Im Vorübergehen

Der Sohn hat einen Luftballon geschenkt bekommen, groß, orange und ziemlich großartig, zumindest aus seiner Sicht. Stolz sitzt er im Buggy und hält ihn in der Hand, während ich mit ihm durch die Stadt schiebe. Er hält ihn gelegentlich hoch und erklärt den Menschen, die uns entgegenkommen und die es ja vielleicht nicht wissen: „Ballum!“

Am Bahnhof passiert, was passieren muß: Ein Luftzug reißt ihm den Ballon aus der Hand. Verblüfft sieht er ihm nach, wie er über die große Straße weht und vom Fahrtwind der Autos hin und hergetrieben wird. Die Unterlippe des Sohnes schiebt sich langsam vor, ein feuchter Glanz ist in den Augen zu erkennen, sein kleiner Zeigefinger folgt bebend dem wirren Flug des Ballons, die Augen werden groß und größer. Ein Junkie, der auf dem Bahnhofvorplatz liegt, rappelt sich hoch. Kaputte Hosen, barfuß, nackter Oberkörper, flächige Ekzeme an den Armen. Wirres Haar, dunkle Zahnstummel. „Warte mal“, ruft er mir zu, „warte mal!“ Und er rennt über die Straße, immerhin vier Spuren, dichter Verkehr, wildes Gehupe. Springt zwischen den Autos herum, weicht ihnen aus wie ein Torrero dem Stier, hechtet dem Ballon nach, greift ihn schließlich und kommt lachend damit angelaufen.

Drückt ihn dem staunenden Sohn in die Hand und haut mir im Gehen auf die Schulter: „Muß doch nicht sein, wa, Verluste so früh im Leben. Muß doch nicht.“

58 comments

  1. Taunter

    Bittersüß.

    Aber was hat er jetzt von unserem Geheule ins Taschentuch ?
    Vorschlag:
    Er hat uns überrascht und diese schöne Geschichte geschenkt.
    Jetzt schenken wir ihm was.
    Ich würde 10 Euro für einen großen Freßkorb spenden.
    Vielleicht sammelt ja OMA.

  2. Erdbeertal

    Eine ganz wunderbare Geschichte.
    Und ich denke das ich in den nächsten Tagen so manchen Menschen vieleicht etwas anders sehen werde. Nur muss man ab und an daran erinnert werden.

  3. honeyvet

    Zum Thema verlorener Ballon: Meine Tochter, damals etwa 3,5 Jahre alt, hat mal einen gasgefüllten Ballon versehendlich losgelassen und war untröstlich. Warum, warum, warum ist er weggeflogen?? Nach mehreren Erklärungsversuchen landete ich bei „Vielleicht wollte der Ballon einfach frei sein, in den Himmel fliegen und nicht von dir festgehalten werden…..?“ Sie mußte nicht lange überlegen. Mit ihrem bis heute erhaltenen sicheren Gespür und Verständnis für die Gefühle und das Wollen aller unbelebten Wesen versicherte sie mir: „Doch Mami, der Ballon wollte bei mir bleiben – bloß die Luft in ihm, die wollte nicht!“

  4. stinkenihilist

    bevor ich mich in üblichen nerdy comment a la: das ist ein offenes geheimnis unserer verlogenen everything-is-possible-and-everyone-is-born-equal-quantensprung-now-maschinen-blubber-bunt-welt. holy shit. was ist denn das problem, wenn ein „fauler assi“ sich über eine waschmaschine und ein bett freuen würde, dass „wir bezahlen“ ohne etwas dafür zu verlangen während nichtsdestodrops weiterhin 1/6 der menscheit hunger leidet und leute wie herr aXXermann beim ka**en soundsoviel geld scheffeln und springer die letzten betrügt?? – oh nein ich tu’s schon wieder, SORRY – verfange, also hier die imho passende schiller-shortcut-wumme:

    „Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm,
    zu wohnen,
    Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde
    von selbst.“

    und mein dank für diese schöne geschichte. wünsche, sie erreicht die, die sie nötig hätten. thx! btw. taunter hat recht.

  5. Ping: Im Vorübergehen - Kollateralfarben

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