Auf dem Lande
Der Sohn unterhält sich im Garten mit seinem Urgroßvater. Es ist ein erstaunliches Gespräch, denn der Urgroßvater hat sein Hörgerät nicht eingesetzt und der Sohn versteht kein Wort von dem etwas exzentrischen, gebellten Plattdeutsch des Urgroßvaters. Trotzdem haben sich die beiden viel zu sagen und sie scheinen sich dabei prächtig zu amüsieren. Der Sohn quietscht vor Lachen und der Urgroßvater haut auf den Tisch, daß die Bierflaschen tanzen. Die Urgroßmutter deckt währenddessen für Kaffee und Kuchen. Erdbeertorte, obwohl die Erdbeeren nichts mehr taugen, alle zu grün oder schon vergammelt, das Wetter, das Wetter. Man weiß gar nicht recht, ob man in diesem Jahr genug Marmelade gekocht hat. Noch ein paar Tage Spargel, dann war es das auch schon wieder, Rhabarber ebenfalls vorbei – oben im Baum werden jetzt die Kirschen rot und ringsum wogt das hochstehende Getreide im viel zu frischen Juniwind.
Der Sohn zieht am Ärmel des Großvaters, er will jetzt zu Westermanns Kühen. Der Großvater setzt ihn in den alten Bollerwagen und so ziehen sie los, die Straße runter zum Stall. Der Sohn steigt aus dem Wagen und lehnt sich, ganz wie ein alter Bauer, in den Torrahmen des Kuhstalls, lässig auf einem Gerstenhalm kauend, beide Hände in die Latzhose eingehängt. Stumm und routiniert winkt der dem Bauern einen Gruß zu, der im Hintergrund an der Melkmaschine arbeitet. Der guckt nur kurz hoch: „Moin, mein Jung.“ Der Sohn zeigt auf die Riesentiere vor sich und sagt erklärend: „Kühe.“ Ja, sagt der Bauer, den Verdacht hätte er auch schon gehabt. Der Sohn nickt und stupst mit seinen Gummistiefeln den Mist vor seinen Füßen an. Man spricht hier nicht viel.
Währenddessen wühlt sich die Herzdame im Haus ihrer Eltern und Großeltern durch altes Kinderspielzeug. Angeschlagene Puppen, verlebte Stofftiere, zerbröselte Schulhefte und angegammelte Kinderbücher. In der Familie wird nichts weggeworfen, man lagert alles. Man hat Platz.
Das prächtigste Fundstück ist wohl dieses hier. Apartes Design und sicherlich wieder ein Beweis, daß die Kindheit auf dem Lande doch irgendwie anders ist. Oder hatten das am Ende alle, außer mir? Die Ferkel sind, man kann das vielleicht nicht erkennen, mit Druckknöpfen am Gesäuge befestigt. Abnehmbar. Wie in echt, quasi.







Sieht nach handgenäht aus. Sehr originell!
…und wieder ein wunderschönes Posting.
Ja, so ist es in Norddeutschland auf dem Land. Wortkarg, aber herzlich geht es zu, das habe ich genauso erlebt.
Es ist eine eigene Welt, das Landleben, gar nicht mit dem Großstadtleben zu vergleichen, viel sinnlicher, pragmatischer und handfester. Alles hat seine Ordnung, jeder macht sich nützlich. Die Alten gehören selbstverständlich dazu. Doch die Romantik hat ja auch ihre Kehrseite.
Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, mit den Eltern unter einem Dach zu wohnen, mit den Großeltern schon eher. Und immer nur Reiterbälle. Schützenfest und sonstige Vereinsmeierei, nee danke.
Das Beste aus beiden Welten ist die ideale Kombination. Dein Sohn hat Glück, und die Ferien in den nächsten 15 Jahren dürften ein Selbstgänger werden.
Schön, daß Ihr auf solche Entdeckungsreisen gehen könnt.
Und das Schwein ist total genial! Wird nachgenäht!
Wunderschön,
hab zwar noch keine Kinder aber warn auch schon aufm platten Land dies Jahr.
Dort haben wir auch Schwein gefunden, auch selber gemacht, von jungen Müttern, aber nicht nur Scwein, sondern auch altes Handtuch und Waschlappen. Haben es “Rosi” geatuft und ist jetzt immer mit dabei wenns auf Landpartie geht. Sagt auch gern mal was, ungefrafgt versteht sich :-)
Schwein gehabt! Herzallerliebst.
Auch ich meine, dass Ihre Kinder eine gute Ausgangsbasis haben, um die jeweiligen Vor- und Nachteile des Stadt- und Landlebens kennenzulernen; es tut Kindern gut, beide Welten zu erfahren.
btw: Die Schilderung der Szene bei Westermanns Kuhstall zeigt in aller Kürze, wie wunderbar Sie schreiben, Herr Merlix !
sehr schöner Dialog!