Juni, 2009 Archives
Jun
Im Vorübergehen
by Maximilian Buddenbohm in
Der Sohn hat einen Luftballon geschenkt bekommen, groß, orange und ziemlich großartig, zumindest aus seiner Sicht. Stolz sitzt er im Buggy und hält ihn in der Hand, während ich mit ihm durch die Stadt schiebe. Er hält ihn gelegentlich hoch und erklärt den Menschen, die uns entgegenkommen und die es ja vielleicht nicht wissen: “Ballum!”
Am Bahnhof passiert, was passieren muß: Ein Luftzug reißt ihm den Ballon aus der Hand. Verblüfft sieht er ihm nach, wie er über die große Straße weht und vom Fahrtwind der Autos hin und hergetrieben wird. Die Unterlippe des Sohnes schiebt sich langsam vor, ein feuchter Glanz ist in den Augen zu erkennen, sein kleiner Zeigefinger folgt bebend dem wirren Flug des Ballons, die Augen werden groß und größer. Ein Junkie, der auf dem Bahnhofvorplatz liegt, rappelt sich hoch. Kaputte Hosen, barfuß, nackter Oberkörper, flächige Ekzeme an den Armen. Wirres Haar, dunkle Zahnstummel. “Warte mal”, ruft er mir zu, “warte mal!” Und er rennt über die Straße, immerhin vier Spuren, dichter Verkehr, wildes Gehupe. Springt zwischen den Autos herum, weicht ihnen aus wie ein Torrero dem Stier, hechtet dem Ballon nach, greift ihn schließlich und kommt lachend damit angelaufen.
Drückt ihn dem staunenden Sohn in die Hand und haut mir im Gehen auf die Schulter: “Muß doch nicht sein, wa, Verluste so früh im Leben. Muß doch nicht.”
Jun
Auf den Steinen sitzen
by Maximilian Buddenbohm in
Sarah stand vor der kleinen Asia-Boutique am Travemünder Strand, in der sie schon seit zwei Sommern in den Ferien arbeitete und sortierte sehr bunte Seidenblusen auf einem Ständer. Ich saß auf einem Blumenkübel aus Waschbeton davor und wartete, daß sie Feierabend machte. Ein endloser Strom von Strandrückkehrern zog zwischen uns durch zu den Hotels, es war Zeit für das Abendessen. In meiner Augenhöhe nackte Kniekehlen, die meisten zu alten und dicken Beinen gehörend. Beine in allen verschiedenen Stadien der Bräunung, manche auch in frischem Krebsrot. Krampfadern, Falten, Hängewaden, Stützstrümpfe. Sandige Füße in Sandalen, grell lackierte Fußnägel, hin und wieder Kinderfüße, gelegentlich Tennissocken. Manchmal blieb eine Frau stehen und faßte nach den Blusen, sah nach den baumelnden Preisschildchen und fragte irgend etwas. Sarah sagte Größen, Farben und Preise auf, hielt Blusen hoch, holte andere aus dem Laden. Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf die Markise über dem Schaufenster, Sarah stand in rotem Licht. Ihr braunes Haar wirkte rötlich, ihr weißes Top sah rosa aus, Erdbeervanille, lieblich süß. Es war heiß und unter der Markise staute sich die Luft, kein Hauch regte sich auf dieser Hausseite. Die Blusen rochen penetrant nach chemischer Reinigung und Sarah sicher auch, nahm ich an. Vielleicht würde ich es ja gleich noch herausfinden.
Jun
Countdown
by Maximilian Buddenbohm in
Heute morgen, der Sohn und ich wollen Brötchen holen. Wir wohnen im vierten Stock, er drückt den Fahrstuhlknopf und wartet ungeduldig und hüpfend, daß der Fahrstuhl endlich kommt. Rennt johlend rein, als sich endlich die Türen hoffen und schmettert, weil er nicht rechtzeitig bremst, mit dem Kopf gegen die Blechwand. Dreht sich um und guckt unbeeindruckt. Die Türen schließen sich, der Fahrstuhl fährt hinunter. Dritter Stock, zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoß. Die Türen öffnen sich. Der Sohn sagt: “Aua” und faßt sich an den Kopf.
Manche Menschen würden sich Sorgen machen, bei so langen Reaktionszeiten. Ich aber weiß, aus welchem Dorf die Herzdame stammt und welche Menschen da wohnen. Alles im grünen Bereich.
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Noch einmal ein Bild aus Nordostwestfalen. Zwei Himmelsrichtungen weniger, im Westen, ist wieder das neue Wochenhoroskop online.
Jun
Angemessene Mittel
by Maximilian Buddenbohm in
Ich sitze am Schreibtisch und arbeite, die Herzdame ist mit dem Sohn auf dem Spielplatz. Ich habe gebeten, eine Stunde nicht gestört zu werden, da ich mich konzentrieren muß. Ich versuche ebenso intensiv wie erfolglos zu verstehen, was der Steuerberater mir geschickt hat, außerdem muß ich dringend einen Text korrigieren – da klingelt das Telefon. Es ist die Herzdame.
Ich: Und ich sach noch, bitte nicht stören
Herzdame: DU MUSST SOFORT RUNTERKOMMEN! DEIN SOHN!
Ich: Bitte? Was ist denn passiert?
HERZDAME: SOFORT RUNTERKOMMEN!
Ohne weitere Verzögerung spurte ich zur Tür, hämmere auf den Fahrstuhlknopf, haste dann doch lieber in Sprüngen die Treppe hinunter, stürze mich fast durch die Glastüren im Erdgeschoß, renne zum Spielplatz und bremse in einer Staubwolke vor der Herzdame, die in gelassener Pose an der Sandkiste sitzt, in der der Sohn gemächlich Sand von links nach rechts schaufelt. Ringsum lachende Kinder und dösende Mütter, in den schattenspendenden Bäumen ringsum zwitschern die Vögelein, an der Kirchentür im Hintergrund lehnt der Pfarrer und besieht sich lächelnd die Szene. Ein Bild des Friedens.
Ich: Was zum Teufel ist los?
Herzdame: Er wollte gerade auf die große Rutsche. Ich komme da nicht mehr hoch. Zu schwanger.
Ich: Sonst nichts?!
Herzdame: Nein, sonst nichts.
Ich: Dafür rufst Du mich in dem Tonfall an?
Herzdame: Ja. Sonst wärst Du ja nicht gekommen.
Man kann Nordostwestfalen vieles vorwerfen. Mangelndes Einfühlungsvermögen, kommunikative Verhärtungen, Ignoranz gegenüber anderen Lebensformen, Egozentrik in Reinkultur – alles berechtigt. So sind sie, fraglos. Aber man muß doch zugeben: Es ist immer alles ganz logisch, was sie tun.
Jun
Jun
Jun
Auf dem Lande
by Maximilian Buddenbohm in
Der Sohn unterhält sich im Garten mit seinem Urgroßvater. Es ist ein erstaunliches Gespräch, denn der Urgroßvater hat sein Hörgerät nicht eingesetzt und der Sohn versteht kein Wort von dem etwas exzentrischen, gebellten Plattdeutsch des Urgroßvaters. Trotzdem haben sich die beiden viel zu sagen und sie scheinen sich dabei prächtig zu amüsieren. Der Sohn quietscht vor Lachen und der Urgroßvater haut auf den Tisch, daß die Bierflaschen tanzen. Die Urgroßmutter deckt währenddessen für Kaffee und Kuchen. Erdbeertorte, obwohl die Erdbeeren nichts mehr taugen, alle zu grün oder schon vergammelt, das Wetter, das Wetter. Man weiß gar nicht recht, ob man in diesem Jahr genug Marmelade gekocht hat. Noch ein paar Tage Spargel, dann war es das auch schon wieder, Rhabarber ebenfalls vorbei – oben im Baum werden jetzt die Kirschen rot und ringsum wogt das hochstehende Getreide im viel zu frischen Juniwind.
Der Sohn zieht am Ärmel des Großvaters, er will jetzt zu Westermanns Kühen. Der Großvater setzt ihn in den alten Bollerwagen und so ziehen sie los, die Straße runter zum Stall. Der Sohn steigt aus dem Wagen und lehnt sich, ganz wie ein alter Bauer, in den Torrahmen des Kuhstalls, lässig auf einem Gerstenhalm kauend, beide Hände in die Latzhose eingehängt. Stumm und routiniert winkt der dem Bauern einen Gruß zu, der im Hintergrund an der Melkmaschine arbeitet. Der guckt nur kurz hoch: „Moin, mein Jung.“ Der Sohn zeigt auf die Riesentiere vor sich und sagt erklärend: „Kühe.“ Ja, sagt der Bauer, den Verdacht hätte er auch schon gehabt. Der Sohn nickt und stupst mit seinen Gummistiefeln den Mist vor seinen Füßen an. Man spricht hier nicht viel.
Währenddessen wühlt sich die Herzdame im Haus ihrer Eltern und Großeltern durch altes Kinderspielzeug. Angeschlagene Puppen, verlebte Stofftiere, zerbröselte Schulhefte und angegammelte Kinderbücher. In der Familie wird nichts weggeworfen, man lagert alles. Man hat Platz.
Das prächtigste Fundstück ist wohl dieses hier. Apartes Design und sicherlich wieder ein Beweis, daß die Kindheit auf dem Lande doch irgendwie anders ist. Oder hatten das am Ende alle, außer mir? Die Ferkel sind, man kann das vielleicht nicht erkennen, mit Druckknöpfen am Gesäuge befestigt. Abnehmbar. Wie in echt, quasi.
Jun
Kurze Pause
by Maximilian Buddenbohm in
Mal wieder Zeit für einen Besuch im Heimatdorf.
Als ich dem Sohn am Morgen sagte, daß wir heute noch, toll, toll, zu Oma und Opa fahren, und zwar mit dem, toll, toll, Auto! – da entgegnete er mit einem Schulterzucken nur ein trockenes „Aleppi“. Was nichts anderes heißt als Abschleppwagen. Nun ist es zwar in der Tat so, daß unser altes Auto nur noch bedingt irgendwo ankommt, aber ich dachte doch bisher, Pessimist wird man erst später im Leben. Wenn wir eine Panne haben sollten, lassen wir ihn am besten selbst mit dem ADAC telefonieren: „Hallo. Aleppi. Autoba.“. Sie werden schon verstehen.
Das Wochenhoroskop drüben im Westen erscheint morgen ohne weitere Meldung hier, wie gewohnt am späten Nachmittag. Viel Spaß damit und bis bald!
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Bei manchen Autoren muß man natürlich nach dem ersten Buch sofort weiterlesen, so zum Beispiel bei der kürzlich hier erwähnten Irmgard Keun.
“Kind aller Länder” erschien zuerst 1938 (bei Querido in Amsterdam, dem einen oder anderen wird das etwas sagen) und beschreibt die Exiljahre einer jüdischen Familie aus der Sicht eines Mädchens, das mit seinen Eltern durch Europa reist. Und wieder bin ich sofort hin und weg von dem Stil dieser Frau. Der Roman beginnt so:
“In den Hotels bin ich auch nicht gern gesehen, aber das ist nicht die Schuld von meiner Ungezogenheit, sondern die Schuld von meinem Vater, von dem jeder sagt: dieser Mann hätte nie heiraten dürfen. Zuerst werde ich in den Hotels immer behandelt wie das Lieblingshündchen von einer reichen Dame. Die Zimmermädchen machen mir spitze Lippen und geben küssende Laute von sich. Die Portiers schenken mir Briefmarken, die ich sammle, weil ich sie vielleicht später verkaufen kann. Der Mann im Lift läßt mich den Lift bis zu unserer Etage steuern und legt nur manchmal dabei leicht Hand an mich. Und die Kellner wedeln mich freundlich mit ihren Servietten an. Das hat aber alles ein Ende, wenn mein Vater fortfährt, um Geld aufzutreiben, und meine Mutter und ich allein zurückbleiben müssen, ohne daß bezahlt worden ist. Wir bleiben als Pfand zurück, und mein Vater sagt: wir hätten einen höheren Versatzwert als Diamanten oder Pelze.”
Und wenn man dieses Buch direkt nach dem “Ministerium der Schmerzen” liest, das ja auch ein Exilbuch ist, dann stellt man verblüffende Parallelen fest, auf die man ganz gerne verzichtet hätte. Historisch gesehen, nicht literarisch.
Jun
Zeit
by Maximilian Buddenbohm in
“Wenn man ganz bewußt acht Stunden täglich arbeitet, kann man es dazu bringen, Chef zu werden und vierzehn Stunden täglich zu arbeiten.” (Robert Frost)
Ich habe übrigens gerade die Arbeitszeit in meinem Hauptberuf von 8 auf 7 Stunden pro Tag gesenkt.
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und dann gibt es Bücher, die werden einem so dringend und so oft empfohlen, daß sie am Ende vielleicht sogar wirklich gut sind.
Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak und Mirjana und Klaus Wittmann. Das Buch erschien zuerst 2004 und beginnt so:
“Ich weiß nicht mehr, wann ich es zum ersten Mal bemerkte. Dass ich an einer Haltstelle stehen konnte, den Blick auf den Stadtplan mit den bunten Straßenbahn- und Buslinien, die ich nicht verstand und die mich kaum interessierten; dass ich gedankenlos dastand und mich auf einmal der Wunsch überkam, mit der Stirn gegen das Glas zu stoßen und mir Schmerz zuzufügen. Und jedes Mal schien es, als würde ich es in der nächsten Sekunde tun.
“Sie werden doch nicht, drugarica?”, sagt er leicht spöttisch und tippt mir mit dem Finger auf die Schulter. Ich bilde mir das nur ein. Aber das Bild ist so lebendig, daß ich wirklich seine Stimme höre und seine Berührung fühle.”
Ein Buch über das Leben im Exil, über die Sprache im Exil, über das Fremdsein und verwirbelte Lebensläufe. Ich bin noch nicht weit gekommen, aber es fängt in der Tat sehr vielversprechend an.
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Dieses Bild wurde zur Abwechslung einmal nicht auf Helgoland gemacht, sondern im Wildpark Schwarze Berge. Folgerichtig handelt es sich auch nicht um einen See-, sondern um einen Braunbären.
Nicht für Bären, wohl aber für Stiere, Krebse, Löwen, Fische etc. ist drüben im Westen natürlich das neue Wochenhoroskop online.
Jun
Liebeserklärung
by Maximilian Buddenbohm in
Ich sitze mit der schönen Nachbarin auf dem Spielplatz vor der Kirche, in einem schmalen Sonnstrahl, den die Altbauten ringsum gerade eben so zwischen sich durchlassen. Die Nachbarinnentochter lehnt an unserer Bank. Sie hat ein kleines blaues Herz auf dem rechten Handrücken, mit Kugelschreiber sorgfältig gemalt. “Oh, ein Herz”, sage ich und gucke mir ihre Hand an. “Ja”, sagt sie, “so ein kleines Herz heißt, daß ein Junge ein Mädchen liebt.” Auf der anderen Hand ist auch ein Herz, aber viel größer, mit dickerem Stift gemalt, mit einem Pfeil durch die Mitte und einem umrahmenden Kreis. “Und das?” “Das”, sagt sie, “ist wenn ein Mädchen einen Jungen liebt.”
“So viel größer?” frage ich. Sie guckt mich ernst an und sagt: “Ja, viel größer. Weil nämlich, Mädchen lieben mehr.”
Jun
James Krüss
by Maximilian Buddenbohm in
Kennen Sie, oder? Wenn nicht, dann lesen Sie doch bitte mal eben die wunderschöne Rezension bei Isa da drüben. Lohnt sich. Und wenn Sie James Krüss als Kind nicht gelesen haben, holen Sie es einfach nach.








