Mai, 2009 Archives
Mai
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online. Viel Spaß.
Mai
Tagesanfang
by Maximilian Buddenbohm in
Morgens auf dem Weg in die Kindertagesstätte, es regnet, es ist kühl, es macht überhaupt keinen Spaß, draußen herumzulaufen. Mir jedenfalls nicht. Dem Sohn schon. Er hüpft durch Pfützen, befingert schmierige Fahrradketten, schüttelt nasse Büsche und hat überhaupt einen großartigen Tagesanfang, zumindest bis ich beschließe, das es an er Zeit wäre, etwas vorwärts zu kommen. Da er nicht geneigt ist, meinen Lockrufen zu folgen, sachliche Argumente ignoriert und auch auf Ziehen und Schieben äußerst unwillig reagiert, klemme ich mir das Kind unter den Arm und versuche, es in den Buggy zu stecken. Wenn Sie keine Kinder haben und diese Situation vielleicht nicht kennen: Ein unwilliges Kleinkind in einen Buggy zu stecken ist ganz leicht, vorausgesetzt man hat jahrelang geübt, halbwüchsige Wildpferde in Kartons zu stecken oder dergleichen. Während der Sohn bockt und um sich tritt, bleibt ein Geschäftsmann auf dem Weg zur Arbeit stehen. Ein freundlicher Mensch, Hilfsbereitschaft im Blick, die Hände schon ausgestreckt um irgendwo hinzugreifen, wo es dienlich sein könnte. “Gar nicht so einfach, was?” fragt er und weicht überraschend geschickt den durch die Luft sausenden Füßen des Sohne aus. “Nein”, rufe ich, über das Gebrüll des Sohnes hinweg. Der Mann hält den Buggy, ich sortiere die Beine des Sohnes unter den Klemmbügel. “Nuller!” brüllt der Sohn, “Nuller, Nuller!” Das ist die Kurzfassung für “Papa, würdest Du mir bitte einen Schnuller geben”. Der Mann guckt irritiert, vielleicht fühlt er sich angesprochen. “Er sagt Nuller”, informiert er mich. “Ich höre es”, antworte ich, während mir klar wird, daß ich keinen Schnuller dabei habe. Der Sohn wird lauter und verfärbt sich rötlich-lila im Gesicht. “Meine Frau möchte ja auch Kinder haben”, sagt der Mann und guckt den Sohn irritiert an.
“Kinder sind toll”, sage ich und schiebe los, in die Toreinfahrt, wo das Kreischen aus dem Buggy besonders schön hallt. Der Mann bleibt stehen und ich sehe, als ich mich umdrehe, wie er sein Handy aus der Anzugtasche zieht.
So wird das nie was, mit der Geburtenquote
Mai
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und dann gibt es Bücher, die man geschenkt bekommt. Einfach so! Oder auch nicht ganz so einfach, siehe hier.
Ein Buch mit einer schönen Idee. Da gerät die Queen von England zufällig in den Büchereibus, der die Angestellten ihres Palastes mit Literatur versorgt, leiht sich aus Höflichkeit ein Buch aus und wird, beraten von einem Küchenjungen, nahezu umgehend eine begeisterte Leserin, die kaum noch ohne Buch in der Hand anzutreffen ist. Das bleibt nicht ohne Folgen, die Literatur verändert ihr Denken und ihren Stil, ihr Umfeld ist über die Entwicklung not amused – sehr erheiternd, sehr anregend.
Alan Bennett: Die souveräne Leserin. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Das Buch erschien zuerst 2007 und beginnt so:
“Auf Windsor gab es ein abendliches Staatsbankett, und als der französische Präsident seine Position neben Ihrer Majestät eingenommen hatte, reihte sich die königliche Familie dahinter auf, und die Prozession setzte sich langsam in Richtung Waterloo Chamber in Bewegung. “Wo wir jetzt unter uns sind”, sagte die Queen, nach rechts und links lächelnd, während sie durch die glanzvolle Gesellschaft glitten, “kann ich Sie – was mir schon lange auf dem Herzen liegt – nach dem Schriftsteller Jean Genet ausfragen.” “Ah, sagte der Präsident. “Oui”. Die Marseillaise und God save the Queen unterbrachen ihre Unterhaltung, doch als sie beide Platz genommen hatten, wandte sich Ihre Majestät an den Präsidenten, um den Faden wieder aufzunehmen. “Sicher, er war homosexuell und ein Sträfling, aber war er tatsächlich so schlimm, wie man ihn darstellte? Oder besser gesagt”, und damit ergriff sie ihren Suppenlöffel, “war er tatsächlich so gut?”
Mai
Smalltalk im Heimatdorf
by Maximilian Buddenbohm in
Der Opa sitzt auf der Terrasse und trinkt ein Bier in der Nachmittagssonne. Bienen summen durch die Fuchsien und den Blauregen, die Katze räkelt sich auf dem Tisch und blinzelt träge nach den Fliegen, die über einen leeren Teller krabbeln. Der Himmel reckt sich blau und weit über das flache Land, ringsum leuchte der Raps in ungeheurem Gelb. Ein Trecker kreist über eine grüne Weide, der Bauer winkt im Vorbeifahren. Rosmarin und Basilikum duften in der Nachmittagswärme. Irgendwo ruft ein Mensch nach einem Hund, es bellt in der Ferne
Der Uropa kommt in den Garten, setzt sich ächzend auf eine Bank neben die Vogeltränke. Eine sehr dezente Wolke wandert langsam über das Haus, ein kaum zu spürender Wind spielt durch das Gras. Nichts passiert. Der Uropa sitzt, die Hände auf den Knien, und guckt herum, ins Leere oder ins Grün. Nach einer sehr langen Weile fragt der Opa schließlich, zum Uropa gewandt: “Wüssu n Bier?”
Der Uropa guckt stoisch in eine andere Richtung, nichts deutet darauf hin, daß er etwas gehört hätte. Man weiß nie, ob er sein Hörgerät eingeschaltet hat oder nicht, vielleicht hört er tatsächlich nichts, vielleicht ist er in Gedanken woanders. Er sieht zum Himmel, betrachtet die Wolke, die jetzt sehr langsam über die Weide vor dem Haus wandert, ihr Schatten huscht am üppig bewachsenen Rand des Grabens entlang. Die Katze gleitet vom Tisch und geht auf Patrouille, eine Amsel guckt beunruhigt. Minuten vergehen. Eine kleine Falte entsteht auf der Stirn vom Uropa, ganz allmählich verändert sich sein Gesicht und nimmt einen unwilligen Ausdruck an. Stöhnend erhebt er sich und murmelt mit einem unzufriedenen Blick auf den Opa: “Meine Ruhe will ich!” – und er geht.
Mai
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Und dann gibt es Bücher, die wahrscheinlich jeder schon kennt, nur ich nicht. Und die so komisch sind, daß die Herzdame nachts von meinem Lachen aufwacht und was von “keine Rücksicht auf Schwangere” murmelt.
Bora Cosic: Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Zuerst erschienen 1969. Der Roman beginnt so:
“Mama nähte einen Beutel. Auf den Beutel stickte sie die Buchstaben “Für Zeitungen”. Sie stickte auch noch Papa drauf, wie er mit heruntergelassener Hose auf dem Klo sitzt und liest. Die Stickerei war dreifarbig, eine für Papa, eine für die Hose, eine für die Zeitung. Papa sah auf dem Beutel aus wie im Leben, nur daß er, anders als in Wirklichkeit, mit Glatze dargestellt war, wahrscheinlich aus Rache. In den Beutel steckten sie Zeitungspapier, kleingeschnitten mit dem großen Küchenmesser. Die Zeitungen zerschnitt Opa, aber nur solche, die Papa schon ausgelesen hatte. Das alles habe ich in dem Hausaufsatz “Unser Leben auf dem Klo und anderswo” beschrieben. Mama sagte: “Was ist das für eine Schweineschule, der nichts heilig ist, entsetzlich!” Ich antwortete: “Als ob ich gefragt werde!”
Mai
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und wieder im Heimatdorf. Drüben im Westen ist währenddessen natürlich das neue Wochenhoroskop online – für eine ziemlich entspannte Woche. Viel Spaß.








