Mai, 2009 Archives
Mai
Mai
Mallorca – nur echt mit Mietwagen
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man jemandem erzählt, daß man nach Mallorca fliegt, gibt es eine obligatorische Antwort, einen beiläufig hingeworfenen Satz, in etwa so:
“Da nehmt ihr natürlich einen Mietwagen.”
“Und dann fahrt ihr bestimmt etwas herum.”
“Ja, wenn man einen Mietwagen nimmt, dann geht’s.”
Und gleich ein Auto am Flughafen, was?”
Ich habe immer noch nicht ganz verstanden, warum man ausgerechnet auf Mallorca unbedingt einen Mietwagen nehmen muß, bei anderen Urlaubsorten hört man solche Sätze nicht in dieser Häufigkeit. An die türkische Küste zum Beispiel kann man in Frieden fliegen und einfach Urlaub machen, auf Mallorca muß man herumfahren. Warum auch immer. Vielleicht eine Art Inselwahn – weil man komplett herumfahren kann, muß man es auch tun.
Massenkompatibel wie wir sind, hat unser kleines Reisegrüppchen also ein Auto gemietet. Ein Auto für vier Erwachsene und zwei Kleinkinder mieten geht so:
Man verbringt etwa eine Stunde mit der Suche nach der vermeintlich richtigen und günstigen Vermietung und eine halbe mit dem Mietvorgang. Zehn Minuten mit der Erklärung des Autos. Vierzig Minuten gehen für das Einbauen fremder Kindersitze drauf, die einen bisher unbekannten Mechanismus haben, den leider keiner erklären kann. Macht zwei Stunden und zwanzig Minuten, die Kleinen müßten mittlerweile dringend mal wieder gewindelt werden. Fünfzehn Minuten. Die Kleinen werden in das Auto gesteckt, wo sie auf den Sitzen lustig herumtollen, die Erwachsenen versuchen derweil, sich auf eine Fahrtroute zu einigen. Etwa zwanzig Minuten. Mit halbwegs klarer Zielpeilung steigen auch die Erwachsenen ins Auto, nachdem die Kinder auf ihren Sitzen festgezurrt wurden. Die Kinder gucken verdächtig unzufrieden, besser man füllt noch einmal Eßbares in sie hinein. Fünfzehn Minuten. Das Auto wird gestartet, weitere fünfzehn Minuten gehen dafür drauf festzustellen, was die Kinder, die eben so lustig auf dem Fahrersitz gespielt haben, alles verstellt haben und warum da die Anzeigen überall so lustig blinken. Ein Kind schläft ein, zwei Erwachsene müssen mal. Fünf Minuten. Da während der überraschend langen Startphase einiges von den Vorräten konsumiert wurde, könnte eigentlich auch noch einmal jemand ein paar Sachen einkaufen gehen, ist ja gleich gegenüber. Etwas Wasser, ein paar Brötchen. Fünfzehn Minuten.
Start.
Zwanzig Minuten den Weg aus dem Ort suchen, eine halbe Stunde im Stau zum nächsten Küstenort stehen. Die Tankanzeige leuchtet unerwartet früh, eine Tankstelle wäre jetzt wahnsinnig praktisch und beruhigend. Vierzig Minuten durch die glutheiße Industriebrache im Hinterland kurven, bis man endlich eine findet. Das schlafende Kind wacht auf und weint unaufhörlich, wahrscheinlich ist ihm schlecht. Das andere Kind bewirft die Erwachsenen von hinten mit eingespeichelten Brötchenteilen und schnallt sich dauernd ab. Die Herzdame biegt sich unaufhörlich gen Rückbank, wo die Kleinen sitzen, schnallt wieder an, reguliert die Brötchenzufuhr und tröstet. Nach einer kleinen Weile ist auch der Herzdame schlecht, schwanger sein und rückwärts fahren verträgt sich anscheinend nicht. Geringfügig später erreichen wir irgendeinen Aussichtspunkt, prima Fernsicht. Kinder interessieren sich nicht die Bohne für Fernsicht, wohl aber für die kleine Mauer, hinter der sich der Abgrund zum Tal auftut. Eine halbe Stunde Kinder festhalten, in die Gegend gucken können die Kinderlosen. Ganz schön spät schon!
Rückfahrt. Kinder, Proviant und Spielzeug aus dem Auto sammeln und bepackt wie ein Esel durch die Hotelanlage gehen, vorbei an den anderen Urlaubern, die den ganzen Tag entspannt am Pool gelegen haben und träge unter ihren Sonnebrillen hervorblinzeln.
Ist klar, Mietwagen, muß sein.
Mai
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Im Bild die Wetterstation auf Helgoland, glaube ich jedenfalls. Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online.
Mai
Morgens um sieben
by Maximilian Buddenbohm in
Vor dem offenen Fenster eine schmale Straße, hin und wieder ein surrendes Elektroauto. Keine Spaziergänger. Noch keine Tagestouristen. Hinter der schmalen Straße niedrige Heckenrosen, der Wind treibt den Duft herein, dahinter die Nordsee, ruhig, glitzernd, weit. Zwei kleine Ruderboote, leer. Rechts die Hafenmauer, schmuckloser Beton, aber in Häfen ist das ja alles immer dennoch attraktiv. In Hamburg wäre da Graffiti dran, auf Helgoland nur weißgekleckste Vogelkacke. Am Horizont ein roter Frachter auf Reede, keine Aufträge, das Schiff liegt seit Wochen herum und wartet. Ganz oben, natürlich, Möwen.
Wenn ich jetzt hier weg wollte, keine Chance. Kein Schiff, kein Flugzeug. Ringsum nichts als Wasser, ein heute sehr freundlich aussehendes Meer, aber doch ein Meer. Weiter weg von allem kann man gar nicht sein, denke ich, so entfernt von Hamburg habe ich mich lange nicht gefühlt. Könnte auch ein anderer Planet sein, denke ich. Und höre fast im selben Augenblick am Nebentisch seltsam bekannte Begriffe und Satzfetzen. „Schlutup, Siems, die Herrenbrücke… der Architekt hat sich dann ja umgebracht, damals… da sollte ja eigentlich immer schon ein Tunnel hin…wieviel Stunden haben wir da im Stau gestanden… Priwall… der Fährpreis…“
Die Damen sind Travemünderinnen. Ich höre eine Weile zu, bekannte Geschichten, bekannte Namen. Die Welt ist ein Dorf. Genau genommen: Mein Dorf.
Mai
Mai
Inselkunde
by Maximilian Buddenbohm in
Es ist natürlich etwas seltsam, den Urlaub ausgerechnet auf Mallorca und Helgoland zu verbringen. Zumal sich die beiden Inseln sehr ähneln und man sich schon konzentrieren muß, um immer parat zu haben, wo man gerade ist. Beides sind Sonneninseln, beide haben schöne Strände, ein überraschend grünes Binnenland und bergige Gegenden von besonderem Reiz. Die Erde ist auf beiden Inseln rot. Auf beiden Inseln sprechen die Einheimischen eine eher unverständliche Sprache, wechseln aber, sobald sie deutsche Touristen wahrnehmen, sofort in ein annehmbares Deutsch. Beide Inseln sind geprägt von den besonderen Verwüstungen deutscher und englischer Besucherhorden, wobei die englischen Horden allerdings auf Helgoland etwas mehr zugeschlagen haben – die feinsinnigen und geschichtsinteressierten Leser verstehen schon. Beide Inseln leben komplett vom Tourismus, Palmen wachsen auf der einen wie auf der anderen und ja, das Meer ist blau, so blau. Helgoland ist natürlich etwas weiter weg, in Reisezeit gemessen, aber da redet man auch nur über Differenzen von Stunden, nicht von Tagen, das fällt nicht besonders ins Gewicht.
Wie angenehm daher, daß man sich verläßlich an den Robben orientieren kann. Wenn man eine Robbe sieht, ist es Helgoland, ganz einfach und vollkommen verläßlich. Wobei der Umkehrschluß leider nicht gilt, wenn man keine Robbe sieht, ist man nicht zwingend auf Mallorca. Falls Sie also gerade hoffnungslos aus dem Fenster gesehen haben, wo sehr wahrscheinlich gerade keine Robben herumliegen und kurz dachten hey, toll, Mallorca! – vergessen Sie’s.
Zu beiden Inseln demnächst noch etwas mehr.
Mai
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Grön is dat Land, rot is de Kant
by Maximilian Buddenbohm in
“Pressereisen sind ethisch bedenklich”, hat mir Google gesagt, als ich nachgeschlagen habe, was es mit so etwas auf sich hat, wenn Schreiberlinge irgendwohin eingeladen werden und hinterher nicht einmal Spesen gewesen sind. Toll, habe ich mir gedacht, ethisch bedenklich, da sage ich doch sofort zu, ich loser Geselle.
Ich guck mir dann mal eben Helgoland an. Und das auch noch bandenmäßig, denn Isa und Henrike kommen auch mit. Sponsored by Hotel “Rickmers Insulaner“. In Kürze mehr dazu.
Mai
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Was für ein wundervolles Buch, was für ein außerordentliches Lesevergnügen. Ich habe eine Vorliebe für Bücher, bei denen man während der Lektüre etwas vor sich sehen kann und hier ersteht das Berlin der Zwanziger Jahre in einer Deutlichkeit auf, da brauchste keinen Film mehr. Kolossal. Verschärfte Leseempfehlung für Irmgard Keun: “Das kunstseidene Mädchen”. Der Roman erschien zuerst 1932 – die Bücher von Irmgard Keun waren im Dritten Reich verboten. Auch der Wikipedia-Eintrag zu ihr sehr lesenswert, übrigens.
“Das war gestern abend so um zwölf, da fühlte ich, daß etwas Großartiges in mir vorging. Ich lag im Bett – eigentlich hatte ich mir noch die Füße waschen wollen, aber ich war zu müde, wegen dem Abend vorher, und ich hatte doch zu Therese gesagt: “Es kommt nichts bei raus, sich auf der Straße ansprechen zu lassen, und man muß immerhin auf sich halten.” Außerdem kannte ich das Programm im Kaiserhof schon. Und dann immer weiter getrunken -und ich hatte große Not, heil nach Hause zu kommen, weil es mir doch ohnehin schwer fällt, nein zu sagen. Ich hab gesagt “Bis übermorgen.” Aber ich denke natürlich gar nicht dran. So knubbelige Finger und immer nur Wein bestellt, der oben auf der Karte steht, und Zigaretten zu fünf – wenn einer schon so anfängt, wie will er dann aufhören?”
Mai
Tips für Väter (22)
by Maximilian Buddenbohm in
Vielleicht ist Ihre Gattin in finanziellen Dingen so überaus versiert wie meine und kommt auch darauf, daß man noch vor dem zweiten Geburtstag des Kindes eine Flugreise unternehmen muß, da das Kind dabei dann noch nichts kostet. Vielleicht ignoriert Ihre Gattin, wie auch die Herzdame, das an sich nicht ganz unberechtigte Gegenargument, daß die Erwachsenen sehr wohl zahlen müssen und man unter dem Strich daher nicht von Sparen reden kann. Vielleicht stehen Sie daher eines Tages mit einem aufgeregten, unausgeschlafenen Kleinkind auf dem Arm auf einer Gangway und hören, wie die Stewardeß am Eingang bei Ihrem Anblick in die Maschine zu den Kolleginnen ruft: “Achtung, noch ein Zwerg!”
Ich möchte Sie auch auf diese Situation vorbereiten, mit einer meiner praktischen Trockenübungen, die man jederzeit und fast überall ausführen kann. Alles was Sie brauchen ist ein handelsüblicher Kleiderschrank, ein Stuhl und das Kind – und in einer Nebenrolle, wenn gerade greifbar, auch die Mutter des Kindes. Wecken Sie das Kind um vier Uhr nachts und ziehen Sie es an. Ignorieren Sie alle Äußerungen schlechter Laune und Mißfallens, kümmern Sie sich nicht um das bedrohlich laute Schreien sondern sagen Sie dem Kind pausenlos und sehr fröhlich, daß es, toll, toll, gleich in den Urlaub fliegen wird. Behängen Sie sich mit Taschen, Tüten und Kameras bis Sie annehmen, daß kein Mensch bei Verstand diese Menge noch als Handgepäck durchgehen lassen würde. Nehmen Sie dann das renitente Kind auf den Arm und gleichen Sie sein Strampeln möglichst elegant mit Armbewegungen aus, soweit sie Ihre Arme denn noch bewegen können. Gehen Sie so beladen einmal um den Block, Flughafenwege sind eventuell lang. Wahrscheinlich wird Ihnen dabei hin und wieder das eine oder andere Gepäckstück entgleiten, das Kind wird womöglich seinen Schnuller verlieren und Ihre Kleidung oder auch Ihre Brille könnten in ungeahntem Ausmaß verrutschen. Bitten Sie die Mutter des Kindes, Ihr Zubehör wieder richtig zu drapieren. Nehmen Sie in Kauf, daß die Mutter eine andere Vorstellung von “richtig” als Sie hat. Stellen Sie den Stuhl in den Schrank, den Sie dafür nicht erst leer räumen müssen, ein voller Schrank gibt die Enge in einem Flugzeug recht gut wieder. Halten Sie das berserkermäßig zappelnde Kind mit einer Hand auf dem Stuhl fest und stopfen Sie mit der anderen Hand alles, was an Ihnen an Taschen herumhängt, in die Fächer über Ihnen. Setzen Sie sich auf den Stuhl, klemmen Sie das womöglich immer noch schreiende Kind auf Ihrem Schoß fest und lassen Sie dann die Mutter des Kindes irgendeinen willkürlich gewählten Gegenstand benennen, der in einer der Taschen über Ihnen sein muß. Befreien Sie sich vorsichtig aus Ihrer wahrscheinlich etwas eingekeilten Lage und suchen Sie diesen Gegenstand, wobei Sie aber das Kind nicht loslassen dürfen. Setzen Sie sich wieder hin, mit dem Kind auf dem Schoß.
Das Kind macht nun eventuell einen nervlich zerrütteten Eindruck, verweigert Essen und Trinken und sollte dringend schlafen. Umarmen Sie es fest und bewegen Sie sich nicht mehr, bis es schläft, egal in welch absurder Körperhaltung Sie gerade sitzen. Wenn das Kind eingeschlafen ist, bewegen Sie sich natürlich erst recht nicht und lassen sich von der Mutter des Kindes in einer Gastrolle als Flugbegleiterin einen lauwarmen Kaffee und ein Brötchen von gestern servieren. Sagen Sie ihr nicht, wohin sie sich ihr Brötchen stecken kann und kippen Sie den Kaffee nicht auf den Fußboden, sondern nehmen Sie beides so gesittet wie möglich zu sich, wobei das Kind natürlich auf keinen Fall wach werden darf. Daß Sie eventuell zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Finger der linken Hand bewegen können, sollte Sie nicht aufhalten.
Bleiben Sie zwei bis drei Stunden so sitzen. Überlegen Sie währenddessen schon einmal, was Orthopäde auf Spanisch heißt. Lassen Sie die Mutter des Kindes den Schrank öffnen und hören Sie, wie Sie mit zuckersüßem Lächeln sagt: “Vielen Dank, daß Sie mit unserem Schrank geflogen sind.” Versuchen Sie, enthusiasmiert zu gucken.
Mai
Mai
Kleine Pause
by Maximilian Buddenbohm in
Wir machen mal ein wenig Urlaub. Oder, um es mit der notwendigen Bitternis auszudrücken: Ich werde womöglich tagelang offline sein. Ein Zustand, der mir das Reisen nicht unbedingt sympathischer macht, aber ich scheue ja bekannterweise keine Härten, um wieder etwas zu schreiben zu haben. Nein, da nehme ich sogar Halbpension im Süden auf mich. Alles für die Leser.
Die nächsten beiden Wochenhoroskope werden aber natürlich auch ohne Meldung hier wie gewohnt drüben im Westen erscheinen. Viel Spaß und bis bald!
Mai
Pressemeldung
by Maximilian Buddenbohm in
In der Hamburger Innenstadt hat ein jugendlicher Täter von etwa zwei Jahren, der mit einem großen und gefährlich angetauten Softeis bewaffnet war, heute nachmittag eine Massenpanik ausgelöst. Man spricht von etwa zehn leicht- und drei schwerbeschmierten Opfern. Unter den Opfern sind auch die Eltern des Täters, der nach Zeugenaussagen während der Tat wiederholt “Eis! Alle Eis” rief, durch die Straßen lief und scheinbar wahllos in die Menge kleckste. Die Hamburger Innenstadt wurde großräumig abgeriegelt, man rechnet jedoch damit, daß der Täter – notdürftig enteist und als friedliches Kleinkind getarnt – entkommen konnte. Vor Kontakt wird gewarnt, er muß auch jetzt noch sehr klebrig sein.
Ein Sprecher der Hamburger Innenbehörde wies in einer ersten Stellungnahme darauf hin, daß man endlich über die Gefahren, die von Werbetafeln für Softeis ausgehen, Klartext reden müsse.
Mai
Dialog bei Sonnenuntergang
by Maximilian Buddenbohm in
“Vermissen Sie etwas?”
“Ja, einen roten Fisch.”
“Groß?”
“Geht so.”
“Den da hinten vielleicht?”
“Nein, mehr so ein mittleres Hellrot.”
“Dann den da?”
“Das ist doch eine Krabbe.”
“Ach so, ja. Natürlich.”
“Was suchen Sie denn?”
“Ein Äpfelchen. Blau.”
“Da hinten lag gerade ein grünes.”
“Ja, aber das ist es nicht. Muß blau sein. Also nicht meinetwegen, versteht sich.”
“Fischlein, wo bist du…”
Manche Menschen gehen ins Theater und gucken Stücke von Beckett, wenn Sie absurde Dialoge hören wollen. Andere Menschen hören einfach zu, wenn am frühen Abend die letzten Erwachsenen auf dem Spielplatz nach den verlorenen Förmchen ihrer Kinder suchen.
Mai
Viertel vor Urlaub
by Maximilian Buddenbohm in
Und immer wieder diese schreckliche Angst, man könnte die falschen Bücher mit auf die Reise nehmen. Furchtbar. Ich weiß schon, warum ich lieber zuhause bleibe.









