil die Kleinen im Garten herumtoben, denn dabei können die Erwachsenen nicht in Frieden Kaffee trinken, schlafen oder lesen, was weiß ich. Tatsächlich kommt man mit solchen Klagen auch durch, denn die Mittagsruhe eines Erwachsenen ist natürlich wesentlich wichtiger als der Spieltrieb der Kleinen. So weit so erstaunlich. Wenn man aber schon wegen jedes denkbaren Schwachsinns erfolgreich Klage einreichen kann, dann überlege ich mir doch ernsthaft, Klage gegen alle Tagesbagger einzureichen.
Wobei unter Tagesbagger solche Baumaschinen zu verstehen sind, die zu Zeiten, an denen kleine Jungs normalerweise wach sind, irgendwo Gruben ausheben, Sand umschichten, Geröll verladen oder ähnlich spannende Dinge tun. Ich fordere das sofortige Verbot solcher Arbeiten zwischen 6 Uhr morgens und zwanzig Uhr abends. Die Nacht reicht doch sicher vollkommen aus, um so etwas zu erledigen. Als Vater eines kleinen Jungen kann ich es nicht länger einfach hinnehmen, daß jeder Weg außerhalb der Wohnung zeitlich um den Faktor zehn verlängert wird, wenn das Kind irgendwo einen Bagger in Aktion sichtet – wobei zu bedenken ist, daß ein aufmerksames Stadtkind früher oder später auf fast jedem Weg einen Bagger in Aktion sichtet.
Daß man dadurch als Vater ständig gezwungen ist, verkrampfte Kinderfinger mühsam einzeln von Bauzäunen zu lösen, daß man dann gar nicht anders kann als den kreischenden, strampelnden und heftigen Widerstand leistenden Nachwuchs rabiat um die nächste Ecke zu schleifen, wo eventuell schon der nächste Bagger fröhlich mit der Schaufel winkt… heillos. Das muß ein Ende haben! Auch als Vater hat man doch das Recht, einmal einfach so spazierenzugehen, ohne immer an die späteren Therapiekosten des Nachwuchses zu denken.
Nur der nachtaktive Bagger ist ein guter Bagger, denn was nachtaktiv ist, das findet in den Köpfen kleiner Jungs nicht statt. Man frage so ein Kind etwa nach Siebenschläfern oder Steinmardern, es wird nur ratlos gucken.
Das Leben kann einfacher sein, man muß sich nur um seine Rechte kümmern. Es wird sich ja leicht ein Anwalt finden lassen, der meine Interessen vertreten möchte, nehme ich an.
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und dann gibt es Bücher, bei denen man meint, die Gegend, in der sie spielen, und die man ansonsten überhaupt nicht weiter aus eigener Anschauung kennt, ein wenig besser zu verstehen. Vielleicht ist es eine vermessene Annahme, vielleicht stimmt es. Ich müßte nach Belgrad oder Sarajewo fahren, um es in diesem Fall herauszufinden. Nichts, was aktuell auf dem Programm stehen würde.
Der Roman “Das Fräulein” von Ivo Andric, aus dem Serbokroatischen von Edmund Schneeweis, erschien zuerst 1945 und beginnt so:
“An einem der letzten Februartage des Jahres 1935 brachten alle Belgrader Zeitungen die Nachricht, daß man in der Stigstraße Nr. 16 a die Hausbesitzerin tot aufgefunden habe. Sie hieß Rajka Radakovic, stammte aus Sarajewo und lebte schon fünfzehn Jahre ganz zurückgezogen in diesem Hause; sie führte das Leben einer einsamen alten Jungfer und galt als geiziger Sonderling. Ihren Tod entdeckte der Briefträger jener Straße. Nachdem er zwei Tage vergeblich geläutet hatte, ging er um das Haus, schaute vom Hof ins Fenster, sah im Vorzimmer die alte Jungfer tot auf dem Rücken liegen und meldete die Beobachtung sofort der Polizei.”
Ein großartiges Buch über den Geiz, sollte ich wohl noch hinzufügen.
Jun
Rollenspiele
by Maximilian Buddenbohm in
Die fünfjährige Tochter der schönen Nachbarin übernachtete bei uns, bzw. bei dem Sohn. Ich habe damit gerechnet, daß sie ein riesiges Barbieschloß mitbringen würde oder auch tausendfaches Lilifee-Zubehör oder sieben verschiedene Elfenkostüme oder dergleichen, ich habe mich mental auf eine regelrechte rosa Invasion vorbereitet. Tatsächlich brachte sie dann aber fast nichts mit, außer einer kleinen, knuddeligen Schlafmaus. Harmlos, dachte ich.
Allerdings gehen, wie ich kurz darauf bemerkte, rosa Invasionen auch ganz ohne Zubehör. “Ich bin eine Prinzessin”, sagte die Kleine zur Begrüßung, “und du bist mein Prinz. Und deine Frau ist die Königin.” “Prima”, sagte ich, “das klingt einfach.” Als ich fragte, was die Prinzessin zu trinken wünsche, wurde mir aber erbost beschieden, daß sie sich zwischenzeitlich, wie jeder sehen könne, in Pippi Langstrumpf verwandelt hätte und als solche auch angesprochen zu werden wünschte, “Du bist jetzt Tommy”, sagte sie, “und deine Frau ist Annika.” “Auch recht”, sagte ich, “und wenn ich wieder ein Prinz werde, nenne ich mich Prinz Tommy, das macht dann alles viel einfacher.” Das Mädchen sah mich entgeistert an: “Nein, das geht doch nicht! Das ist ja ganz durcheinander! Wir müssen das richtig spielen!”
“Schon gut”, sagte ich, “ich bleibe dann eben Tommy. Wir können jetzt ja mal in die Villa Kunterbunt gehen”. Ich zeigte auf das Kinderzimmer. Das Kinn der Kleinen hob sich himmelwärts, ein Blick voller Verachtung streifte mich: “Villa Kunterbunt! Nein! Das ist ein Schloß! Mein Schloß! Ich bin doch Prinzessin!”
Majestätisch schritt sie mir voran, warf sich auf ihr Prinzessinnenlager und guckte gelangweilt über ihren Hofstaat. Ich fragte, was eine Prinzessin so den ganzen Tag mache. “Nichts!” sagte sie. “Immer nur nichts. Außer sich Sachen bringen lassen.” Ein überschaubares Programm”, sagte ich. “Und mein Prinz macht auch nichts”, sagte sie, “aber immer neben mir!”
“Und wenn ich mich langweile?” Ich sah sie fragend an. “Prinzen langweilen sich nicht”, erklärte sie mir, “nie nicht.” “OK”, sagte ich, “dann geht’s ja.” Sie dachte intensiv nach. “Aber”, sagte sie schließlich, “wenn ich einmal verreise, dann kannst du ja solange mit der Zofe spielen.”
Die Zofe ist übrigens, wie sich auf weitere Nachfrage klärte, die schöne Nachbarin. So kommt man in aller Unschuld zu lustigen Rollenspielen unter Erwachsenen, denn wer würde den Nachwuchs schon enttäuschen wollen.
Falls Sie sich also immer schon gefragt haben, ob wirklich aller Spaß für Erwachsene endgültig aufhört, wenn man Kinder bekommt: Aber nein.
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Noch einmal ein Bild von Helgoland. Es ärgert mich ganz fürchterlich, daß die Kamera während der Reise den Geist aufgegeben hat und nur eine knappe Handvoll Bilder überhaupt brauchbar sind. Müßte nicht bei jedem Kamerakauf eine Versicherung dabei sein, die einem eine Reisewiederholung finanziert, wenn so etwas passiert? Doch, das müßte so sein.
Währenddessen ist drüben im Westen natürlich das neue Wochenhoroskop online. Viel Spaß.
Jun
Guten Morgen
by Maximilian Buddenbohm in
Morgens halb acht, auf dem Weg in die Kindertagesstätte. Der Sohn steht seit geraumer Zeit vor dem Schaufenster eines neuen Modegeschäftes bei uns um die Ecke. Eine junge, sehr gestylte Blondine bleibt stehen, guckt begeistert und spricht mich an: „Oh wie süß, der kleine Spatz da interessiert sich ja schon für Mode!“
„Nein“, sage ich wahrheitsgemäß, „der kleine Spatz leckt an der toten Fliege auf der Scheibe da herum.“
Und wieder eine Fortpflanzungswillige weniger.
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und dann gibt es Bücher, die nach dem ersten Drittel gar nicht mehr so sehr überzeugen, die aber einen solch gelungenen ersten Absatz haben, daß man ihnen dennoch freundlich gesonnen bleibt. Graham Greene: Die Reisen mit meiner Tante. Deutsch von Maria Felsenreich und Hans W. Polak. Der Roman erschien zuerst 1969 und beginnt so:
“Ich traf meine Tante Augusta nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder – beim Begräbnis meiner Mutter. Als meine Mutter starb, war sie fast sechsundachtzig, und meine Tante war elf oder zwölf Jahre jünger. Zwei Jahre vorher hatte mich meine Bank mit einer angemessenen Pension und einem silbernen Händedruck in den Ruhestand entlassen. Nach der Übernahme durch die Westminster-Bank galt meine Zweigstelle als überflüssig. Alle hielten mich für einen Glückspilz, mir jedoch fiel es schwer, mit meiner Freizeit etwas anzufangen. Ich war nie verheiratet, führte immer ein ruhiges Leben und habe, abgesehen von meinem Interesse für Dahlien, kein Steckenpferd. Deshalb erregte mich das Begräbnis meiner Mutter auf angenehme Weise.”





