Vielleicht ist Ihre Gattin in finanziellen Dingen so überaus versiert wie meine und kommt auch darauf, daß man noch vor dem zweiten Geburtstag des Kindes eine Flugreise unternehmen muß, da das Kind dabei dann noch nichts kostet. Vielleicht ignoriert Ihre Gattin, wie auch die Herzdame, das an sich nicht ganz unberechtigte Gegenargument, daß die Erwachsenen sehr wohl zahlen müssen und man unter dem Strich daher nicht von Sparen reden kann. Vielleicht stehen Sie daher eines Tages mit einem aufgeregten, unausgeschlafenen Kleinkind auf dem Arm auf einer Gangway und hören, wie die Stewardeß am Eingang bei Ihrem Anblick in die Maschine zu den Kolleginnen ruft: „Achtung, noch ein Zwerg!“

Ich möchte Sie auch auf diese Situation vorbereiten, mit einer meiner praktischen Trockenübungen, die man jederzeit und fast überall ausführen kann. Alles was Sie brauchen ist ein handelsüblicher Kleiderschrank, ein Stuhl und das Kind – und in einer Nebenrolle, wenn gerade greifbar, auch die Mutter des Kindes. Wecken Sie das Kind um vier Uhr nachts und ziehen Sie es an. Ignorieren Sie alle Äußerungen schlechter Laune und Mißfallens, kümmern Sie sich nicht um das bedrohlich laute Schreien sondern sagen Sie dem Kind pausenlos und sehr fröhlich, daß es, toll, toll, gleich in den Urlaub fliegen wird. Behängen Sie sich mit Taschen, Tüten und Kameras bis Sie annehmen, daß kein Mensch bei Verstand diese Menge noch als Handgepäck durchgehen lassen würde. Nehmen Sie dann das renitente Kind auf den Arm und gleichen Sie sein Strampeln möglichst elegant mit Armbewegungen aus, soweit sie Ihre Arme denn noch bewegen können. Gehen Sie so beladen einmal um den Block, Flughafenwege sind eventuell lang. Wahrscheinlich wird Ihnen dabei hin und wieder das eine oder andere Gepäckstück entgleiten, das Kind wird womöglich seinen Schnuller verlieren und Ihre Kleidung oder auch Ihre Brille könnten in ungeahntem Ausmaß verrutschen. Bitten Sie die Mutter des Kindes, Ihr Zubehör wieder richtig zu drapieren. Nehmen Sie in Kauf, daß die Mutter eine andere Vorstellung von „richtig“ als Sie hat. Stellen Sie den Stuhl in den Schrank, den Sie dafür nicht erst leer räumen müssen, ein voller Schrank gibt die Enge in einem Flugzeug recht gut wieder. Halten Sie das berserkermäßig zappelnde Kind mit einer Hand auf dem Stuhl fest und stopfen Sie mit der anderen Hand alles, was an Ihnen an Taschen herumhängt, in die Fächer über Ihnen. Setzen Sie sich auf den Stuhl, klemmen Sie das womöglich immer noch schreiende Kind auf Ihrem Schoß fest und lassen Sie dann die Mutter des Kindes irgendeinen willkürlich gewählten Gegenstand benennen, der in einer der Taschen über Ihnen sein muß. Befreien Sie sich vorsichtig aus Ihrer wahrscheinlich etwas eingekeilten Lage und suchen Sie diesen Gegenstand, wobei Sie aber das Kind nicht loslassen dürfen. Setzen Sie sich wieder hin, mit dem Kind auf dem Schoß.

Das Kind macht nun eventuell einen nervlich zerrütteten Eindruck, verweigert Essen und Trinken und sollte dringend schlafen. Umarmen Sie es fest und bewegen Sie sich nicht mehr, bis es schläft, egal in welch absurder Körperhaltung Sie gerade sitzen. Wenn das Kind eingeschlafen ist, bewegen Sie sich natürlich erst recht nicht und lassen sich von der Mutter des Kindes in einer Gastrolle als Flugbegleiterin einen lauwarmen Kaffee und ein Brötchen von gestern servieren. Sagen Sie ihr nicht, wohin sie sich ihr Brötchen stecken kann und kippen Sie den Kaffee nicht auf den Fußboden, sondern nehmen Sie beides so gesittet wie möglich zu sich, wobei das Kind natürlich auf keinen Fall wach werden darf. Daß Sie eventuell zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Finger der linken Hand bewegen können, sollte Sie nicht aufhalten.

Bleiben Sie zwei bis drei Stunden so sitzen. Überlegen Sie währenddessen schon einmal, was Orthopäde auf Spanisch heißt. Lassen Sie die Mutter des Kindes den Schrank öffnen und hören Sie, wie Sie mit zuckersüßem Lächeln sagt: „Vielen Dank, daß Sie mit unserem Schrank geflogen sind.“ Versuchen Sie, enthusiasmiert zu gucken.

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