Januar, 2009 Archives
Jan
Mission Schwein
by Maximilian Buddenbohm in
Die Bilderbücher für Kleinkinder sind durchweg der heilen Welt aus seliger Vergangenheit verhaftet, weswegen der Nachwuchs noch heute in dem Glauben groß wird, es gäbe irgendwo da draußen romantische Bauernhöfe, auf denen sich im sonnigen Hof eine Kuh mit einem Schwein unterhält, während ein paar Hühner fröhlich um sie herum golden leuchtende Körner aufpicken, die eine pummelige Bauersfrau in bunter Tracht gerade lässig mit einem Reisigbesen zusammenfegt. Tatsächlich sieht zwar nicht einmal der nächste Demeter-Hof auch nur annähernd so aus, aber das scheint keinen zu stören. Es sind nicht einige wenige Bilderbücher, in denen es um Bauernhöfe geht, es sind sehr viele. Kinder brauchen Bauernhöfe, mag der eine oder andere denken. Ich weiß nicht recht.
Wir leben im Zentrum einer Millionenstadt, hier gibt es Hunde und Tauben und Enten und sonst nicht viel mehr Getier. Es gibt hier auch keine Felder, keine Äcker und keine Scheunen voller Heu. Aber vielleicht ist es aus irgendeinem Grund trotzdem pädagogisch wertvoll, dem Kind jeden Tag Bilder von Strohballen und Mistgabeln zu zeigen. Wenn es dann später im Leben in einem irgendeinem heimatkundlichen Museum endlich einmal eine richtige Mistgabel sieht, dann kann es immerhin vergnügt in seinen frühen Kindheitserinnerungen kramen und sich denken: “Ah, da war doch was”.
Wenigstens haben wir dem Sohn schon die eine oder andere Kuh in Wirklichkeit vorführen können, die stehen in der freien Natur vor den Toren der Stadt noch erfreulich häufig herum, man muß nicht einmal die Autobahn verlassen, um sie zu sehen. Entsprechend nimmt der Sohn Kühe in Bilderbüchern billigend in Kauf und glaubt uns auch wohlwollend das “Muh”, obwohl er es vermutlich noch nie gehört hat. Ein Schwein allerdings kennt er nicht aus der Wirklichkeit, entsprechend straft er alle Bilderbuchseiten, auf denen Schweine abgebildet sind, mit Verachtung. Schweine kommen aber leider als Besichtigungsobjekt in der Wirklichkeit nicht allzu oft vor, man findet hier in der Nähe nur noch die zerteilten Häppchen an den Frischetheken – und ich möchte mich nicht mit dem Bilderbuch neben eine Supermarktkühltruhe stellen und dem Sohn erklären, daß es sich bei den Plastikschalen dort um ein Schwein handelt, nur eben in Teillieferungen.
Das Vorführen von Hängebauchschweinen im Wildpark hat nichts gebracht, die sind aber auch nicht leuchtend rosa, viel zu klein und sehen überhaupt sehr anders aus als auf den Abbildungen und auch einem Kind von nur siebzehn Monaten kann man nicht einfach alles glaubhaft machen. Das soll ein Schwein sein? Man macht sich gar keinen Begriff, wie abgrundtief skeptisch Menschen schon in frühester Kindheit gucken können.
Wir fahren morgen für ein paar Tage in das Heimatdorf der Herzdame und suchen im wilden Nordostwestfalen nach einem Biobauern, der noch herumlaufende Schweine hat, was ja nicht allzu häufig vorkommt, denn Schweinemast findet meist hinter verschlossenen Türen statt. Wir stellen uns dort bei den glücklichen Schweinen an den Zaun, zeigen auf die Viecher und wiederholen das Wort “Schwein” bis es der Sohn garantiert verstanden hat. Wir müssen uns, um Vorkommnisse wie bei dem Trecker zu vermeiden, nur noch eben einigen, ob das Schwein “oinkoink” macht oder quiekt oder grunzt. Und dann geht’s los. Endlich wieder eine spannende Wochenendunternehmung – wir werden berichten.
Das Wochenhoroskop erscheint morgen wie gewohnt drüben im Westen, nur ohne weitere Meldung hier. Viel Spaß damit und bis bald.
Jan
Das kultivierte Kind
by Maximilian Buddenbohm in
Ich habe in meinem Leben immer viel mit Büchern, Sprache und Schreiben zu tun gehabt, daher freue ich mich natürlich, wenn auch der Sohn Anzeichen von einer gewissen Begeisterung für Schriftgut zeigt, zumal so etwas ja heutzutage dem Vernehmen nach schwer herzustellen ist. Ich glaube aber, er hat trotz seines geringen Alters schon verstanden, daß Bücher einen weiterbringen und oftmals Lösungen für schwierige Probleme bieten.
Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, warum er mir morgens, wenn er meint, ich müßte mal aufwachen, neuerdings mit großer Begeisterung ein Buch auf den Kopf haut.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Jorge Edwards: Der Ursprung der Welt. Aus dem chilenischen Spanisch von Sabine Giersberg. Der Roman erschien zuerst 1996 und beginnt so:
“Angefangen hat alles am Montag oder Dienstag vergangener Woche, vor dem Bild. Es begann mit einem plötzlichen Gedanken, einer Frage. Eigentlich war es nur ein Scherz gewesen, aber seit letzten Montag nacht, als wir die Leiche fanden, hatte dieser Scherz, den ich nicht vergessen hatte, eine beunruhigende, weniger leichte Färbung bekommen. Eine dunklere, wenn man so will.
“Weißt du was?”, hatte ich Silvia leise gefragt, nachdem ich das Bild im großen Saal mit den Courbets ein paar Minuten lang angesehen hatte.
“Was?”
“Es sieht dir ähnlich.”
Jan
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
An der Hamburger Außenalster. Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online.
Jan
Lernen
by Maximilian Buddenbohm in
“In diesem Alter beherrscht ihr Kind etwa zwanzig Wörter…”
Wollen wir mal sehen: “Mama, Papa, Nein, Ja, Wau, Wuff, Muh, Doch, Banane, Müll, Alle, Bah, Nana, Kaputt, Au, Ball, Nase”.
Nur siebzehn. Leider verloren. Dafür kann er bei Youtube-Videos mit der Maus auf Start klicken. Auch nicht schlecht, finde ich.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Ivo Andric: Buffet Titanic – Erzählungen. Deutsch von Milo Dor und Reinhard Federmann. Die erste Erzählung darin, “Am Ufer” beginnt so:
“Sie nahmen sich vor, den Fluß zu durchschwimmen. Das war schon zum zweitenmal an diesem Tag.
Die Gruppe nackter, sonnengebräunter Leiber im Sand bestand aus den Schülern des Gymnasiums von Sarajevo, die gerade ihre Ferien in ihrer Heimatstadt an den Ufern der Drina verbrachten. Sie waren alle zwischen der fünften und der siebenten Klasse. Obwohl sie in Sarajevo schon als junge Männer galten, waren sie hier, im Elternhaus lebend, und sich an den Ufern des heimatlichen Flusses ihrer Kindheit tummelnd, wieder zu Kindern geworden; in ihren Spielen, Debatten und Unternehmungen mischten sich seltsam die Lebensäußerungen von Kindern, Knaben und jungen Männern.”
Jan
Musikalische Früherziehung
by Maximilian Buddenbohm in
Irgendwann bekommen Kleinkinder unweigerlich Instrumente. Von wohlmeinenden Großeltern, durchtriebenen Freunden oder auch den ahnungslosen Eltern selbst als Geschenk übergeben, bereichern Xylophon, Trommel, Tambourin oder auch Minikeyboard und Klimperphonium künftig den Alltag.
Kleinkinder reagieren in aller Regel begeistert auf Musikinstrumente und halten auch schon einmal verblüffend lange durch, sie zu malträtieren. Das kann, je nach Tageszeit und Situation, außerordentlich anstrengend sein und man kann generell ohne Übertreibung sagen, daß Musikinstrumente in einem Haushalt mit Kind eine Herausforderung darstellen. Und wenn man ehrlich ist und auf politische Korrektheit pfeift, kann man auch ergänzen, daß es tatsächlich Momente gibt, in denen man sich geradezu genötigt fühlt, die Krachattacken der Kinderinstrumente mit roher Gewalt zu beenden.
Ich habe zum Beispiel heute morgen, als ich über das Xylophon des Sohnes stolperte, in einem Anfall von musikalischem Ehrgeiz, der mir ansonsten vollkommen abgeht, des längeren versucht, “Hänschen Klein” darauf zu spielen – und zwar ohne Noten oder andere Hilfsmittel. Nein, alleine! Nur nach Gehör und Intuition! Wobei ich tatsächlich die ersten 20 bis 25 Töne nach einer zugegeben recht langen Versuchsreihe tadellos zusammen bekommen habe und den Einstieg dann ziemlich flott mehrmals hintereinander fehlerfrei spielen konnte – bis mir der entnervte Sohn das Xylophon wegzog und auf den Kopf schmetterte.
Jetzt gilt hier bei der musikalischen Früherziehung, was in gefährlichen Berufen generell gilt: “Wir tragen alle Helm.”
Jan
Jan
Radio Gaga
by Maximilian Buddenbohm in
Heute morgen Radio gehört. Keine Privatsender, sondern die anderen, die seriös sein sollenden. Berichte vom Flugzeugunglück in New York, die Rede ist dauernd von einem Absturz in den Hudson-Fluss. Wörtlich. Nicht etwa in den Hudson, was ja vollkommen reichen würde, nein, in den Hudson-Fluss. Wie man ja auch immer Rhein-Fluss sagt, oder Elbe-Fluss, klar doch. Oder Ostsee-Meer.
Aber damit nicht genug, auf gleich zwei Sendern wurde von verschiedenen Sprechern berichtet, daß das Flugzeug bei dem Absturz erstaunlicherweise “heile” geblieben sein. Heile!
Fehlte nur die Ergänzung, daß ganz wenig Passagiere Aua hatten.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Eckhard Henscheid: Maria Schnee – Eine Idylle. Das Buch erschien zuerst 1988 und beginnt so:
” Feinster Bohnenkaffee, angezeigt auf einer silbernen Tafel im Fenster der Wirtschaft, war es vielleicht gewesen, was Hermann letzten Endes zur schließlichen Einkehr in die Pensionsgaststätte Hubmeier in der Entengasse bewogen und veranlaßt hatte, auf daß er dort seinen zumindest vorübergehenden Aufenthalt nehme. Der Hausflur war schön kühl, aber schon hier stellte sich diese Gaststätte allerdings auch als eine Metzgerei heraus, denn die rechte Tür im Hauseingang führte in die Gaststube, die linke freilich in die Metzgereiabteilung, beides stand auf jeweils einem Emailschildchen zu lesen. Der Hausflur war leer, und tatsächlich roch es von links kommend nach allerlei Wurst und Fleisch, wenn auch nur in verhaltenen Spuren.”
Jan
Apropos Gaza
by Maximilian Buddenbohm in
Sie wissen sicherlich, daß es sich besonders in solchen Zeiten empfiehlt, bei Lila von den “Letters from Rungholt” mitzulesen, nicht wahr?
Na dann ist ja gut.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Claire Keegan: Wo das Wasser am tiefsten ist. Erzählungen. Aus dem Englischen von Inge Leipold und Hans-Christian Oeser. Das Buch erschien zuerst 2004 und die erste Erzählung darin, “Antarktis”, beginnt so:
“Jedesmal, wenn die glücklich verheiratete Frau wegfuhr, f ragte sie sich, wie es wohl wäre, mit einem anderen zu schlafen. An diesem Wochenende war sie entschlossen, es herauszufinden. Es war Dezember; auch über dieses Jahr würde sich bald der Vorhang senken. Sie war überzeugt, daß sie enttäuscht sein würde.”
Jan
Jan
Urlaubsplanung
by Maximilian Buddenbohm in
Da die Herzdame hartnäckig der Meinung ist, wir müßten in diesem Jahr eine Flugreise unternehmen, weil der Sohn noch kostenlos fliegt, denken wir seit Wochen über die Urlaubsplanung nach. Die Herzdame glaubt, der nichtzahlende Sohn würde Geld sparen, wenn man fliegt. Ich glaube, wenn zwei Erwachsene als Vollzahler fliegen, nur weil ein Nichtzahler dabei ist, kostet das unter dem Strich mehr Geld, als das generelle Nichtfliegen kosten würde, aber ich bin, wie die Herzdame pikiert anmerkte, im Hauptberuf Controller und soll mich gefälligst im Büro austoben und nicht zuhause. Sagt sie.
Wir haben also zur Abwechslung in Erwägung gezogen, einen ganz normalen Urlaub zu machen, also genau das, was so viele Menschen dauernd machen, nur wir noch nie. Sonne, Süden, Strand, Pool, Halbpension und so. Mallorca, oder wie das heißt.
Also sehen wir uns fleißig bei diesen Hotelbewertungsportalen an, was andere Urlauber über die Hotels schreiben und vergleichen das dann mit der Beschreibung im Prospekt, denn man kauft oder bucht ja heutzutage nicht mehr irgendwas, sondern macht sich als aufgeklärter Verbraucher 2.0 erst kundig.
Wenn man sich aber diese Bewertungen ansieht, kann man leider nicht mehr verreisen, denn die Hotels sind alle sehr schlecht. Keines, an dem man nicht irgend etwas zu meckern finden würde, kein Bett, das nicht irgendwen schlaflos ließ, keine Küche, die das Fleisch nicht für irgendwen falsch zubereitete, kein Ausblick auf ein Meer, das blau oder türkis genug war. Kein Hotelgarten, in dem nicht hier und da welkes Laub liegen würde, kein Pool, in dem nicht ein totes Insekt trieb, kein Zimmer, in dem man nicht, besonders unfaßbar, schon irgendwelche Gebrauchsspuren anderer Menschen finden würde. Alles mangelhaft, eklig, beklagenswert, betrüblich.
Was mich dabei besonders ratlos zurückläßt, ist die gar nicht seltene radikale Abwertung von Hotels mit dem Grund: “Da waren auch Russen.” Russen scheinen, gerade wenn sie in Rudeln auftreten, Gebäude und ganze Orte zu entwerten und der aufmerksame Beobachter scheut sich nicht, dies auch anzukreiden.
“Hotel ist weitgehend von Russen bevölkert. Wenn einen das nicht stört, ist es schön.” Solche Sätze findet man. Klingt vielleicht auf den ersten Blick gar nicht schlimm. Klingt vielleicht erst etwas schlimmer, wenn man Russen einmal beliebig tauscht. Etwa gegen Juden. Nur so als Beispiel. Oder gegen Farbige.
Oder nicht?
Jan
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Alessandro Baricco: Oceano Mare. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Das Buch erschien zuerst 1993 und beginnt so:
“Sand soweit das Auge reicht zwischen den letzten Hügeln und dem Meer – dem Meer – in der kalten Luft eines Nachmittags, der fast vergangen ist, und gesegnet vom Wind, der stets von Norden bläst.
Der Strand. Und das Meer.
Es könnte die Vollkommenheit sein – Bild für göttliche Augen -, eine Welt, die sich ereignet und nichts weiter, das stumme Sein von Wasser und Erde, abgeschlossenes und exaktes Werk, Wahrheit, – Wahrheit -doch wieder einmal ist es das rettende Körnchen des Menschen, das den Mechanismus dieses Paradieses verklemmt, eine Kleinigkeit, die allein genügt, die ganz große Maschinerie unerbittlicher Wahrheit zum Stillstand zu bringen, ein Nichts, aber in den Sand gepflanzt, unmerklicher Riß auf der Oberfläche dieser heiligen Ikone, winzige Ausnahme, auf die Vollkommenheit des unermeßlichen Strandes gesetzt. Von weitem betrachtet wäre es nur ein schwarzer Punkt – im Nirgendwo das Nichts eines Menschen und einer Staffelei.”







