Tips für Väter (19)

Okt 27th, 2008 von Maximilian Buddenbohm

Heute ein spezieller Tip für die Väter unter den Lesern, die genau wie ich Elternzeit genommen haben. Denn die Elternzeit, das soll hier nicht verschwiegen werden, hat auch Nachteile. Obwohl ich in der Regel eher fröhlich berichte – es ist nicht alles nur sonnig und heiter, es gibt durchaus auch ernstzunehmende Probleme, auf die Sie sich einstellen sollten. Zum einen der berufliche Nachteil, der auf der Hand liegt. Denn wie bitte soll man nach acht oder mehr Wochen Elternzeit einen normalen Bürotag überstehen, ohne ein bis zwei Nickerchen zu machen? Kann man überhaupt je in ein Leben ohne Mittagsschlaf zurückkehren? Fällt man nicht vielleicht nach vier Stunden einfach um? Kann man mit seinem Chef eine Übergangsregelung vereinbaren? Ich zweifele leise vor mich hin und sehe mit Grauen den langen, schlaflosen Stunden entgegen.

Zum anderen der schon während der Elternzeit eintretende Verlust an Ansehen in der Nachbarschaft und bei allen Freunden und Bekannten. Natürlich nicht wegen der Elternzeit an sich, die ist dem Image eher dienlich und gerade bei Frauen deutlich sympathiefördernd. Nein, man verliert seinen guten Ruf wegen der Kinderlieder. Das klingt seltsam, ist aber leicht zu erklären. Wenn man in der Kindergarteneingewöhnungszeit jeden Tag ein paar Stunden in einer Krippe zubringt, in der zwei bis vier Kindergärtnerinnen stetig und ausdauernd vor sich hin trällern, krallen sich die Strophen und Melodien dieser betont einfach gehaltenen Liedchen früher oder später unerbittlich im Gehörgang fest, belagern das Hirn und fordern nachdrücklich permanentes Absingen. Eines Tages werden Sie duschen und dabei unwillkürlich “Hei hei hussassa, der Herbst ist da” singen. Sie werden sich zunächst nur ein wenig wundern, wo Ihr treuer Frank Sinatra geblieben ist und zur Tagesordnung übergehen. Aber spätestens, wenn Sie es im Fahrstuhl schon wieder singen, werden Sie sich die ersten Sorgen machen und wenn Sie die Bäckerei betreten und dabei “hei hei!” schmettern, werden Sie merken, daß es zu spät ist. “Ich hab Hände, sogar zwei”, ein Satz, den man ganz prima im Treppenhaus singen kann, Stockwerk um Stockwerk, immer lauter werdend, mit jeder Strophe immer einen anderen Körperteil besingend, wie unter einem schrecklichen Zwang, nur unterbrochen durch ein sich dazwischendrängendes “Hei hei hussasssa!” auf den Treppenabsätzen. Wenn Sie zwischendurch stehenbleiben und genau hinhören, werden Sie bemerken, wie sich Wohnungstüren leise öffnen und schnell wieder schließen. Man beobachtet Sie.

Die Bäckereifachverkäuferinnen werfen Ihnen schon bald seltsame Blicke zu, wenn Sie in der Warteschlange vor der Latte-Macchiato-Ausgabe vermeintlich leise vor sich hinsummen und spätestens, wenn Ihnen beim Übergeben des Pappbechers ein verschwörerisches “Hussassa”, begleitet von einem liebevoll mütterlichen Lächeln mit auf den Weg gegeben wird, wissen Sie, was man nun von Ihnen hält. Achten Sie einmal darauf, wenn Sie auf der Straße von anderen Fußgängern überholt werden, man dreht sich nach Ihnen um. Man will natürlich wissen, wer da so penetrant “Gott hat alle Kinder lieb” durch das Viertel brummt. Man merkt sich Ihr Gesicht, man wird Sie wiedererkennen.

Sie können versuchen, dagegen anzugehen, bei mir allerdings hat nicht einmal minutenlanges Mitbrüllen von “We will rock you” zu einer Besserung geführt, was sicherlich ein schlimmes Zeichen ist. Etwas besser war es lediglich mit “Brown girl in the ring” von Boney M., allerdings kann man sich fragen, ob das wesentlich besser als “Hei hei hussasssa” ist, zumal es sich in beiden Fällen um ein Kinderlied handelt.

Nein, lassen Sie einfach alle Hoffnung fahren, singen Sie, was der Kindergarten Ihnen eingibt und ergeben Sie sich in Ihr Schicksal. Wer weiß, vielleicht findet sich wenigstens irgendwann eine attraktive Frau, die Ihr schelmisch gesungenes “Wo ist der Daumen, wo ist der Daumen” für ein prima Anmache hält. Viel Erfolg.

12 Kommentare

  • Diese Kinderlieder kann man verlernen… mittels langsamem Ausschleichen und Ersetzen durch andere Songs, z.B. Abba, oder ältere Beatles-Stücke. Anschließend kann man zu Brit-Pop übergehen, um irgendwann wieder bei Anspruchsvollem zu landen.
    Viel, viel schlimmer ist der Langzeit- Schaden, den das elterliche Hirn durch das dauernde Abhören von Kindercassetten erleidet. Das fräst sich in die Graue Substanz, und hinterlässt Spuren wie ein Leopard Zwo in einer frischen Wintergerste-Aussaat. Auch mit achtzig Jahren wird man im Zoo stehen, und vor dem Elefantengehege in ein leises, aber unerbittliches “Töröö” ausbrechen.
    Aber was tut man nicht alles für seine Kinder.

  • »Die Bäckereifachverkäuferinnen werfen Ihnen schon bald seltsame Blicke zu« – das kann seinen Grund auch in der Tatsache haben, dass sie »In der Weihnachtsbäckerei / Gibt’s so manche Leckerei …« zu hören gewöhnt sind.

  • Wo der Daumen ist, hast Du doch neulich schon ausgeplaudert.

  • Auch der Bi-ba-butzemann, der sich rüttelt, schüttelt und zuweilen auch sein Säcklein hinter sich wirft, dürfte für Anmachezwecke eher von zweifelhafter Wirkung sein.

  • Sind Kinderlieder da schlimmer als Zitate aus (gereimten) Kinderbüchern, die man so lange vorgelesen hat/vorgelesen bekommen hat, dass man sie auch 30 Jahre später noch zitieren kann?

    Ich weiß, dass z.B. meine Mutter einige meiner Lieblingskinderbücher bis heute auswendig aufsagen kann.

  • Es ist einfach zu schön, wenn man merkt, dass man nicht allein ist ;-)

  • Herr Merlix, ich will Sie ja nicht beunruhigen, aber das mit dem allmählichen Vergessen ist so eine Sache … Ich für meinen Teil könnte beispielsweise heute noch (meine Tochter wird demnächst 14), nächtlicherweise aus dem Tiefschlaf gerissen, ohne Zögern “A, B, C, die Katze lief im Schnee” rezitieren.

  • Kennste das schon? Das war monatelang DER Hit in der damaligen Krabbelgruppe unseres Sohnes:

    Elefantenlied
    Was müssen das für Bäume sein,
    wo die großen Elefanten spazieren gehen,
    ohne sich zu stoßen?
    Links sind Bäume, rechts sind Bäume
    und dazwischen Zwischenräume,
    wo die großen Elefanten spazieren gehen,
    ohne sich zu stoßen.

    Was müssen das für Flüsse sein,
    wo die großen Elefanten baden gehen,
    ohne Badehose.
    Links sind Flüsse, rechts sind Flüsse
    und dazwischen Bambusbüsche,
    wo die großen Elefanten baden gehen,
    ohne Badehose.

    Und dazu entsprechende Bewegungen machen natürlich:
    Bäume = große runde Bewegung mit beiden Armen, die den Kreis einer Baumkrone andeuten
    Elefanten = mit der linken Hand die Nase zuhalten, den rechten Arm durch das “Loch”, das der linke Arm bildet, durchstecken und einen Rüssel machen
    spazieren gehen = mit dem Rüssel hin und her schwingen und dabei trampelnd vorwärts bewegen
    stossen = mit der flachen Hand an den Kopf fassen

    Viel Spaß beim Üben, und wenn Du Glück hast, kennt die Kindergärtnerin auch noch die Melodie dazu.

    Schönen Abend noch!
    Paula

  • Vollkommen richtig! hei hei hussassa ist allemal besser als boney m! :-D

  • Vielen Dank, Paula! Die zweite Srophe kannte ich noch nicht. Gleich mal bei den Kindern ausprobieren – bringt Punkte.

  • “Alle meine Entchen” lässt sich auch super auf die Melodie von “We will rock you” singen. Babys mögen das (nicht vergessen, im Takt auf den Boden zu patschen!). Ansonsten habe ich das Problem gelöst, indem ich meinem kleinen Schatz Perlen der Alternative-Music-Szene vorsinge, die ich mit kindgerechten Texten und passenden Handbewegungen versehen habe. geht besonders gut mit Nada Surf oder auch Muse. :-)