Juli, 2008 Archives
Jul
Der gute Start
by Maximilian Buddenbohm in
Ein ganz normaler Morgen, wäre da nicht dieses Klopfgeräusch. Ich stehe in der Küche und trinke meinen ersten Kaffee, sehe aus dem Fenster und denke “Regen”, denn allzuviel denke ich vor dem ersten Kaffee noch nicht. In den Häusern gegenüber ist noch nirgendwo Licht, der Himmel ist dunkelgrau, eine verstimmte Amsel schimpft leise von einem Dach. Von irgendwoher klopft es. Es klopft sogar ziemlich hartnäckig, ganz so als würde jemand am frühen Morgen schon irgendwo im Haus Bilder an die Wand nageln oder als würde jemand unentwegt mit einem Schuh auf den Boden hauen. “Die spinnen, die Nachbarn”, denke ich, denn nach dem ersten Schluck Kaffee erinnere ich mich allmählich an meine Muttersprache.
Der Regen läuft am Küchenfenster herunter, in den Spinnennetzen davor glitzern und zittern die Tropfen. Die Bäume und Büsche auf dem Spielplatz unten glänzen im frischen Naß. Es klopft weiter und eine Stimme ruft dazu. Eine Frauenstimme, die ziemlich wütend klingt und wenn ich genau hinhöre, klingt sie so, als würde sie meinen Namen rufen und dazu eine beachtliche Auswahl von Schimpfwörtern. “Herzdame”, denke ich und sehe mich jetzt mal im Rest der Wohnung um, denn man weiß ja gern, warum man beschimpft wird. Im Wohnzimmer steht ein sehr vergnügter Sohn und stemmt sich von innen gegen die Balkontür. Auf dem Balkon steht eine sehr naßgeregnete Herzdame im Nachthemd, die offensichtlich schnell mal die Wäsche aus dem Regen retten wollte und die nun nicht wieder hereinkommen kann, weil dann der Sohn nach hinten von der Balkontürschwelle fallen würde – wahrscheinlich auf den Kopf, denn die Schwelle ist hoch. Eine Mutter riskiert so etwas nicht. Die Herzdame klopft, ruft und zittert ein wenig, der Sohn ruft auch, nur viel fröhlicher.
“Na, spielt ihr schön?” frage ich die beiden. Die verregnete Herzdame macht mit Gesten verschiedene Mordarten nach, der Sohn strahlt mich an und zeigt auf seine Mutter, die ihm heute morgen ganz besonders lustig vorkommt.
Was wäre ein Morgen ohne Familie.
Jul
Väterferiendeutsch
by Maximilian Buddenbohm in
“Das Entertainment meiner Kids kann ich nur mit externen Ressourcen realisieren.”
(Heute in der Kantine, Gespräch am Nachbartisch unter Angestellten einer Versicherung. Zustimmendes Nicken seiner Kollegen.)
Jul
Heißer Tag, kalte Premiere
by Maximilian Buddenbohm in
Ein mißtrauischer Blick. Ein ganz vorsichtiges Näherkommen, ein langes, prüfendes Ansehen. Riechen. Von links gucken, von rechts gucken, mit dem Zeigefinger anstupsen. Von unten gucken. Längere Zeit beobachten, was andere damit machen. Unbeteiligt tun und gelegentlich heimlich über die Schulter sehen. Schließlich ganz vorsichtig noch einmal näherkommen, rüberbeugen. Mit der Oberlippe berühren, die Zunge millimeterweise ausfahren, anlecken und dann, was soll’s, man ist ja kein Feigling, ein beherzter Biß. Schmecken. Staunen.
Die Augenbrauen sausen stirnwärts, die Mundwinkel erreichen ungeahnte Höhen, in den Augen glimmt es, die Beine können hüpfen wie nie, die Hände greifen nach mehr, mehr, mehr.
Das erste Eis im Leben ist schon etwas Besonders.
Jul
Jul
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Honoré de Balzac: Vater Goriot. Aus dem Französischen von Gisela Etzel. Der Roman erschien zuerst 1835 und beginnt so:
“Madame Vouquer, geborene de Conflans, ist eine alte Frau, die seit vierzig Jahren in Paris in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève zwischen dem Quartier Latin und dem Faubourg Saint-Marceau eine gutbürgerliche Pension führt. Diese Pension, die unter dem Namen “Haus Vauquer” bekannt ist, nimmt Männer und Frauen, junge und alte Leute auf, ohne daß jemals die Moral jenes achtbaren Hauses angezweifelt worden wäre. Aber man hatte auch seit dreißig Jahren kein junges Mädchen dort erblickt, und wenn sich ein junger Mann hier einmietete, so mußte er schon einen recht mageren Wechsel haben. Dennoch befand sich im Jahr 1819, zur Zeit, als das Drama, das ich hier erzählen will, begann, ein armes junges Mädchen dort.”
Jul
Sonntagsväter
by Maximilian Buddenbohm in
Während sich Väter an den Werktagen auf dem Spielplatz eher nicht blicken lassen, auch nicht nach Büroschluß, betreiben viele Frauen anscheinend Sonntagsboykott und schicken Ihre Männer an diesem Tag mit dem Nachwuchs alleine draußen spielen. An den Gesprächen, die die Herren dort mit den Kindern führen, kann man dann manchmal sehr schön die Besonderheiten der elterlichen Beziehung ablesen.
Ein Vater schaukelt sein Kind, das stark gelangweilt ist, weil es nicht doll genug geschaukelt wird. Der Vater will und will einfach nicht verstehen, daß man doch bis zum Himmel schaukeln muß, damit es richtig Spaß macht – er läßt eher unangebrachte Vorsicht walten und schubst nur dezent. Schließlich macht das Kind einfach die Augen zu, legt den Kopf nach hinten und singt halblaut und im Takt des schleppenden Schaukelschwungs: “Om… om… om.”
Der Vater hört einen Moment genau hin und fragt dann sehr scharf: “Om? Oh nee, was für eine Esoterik-Scheiße hat dir deine Mutter da wieder beigebracht?”
Jul
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Graham Greene: Ein Sohn Englands. Aus dem Englischen von Gerhard Beckmann, der Roman erschien zuerst 1935 und beginnt so:
“Sie hätte auf ihren Liebhaber warten können. Seit einer Dreiviertelstunde schon saß sie auf dem Barhocker, von der Theke halb abgewandt, und beobachtete die Schwingtür. Hinter ihr türmten sich Schinkensandwiches unter einer Glasglocke; die Teemaschinen dampften. Als die Tür aufschwang, schwemmte von draußen Lokrauch herein, legte sich staubig über die Haut und wie ein Geschmack von Kupfer auf die Zunge. “Noch einen Gin”. Es war ihr dritter.
Jul
Jul
Winkewinke
by Maximilian Buddenbohm in
Der Sohn winkt gerne. Einhändig, beidhändig, immer freudestrahlend und immer voller Enthusiasmus. Er winkt so doll, daß er manchmal dabei umfällt, ein schönes Beispiel für wahres Engagement. Er winkt der Herzdame zu, er winkt mir zu, er winkt allen Menschen auf dem Spielplatz zu und, wenn er auf meinen Schultern sitzt, sogar der ganzen Stadt.
Seltsam aber, wenn er alleine im Wohnzimmer sitzt und im offensichtlich leeren Raum jemandem jauchzend zuwinkt, den anscheinend nur er sehen kann und dann mit leuchtenden Blicken verfolgt, wie der oder die Unsichtbare durch den Raum geht. Man muß dabei ja nicht unbedingt gleich an einen bekannten Film mit Bruce Willis denken.
Aber irgendwie drängt es sich einem schon auf.
Jul
Jul
Tips für Väter (11)
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn Sie beim Sex einen seltsamen Geschmack im Mund haben, muß das nicht unbedingt an Ihren kreativen Sexualpraktiken liegen. Bedenken Sie vielmehr, daß Kleinkinder das Dekolleté der Mutter im Laufe eines langen Tages gerne mal als prima Geheimfach für abgelutschte Apfelreste, Zwiebacktrümmer und Reiswaffelbrösel benutzen. Aber Vorsicht – das geschmackliche Prüfen und Benennen der Speisereste wird von der Frau in der Regel als stark lustmindernd bewertet.
Jul
Jul
Bildung an der Elbe
by Maximilian Buddenbohm in
Bei einer Fahrt mit der U3 am Hafen entlang sitzen der Herzdame und mir zwei sehr betrunkene Männer gegenüber. Ihrem Aussehen nach gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, daß sie die meiste Zeit ihres Lebens betrunken sind, sie sitzen schwankend auf der Bank und halten sich aneinander fest.
“Kiek mol”, sagt der eine und deutet unbestimmt mit zitternder Hand in die Richtung der neuen Hafencity, wo man irgendwo am Kaispeicher A arbeitet, “da ganz hinten bauen sie jetzt die neue Oper”. “Jo”, sagt der andere in belehrendem Tonfall, “Elbphilosophie heißt das.” Sie starren beide aus dem Fenster. “Elbphilosophie?” kommt schließlich eine etwas ungläubige Gegenfrage. “Jo, Elbphilosophie. Das ist mit Bildung und so.”
Der andere seufzt und läßt sich leeren Blickes wieder nach hinten auf die Bank fallen, trinkt einen Schluck aus seiner Bierpulle und sagt ohne weiteres Interesse: “Ach so. Bildung. Na denn man to. Prost meine Herren.”
Jul
Der Seume und die Folgen
by Maximilian Buddenbohm in
Der Seume mag, wie im Kommentar zum letzten Beitrag angemerkt wurde, interessant und lesenswert sein, die Lektüre ist aber doch mit ganz unerwarteten Schwierigkeiten verbunden, bzw. geradezu unmöglich. Es handelt sich bei der Ausgabe um ein kleines Reclambändchen und ich habe angesichts der bescheidenen Schriftgröße wohl nur zwei naheliegende Möglichkeiten – entweder die Herzdame hält mir das Buch während der Lesestunde in angemessener Entfernung vor oder ich besorge mir doch mal eine Lesebrille.
Eigentlich könnte ich es aber auch wie der Sohn machen und einfach gelassen auf dem Buch etwas herumkauen. Zumindest seiner Laune ist das immer äußerst zuträglich, wer weiß, was es bei mir bewirkt. Man will ja nicht bei den ersten Anzeichen des Alters sofort klein beigeben.
Jul
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Johann Gottried Seume: Mein Leben. Zuerst erschienen 1805. Das Buch beginnt so:
“Das Mißliche einer Selbstbiographie kenne ich so gut als sonst irgend jemand; und ich halte mich für nicht wichtig genug, daß überhaupt mein Leben beschrieben werde. Wenigstens wäre es nach vierzig Jahren noch Zeit genug. Ein angesehener Buchhändler bot mir vor einigen Jahren, als die Aspekte am literarischen Himmel noch besser standen, eine beträchtliche Summe, wenn ich ihm die psychologische Geschichte meiner Bildung schreiben wollte. Ich gebe mich aber ungern zu dergleichen Spekulationen her; und es geht etwas gegen mein Wesen, auf meine Kosten, vielleicht etwas eigentümlich, einige allgemeine Wahrheiten zu sagen, die die eine Hälfte längst weiß und die andere Hälfte nicht wissen will.”







