März, 2009 Archives
Mrz
Tips für Väter (21)
by Maximilian Buddenbohm in
Der Frühling naht und wenn Sie ein Kleinkind haben, dann geraten Sie jetzt in eine Phase mit besonderen Herausforderungen. Sie denken vielleicht noch, Sie könnten demnächst wieder, wie damals mit dem Baby, nach Feierabend schön entspannt auf dem Spielplatz abhängen, charmant mit den Latte-Macchiato-Müttern flirten und dem friedlich im sonnigen Sandkasten buddelnden Kind hin und wieder lässig ein buntes Förmchen zuwerfen. Weit gefehlt. Kleinkinder können klettern.
Wenn Sie ein Kind im beginnenden Kletteralter haben, lassen Sie alle Hoffnung auf Entspannung fahren und richten Sie sich darauf ein, wieder und wieder jedes, wirklich jedes erreichbare Klettergerüst in der Nachbarschaft zu erklimmen, dem affenhaft vorausturnenden Nachwuchs hinterher, um stets rechtzeitig eine sichernde Hand in die Latzhose der abstürzenden Brut zu krallen. Unterschätzen Sie dabei nicht die sportliche Herausforderung, die solche Klettergerüste bieten, denn in aller Regel sind sie auf die Proportionen von nur zwergengroßen Menschen ausgerichtet und Sie haben sich vielleicht schon länger nicht mehr an einem Seil irgendwo entlang gehangelt.
Zur Vorbereitung auf diesen Frühling empfehle ich Ihnen daher eine einfache Übung, die Sie sehr gut zuhause nachmachen können. Stellen Sie dazu drei Stühle übereinander. Ihre Frau sollte die Stühle besser gut festhalten, denn Klettergerüste sind normalerweise fest verschraubt, was wir aber wegen des Aufwandes hier nicht exakt nachspielen wollen. Klemmen Sie sich Ihr Kind unter den Arm und krabbeln Sie unter dem ersten Stuhl durch. Wenn Sie den Stuhl halb passiert haben, drehen Sie sich mit dem Bauch nach oben, setzen Sie das Kind auf den Stuhl und ziehen Sie sich an der Kante des Möbels hoch. Robben Sie mit dem Bauch auf die Sitzfläche, natürlich ohne Ihr Kind dabei hinunterzuwerfen. Drehen Sie sich dann auf den Rücken und stemmen den Nachwuchs einen Stuhl höher. Achten Sie nicht auf das Knirschen Ihrer Bandscheiben und ignorieren Sie die Warnsignale diverser Muskeln, die Ihnen weismachen wollen, daß Sie gerade unmögliche Haltungen einnehmen. Wo ein Wille ist, geht es auch irgendwie nach oben. Ignorieren Sie auch die unverkennbar hämischen Kommentare Ihrer Frau, denn es ist nicht schön, wenn es vor den Augen des Kindes zu Handgreiflichkeiten zwischen den Eltern kommt. Wenn Sie den zweiten Stuhl erreicht haben, werden Sie bemerken, daß Ihnen der Nachwuchs, der nun verstanden hat, worum es geht, gemsengleich davonklettert und schon ebenso fröhlich wie ungesichert oben auf dem dritten Stuhl herumhüpft, während Sie noch Ihre Glieder auf der Zwischenstation sortieren und die Mutter jetzt ängstlich fiepende Geräusche von sich gibt und nervös um die Stühle herumtänzelt, statt sie weiter festzuhalten. Ergreifen Sie das nächstbeste Körperteil des Kindes, halten Sie es daran fest, egal, was passiert, reden Sie beruhigend auf die Mutter ein und versuchen Sie insgesamt so zu wirken, als hätten Sie alles im Griff. Lassen Sie das Ziel, die Sitzfläche des dritten Stuhls, nicht aus dem Blick und murmeln Sie mantragleich alles, was Ihnen je an Durchhalteparolen bekannt geworden ist. Wenn Sie gläubig sind, können Sie auch ein wenig beten.
Wenn Sie diese Übung zwei- dreimal mit oder ohne Erfolg absolviert haben, sind Sie wahrscheinlich optimal auf die Klettergerüste in freier Natur vorbereitet. Viel Erfolg.
Mrz
Merlix empfiehlt
by Maximilian Buddenbohm in
Noch ein kleiner Nachtrag zum Katholizismus, denn ich habe da eine wichtige Empfehlung vergessen. Man muß ja nicht unbedingt Texte lesen, um etwas über das Thema zu erfahren, man kann auch einfach Bilder ansehen. Zum Beispiel die meines sehr geschätzten Flickr-Freundes Chema Concellon, eines spanischen Fotografen aus Valladolid.
Gucken Sie doch mal hier in seinen Fotostream und gehen Sie ruhig auch ein paar Seiten zurück und sehen Sie sich ein paar Bilder in Vergrößerung an. Sehr beeindruckende Bilder aus einer anderen Welt – für mich als nichtkatholischen Norddeutschen handelt es sich dabei eher um ein anderes Universum. Aber was für Aufnahmen!
Mrz
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Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Passend zum letzten Eintrag ein Buch von jemandem, der sich in seinem Werk unermüdlich am Katholizismus abgearbeitet hat.
Graham Greene: Ein ausgebrannter Fall. Deutsch von Dietlind Kaiser. Der Roman erschien zuerst 1960 und beginnt so:
“Der Kabinenpassagier schrieb eine Parodie auf Descartes in sein Tagebuch: “Ich empfinde Unbehagen, also lebe ich”, dann saß er mit dem Füller in der Hand da und hatte nichts mehr aufzuzeichnen. Der Kapitän stand in einer weißen Soutane an den offenen Salonfenstern und betete das Brevier. Die Luft war zu sanft, um seinen Bart zu kräuseln. Die beiden Männer waren seit zehn Tagen allein auf dem Fluß- das heißt, allein bis auf die sechs afrikanischen Besatzungsmitglieder und etwa ein Dutzend Deckpassagiere, die fast ununterscheidbar bei jedem Dorf wechselten, an dem sie anlegten. Das Boot, das dem Bischof gehörte, ähnelte einem kleinen, ramponierten Mississippi-Raddampfer mit einem hohen Vorschiff wie im neunzehnten Jahrhundert und hatte dringend einen neuen weißen Anstrich nötig. Von den Salonfenstern aus sahen sie den Fluß, der sich vor ihnen erstreckte, und unter ihnen saßen die Passagiere auf dem Brückendeck zwischen den Holzscheiten für die Maschine und flochten sich die Haare.”
Mrz
Zwei Zitate
by Maximilian Buddenbohm in
Aus der Rede von Papst Benedikt in Angola:
“Christen sollen denen, die sich von den bösen Mächten, Geistern und Zauberei bedroht fühlen, die frohe Botschaft entgegensetzen.”
Aus dem Tagesplan der katholischen Vorschule des Erzbistums Hamburg für Mittwoch:
“Morgenkreis – wir sagen einen Spruch auf und lassen das Zaubersäckchen kreisen.”
Keine weiteren Fragen.
Mrz
Intelligenzminderung bei Schwangeren – brandneue Erkenntnisse
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame stand in der Küche und kochte. Ich sah nebenbei eine ungewöhnliche Anzahl großer Kartoffeln im Topf und fragte nach, für wen solche Unmengen nötig seien.
Herzdame: “Ich mache das genau wie du gesagt hast. Pro Person zwei Kartoffeln, also für uns beide acht.”
Merlix: “Äh…”
Herzdame: “Und weil mir das schon viel vorkam, habe ich nur die Hälfte gemacht, also sechs.”
Merlix: “Äh…”
Herzdame: “Du hast irgendwie schon wieder diesen Controllerblick.”
Mrz
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online. Viel Spaß!
Mrz
Krisenbeobachtung
by Maximilian Buddenbohm in
Wie viele Menschen meiner Profession neige ich gelegentlich zum zwanghaften Zählen, ein kleiner Tic, der normalerweise niemanden behelligt und für mich gelegentlich sogar mit der einen oder anderen Erkenntnis verbunden ist. Denn, wie jeder Esoteriker und Controller weiß, hängt alles mit allem zusammen und auch ein großes Ereignis wie etwa die Weltwirtschaftskrise müßte sich eigentlich in ganz banalen Details spiegeln und dort auf die eine oder andere Art lesbar, zählbar sein. Und so ist es auch. Man muß gar nicht auf die sinkende deutsche Exportquote, einzelne Branchenergebnisse oder unverständliche volkswirtschaftliche Indizes gucken, um zu wissen, woran wir sind, man kann auch einfach zu einer Reinigung gehen und auf den Rosahemdenindex achten, dann weiß man, was Sache ist in der Wirtschaft.
In der Reinigung zum Beispiel, in der ich meine Hemden waschen lasse, hängen im Eingangsbereich immer etwa 100 Hemden zur Abholung bereit, in überschaubare Zehnerbündel unterteilt und in Klarsichtfolie verpackt. Da ich eine lebhafte Aversion gegen Hemden in Rosa habe, fallen Sie mir besonders auf und ich habe in den letzten Jahren mit Abscheu den stetigen Anstieg der Rosaquote im Herrenhemdgesamtbestand beobachtet. Nicht bedacht habe ich dabei, daß diese Hemden für die Träger eine gewisse fröhliche Selbstverliebtheit ausdrücken, eine Unbekümmertheit und Verspieltheit, die in Krisenzeiten ganz unangebracht ist. Die Krise verlangt blaue oder weiße Hemden, in der Krise ist natürlich kein Platz für Rosa, das leuchtet ja unmittelbar ein.
Vor acht Wochen hingen in der Wäscherei noch 22 rosafarbene Hemden im ersten Hundert, gestern waren es nur noch 17. Ein Einbruch von 23%. Das entspricht zum Beispiel dem Absacken des Weltmarktes für Autos in den letzten beiden Monaten.
Ich brauche keine Wirtschaftsnachrichten mehr.
Mrz
Milch mit Merlix
by Maximilian Buddenbohm in
Im Supermarkt fragt mich ein Orientale, der vor dem Milchregal steht und einigermaßen verzweifelt aussieht: “Bitte, was ist die gute Milch?”
Ja nun, denke ich und sehe mir das Milchregal näher an. Der Mann hält Buttermilch in der Hand und liegt damit sicherlich verkehrt, denn Buttermilch schmeckt ja bekanntlich nicht. Daneben steht die Halbfette, daneben die Längerfrische, daneben die Biomilch, daneben irgendeine No-Name-Milch, daneben Kefir, daneben Ayran, daneben Kakao und dann das Ganze noch einmal in kleineren Größen, es ist in der Tat eine schwierige Frage, was ist die gute Milch. Welche Milch trinken Menschen aus Arabien oder ähnlicher Gegend wohl? Normale? Und was ist normal? “Do you speak English?” frage ich ihn und denke noch in derselben Sekunde, daß es ein Fehler war, denn ich habe zwar mäßige Englischkenntnisse verfügbar, aber ganz bestimmt keine ausreichende Menge an Molkereifachausdrücken. Do you know the new longerfreshmilk? Keine gute Idee, aber der Perser schüttelt ohnehin den Kopf. Ich drücke ihm eine Frischmilchpackung in die Hand, mit anständigem Fettanteil und Kuhaufdruck. “Gute Milch”, sage ich, “gute Milch”. “Ah”, sagt er dankbar, zeigt auf die Kuh und freut sich, er geht zu seiner hinter uns wartenden Frau, zeigt auch ihr die Kuh und sagt “gute Milch”. Die Frau nicht mir freundlich zu. Ich hoffe sehr, daß es die richtige Milch war.
Mrz
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Der gute Rat
by Maximilian Buddenbohm in
Ein türkischer Herr spricht mich im Supermarkt an. Schon etwas älter, silbergraue Haare, sehr feiner Anzug, elegante Erscheinung. Er faßt meinen Arm und zeigt auf den Sohn, der gerade einen Bananenkarton plündert und sich dabei wahrscheinlich für das reichste Kind der Welt hält. “Einen wundervollen Jungen haben Sie da”, sagt der Mann in fließendem Deutsch mit einem leichten Akzent, “ganz wundervoll. Ich möchte Ihnen gratulieren zu so einem Prachtsohn.” Er gibt mir seine Hand. “Und ärgern sie sich nicht, daß er keine Haare hat. Niemand ist perfekt.” Er schüttelt meine Hand noch einmal, tätschelt den Kopf des Sohnes und geht weiter.
Mrz
Monolog des Auskenners
by Maximilian Buddenbohm in
Der Portugiese, bei dem wir jeden Sonnabend frühstücken, entwickelt sich anscheinend zu einer netten Quelle für Blogeinträge. Das ist sehr angenehm, da muß man nur auf einen Milchkaffee um die Ecke gehen, um etwas schreiben zu können und muß nicht erst tagelang angestrengt ereignisorientiert leben, das kommt mir sehr entgegen.
Heute morgen saß am Nebentisch ein Mann in mittleren Jahren, der auf eine so betonte Art unauffällig angezogen war, wie man es eigentlich nur von Fahrscheinkontrolleuren in der S-Bahn kennt. Das Outfit erinnerte mich noch an etwas anderes, worauf ich nicht sofort kam. Der Mann aß und trank und redete dabei unentwegt auf seinen Sitznachbarn ein, einen großgewachsenen Farbigen in einem schwarzen Anzug, der auch zum Frühstück seinen ebenfalls schwarzen Hut aufgelassen hatte und den ununterbrochen redenden Mann an seinem Tisch durch eine goldgeränderte Brille ausdruckslos ansah. Kein Nicken, keine Zwischenfrage, keine Antwort, nichts. Nur Kauen und Trinken. Sein Gegenüber sagte, als wir uns daneben setzten:
“Und dann die Wirtschaftskrise, da muß man sich ja auch mit auskennen. Export zurück, fünf Prozent, zehn Prozent, was weiß ich, das heißt ja erstmal nichts, da sieht man ja nichts vor sich. Wenn man das aber sehen will, dann muß an in den Hambuger Hafen fahren, da liegt nämlich kein Schiff mehr, gar keins. Kein Schiff! Nur leere Container. Da kommt noch was auf uns zu, auch wenn wir jetzt noch gar nichts merken. Muß man verstehen – versteht man aber nur ganz richtig, wenn man Zeitung liest. Zeitung, nicht Fernsehen oder Internet, wobei man Internet sowieso nicht bezahlen kann. Man denkt man hat eine Flatrate und surft so rum, dann ist man, zack, mit der Verbindung im Ausland, sagen wir im französischen Internet und da kostet das dann x Cent pro Minute oder Sekunde, das machte bei einem Bekannten von mir 46.000 Euro. In einem Monat! Kann sich doch keiner leisten. Sind ja auch nur wenige, die das lesen, da im Internet. Künstler und so. Und Künstler, das sind eh eigenwillige und unangenehme Menschen. Weiß man ja. Ich muß weiter.”
Er stand auf, zahlte und ging. Der Farbige aß weiter, vielleicht hatte er nicht ein Wort verstanden, vielleicht war er nur sehr gut im Ignorieren. Der Redner ging vor die Tür und stieg in sein Auto, machte das Licht in dem Schild auf dem Dach an und da fiel mir auch wieder ein, woran mich der Mann spontan erinnert hatte: An einen in Hamburg fast nicht mehr vorkommenden Menschenschlag, den deutschen Taxifahrer.
Mrz









