Juni, 2008 Archives
Jun
Oben rein, unten raus
by Maximilian Buddenbohm in
Der Sohn lernt. Krabbelt in der Wohnung rum und lernt und lernt, ein geradezu erschreckend volles Programm. Denn es gibt ja die unglaublichsten Entdeckungen, für die man nicht einmal das eigene Zimmer verlassen muß. Zum Beispiel kann man etwas so auf die Heizung legen, daß es dahinter fällt und dann nach kurzem Gepolter unten wieder rauskommt. Einen Bauklotz oder einen Schnuller etwa, oder eine kleine Plüschente. Oben ablegen, ein wenig anschubsen, kurz warten, zack wieder da.
Wenn Sie das jetzt wenig spektakulär finden, liegt das nur an Ihrem routinierten und daher natürlich etwas langweiligen Erwachsenenverstand. Aus der Perspektive eines Kleinkindes ist das der Hammer. Oben rein, unten raus! Immer wieder! Ungefähr zehnmal nacheinander hat er es mir vorgeführt, geradezu hysterisch lachend vor Begeisterung und Amüsement. Und dann hat er noch einmal einen Bauklotz oben eingeworfen, der aber diesmal auf eine Reihe von bereits hinter der Heizung verkeilten Gegenständen traf und daher steckenblieb. Allerdings löste sich dabei der unterste der Gegenstände und so kullerte dem Sohn ein Schnuller vor die Füße. Bauklotz rein, Schnuller raus. Das müßte man eigentlich alles, um der Stimmung des Kindes gerecht zu werden, mit einer Unzahl von Ausrufezeichen versehen und in Großbuchstaben schreiben. Es ist gar nicht einfach, diese vibrierende Aufregung wiederzugeben, mit der jetzt die gerade eben erst erlernte Erkenntnis durch die nächste überrollt wurde. Die Dinge können sich hinter der Heizung verändern, einfach so! Alle diese Spielsachen sind offensichtlich Gestaltwandler! In dieser Welt ist wahrscheinlich wirklich alles möglich.
Es kommt Ihnen vielleicht bekannt vor, dieses Prinzip, oben rein, unten raus – denn natürlich haben auch wir Erwachsenen solche Spielchen. Eines nennt sich z.B. Kaffeeautomat und man wirft oben einen Euro rein und unten kommt heiße Plörre raus. Man spielt dergleichen lebenslang – man wundert sich nur nicht mehr. Nicht über den Kaffee, nicht über den Geschmack. Verlernt.
Wobei es wohl in der Tat etwas unpassend wäre, mit dem frisch gefüllten Kaffeebecher jauchzend in der Kantine zu stehen, vor dem Automaten auf und ab zu hüpfen und in der anderen Hand begeistert eine Rassel zu schwenken.
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Gesehen in Hamburg, Nähe Stadthausbrücke. Und drüben ist wie immer das neue Wochenhoroskop online.
Jun
Tips für Väter (10)
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn Sie morgens mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren, sind Sie es sicher gewohnt, daß die Menschen um Sie herum mißmutig und schlechtgelaunt gucken. Darüber wundert man sich nicht, man guckt ja selbst auch so. Wenn die Menschen allerdings scheinbar ganz ausdrücklich in Ihre Richtung gucken und auf den Gesichtern nicht nur die normale morgendliche Unlust, sondern auch eine gewisse Steigerung zu entdecken ist, die in Richtung Ekel geht, verbunden mit einer Tendenz zur Übelkeit und grünlicher Verfärbung – bleiben Sie unbedingt gelassen. Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Ausstrahlung und zweifeln Sie nicht an Ihrem bewährten Charme.
Ziehen Sie aber in Erwägung, daß Ihnen der Nachwuchs beim morgendlichen Abschied vielleicht heimlich ein schönes, großes Stück gut eingespeichelter Banane auf die Schulter geklebt hat.
Jun
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Italo Svevo: Zeno Cosini. Aus dem Italienischen von Piero Rismondo. Der Roman, zuerst erschienen 1923, beginnt, nach einem Vorwort und einer Einleitung, so:
“Der Arzt, mit dem ich über meine Raucherleidenschaft gesprochen haben, riet mir, ihre Entwicklung darzustellen und diese Arbeit damit zu beginnen: “Schreiben Sie nur, schreiben Sie! Sie werden sehen, wie bald man dazu kommt, sich selber zu erkennen.” Ich glaube, daß ich über das Rauchen ruhig hier an meinem Tisch schreiben kann; daß es dazu nicht erst nötig ist, träumend in jenem Klubsessel zu liegen. Zwar weiß ich nicht, wie ich beginnen soll. Alle Zigaretten, die ich je geraucht habe, mögen mir beistehen. Sie glichen alle der einen, die ich hier in der Hand halte.”
Jun
Und nun zur Werbung
by Maximilian Buddenbohm in
Diese kurzen Sätze, die vereinzelt auf den Produkten stehen, die man so aus dem Supermarkt mit nach Hause bringt, die liest man normalerweise nicht, oder zumindest nicht bewußt. Ist ja auch vollkommen egal, ob da auf dem Frischkäse nun “jetzt noch cremiger” steht oder nicht, oder ob auf dem Bier der erlesen geistreiche Vorschlag “gut gekühlt genießen” vermerkt ist. Solche Aufdrucke passieren das Gehirn ohne den geringsten Widerstand, gesehen, gelesen, gelöscht.
Heute stand ich aber doch länger sinnend vor einem kleinen Beutel mit Tomaten und besah mir immer wieder den kleinen Pappanhänger, der mich darüber informierte, daß die Tomaten Bio seien. Das wäre noch nicht bemerkenswert gewesen, aber das “Bio” wurde noch weiter erläutert und präzisiert durch den überaus seltsamen Zusatz: “Von Hummeln befruchtet”.
Von Hummeln befruchtet – ein Satz, der mich vollkommen ratlos zurückläßt. Was sagt mir das? Ist das gut? Besser als von Bienen oder so? Und woher wissen die das? Kommen die Tomaten aus Treibhäusern, in die man ab und zu ein paar Divisionen Hummeln einfliegen läßt, damit sie da mal über die jungfräulichen Pflanzen, nun ja, rüberbürsten? Kommen sie aus dem Freiland und man beobachtet die Pflanzen mit Überwachungskameras, um sie dann später bei der Ernte zu sortieren und in getrennte Beutelchen zu packen – von Hummeln befruchtet, von Bienen, von Schmetterlingen, von was weiß ich?
Vielleicht schmecken hummelbefruchtete Tomaten besser als andere, kann ja sein. Vielleicht soll es mir auch nur freie Natur vermitteln und Assoziationen an freie Wildbahn und Natur wecken. Come to Hummel-Country, sozusagen. Ich verstehe es einfach nicht. Was sagen Lebensmittelexperten dazu?
Ich muß unbedingt mal nachsehen, ob auf der Bio-Schnitzelpackung nicht vielleicht “in Reetdachställen gezeugt” steht.
Jun
Jun
Jagdszene
by Maximilian Buddenbohm in
Der Sohn erkennt in weiter Ferne auf dem großen Spielplatz ein Bobbycar, er läßt seine Nuckelbuddel in den Sand fallen und macht sich krabbelnd auf den beschwerlichen Weg dorthin, wobei er unterwegs in der selbstproduzierten Staubwolke geradezu unsichtbar wird. Der Sohn passiert auf der Strecke unbeirrbar zahllose Gefahren, wie etwa größere Kinder, Schaukeln, fremde Eltern und herumstehende Kinderwagen.
Bei dem Bobbycar angekommen zerrt er das daraufsitzende kleine Mädchen ohne weitere Verhandlung an den Haaren vom Sitz und benutzt dann die weinend auf dem Boden liegende Exfahrerin als Unterlage, um sich selbst auf das Bobbycar zu schwingen. Da er es leider noch nicht recht schafft, sich ohne Hilfe alleine richtig darauf zu setzen, hängt er sich eben bäuchlings über den Sattel, Hauptsache oben. Dann hebt er grinsend beide Arme in die Luft und gibt röhrend ein Geräusch von sich, das wahrscheinlich seit der Steinzeit so etwas wie “Mammut tot” bedeutet und in unserem instinktiven Wissen sicherlich fest verankert ist.
Die Mutter des kleinen Mädchens guckt besorgt nach ihrer Tochter, deren Weinen jetzt deutlich leiser geworden ist, weil sie die Füße von unserem Sohn im Mund hat, ich winke ihr beruhigend zu: “Der will nur spielen!” – und überlege noch kurz, in welchem anderen Zusammenhang ich diesen Satz schon mal gehört habe.
Jun
Urlaubslektüre
by Maximilian Buddenbohm in
Irene Dische: Lieben. Erzählungen. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser u.a.Zuerst erschienen 2006. Die erste Erzählung, Romeo und Julia, beginnt so:
“Niemand hinderte Romeo und Julia am Heiraten. Im Gegenteil, alle freuten sich. Romeo war schon achtundzwanzig und Julia achtzehn. In Romeos Frankfurter Wohnung wurde mit den Verwandten, die aus Nürnberg und Teheran angereist waren, ausgelassen gefeiert, dann folgte die Hochzeitsnacht und noch einige Nächte mehr. Nur die Augenblicke, in denen sie getrennt waren, mißfielen ihnen sehr.”
George Orwell: Meistererzählungen. Ausgewählt von Christian Strich. Die Geschichten erschienen zuerst zwischen 1933 und 1968. Die erste Erzählung, Ein Hamlet ohne Phantasie, beginnt so:
“Flory lag, nackt bis auf die schwarze Shan-Hose, schlafend auf seinem schweißfeuchten Bett. Er hatte den ganzen Tag herumgetrödelt. Er verbrachte annähernd drei Wochen jedes Monats im Lager und kam immer nur für ein paar Tage nach Kyauktada, hauptsächlich um zu faulenzen, denn er hatte sehr wenig Büroarbeit zu tun.”
Prosper Mérimée: Carmen und andere Novellen. Aus dem Französischen von Arthur Schurig. Die Novellen erschienen erstmal zwischen 1829 und 1866. Die erste Novelle, Matteo Falcone, beginnt so:
“Wenn man von Porto Vecchio in das Innere der Insel wandert, in nordwestlicher Richtung, steigt der Weg ziemlich rasch, und nach drei Stunden Marsch auf sich schlängelndem Saumpfad, den mächtige Felsblöcke verbauen und zuweilen Schluchten unterbrechen, steht man am Rand einer weitausgedehnten Macchia. Hier ist die Heimat der korsischen Hirten und der Schlupfwinkel derer, die mit dem Gesetz in Widerstreit geraten sind.”
Joseph Conrad: Schattenlinie – eine Beichte. Aus dem Englischen von E. McCalman. Das Buch erschien zuerst 1917 und beginnt so:
“Nur junge Menschen kennen solche Augenblicke. Ich meine nicht die ganz jungen. Nein. Die ganz jungen kennen eigentlich keine Augenblicke. Es ist das Vorrecht der Jugend, in der Zukunft zu leben, in all der schönen, stetigen Hoffnung, die keine Pausen und keine Selbstbetrachtungen kennt.”
Wolf Haas: Silentium. Zuerst erschienen 1999. Der Roman beginnt so:
“Jetzt ist schon wieder was passiert. Und ausgerechnet im Marianum, wo man glauben möchte, da kommt der Bauernbub als Zehnjähriger auf der einen Seite hinein und acht Jahre später als halbfertiger Pfarrer auf der anderen Seite wieder heraus. Kein Wunder, daß solange niemand Verdacht geschöpft hat. Weil eigentlich unfaßbar, daß ausgerechnet in der saubersten Internatsschule von Salzburg so etwas möglich war.”
Jun
Ballspielen in Binz
by Maximilian Buddenbohm in
Das Ehepaar, das den Strandkorb neben dem unseren gemietet hat, ist schon älter und beide sind sehr korpulent. Sein Bierbauch hängt tief über der roten Badehose und sie sieht von Po bis Schulter aus wie aufgeblasen, so dramatisch wölbt sich alles dem Betrachter entgegen. Ihr stahlblauer Badeanzug spannt ringsum bedenklich. Sie kommen am Morgen und er macht das Gatter, mit dem der Strandkorb verschlossen ist, sehr routiniert auf, dreht den Korb in die Sonne, fährt die Fußbänke aus, kippt das Rückenteil etwas zurück, alles so, als hätte er es schon tausendmal gemacht. Sie steht daneben und guckt ihm zu. Sie setzen sich hin, beide setzen eine große Sonnenbrille auf, er liest die Bildzeitung, sie einen Roman mit einem rosafarbenen Einband. So sitzen sie sehr lange und lesen, man würde nicht annehmen, daß die Bildzeitung überhaupt soviel Inhalt bietet. Die Luft flimmert leicht über ihnen. Sie bewegen sich nicht, von gelegentlichem Umblättern abgesehen. Sie reden nicht, sie haben überhaupt die ganze Zeit noch kein Wort gewechselt, nur als sie sich beide hingesetzt haben, da hat er kurz “so” gesagt, mehr nicht. Read the rest of this entry »
Jun
Jun
Jun
Jun
Kleiner Feigling
by Maximilian Buddenbohm in
Am Strand von Binz gibt es Toiletten, für deren Benutzung man 40 Cent zahlen muß, es sei denn man hat eine Kurkarte, dann ist es umsonst. Ich zeige meine Kur-, bzw. Pipikarte vor und rede mit der Klofrau ein wenig über das Wetter. Die Wolken türmen sich aber es ist windig, da passiert nichts, es wird noch keinen Regen geben. Ich gehe hinein und stelle mich an das Pissoir, durch das gekippt offene Fenster mit blindem Glas kann ich die Brandung hören, es riecht nach Sauberkeit und Klostein und von draußen nach Meer und Kiefern. Die Klofrau fragt durch das Fenster “Kann ich ihnen vielleicht einen kleinen Feigling anbieten?”
In den Strandtoiletten von Binz kann man auch Schnaps kaufen, eine seltsame Idee, aber warum nicht. Am Ende verschönert es die die Ferien, wenn man nach jedem Pinkeln erstmal einen hebt, wer wäre ich, das zu kritisieren. “Nein danke”, sage ich durch das Fenster zu der freundlichen Klofrau, die sich daraufhin aber noch steigert: “Ich kann es ihnen auch long machen…”
Nein danke, sage ich wieder, auch nicht als Longdrink, wirklich nicht, es ist einfach die falsche Tageszeit – irgendwie scheue ich mich zu sagen, es sei der falsche Ort, obwohl doch beides zutrifft. Na, schönen Tag noch jedenfalls, sagt die Klofrau und lächelt mich an.
Wenn ich noch einmal nach Binz fahren sollte, lasse ich es mir vielleicht doch mal long machen.
Jun
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Gesehen am Strand von Binz auf Rügen. Und währenddessen ist drüben im Westen das neue Wochenhoroskop von mir online.









