Dezember, 2008 Archives
Dez
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Alexander Rösler: Ich bin nur mal kurz mein Glück suchen… Neues vom Taugenichts. Das Buch erschien 2008. Ich hörte, wie der Autor bei Kaffee.Satz.Lesen daraus las. Es beginnt so:
“Der Rasenmäher zog meinen Vater hinter sich her durch den Garten. Gemeinsam schnitten sie eine Schneise durchs Gras. Hinten am Zaun, in meiner Lieblingsecke, lag ich auf dem Bauch. Den Kopf in die Hände gestützt beobachtete ich die Entwicklung dieses Samstags. Ich stellte mir vor, wie im Dickicht des Rasendschungels Hunderte von Insekten vor dem heranrollenden Mähermonster zur Seite sprangen oder sich in die Erde bohrten. Auch hinten bei Bermers und bei Fandrichs rotierten die Mäher. Nur rechts nebenan, bei Frau Feld, raspelte schon der Kantenschneider.”
Dez
Sofadiskussion
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich haben beschlossen, ein neues Sofa zu kaufen. Eigentlich hat das nur die Herzdame beschlossen und meine standhafte Weigerung über Wochen hinweg in Grund und Boden genörgelt, aber das ist egal, denn der Effekt ist nun: Wir wollen ein neues Sofa.
Und weil wir so wahnsinnig originell sind, dachten wir uns, wir machen mal etwas ganz Schräges und gucken nicht zuerst bei Ikea, sondern bei einem anderen Möbelladen. Bei so einer Designerhütte mit Möbeln, die nicht in jeder deutschen Wohnung stehen.
Dort waren wir gestern und sahen uns Sofas und Sessel an. Der Laden war nicht geheizt, vielleicht war etwas kaputt, vielleicht sollte das aber auch den eher kühlen Look der ausgestellten Ware betonen. Wir gingen frierend herum, wir saßen ein wenig Probe, wir lümmelten ein wenig Test. Der Sohn übte das Zerlegen von Designerlampen, ich übte hinter ihm Fangen.
Verkäufer waren nicht zu sehen, nur hier und da huschten im Hintergrund des Raumes junge Menschen in sehr stylischen Klamotten herum, die aber untertauchten, sobald man sie schärfer fixierte. Einzig der junge Mann an der Kasse konnte uns nicht schnell genug entkommen. Er hatte sich so in seine Jacke vergraben, daß fast nur noch die Augen heraussahen und blickte uns wehleidig entgegen.
“Können Sie uns helfen?” fragte die Herzdame, denn wir hatten eine Frage zu einem Sofa. “Hmpf”, sagte der junge Mann an der Kasse und hüpfte ein wenig auf und ab. “Wir haben eine Frage zu dem Sofa da hinten”, sagte die Herzdame und zeigte in die Ferne der Ausstellungshalle. “Welches?” fragte der junge Mann, “da stehen viele.”
“Wenn sie mitkämen, könnten wir es zeigen. Das wäre total praktisch für das Gespräch”, sagte ich. Der junge Mann nickte unwillig, schloß die Kasse ab und trottete hinter uns her. Bei dem Sofa angekommen fragte die Herzdame, ob es das auch in anderen Farben gäbe. Der junge Mann schüttelte den Kopf. Die Herzdame hob wortlos drei Testmusterstreifen hoch, die auf dem Sofa lagen. “OK”, gestand der Mann, “in den drei Farben”. “Die gefallen uns aber nicht”, sagte die Herzdame. “Öhm”, seufzte der Mann und sah auf den Boden. “Kann man da nichts machen?” fragte die Herzdame, “kann man es nicht vielleicht anders beziehen lassen?” “Nein”, sagte der Mann tonlos und immer noch den Boden betrachtend, “da kann man nichts machen.”
Links und rechts und vor und hinter dem Sofa standen sehr, sehr viele andere Sofas, die unserem mehr oder weniger ähnlich sahen. Wir fragten, welches dem wohl am nächsten käme. Der Mann sah sich um, hob die Schultern und befand dann: “Keines. Alle sehr anders.” Auf meine ungemein heitere Bemerkung, daß das ja prima sei, da könnten wir ja das ganze Geld sparen und müßten uns nicht weiter umsehen, sagte er ganz sachlich “ja, das stimmt.”
Wir fahren dann mal zu Ikea.
Dez
Wie es war
by Maximilian Buddenbohm in
Wir haben uns lose vorgenommen, das nächste Weihnachtsfest nicht wieder im Kinderkrankenhaus Altona zu verbringen. Sollten Sie als mitlesende norddeutsche Eltern aber einmal wie wir zur schönsten Festzeit Nachwuchs mit Lungenentzündung haben, hier noch der Hinweis, daß die Entenkeule, welche in der Krankenhauskantine am Heiligabend gereicht wird, gar nicht einmal so schlecht ist. Man soll ja das Angenehme nicht unerwähnt lassen.
Dez
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Astrid Lindgren: Das entschwundene Land – Erinnerungen. Dieses Buch, ihr einziges für Erwachsene, erschien zuerst 1975 und beginnt so:
“Jetzt will ich eine Liebesgeschichte erzählen, keine, die ich gelesen oder mir ausgedacht, sondern eine, die dich gehört habe. Darin ist mehr Liebe als in allen, die ich in Büchern fand, und für mich ist sie rührend und schön. Aber das liegt vielleicht daran, daß sie von zwei Menschen handelt, die meine Eltern werden sollten.
Ein ganzes Leben lang dauerte sie, diese Liebesgeschichte, und sie begann irgendwann im Jahre 1888, als der 13jährige Samuel August von Sevedstorp im Gemeindehaus von Pelarne, wo die Kinder des Kirchspiels unterrichtet wurden, während der Repetitionsprüfung seine Blicke auf einem Mädchen ruhen ließ, das dicht neben dem eisernen Ofen saß.”
Dez
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Hans-Ulrich Treichel: Menschenflug. Der Roman erschien zuerst 2007 und beginnt so:
“Als er den handgeschriebenen Lebenslauf, der dem getippten Durchschlag eines Antrags auf Lastenausgleich beigeheftet war, vor sich auf den Schreibtisch legte, ging über Berlin und vor allem über Steglitz ein Gewitterregen nieder, der so stark war, daß er um die Fensterscheiben seiner Dachgeschoßwohnung fürchtete. Während er las, daß sein Vater 1909 in einem Ort mit dem zungenbrecherischen Namen Bryszcze im Kreis Luzk in Wolhynien geboren worden war und dort bis 1939 auf dem elterlichen Bauernhof gearbeitet hatte, bevor er im Sommer 1941 am Rußlandfeldzug teilnahm, wo er verwundet und nach der Amputation seines rechten Arms als dienstunfähig entlassen wurde, hätte er gern das Fenster geöffnet und die Regenluft ins Zimmer gelassen. Doch sobald er die oberen Lüftungsschlitze des Kippfensters auch nur ein wenig herunterklappt, sprühte Regenwasser herein, sprühte auf den Schreibtisch, den Monitor, die Tastatur und auch auf das vergilbte Blatt mit den Lebensdaten, die er jetzt, vierzig Jahre nach dem Tod seines Vaters, zum erstenmal zur Kenntnis nahm.”
Dez
Versuchung
by Maximilian Buddenbohm in
Bei uns um die Ecke hat ein neues Büro aufgemacht, in nicht ganz billiger Lage und nicht eben winzig. Da steht jetzt groß auf dem Leuchtschild an der Front: Immobilienmarkler. Mit einem R vor dem K, kein Scherz.
Besorgt man sich in solchen Fällen einen Eimer rote Farbe und zieht nachts mit einer Leiter los?
Dez
Shopping
by Maximilian Buddenbohm in
Bei der Thalia-Buchhandlung in der Hamburger Mönckebergstraße steht der Autor Paul Auster unter “Junge Literatur”. Da habe ich heute lange davor gestanden und, ich gebe es zu, ein wenig hoffnungsvoll in mich hineingelächelt. Noch soviel Zeit!
Dez
Oh Tannenbaum
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich werden gleich den Weihnachtsbaum in den dafür vorgesehenen Ständer schrauben. Erfahrungsgemäß werden wir uns dabei wegen unterschiedlicher Meinungen zum Vorgehen fürchterlich in die Haare kriegen. Mindestens einer von uns wird sich traditionell an der Säge verletzen, mit der letzte Zweigreste ganz unten entfernt werden sollen. Das Parkett wird Schaden nehmen und irgend etwas Zerbrechliches wird mit der Baumspitze aus einem Regal gefegt. Alles nur, damit der Sohn morgen den geschmückten Baum wieder umreißen wird, um die daran baumelnde Dekoration zu zerfleddern, zu essen oder, bei auch nur geringster Ballähnlichkeit, durch die Gegend zu treten
Gerade mit Kindern ist Weihnachten eine sehr besinnliche Angelegenheit. Ich habe allerdings langsam den Verdacht, daß Weihnachten nur deswegen ein großes Familienfest geworden ist, damit garantiert genug Erwachsene anwesend sind, die die Kinder permanent festhalten können.
Dez
Dez
Alarmstufe rotweiß
by Maximilian Buddenbohm in
Ich möchte niemanden beunruhigen, aber der Weihnachtsmann sitzt stockbesoffen und mit seltsam schiefem Bart im Eingangsbereich der U2 am Hamburger Hauptbahnhof. Er hat sich bepinkelt, riecht unerfreulich und murmelt stereotyp “Scheißschlitten” vor sich hin. Das könnte schwierig werden, in diesem Jahr.
Dez
Xoooox
by Maximilian Buddenbohm in
Dez
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Im Bild die Hamburger Landungsbrücken. Und drüben im Westen ist wie immer das neue Wochenhoroskop online, in dem ich Ihnen kurz schildere, was Sie Weihnachten erwartet. Viel Spaß damit.
Dez
Crisis? What Crisis?
by Maximilian Buddenbohm in
Der bettelnde Mann vor dem Zeitungsladen, der immer so besonders zu unserem Sohn ist und dem wir gelegentlich ein paar Münzen geben, hat uns gerade erklärt, daß er das gesammelte Kleingeld ja nicht zum Leben brauche, sondern um an den Wochenenden mal in guten Restaurants essen zu gehen, denn das könne er sich heutzutage an den normalen Werktagen nicht mehr leisten.
Das war so einer der ganz wenigen Momente in diesem Jahr, in denen ich die Herzdame mal komplett sprachlos erlebt habe.
Dez
Frühstart
by Maximilian Buddenbohm in
Irritierend übrigens, wenn der Sohn sich in dem großen Zeitschriftenladen im Hauptbahnhof zielsicher vom Dreirad aus ein Playboyheft vom Stapel hangelt, während ich ihn an den Magazinen vorbeischiebe. Noch irritierender, wenn er sich das Heft mit bemerkenswerter Geschicklichkeit unter die Jacke zu schieben versucht, partout nicht bereit ist, es wieder herzugeben und man sich als Vater daher zum beträchtlichen Amüsement der anderen Kunden mit dem renitenten Sohn öffentlich um den Playboy streitet und von beiden Seiten an dem Heft zieht, das dabei natürlich an den entscheidenden Stellen aufklappt.
Familiensonntage haben auch ihre Abgründe.









