April, 2009 Archives

29
Apr

Post!

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn das Kind krank ist und Betreuung braucht, geht ein Elternteil mit ihm zum Kinderarzt. Dort kriegt man, wenn man wegen des Kindes zu Hause bleiben muß, einen Zettel ausgedruckt, den man an die Krankenkasse schicken soll. Und eine Kopie an den Arbeitgeber. Zwei Briefe. Die Krankenkasse schreibt dann einen Brief, zum Beispiel an mich, in dem steht, daß sie einen Brief geschrieben hat. Nämlich an den Arbeitgeber. Vier Briefe. Der Arbeitgeber erhält den Brief von der Krankenkasse und füllt einen beiliegenden Fragebogen aus. Schickt den Brief zurück. Die Krankenkasse schreibt dann wieder einen Brief an mich, daß sie einen Brief vom Arbeitgeber bekommen hat. Dann, Wochen später, überweist sie mir das Geld für die Tage, an denen ich gefehlt habe. Danach schreibt sie mir einen Brief, daß sie mir Geld überwiesen hat. Und dem Arbeitgeber schreibt sie das natürlich auch. Acht Briefe.

Das Kind kann übrigens nach der Genesung nicht einfach wieder in die Kindertagesstätte gehen. Man muß erst noch einmal mit dem Kind zum Arzt, weil es eine Gesundschreibung braucht. Also geht man als gesunder Mensch zur besten Arbeitszeit mit dem mopsfidelen Nachwuchs in die Praxis und läßt sich, man kann es raten, einen Zettel ausdrucken. Und wenn das Kind zur Genesung einen Tag länger braucht als gedacht, braucht man noch einen Zettel, den man dann an die Krankenkasse schickt, die einen Brief schreibt….

Das nächste Schreiben an die Krankenkasse beginne ich am besten mit “Lieber Brieffreund”.

27
Apr

Krisenbeobachtung (2)

by Maximilian Buddenbohm in

Man weiß gar nicht recht, wenn man bei dem Imbiß in der Nähe des Büros auf die Tafel mit den Angeboten guckt – sind “halbbelegte Brötchen” nur falsch geschriebene “Brötchenhälften mit Belag” oder tatsächlich Brötchen mit nur einer halben Scheibe Wurst? Eine Art Rezessionsangebot?

“Rezessionsangebote” gibt es auch in dem kleinen Reisebüro für Busreisen bei uns um die Ecke, und sie heißen da auch so, das Wort steht ganz ausdrücklich in der Werbung, da wo sonst immer die “Polenmarktangebote” standen. Die neuen Angebote führen einen jetzt nach Berlin. Man könnte also wohl mal nach Berlin fahren, zum Rezession gucken. Aber will man das?

Womöglich mit einem halbbelegten Brötchen im Bus, um sich einzustimmen?

24
Apr

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Und dann gibt es Bücher, die einen gar nicht richtig interessieren – und die man dennoch durchliest, was sicherlich eines der höchsten Komplimente ist, die man einem Autor überhaupt machen kann. “Monsignore Quijote” zum Beispiel, ein sehr später Graham Greene, eine Art Nachspiel zum berühmteren Quijote. Da reist ein Nachfahre von Don Quijote, heute ein katholischer Priester, mit einem Nachfahren des Sancho, heute ein kommunistischer Bürgermeister, durch das Spanien kurz nach der Franco-Ära. Thematisch vollkommen veraltet, der Widerstreit zwischen Kommunismus und katholischer Kirche nicht eben rasend interessant aus heutiger Sicht, Greenes bestes Buch ist es sicherlich auch nicht und die Grundidee erinnert verblüffend an Giovannino Guareschi mit seinem Don Camillo, sicherlich allgemein bekannt – aber nach den ersten zwanzig Seiten ist man doch wie immer bei Greene so im Film, daß man ganz wie in einem Kinosessel einfach sitzen bleibt. Alles lebt, man sieht die Szenen, sieht das Land, warum sollte man nicht mehr über das Post-Franco-Spanien lernen, das Buch ist sehr unterhaltsam – ein netter Spaß. Eines seiner letzten Bücher.

Der Roman erschien zuerst 1982 und beginnt so:

“Es kam so: Padre Quijote hatte bei seiner Haushälterin das Mittagessen bestellt, das er immer allein einnahm, und machte sich nun auf, in einem Konsumladen, der acht Kilometer von Toboso entfernt an der Hauptstraße nach Valencia lag, Wein einzukaufen. Es war einer jener Tage, an denen die Hitze über den vertrockneten Feldern lastet und flimmert, und in seinem kleinen Seat 600, den er vor acht Jahren schon aus zweiter Hand gekauft hatte, gab es keine Klimaanlage. Während er dahinfuhr, dachte er betrübt, daß der Tag nicht fern sei, an dem er sich ein neues Auto zulegen mußte.”

24
Apr

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Diesmal mit einem Bild aus der schönen City-Süd, auch Hammerbrook, bzw, Hammerbrooklyn genannt. Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online. Viel Spaß.

22
Apr

Merlix optimiert

by Maximilian Buddenbohm in

Die Mütterschar auf dem Spielplatz vor unserer Haustür wird in diesem Sommer ein gutes Dutzend Kinder zur Welt bringen, durch einen seltsamen Zufall fast durchweg Jungs. Wenn man nachmittags auf diesen Spielplatz geht, sieht man jetzt alle paar Meter nachdenkliche Frauen mit rundem Bauch, die Vornamen murmeln, grübeln, sich fragend ansehen, den Kopf schütteln, weitermurmeln. Zwischendurch ältere Geschwister, die ungefragt sehr seltsame Vorschläge krähen und Väter, die die Vornamen ihrer Väter und Großväter wegen mangelnder Anwendbarkeit verfluchen. Dabei schwankt man allgemein zwischen Offenheit und Geheimnistuerei, einerseits könnte man einen tollen Vorschlag hören, andererseits könnten Namen gestohlen werden.

Ich habe als Mensch, der in Prozeßoptimierung geübt ist, längst vorgeschlagen, das aufwendige Nachdenken in Kleinstgrüppchen einzustellen und alle Kinder einfach gleich zu benennen. Man könnte dann den ganzen Stadtteiljahrgang künftig en bloc behandeln, eine zweifellos sehr praktische Vorstellung. Eis für alle, Rutschen für alle, Schlafenszeit für alle, da lacht das Controllerherz. Auch die Taufe zum Beispiel müßte man nicht zwölfmal teuer einzeln zelebrieren. Ein einmaliger Vorgang mit „Wir nennen dieses Rudel Rudolf“ und fertig.

Seltsamerweise hat den Vorschlag niemand ernst genommen. Was nur wieder beweist: Die meisten Menschen haben einfach keinen Sinn für Effizienz im Alltag.

21
Apr

Street-Art

by Maximilian Buddenbohm in

20
Apr

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Und dann gibt es Bücher, die kann man gar nicht am Stück durchlesen, sondern nur hin und wieder einmal seitenlang anknabbern, das aber immer wieder. Zum Beispiel Else Lasker-Schüler: Mein Herz – Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen. Zuerst erschienen 1912. Ich zitiere aus dem ersten Kapitel:

“Ich habe mich endgültig in den Slawen verliebt – warum – ich frage nur immer die Sterne. Ich liebe ihn ganz anders wie den Muselmann, sein Kuß sitzt noch, ein Goldopas-Schmetterling, auf meiner Wange. Den Slawen aber möchte ich nur immer anschauen, wie ein Gemälde auf Altmeistergrund. Eine Feuerfarbe hat sein Gesicht, ich verbrenne im Anschaun und muß immer wieder hin. Du brauchst gar keine Angst zu haben, Herwarth, er hat mir auf meinen Liebesbrief nicht geantwortet. Ich schrieb ihm: Süßer Slawe, würdest Du in Paris im Louvre gehangen haben, hätte ich Dich statt der Mona Lisa gestohlen. Ich möchte Dich immer nur anschauen, ich würde gar nicht müde werden; ich würde mir einen Turm bauen lassen, ohne Türe. Ich möchte am liebsten zu Dir kommen, wenn Du schläfst, damit Deine Wimper nicht zuckt, im Rahmen. Ich denke gar nicht mehr, als an Dich und nur an Dich und nie anders, als ob Du in einem Rahmen ständest. So schön wie Du gestern warst, Du warst so schön, man müßte Dich zweimal stehlen, einmal der Welt und einmal Dir selbst, Du weißt am schlechtesten mit Dir umzugehen, Du hängst Dich immer in falsche Licht.”

18
Apr

Street-Art

by Maximilian Buddenbohm in

17
Apr

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist ein betont frühlingshaftes Wochenhoroskop online. Viel Spaß.

16
Apr

Unter Vätern

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist halb sechs, auf dem Spielplatz tauchen nach und nach einige Väter auf, die von der Arbeit kommen. Man kennt sich, man grüßt, man tauscht ein paar Sätze. Anzughosen werden staubig, Büroschuhe werden sandig, abgestellte Aktentaschen werden von hungrigen Dreijährigen geplündert.

Ein junger Mann, der bei einer namhaften Unternehmensberatung arbeitet, setzt sich neben mich auf den Sandkastenrand und bestaunt das Spielzeug seines kleinen Sohnes. Ein bunter Plastikkasten. Auf zwei Außenwänden ist jeweils eine große Uhr mit dicken Zeigern angebracht, die Zeiger kann man verstellen. Die Seiten mit den Uhren lassen sich öffnen, man sieht deutlich die Scharniere und die verschlossenen Riegel. Der Unternehmensberater fummelt an den Schlössern herum, erst nur nebenbei, während wir uns unterhalten, dann konzentriert. Er bekommt den Kasten nicht auf. Er sieht sich die Schlösser ganz genau an, er schüttelt den Kasten, er versucht, seine Fingernägel in den Schlitz zwischen Schloß und Kastenwand zu bekommen, er pult schließlich mit einem alten Eisstiel daran herum. “Das ist ja ein Ding”, sagt er und ich merke, es ist ihm ein bißchen peinlich, daß er das dumme Spielzeug nicht knacken kann. “So etwas sollten wir vielleicht mal für Vorstellungsgespräche nehmen”, sagt er dann grinsend, “kleiner Test, machen Sie mal auf und so. Das ist doch mal originell.”

Ich nehme ihm den Kasten ab und sehe mir das Ding genauer an. Die Riegel scheinen zu klemmen, oder es gibt einen Trick, auf den ich so schnell nicht komme. “Seltsam”, sage ich, “das geht doch bestimmt irgendwie auf.” Ich nehme meinen Haustürschlüssel und drücke ein wenig an dem Plastik herum, es knackt bedenklich, aber nichts passiert. Hinter uns kichert es.

“Jungs”, sagt die Herzdame und nimmt den Kasten, “da steht ganz groß auf allen Seiten: open at 12. Da dreht ihr beide Zeiger auf die 12, seht ihr so, den großen und den kleinen Zeiger, und schwupp, gehen die Türchen auf. Ganz einfach. Ist für Kinder.” Sie hält uns den Kasten mit offenen Türen hin.

“Vielleicht doch besser nicht für Vorstellungsgespräche nehmen”, sage ich. Der Unternehmensberater schüttelt den Kopf. “Ist auch schon spät”, sagt er und sieht auf die Kirchturmuhr, “wir müssen mal los.” “Wir auch”, antworte ich, klemme den Sohn unter den Arm und schiebe die immer noch kichernde Herzdame aus dem Sandkasten.

Und morgen wieder ins Büro. Probleme lösen.

16
Apr

Street-Art

by Maximilian Buddenbohm in

14
Apr

Vom Nutzen der Fremdsprachen

by Maximilian Buddenbohm in

Wir waren über Ostern nicht nur an der Alster, wir waren auch im Heimatdorf der Herzdame, und diesmal hat der Sohn zum ersten Mal das Landleben richtig genossen. Zum ersten Mal beim Aufwachen schon gewußt, daß er sofort zum Hasenstall rennen kann, zum ersten Mal Schnecken im Gras gesucht, zum ersten Mal Treckern nachgelaufen, durch Gräben gehüpft, Schmetterlinge bestaunt, sich an Osterfeuern gewärmt.

Und dann noch ein anderes, ganz besonderes erstes Mal. Gewissermaßen ein Gruselklassiker.

Da steht ein Haus nicht weit vom Haus der Großeltern, das ist anders als die anderen Häuser im Dorf. Größer. Abgelegener. Fensterlos. Es hat eine riesige Tür und die Tür steht halb auf. Von innen hört man seltsame, mahlende Geräusche und ein Klimpern und Rasseln wie von wuchtigen Ketten. Der Sohn zeigt auf das Haus, sieht mich fragend an und ich sage „na, geh ruhig gucken“ und er geht langsam vorwärts, über einen Sandweg auf diese riesige Tür zu. Tappt Schritt für Schritt näher. Dreht sich nach mir um, guckt wieder nach vorne. Es ist fast dunkel in dem großen Haus, der Sohn lehnt im schummerigen Licht am Türpfosten, denkt nach. Zögert ein wenig, dann schiebt er langsam einen Fuß in den Innenraum, dann ein Bein. Ein bestialischer Gestank weht ihn an, es ist warm da drin, sehr warm und es ist ein Geräusch in der Luft wie ein vielfaches Atmen monströser Gestalten. Der Sohn guckt angestrengt ins Halbdunkel und allmählich erkennt er genau über sich – wenn er die Hand ausstrecken würde, ach, gar nicht auszudenken –genau über sich erkennt er einen Kopf, der größer ist als er selbst, ein ungeheurer Kopf mit suppentassengroßen Augen, irrwitzig über die Stirn fallenden Locken schlammverklebter Haare, Nasenlöchern wie Höhleneingängen und einem Maul, aus dem es in schaumigen Flocken vor seine Füße tropft. Der Sohn steht starr und merkt im selben Augenblick, hinter diesem Kopf, hinter diesem Wesen, da stehen noch mehr von dieser Art – viel, viel mehr. Und jetzt, wo er da im Eingang steht, kommt Bewegung in die Menge, Köpfe drehen sich ihm zu, die eben noch ganz im Dunkeln waren, sie schieben sich durch Eisenstangen, sie rucken an Ketten, daß es klirrend durch die Halle lärmt, sie wollen ihn sehen, den kleinen Eindringling.

Und der Sohn, der sich an seine Fremdsprachenlektionen zuhause wohl erinnert, er nimmt sein bißchen Mut zusammen, guckt dem Wesen über sich fest ins Auge, lächelt so verbindlich wie er nur kann und sagt dann leise zu der Kuh: „Muh?“

Und die Kuh tut ihm tatsächlich den Gefallen, zur Antwort ein freundlich dröhnendes „Muh!“ von sich zu geben. Dem Sohn gefällt das Landleben.

14
Apr

Schönes Wetter

by Maximilian Buddenbohm in

Da muß man dem Sohn als verantwortungvoller Vater natürlich zeigen, wie man korrekt an der Alster herumhängt. (Foto: Herzdame)

13
Apr

Neu auf dem Nachttisch

by Maximilian Buddenbohm in

Alberto Moravia: Die Gleichgültigen. Ins Deutsche übertragen von Dorothea Berensbach. Der Roman erschien zuerst 1929 und beginnt so:

“Carla trat ein; sie trug ein braunes Kleidchen mit einem so kurzen Rock, daß die Bewegung, mit der sie die Tür aufmachte, genügte, um ihn eine gute Handbreit über die faltigen Strümpfe an ihren Beinen zu heben. Sie achtete aber nicht weiter darauf, sondern kam zögernd heran und schaute dabei abwesend vor sich hin, unlustig und unsicher. Nur eine Lampe brannte, ihr Schein fiel auf Leos Knie. Er saß auf dem Sofa, der übrige Raum war in graue Dämmerung gehüllt.”

10
Apr

Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online. Viel Spaß und schöne Ostern!